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CD DES MONATS


Stereo - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 04.01.2022

POP NEUES AUS DER MUSIKWELT

Blues/Balladen

Artikelbild für den Artikel "CD DES MONATS" aus der Ausgabe 2/2022 von Stereo. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Stereo, Ausgabe 2/2022

HD LP

Eric Clapton

The Lady In The Balcony: Lockdown Sessions

Mercury (CD, DVD, Blu-ray)

Queen-Gitarrist Brian May, Doktor der Astrophysik und naturwissenschaftlich ziemlich gebildeter Musiker, fand wenig zielführend, was der von ihm geschätzte Kollege Eric Clapton unlängst alles an Quer(be)denken geäußert hatte. Die Bezeichnung, die er im Gespräch mit dem „New Musical Express“ für Zeitgenossen wie ihn fand („Anti-vax people, I’m sorry, I think they’re fruitcakes.“), war eher keine amüsante.

Das Leugnen wissenschaftlicher Tatsachen hat bei Eric Clapton allerdings nicht dazu geführt, dass er auch die Lust am Musizieren verloren hätte: Weil 2021 die traditionelle Serie von Royal-Albert-Hall-Konzerten ausfallen musste, befand Clapton, dass er den Fans ersatzweise ein besonderes musikalisches Erlebnis bieten solle. Zu Sessions in einem feudalen Landhaus in West ...

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... Sussex lud er drei mit seinem Repertoire bestens vertraute Musiker ein, und eine professionelle Crew filmte die von Russ Titelman produzierten Aufnahmen in aktueller HD-Qualität.

Neben der Auswahl an Bluesklassikern (Big Bill Broonzy, Bessie Smith, Muddy Waters, das wohl unvermeidbare „Rock Me Baby“) und Evergreens seines Repertoires spielte er mit Nathan East (b), Chris Stainton (keys) und Steve Gadd (dr) auch eine Handvoll weniger geläufiger Kompositionen der Solo-LPs, und das mit diesen Profis absolut souverän bis altmeisterlich sowie auch mal sehr entspannt – weil er nichts mehr beweisen mochte und musste. Emotional berührendster Moment ist, einiges mehr noch als „River of Tears“, die Deutung von „Man Of The World“, die zweite Hommage des Albums an den Gitarristenkollegen Peter Green.

Franz Schöler

Pop

HD LP

Adele 30 Sony

Um es gleich vorwegzunehmen: Adele hat nach ihrer Scheidung kein reines Trennungsalbum aufgenommen. Eigentlich handelt nur die in Moll gehaltene Klavierballade „Easy On Me“ davon. Sie ist ein typischer Adele-Song, getragen von der markanten Stimme. Bläser und Streicher prägen das nostalgische Eröffnungsstück „Strangers By Nature“, das auf Judy-Garland-Flair setzt. „My Little Love“ kommt mit R 'n' B-Elementen um die Ecke und verweist auf das zentrale Thema der Platte: Selbstreflexion. Musikalisch hat sich Adele dagegen nicht so recht entscheiden können, in welche Richtung sie gehen wollte.

Dagmar Leischow

Blues

LP

Colin James

Open Road

Stony Plain/ALIVE

Wer seinen Blues deftig und gut abgehangen mag, der liegt bei Colin James goldrichtig. Auf den Kanadier ist nach wie vor Verlass: In eigenen Stücken und Covern von Albert King, John Lee Hooker, Bob Dylan und anderen besticht er mit seinen Gitarrenkünsten sowie einem saftig-prallen Sound. Der Oldie „It Takes Time“ von Otis Rush bahnt sich mit der Schubkraft einer Dampframme seinen Weg. „When I Leave This House“ bekommt einen satten Rock 'n' Roll-Anstrich, und bei Tony Joe Whites „As The Crow Flies“ erinnern die locker aus dem Ärmel geschüttelten Gitarrenakkorde an Jimi Hendrix.

