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CD DES MONATS


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Stereo - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 04.01.2022

JAZZ NEUES AUS DER MUSIKWELT

Modern Mainstream

Artikelbild für den Artikel "CD DES MONATS" aus der Ausgabe 2/2022 von Stereo. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Stereo, Ausgabe 2/2022

HD

LP

Christian McBride & Inside Straight

Live At The Village Vanguard

Mack Avenue/In-Akustik

Beginnend mit Sonny Rollins’ legendärer Live-Aufnahme von 1957 wurden im New Yorker Village Vanguard Events aufgezeichnet, die Ansporn für viele nachfolgende Gruppen waren. Die Auftritte von Musikern wie John Coltrane oder Bill Evans gehören zum Kanon der Jazzgeschichte.

Aber auch für gegenwärtige Musiker hat der Spielort nichts von seiner Bedeutung verloren. So hat der Bassist Christian McBride eine besondere Beziehung zu dem Club. Sie beruht vielleicht auf seinem musikalischen Credo, durch den Bezug zur Jazztradition neue Wege zu entdecken. Insofern macht es Sinn, wenn er seinem Quintett den Bandnamen Inside Straight gibt.

Schon im Opener „Sweet Bread“ überzeugt der spezielle Sound der Band: Wie sich die flexiblen Diskurse des Saxofonisten Steve Wilson mit dem ...

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... hellen Klang des Vibrafons und Peter Martins Piano-Einsätzen verbinden, zeugt von einer übereinstimmenden Gruppendynamik.

Hinzu kommen Christian McBrides sonore Bassläufe, die jedem Thema einen besonderen Drive verleihen. Außerdem bietet der Leader mit „Fair Hope Theme“ oder „Stick & Move“ seiner Band Stücke, die zu facettenreichen Improvisationen inspirieren. Auch Steve Wilson hat diesbezüglich etwas in petto. Auf ihn geht das auf dem Sopransax interpretierte „Ms. Angelou“ zurück. Die empathische Ballade ist der afroamerikanischen Poetin Maya Angelou gewidmet.

Dank der hervorragenden Aufnahmetechnik klingt McBrides beeindruckender Auftritt so plastisch, als hätte man im Village Vanguard tatsächlich einen Platz ergattert.

Gerd Filtgen

Piano-Trio

Ayumi Tanaka Trio

Subaqueous Silence

ECM/Universal

Selbst im reichen ECM-Œuvre grandioser Piano-Alben setzt die Zartheit der in Oslo lebenden Japanerin Ayumi Tanaka neue Maßstäbe für delikateste Interaktionen. Denn noch reduzierter lassen sich einzelne Flügeltöne kaum zu duftig-schwebender Intensität ausformen, garniert von subtilen, häufig pointiert aufbrandenden Drum 'n' Bass-Texturen in asketischer, gleichwohl poetischer Geräuschhaftigkeit. Frei nach René Magritte: Das ist kein Klaviertrio. Sondern ein Wunderwerk filigranst ziselierter Klanggespinste von rarer Köstlichkeit.

Sven Thielmann

Modern

Accordion Affairs

Le petit oiseau

Herzog/Soulfood

Der erste Durchlauf wirkt harmlos, doch ab dem zweiten Hören beginnt man fasziniert mit dem Häuten der kleinen Zwiebel (sic!). Webt doch der Akkordeonist Jörg Siebenhaar, der sich oft am Flügel brillant doppelt, mit dem sonor pulsenden Tieftöner Konstantin Wienstroer und dem leichthändig trommelnden Peter Baumgärtner delikate Klanggespinste von Carlos Gardel über Carla Bley bis J. S. Bach, an deren subtiler Eleganz man sich kaum satthören kann. Durchzogen von feinen Soli, lassen sie elf luzide Preziosen derart funkeln, dass einem die Augen vor Freude tränen.

Sven Thielmann

Piano solo

HD

Hasaan Ibn Ali

Retrospect In Retirement Of Delay

Omnivore/Bertus (2 CDs)

Der junge Saxofonist David Shrier begriff sofort die Originalität seiner Entdeckung, als er den Pianisten Hasaan Ibn Ali in einem Club hörte: Da war ein Genie, das spielte, wie ihm der Schnabel gewachsen war, mit rhythmisch stampfenden Akkorden und wild flatternden Linien. Tatsächlich war der Pianist nach anfänglichen Erfolgen unter der Ägide seines Mentors Max Roach nach einem Drogendelikt und anschließender Haft Mitte der 1960er-Jahre in der Versenkung verschwunden. Jetzt ist bereits die zweite Aufnahme innerhalb kürzester Zeit aufgetaucht, und sie ist David Shrier zu verdanken, der seinen „Star“ mit dem Tonbandgerät verfolgte und seine Klavierexerzitien mitschnitt. Inzwischen kursieren viele legendäre Namen, mit denen Ibn Ali verglichen wird. Monk natürlich, der mit seiner originären Spiel- und Denkweise naheliegt; Bud Powell, der im direkten Vergleich wesentlich kontrollierter rüberkommt; sogar der frühe Cecil Taylor, der von Matthew Shipp (selbst ein überragender Free-Pianist) im umfänglichen Booklet in die Debatte geworfen wird.