Harald Kepler

Rock/Psychedelia

LP

The Brandy Alexanders

The Brandy Alexanders

Gypsy Soul/Warner/Proper Music

„Brandy Alexander“ war der Cocktail, nach dessen übermäßigem Genuss man John Lennon und seinen Kumpel Harry Nilsson 1974 aus dem „Troubadour“-Club in Los Angeles warf. Ein mehr zu Herzen gehender denn zu Kopf steigender Cocktail sind die Aufnahmen der Brüder Alex und Daniel Dick nebst ihrer Band – in ihrem Retro-Feel inspiriert von Beatles-Songs und britischen Psychedelia-Klassikern. Gelegentlich klingen wie bei „Live By The Light“ und „Space Opus“ George-Harrison- und, noch öfter, Pink-Floyd-Vorlagen einige Takte lang sogar ziemlich notengetreu an.

Franz Schöler

Metal

HD LP

Mastodon

Hushed And Grim

Reprise

Erste Skizzen reichen bis 2018 zurück, und so entstanden letztlich 15 teils epische Songs, die, da die Band sich beim Aussortieren nicht entscheiden konnte, eine Doppel-CD mit wuchtigem Metal/ Sludge füllen: schwer, schleppend, eingängiger als Vorgänger, abwechslungsreich und klanglich überraschend gut von David Bottrill in Form gebracht. Der Track „Teardrinker“ fällt fast unter „Mainstream“, und bei „The Beast“ findet man angezerrte Prog-Gitarren statt des vollen Metal-Bretts. Atmosphäre statt Komplexität, das lässt an Vorbilder wie Black Sabbath denken und bietet jede Menge zum Entdecken.

Peter Bickel

Singer-Songwriter

Maria Solheim

The Bird Has Flown

Kirkelig Kulturverksted/ Indigo

Maria Solheims siebtes Album empfängt den Hörer mit wunderbar transparenten Sounds. Zu verdanken hat die Norwegerin diese Producer Geir Sundstøl: Er erschuf in seinem Studio in Oslo eine Klangwelt so klar wie die Luft im hohen Norden und lieferte gleich die famose Gitarrenarbeit dazu. Stilistisch kommt es zu einer harmonischen Begegnung von typisch skandinavischem Pop und Americana-Anleihen. Darin eingebettet singt Solheim von Einsamkeit („This Is A Letter“), den Träumen der Jugend („The Willow Tree“) und Gottes unendlicher Güte („You Know Me“).

Harald Kepler

Blues/(Uralt-)Jazz

LP

Maria Muldaur & Tuba Skinny

Let’s Get Happy Together

Stony Plain/Alive

Maria Muldaur auf den Spuren von Leon Redbone mit einer stilistisch wie historisch identifizierbaren Songauswahl: Blues- und Jazzklassiker des New Orleans der 20er-/30er-Jahre, hinreißende Ohrwürmer für Trompete und Tuba wie „Swing You Sinners“ von Valaida Snow, der von Louis Armstrong als „second best trumpet player in the world“ gefeierten Kollegin. Neben all den die Lust am Leben feiernden Songs ist „Got The South In My Soul“ (Boswell Sisters) ein eher besinnlicher, „Big City Blues“, in dem Annette Henshaw ihre Einsamkeit beklagt, der einzige traurige. Wunderbar musiziert auch die!

Franz Schöler

Country

LP

Hayes Carll

You Get It All

Dualtone Music/eOne

„Nice Things“, der erste Song des Albums, beginnt mit den Versen „God came down to earth/To enjoy what she’d created“. Dort begegnet Gott aber nur Menschen, denen jede Empathie und Nächstenliebe abgeht. Hayes Carll ist zwar kein Misanthrop, aber über Menschen singt er auf Opus acht öfter ähnlich sarkastisch wie ein John Prine und Randy Newman Verse wie „I’ve looked love in the eye and seen the other side of it.“. Etwas irritierend klingt in „The Way I Love You“ sein Lamento „Your love is gonna put me in the grave/I ain’t got no soul to save“. Immerhin ist die schöne Allison Moorer seine Liebste!

Franz Schöler

Indie-Pop

Nina June

Meet Me On The Edge Of Our Ruin

Nettwerk/H‘Art

Laut Nina June steht die „Ruine“ im Titel des neuen Albums für all die Dinge, die sie im Privaten wie Globalen verloren hat: Sie vermisst die Partner vergangener Liebschaften und frühere Freunde, aber auch die unbeschädigte Natur. Mit zarter Stimme lässt die Niederländerin die Erinnerungen daran in wehmütige Dreampop-Songs fließen. Produzent Duncan Mills (Jake Bugg), Arrangeurin Sally Herbert (Björk) sowie Duettpartner Jon Bryant (in der Ballade „The Great Reveal“) halfen mit, Nina Junes Sehnsucht nach dem Verschwundenen den passenden luftigen Klangausdruck zu verleihen.

Harald Kepler

Bluesrock

HD LP

Beth Hart

A Tribute To Led Zeppelin

Provogue

Wenn ein Ausnahmetalent wie Beth Hart, mit dem auch Jeff Beck, Joe Bonamassa oder Buddy Guy gern musizieren, sich an Led-Zeppelin-Klassiker wagt, darf man Großes erwarten – nicht nur, weil Beth Hart den Blues ein- und ausatmet und sich mit ihren heiseren Kieksern Robert Plants Charakterstimme erstaunlich dicht nähern kann. Die Sängerin aus Los Angeles lebt und lebte stets die Musik der wohl größten Seventies-Hardrockband und inszenierte bei ihren Konzerten „Whole Lotta Love“ schon oft als furiose Schlussnummer.

Hart selbst zögert jedoch, als sie von Produzent Rob Cavallo (u. a. Green Day und Linkin Park) angefragt wird: „Um Zeppelin zu machen und die Noten richtig zu treffen, muss man wütend sein“, meint sie. „Ich kann das nicht; ich habe jahrelang daran gearbeitet, meine Wut unter Kontrolle zu bringen. Aber dann kam die Pandemie, und jetzt bin ich stinksauer.“

Zu den Highlights zählen das expressive „Black Dog“, das sie als Kind aus dem Nachbarhaus hörte, und ein Medley aus dem beschwingten „Dancing Days“ sowie dem wuchtigen „When The Levee Breaks“ mit seinem markanten Groove. Überhaupt, die Begleiter: Sie sind allesamt erfahrene Studiocracks, die schon für Springsteen, Dylan, die Stones, Joe Cocker oder Beyoncé spielten. Ruhigere Töne schlagen „Stairway To Heaven“ und der epische „Rain Song“ an, doch Beth Harts wahre Stimmgewalt wird beim Medley „No Quarter/ Babe, I’m Gonna Leave You“ besonders deutlich.

Das bietet Raum für ihre vokalen Ausbrüche und beweist eindrücklich, dass die Rock-Shouterin Robert Plant, nun, zumindest ebenbürtig ist.

Peter Bickel

Songwriter-Jazz

HD LP

Youn Sun Nah

Waking World

Warner Music

In den 20 Jahren der bisherigen Laufbahn hat Youn Sun Nah meist Songs aus fremder Feder – von Sergio Mendes über Lenny Cohen bis zu Metallica – interpretiert. Auf dem bewegenden Opus 11 wagt sie sich nun erstmals mit lauter eigenen Schöpfungen an die Öffentlichkeit, und darin offenbart die Koreanerin zwangsläufig so viel Persönliches wie nie zuvor. In einem Selbstporträt, das sich aus Contemporary-Jazz, gehobenem Pop und Sounds aus den dunkleren Ecken des Indie-Folk zusammensetzt, lässt sie den Zuhörer an schmerzhaften Einsichten in ihre Innenwelt teilhaben. Hut ab vor so viel Courage!