Was in den Solo-Performances aufscheint, ist einmal mehr Ibn Alis Vorliebe für Boogie-Woogieund Stride-Figuren. Oft überholt er sich selbst dabei. Egal, ob er „Cherokee“, „On Green Dolphin Street“ oder Eigenes anstimmt, nach ein paar Takten ordnet er ohnehin alles seinem Egostil unter, der vor allem aberwitzige Läufe vorführt, die mit Ecken und Kanten rüberkommen. Aber es ist genau diese unkonventionelle Spielweise, mit der Ibn Ali Jazzperspektiven öffnete, die von anderen Musikern genutzt wurden. Coltrane war nur einer von ihnen.

Tilman Urbach

Modern

HD

Paul Wertico/ John Helliwell Project

The Bari Session

Challenge/Bertus

Bei den Namen der Protagonisten des Projekts geraten Jazz- wie Popfans ins Schwärmen: Für einige Jahre sorgte Drummer Paul Wertico für den Groove in Pat Methenys Formationen, war aber auch im Progressive Rock anzutreffen. Sein Co-Leader John Helliwell weist eine ähnlich bewegte Karriere auf: Mit seiner Vielseitigkeit als Holzbläser, mit Einsätzen an Synthesizer und Keyboard sowie als Sänger rundete er den Sound der Popgruppe Supertramp ab.

Mit diesem Background ist es verständlich, dass sich ihre unter idealen Studiobedingungen erfolgten Aufnahmen eher im Bereich einer niveauvollen, leicht zu goutierenden Modern-Jazz-Konzeption bewegen. Die wird auch bei dem mitwirkenden italienischen E-Gitarristen Raimondo Melilupi deutlich, der in seinem effektvoll dargebotenen „Circular Motion“

Phrasen von „Killing Me Softly“ verwendet. Seine Improvisation wie auch John Helliwells Tenorsax-Chorusse beziehen sich auf das Thema, mit dem die Soulsängerin Roberta Flack einst einen Hit landete. In „Toms For Talia“ präsentiert Wertico mit fließend ineinander übergehenden rhythmischen Figuren den kunstvollen Aufbau eines Schlagzeugsolos.

Mit grundierenden, tiefen Basslinien stimmt Gianmarco Scaglia auf „It Seemed That Life Was So Wonderful“ ein. Dieser soulige Blues ist ideal auf die Spielweise des Tenoristen zugeschnitten, der ihn vorträgt wie ein Prediger, der eine aufwühlende Botschaft zu verkünden hat. Deren Dringlichkeit wird durch die stringenten Riffs des Gitarristen und den Groove des Drummers noch verstärkt. Eine beschwingte Session, die zudem mit feiner Klangtechnik punktet.

Gerd Filtgen

Compilation

M K

Diverse

Polish Ladies – Jazz

Soliton/Galileo (2 CDs)

Klare Ansage: Dieses Doppelalbum widmet sich mit 26 Titeln, zusammengestellt vom Journalisten und Produzenten Marcin Jacobson, polnischen Musikerinnen, die Jazz in all seinen Nuancen ausleuchten. Die Künstlerinnen verschreiben sich nicht bloß der reinen Lehre. Einige grundieren ihre Stücke mit einer Portion Pop, andere lassen Weltmusik einfließen. In Laura Cubi Villenas „No lo sabras“ scheint die portugiesische Saudade mitzuschwingen. Ihre leicht rauchige Stimme schlägt den Hörer sofort in ihren Bann. Die Pianistin Ola Monko bringt den Klassiker „Almost Like Being In Love“ zum Swingen.

Wenn Joanna Bejm „Kiedy umre, kochanie“ interpretiert, kommt die Kategorie Jazzpop dem Ganzen am nächsten. Ilona Damiecka setzt in ihrer mehr als neunminütigen Klavierkomposition „Jewish Dance“ auf wiederkehrende Motive. In „Yamma Izgi“ lässt Rasm Almashan westliche und orientalisch anmutende Klänge aufeinandertreffen. Kryzia Górniak beweist mit ihrem Instrumentalstück „Cardamom Coffee“, warum sie als eine der besten Jazzgitarristinnen Europas gilt. Nie opfert sie die sphärische Kraft ihres Spiels zugunsten platter Eingängigkeit. Die Sängerin Ola Jas bittet den Vokalkollegen João de Sousa zum Duett, wenn sie in „Samba po utracie“ elegante Latin-Rhythmen herauf beschwört.