Harald Kepler

Gospel/Country

HD

Willie Nelson

The Willie Nelson Family

Sony Legacy

Ende April 89 Jahre alt, ist sich der Veteran des Country seiner Vergänglichkeit durchaus bewusst. Trotzdem trägt er diesen Zyklus an Gospel- und gospelaffinen Songs mit großer Gelassenheit vor. Sehr stimmungsvoll, nie sentimental singt er „In The Garden“ und „Family Bible“, fast fröhlich Hank Williams’ „I Saw The Light“. Im „frommsten“ Rückblick auf sein langes Leben fragt er mit Kris Kristofferson „Why Me“. Die Interpretation von George Harrisons „All Things Must Pass“ überließ er Sohn Lukas. Alle Todesahnungen und -ängste verscheucht der Carter-Family-Klassiker „Keep It On The Sunny Side“.

Franz Schöler

Rock/Pop

HD LP

Tocotronic

Nie wieder Krieg

Vertigo/Universal

Noch nie hat die Band, die in den Neunzigerjahren als Vertreter der „Hamburger Schule“ galt, ein mittelmäßiges oder gar schlechtes Album aufgenommen. Auch die neue Platte hat Kanten, an denen man sich reiben kann. Beim rockigen „Komm mit in meine freie Welt“ rumpeln die Gitarren – das ist aber keineswegs Standard. „Hoffnung“ erprobt den Blues und verwebt ihn mit Streichern. „Ich tauche auf“ birgt eine echte Überraschung: das erste Duett der Tocotonic-Historie. Soap & Skin unterstützt bei diesem Liebeslied Dirk von Lowtzows Gesang. Da kann man gar nicht anders als dahinzuschmelzen.

Dagmar Leischow

Indie-Rock 

HD LP

Snail Mail

Valentine

Matador Rec./Indigo

Gleich das Debütwerk „Lush“ von 2018 rückte Lindsey Jordan weltweit ins Rampenlicht. Die blutjunge Nachwuchshoffnung, die damals gerade mal 19 Lenze zählte, belegte herausragende Ränge in den Jahresbestenlisten, und die Kritikerzunft sah in ihr einen der kommenden Indie- Rockstars. Mit dem zweiten Album bestätigt die Sängerin und Gitarristin nun, dass die Vorschusslorbeeren völlig zu Recht ausgeteilt worden sind.

Im Tonstudio von Co-Produzent Brad Cook (Bon Iver, Houndmouth) in Durham, North Carolina, nahm der Twen bemerkenswert reife, emotional weise Ohrwürmer auf, wie man sie von einer 22-Jährigen nicht erwarten würde. Zum gitarrengeprägten Sound ihrer Band Snail Mail (Schneckenpost) und gelegentlichen Streichern („Mia“) singt Jordan hier ergreifend vom Verlassenwerden (im Titellied „Valentine“) und unerwiderter Liebe („Light Blue“), von ihrer unglaublichen Wut auf den Ex-Partner („Ben Franklin“) sowie der ätzenden Eifersucht auf dessen neue Flamme („Headlock“). Diese autobiografischen Songs trägt sie so berührend vor, dass man gar nicht anders kann, als Mitgefühl zu empfinden – umso mehr, wenn man weiß, dass sie sich im Vorfeld des neuen Albums sogar für 45 Tage in ein Rehab-Zentrum zurückgezogen hatte, um von der zerbrochenen Beziehung zu gesunden. Kuriosität am Rande: In „Forever (Sailing)“ greift die Wahl-New-Yorkerin den Refrain aus Madleen Kanes 1979er-Hit „You And I“ auf. Doch während das singende Fotomodell aus Malmö in dem Popchanson damals die Liebe feierte, wird bei Jordan durch geschickte Texteingriffe ein Song über Untreue daraus. Clever!

Harald Kepler

Blues/Roots

LP

Hans Theessink & Big Daddy Wilson Pay Day Blue Groove/in-akustik

Anders als bei seinem Album mit Terry Evans wählte Hans Theessink diesmal nur vier Genreklassiker aus – in hochkarätigen Deutungen vorliegende wie den von Ry Cooder virtuos musizierten „Denomination Blues“ (Washington Philips) und Skip James’ „Hard Time Killing Floor“, von dem jeder Bluesfan wohl längst eine eigene Lieblings-Coverversion hat. An Folkblues-Traditionen knüpft der „Virus Blues“ an. Die in größter Harmonie von beiden vorgetragenen Aufnahmen sind „Train“ und Blind Willie Johnsons Gospelblues „Everybody Ought To Treat A Stranger Right“.

Franz Schöler

Indie-Pop

LP alt-J

The Dream

Infectious/BMG

Den Sinn für Experimentierfreude und Theatralik hat das Indie-Poptrio aus Leeds nicht verloren. Das bringt bereits der Opener „Bane“ auf den Punkt: Erst wird eine Dose geöffnet, im nächsten Moment folgt ein Gitarrensolo, ein Chor setzt ein, ein Keyboard stößt dazu. Das groovige „U & Me“ ist eine Art Liebeslied und beschwört Gemeinschaftssinn herauf. Eine zarte Folkmelodie prägt „Get Better“. „Hard Drive Gold“ lädt zum Hand-Clapping und nimmt immer mehr Fahrt auf. „Happier When You’re Gone“ vereinigt Streicher mit einer jaulenden Orgel und pluckernden Beats. So gibt es vieles zu entdecken.

Dagmar Leischkow

Liedermacher

LP

Philip Bradatsch

Die Bar zur guten Hoffnung

Trikont/Indigo

Auf dem zweiten Album in deutscher Sprache bleibt Philip Bradatsch seinem unbefangen-lässigen Indie-Rock treu. US-Songschreiber der Dylan-Tradition haben in seinem sympathisch rumpeligen Sound ebenso Spuren hinterlassen wie hiesige Liedermacher der poprockigen Spielart. Der „Jesus von Haidhausen“, wie er sich auf dem Vorgänger ironisch bezeichnete, geht hier überraschend zuversichtlich ans Werk und ist selbst erstaunt, dass ausgerechnet diese Songs aus dem Corona-Lockdown „die hoffnungsvollsten und fröhlichsten“ seien, die er „jemals geschrieben habe“.

Harald Kepler

Folk-Soul

HD LP

AHI Prospect Thirty Tigers/Membran

Die Stilverwandtschaft mit Michael Kiwanuka und Leon Bridges drängt sich förmlich auf. Wie sie arbeitet auch Ahkinoah Habah Izarh (kurz: AHI) an einer zeitgemäßen Definition von Soul. Auf dem neuen Album gelingt ihm das ganz hervorragend. Sein erhebender Sound wird bestimmt von seinem inbrünstigen Gesang, Gospelchören und Akustikklängen aus dem Indie-Folk. In den meisten Songs begibt sich der Kanadier auf die Suche nach der eigenen Identität. Dabei untersucht er nicht zuletzt, welche Rolle die Hautfarbe („Lift Me Again“) und erfahrene Gewalt („Coldest Fire“) in seinem Leben spielen.

Harald Kepler

Liedermacher 

M K

Hannes Wader Poetenweg Stockfisch Rec./In-Akustik

2017 hatte sich Hannes Wader vom Konzertleben zurückgezogen, im September letzten Jahres trat er dann aber doch noch einmal auf und bedankte sich im kleinen Rahmen für eine Gedenksteinsetzung zu seinen Ehren. Auf der Setlist standen eigene Klassiker („Heute hier, morgen dort“) und Volkslieder („Wilde Schwäne“, „Wahre Freundschaft“), die der Folkbarde der alten Schule mit sonorem Bariton seelenruhig vortrug. Dazwischen las der 79-Jährige aus seiner Autobiografie vor und blickte humorig sowie ohne Eitelkeit auf prägende Jahre im Nachkriegsdeutschland zurück – ein berührender Live-Mitschnitt!