So kann man die polnische Jazzszene erkunden, mit der in Deutschland wohl nur ein Nischenpublikum vertraut ist. Einige Nummern bieten sorglos dahingroovende Sonntagmorgen-Momente, andere sind in Melancholie getunkt. Mal wird Vokaljazz ins Rampenlicht gestellt, mal die Strahlkraft der Instrumente.

Dagmar Leischow

Hard Bop

LP

Art Blakey & The Jazz Messengers

First Flight To Tokyo

Blue Note/Universal (2 CDs)

Als Art Blakey am Neujahrstag 1961 in Tokio landete, bereiteten ihm die japanischen Fans einen überwältigenden Empfang. Mit Blumen und Geschenken bis zum Abwinken, quasi „Beatlemania in Jazz“. Es folgte eine umjubelte Tour, die in Tokio begann und zwölf Tage später dort endete.

Der Mitschnitt, der nun als „First Flight To Tokyo“ auf zwei Tonträgern samt opulentem Booklet erstmals erscheint, ist vor allem deshalb spektakulär, weil er im Vergleich mit bereits bekanntem Material zeigt, wie sehr sich die Jazz Messengers von der Woge der Begeisterung immer mehr inspirieren und zu fabelhaften Höhenflügen tragen ließen. Von Bernie Grundman astrein aufbereitet, klingen die 60 Jahre alten Nagra-Aufnahmen erstaunlich gut und bieten selbst Kennern so manche Überraschung.

Beginnt der „First Flight“ doch mit einem Pauken-, nein Beckenschlag, gefolgt von markanten Rolls und Rimshots, mit denen Blakey seinem Spitznamen „Thunder“ alle Ehre macht, bis nach fünf Minuten Drum-Solo seine famose Band zu „Now’s The Time“ durchstartet. Wobei Lee Morgan, Wayne Shorter und Bobby Timmons alle Zeit der Welt bekommen, grandios zu jubilieren. Garniert von einem weiteren Trommelgewitter vor finalem Tutti, dem mit „Moanin’“, wo Jymie Merritt zu Ehren kommt, und „Blues March“ die Signature-Tunes der Messengers folgen. Stark, doch bei „Dat Dare“ und „’Round About Midnight“ zeigt sich die Extraklasse dieser Top-Formation noch mehr, die gar den Opener erneut auflegt und die Show mit „A Night In Tunisia“ zupackend krönt. Überwältigungsartistik par excellence.

Sven Thielmann

Modern Composing

M K

Rebecca Trescher Tentet

Paris Zyklus – The Spirit Of The Streets

Enja-Yellowbird/Edel

Zehn junge Leute aus Jazz und Klassik spielen Musik, die sehr organisch Einflüsse beider Richtungen verschmelzt. Das Tentett der Komponistin Rebecca Trescher ist eine Begegnung ausgesuchter und in verschiedenen Ensembles bereits ausgezeichneter Talente der jungen Szene. Mit dezenten Spannungsbögen, sanfter Dynamik, sparsamer Instrumentierung und originellem klanglichen Kolorit formt Trescher die Stücke, integriert kontrastierende Soloparts nahtlos in ein dichtes, kontrapunktisches Gefüge von Holzbläsern, Trompete, Harfe, Cello, Klavier, Bass und Schlagzeug. Es entsteht ein dichter Bilderbogen in fein abgestimmten Pastellfarben.

Inspiration bezog die Komponistin aus einem halbjährigen Aufenthalt in Paris und aus ihrer Wahlheimat Nürnberg. So wurde das Repertoire zur Reise von einem düster-melancholischen Wald über den Gare de l’Est ins Künstlerviertel Marais, von dort zum hektisch-pompösen Kaufhaus Lafayette über das Musée d’Orsay weiter zu einem geheimnisvollen Kristall und schließlich nach Hause, wo die Musikerin wegen der Pandemie viel Zeit verbrachte.

Die Musik wandelt in seltener Stimmigkeit von modernen, kammermusikalischen Sequenzen zum Ensemblejazz oder vom Jazz zur Kammermusik und lotet die Möglichkeiten dazwischen aus. Trescher erhielt dafür unter anderem 2021 den Wolfram-von-Eschenbach-Förderpreis und wurde als Künstlerin der Europäischen Metropolregion Nürnberg ausgezeichnet, 2017 wurde ihr der Bayerische Kunstförderpreis überreicht. Neben Musik für eigene Ensembles hat sie Auftragswerke für Sinfonieorchester plus Jazzcombo komponiert.