Harald Kepler

Rock

HD LP

Gov’t Mule

Heavy Load Blues

Fantasy

Der stimmungsvoll eingerichtete Aufnahmeraum und die Röhren-Amp-Armada auf den Fotos machen es deutlich: Das Quartett um Warren Haynes betreibt Traditionspflege. Klassischer Blues ist es diesmal – Titel, die schon von Elmore James, Howlin’ Wolf oder Junior Wells interpretiert wurden. Die aus dem Dunstkreis der Allman Brothers stammenden Southern-Rocker machen’s erwartbar gut, denn Blues bildet seit jeher die Basis ihrer „deep 'n' dirty“ Swamp-Rock-Sounds. Bemerkenswert sind die Acoustic-Tracks wie der Titelsong aus Haynes’ eigener Feder: Das ist Mississippi-Blues in Reinkultur.

Peter Bickel

Pop

Elise LeGrow

Grateful

BMG

Das Pfund, mit dem Elise LeGrow wuchern kann, ist ihre leicht angeraute, teils kratzige Stimme. Diese hat sich bereits bewährt, wenn die Kanadierin Klassiker interpretiert hat. Mit ihrem neuen Album wagt sie erstmals den Schritt zu Eigenkompositionen. Das ausgelassene „Feel Alright“ sorgt für Tanzlust pur – genau wie „Better Side“. „Forever“ changiert zwischen Retro-Vibe und Zeitgenössischem. Hämmernde Klavierakkorde eröffnen „Love Or Leave Me Alone“, später gesellen sich Bläser dazu. Der Gesang erinnert bei diesem Song zuweilen an Amy Winehouse. Das lässt einen ganz gewiss nicht kalt.

Dagmar Leischow

Indie/Jazzpop

Frollein Smilla

Great Disaster

T3 Rec./Galileo

LP

Im Zentrum des Musikgeschehens stehen die angenehm klaren Stimmen von Des Wackerhagen und ihren Backing-Kolleginnen – insbesondere dann, wenn sie sich zu raffinierten Satzgesängen vereinen. Weitere Stärken von Frollein Smilla sind die ausgebufften Jazzbläser-Arrangements sowie die zusammengeschweißte Rhythmusgruppe. Die legt stoisch eine tragfähige Basis. Das i-Tüpfelchen auf dem dritten Album des Nonetts bilden schließlich die klugen Texte auf Englisch, Deutsch (im Beziehungsaus-Lied „Schon immer lauter“) und Spanisch („La Vuelta“) – und fertig ist der eigenwillige Jazzpop aus Berlin.

Harald Kepler

Cantautore 

LP

Pippo Pollina

Canzoni Segrete

Jazzhaus Rec./in-Akustik

Mit dem Älterwerden ergeben sich andere Perspektiven: Die Sicht aufs Leben ändert sich, es heißt immer öfter, endgültig Abschied zu nehmen, und es stellen sich neue Herausforderungen. Mit einem ausgeprägten südländischen Charme in der aufgekratzten Stimme lässt Pippo Pollina dies in sein grundsolides Werk „Canzoni Segrete“ einfließen. Selbst wenn man als Zuhörer des Italienischen nicht mächtig ist, wird man von der Leidenschaft des 58-jährigen Cantautore angesteckt. Seinen Sound aus Softrock, Liedermacher-Pop und sizilianischer Folklore hätte man sich allerdings hier und da etwas zündender gewünscht.

Harald Kepler

Bluesrock

Vidar Busk & His True Believers

The Civilized Life

Grappa/Galileo

Vidar Busk zählt zu den Veteranen der norwegischen Bluesszene und verpflichtete für diese CD seinen international bekannten Landsmann Kid Andersen als Produzent. Erstaunlich abwechslungsreich streift er mit seinen vier Begleitern viele Spielarten des Blues: Swing, Jazz, Rock 'n' Roll, Rockabilly und, im Titeltrack und Höhepunkt der CD, schwer schleppenden Swamp- Blues. Bemerkenswert ist auch das expressive Gitarrensolo in „Tender Hearted“! Dass die Aussteuerung in den toten Bereich gefahren wurde, mag zur druckvollen Musik passen, schmälert aber die Transparenz.

Peter Bickel

Pop

HD LP

Taylor Swift

Red – Taylor‘s Version

Republic; 2 CDs

Dies ist bereits die zweite Neufassung eines älteren Albums, um sich von den Rechtsstreitigkeiten mit dem alten Musik-Label zu befreien. Das 2012 veröffentlichte „Red“ erweiterte Taylor Swift um neun neue Songs, sodass wir auf stolze 30 Tracks auf zwei CDs kommen.

Die junge Sängerin, die von Teenie-Hits und Country immer mehr zu einer eigenen Popsprache fand, betont durch ihre „Red“-Version natürlich den wichtigen Prozess des Erwachsenwerdens. Insofern zeigen besonders die unbekannten und überwiegend nachdenklichen Songs eine immer reifere Künstlerin im Spannungsfeld von Folk, Pop und Country.

Peter Bickel

Indie-Rock

LP

Curse Of Lono

People In Cars

Submarine Cat Rec./ Rough Trade

Als sich Felix Bechtolsheimer an die Realisierung dieses eindrücklichen Albums machte, hatte er viele Schicksalsschläge zu verarbeiten. Im Zeitraum von nur einem Jahr waren Vater und Onkel verstorben, seine Ex-Partnerin erlag einer Überdosis. Der Schmerz, den die Tragödien verursachten, ist in Titeln wie „So Damned Beautiful“ hautnah zu spüren. Neben Wehmütigem, das stilistisch an Leonard Cohen und Lou Reed erinnert, ist aber auch Raum für Positives: So denkt der Sänger etwa in „Don’t Take Your Love Away“ an den Glücksmoment, als er seine Frau das erste Mal traf.

Harald Kepler

Virtuelle Filmmusik

HD LP

Schiller

Epic

Sony Masterworks

Der Platte „Colors“ von 2020, auf der Christopher von Deylen vielfach am Klavier zu hören war, lässt er nun eine mit 40-köpfigem Orchester folgen. „Epic“ lautet der Titel, und tatsächlich tönt hier alles breitwandig und ziemlich bombastisch. Typisch Schiller’sche Sphärensounds vom Elektronik-Equipment bettet der 51-Jährige gekonnt in riesengroß angelegte Streicherund Bläserarrangements ein. So erschafft er einen fantasievollen Soundtrack fürs Kopfkino. Der Hörer wird mit diesen nahezu cineastischen Instrumentalstücken denn auch SciFi-Szenen, Fantasy-Filme oder Heldendramen assoziieren.

Harald Kepler

Soundtrack

Various Artists

The Velvet Underground: A Documentary Film ...

Polydor; 2 CDs

Der Soundtrack zum Film von Todd Haynes dokumentiert mit 16 Aufnahmen die Entwicklung der Avantgarde-Rocker. Am Anfang standen Lou Reeds Faible für Doo- Wop und John Cales Bewunderung für die Neutönerexperimente eines La Monte Young. Nachvollziehen kann man so den Werdegang einer Band, die sich binnen weniger Jahre mit allen vier LPs jeweils neu erfinden sollte. An Nico erinnert „Chelsea Girls“ vom nach ihrem Abschied aufgenommenen Solodebüt. Bei Aufnahmen wie dem Remix von „Foggy Notion“ handelt es sich um Raritäten aus späten Box-Sets.

Franz Schöler