Christina M. Bauer

Modern/Free

M K

Wadada Leo Smith

A Love Sonnet For Billie Holiday

TUM/Broken Silence

„Deep Time No. 1“ zeigt wunderbar Wadadas gedämpfte Trompete, gemischt mit seltsamen Stimmen und E-Piano, ähnlich wie auf Miles Davis’ „In A Silent Way“. Leise und subtil trommelt Jack DeJohnette im Titelstück. Vijay Iyers Klavier ist danach oft zu leise, Wadadas Stern jedoch leuchtet hell. Mag es auch seltsam anmuten, das 19-minütige „A.D. Opera“ eine Tanzoper zu nennen: Die drei zaubern immer wieder Erstaunliches.

In „Song For World Forgiveness“ zeigt sich das fantastische Zusammenspiel Vijay Iyers mit dem Lieblingsdrummer von Keith Jarrett.

Karl Lippegaus

Modern

HD

Gianluca Petrella & Pasquale Mirra

Correspondence

Edel/Tuk Air

Die Elektronik ist sein Orchester, und im Duo musiziert Gianluca Petrella besonders gerne. Jetzt hat der Posaunist aus Bari, vor 20

Jahren als Newcomer gefeiert, in Pasquale Mirra, mehrfach ausgezeichnet als Italiens bester Jazzvibrafonist, einen idealen Dialogpartner. Produziert hat ihr gelungenes Duoabenteuer der Trompeter Paolo Fresu. Petrella projiziert seinen Ton weit und klar, setzt Mirras Percussion-Arsenal unter Dampf, der erfindet rhythmische Patterns, die einfach genau passen.

Karl Lippegaus

Free Jazz

Don Cherry

Complete Communion & Symphony For Improvisers Revisited

ezz-thetics/NRW

Was für eine virulente Zeit die 1960er-Jahre für den Jazz waren! Aufbruch und Freiheit sind Begriffe, die die Situation nur unzulänglich beschreiben. Jedenfalls war am Ende des Jahrzehnts nichts mehr so wie zu Beginn. Das ist auch auf dieser Kompilation von Don Cherrys „Complete Communion“ und seiner „Symphony For Improvisers“ zu hören.

Für Cherry waren die Sechziger eine Orientierungsphase. Er hatte 1960 bei der bahnbrechenden Aufnahme „Free Jazz“ von Ornette Coleman mitgewirkt, die einer ganzen Stilrichtung den Namen gab. Frei von jeder funktionsharmonischen Bindung, ein „free flow“, der sich eher am Rhythmus entlanghangelte. Für diese beiden Alben (1965/66) als Leader sicherte sich Cherry eine Supertruppe: die Bassisten Henry Grimes und J.-F. Jenny-Clarke, den Tenoristen Gato Barbieri, den Drummer Ed Blackwell. Zeitweise schaut Karl Berger mit Vibes oder Klavier vorbei und bringt noch Pharoah Sanders mit, der schon mal die Piccoloflöte auspackt.

Dabei ist das Chaos, das manche Fans im freien Spiel ausmachten, in seiner spontanen Lebendigkeit mehr ein gelebtes als ein intellektuell geplantes. Wenn ein Feeling stark genug sei und in sich stimmig, so Cherry damals, würde es swingen. Und das tun diese Alben. Es gehe ihm, so Cherry, nicht um eine Melodie, sondern um eine Form. Die ist oft deutlich erkennbar. Immer wieder steht Cherrys wunderbar fanfarenhaftes Kornett, das sich teils vom „walking bass“ treiben lässt, im Fokus. Dazu Ed Blackwells herrlich luftiges Drumming. Überall regiert die freie Assoziation. Und das ist toll.

Tilman Urbach

Modern/Chamber 

Fred Hersch

Breath By Breath

Palmetto/Indigo

Meditieren ist in einer unbeständigen Zeit wie der Covid-Pandemie sicher ein guter Rat. Für Fred Hersch war es jedenfalls sehr wertvoll, und nun reflektiert seine neue Einspielung dies musikalisch. Die achtteilige „Sati Suite“ und das Robert Schumann gewidmete „Pastorale“ boten dem renommierten Pianisten/Komponisten die Gelegenheit, Jazztrio und klassisches Streichquartett zusammenzubringen. Dem erklärten Streicherfan war das eine willkommene Herausforderung, die ihn zu spannender Musik inspirierte. Da verschmelzen gelassener Jazz, romantische Schwermut und impressionistische Ästhetik zu einem facettenreichen Gesamtkunstwerk.

In einigen Passagen ergänzt Hersch den Modern Jazz seines Trios um dezente Streicherharmonien. Andere Stücke werden vom Crosby Street String Quartet in komplex-harmonischem Zusammenspiel gestaltet. Hersch selbst spielt sich mit eleganten Soli in den Vordergrund, um anderswo mit nur wenigen hingetupften Tönen Soloparts aus der Band zu begleiten. Wo er am Klavier zwischen Jazzsound und impressionistischer Ästhetik changiert, zeigt sich das Streichquartett melancholisch-romantisch gefärbt.

Drew Gress entlockt seinem Bass ein balanciertes Spektrum von Einzeltönen bis zum sonoren Solo. Jochen Rückert rahmt und untermalt die Stücke mit komplexen Rhythmen und Verzierungen, setzt Besen, Becken, Trommeln oft nur dezent ein. Ein auffallender Kontrast in der Suite ist ein Stück, das im chaotisch wirkenden Aufeinandertreffen von Tönen und Sounds den rastlosen Geist vertonen soll. Diesen zu kontemplativer Ruhe zu bringen, dazu soll das Album anregen.

Christina M. Bauer

East-West Crossover

HD

Renaud García-Fons

Le Souffle des Cordes

e-motive/Galileo

In nur einem Monat schrieb Re - naud García-Fons die gesamte Musik für dieses Album, die enorme spielerische Anforderungen stellt. In seinem neuen Oktett vibrieren 27 Saiten aus Kontrabass, Flamencogitarre plus Streichquartett, hinzu kommen die 63 bis 84 Saiten aus der türkisch-arabischen Zither, die Kanun heißt, über drei Saiten streicht Serkan Halili auf seiner Stechfiedel Kemence.

Seit dreißig Jahren reist García-Fons’ Kontrabass durch Zeiten und Räume. Minutiös realisierte „RGF“ auch dieses 21. Album. Mit der tänzerischen Leichtigkeit, die er auf sein Ensemble überträgt, kann er, wie in „Mamamouchi“, von Barock und ottomanischen Klängen in Flamenco-Welten gleiten. Nicht nur als großer Virtuose, sondern auch als orchestral denkender Klangmaler, der traditionelle Rollen neu verteilt. Treffend heißt das pulsierende neue Werk „Der Atem der Saiten“.

Sein Lehrer François Rabbath hatte García-Fons einst auf den Geschmack gebracht, neue Verbindungen von Orient und Okzident am Kontrabass zu suchen. Im furiosen Opener stellen sich die Hauptakteure vor. „Serene Walk“ klingt nach Filmmusik, dann öffnet sich ein orientalischer Ballsaal. In „Jinete viento“ folgt ein aufregendes Duo mit dem Gitarristen Kiko Ruiz. „Rock My Strings“ dürfte ein Publikumsfavorit werden. „Le souffle des cordes“ zeigt das vortreffliche westöstliche Kammeroktet in schönstem Licht, und man surft durch die Musikwelten wie auf einer Welle. „La musique métisse“ nennt es der Bassist Henri Texier im Begleittext treffend: eine magische Kreuzung, die nach 58 Minuten etwas zu ab - rupt endet.

Karl Lippegaus

Piano solo

HD LP

Abdullah Ibrahim

Solotude

Gearbox/Orchard/Bertus

Zwei Jahre nach seiner letzten Soloaufnahme „Dream Time“ hat Abdullah Ibrahim während des Lockdowns, an seinem 86. Geburtstag, für „Solotude“ in seiner Wahlheimat im Chiemgau gespielt, ohne Publikum, konzentriert, kraftvoll. Nach einer durch Apartheid geprägten Kindheit und Jugend, traumatischen Erlebnissen, wie der Zerstörung des Viertels District Six, brutalen Polizeieinsätzen und rassistischer Diskriminierung, hatte er, noch unter dem Namen Dollar Brand, 1962 Südafrika für eine Europatour verlassen und war in Zürich gestrandet.

Dort hörte ihn Duke Ellington, der den jungen, talentierten Pianisten nach New York holte und förderte. Seither sind Ellington-Kompositionen Teil von Ibrahims Repertoire, wie die südafrikanischen Melodien, mit denen er aufwuchs, und die Kap-Gospels, die er in der Kirche hörte. 1988 veröffentlichte er seine Version von Ellingtons „Solitude“ auf dem Album „Ode To Duke Ellington“. 1990 hatte Nelson Mandela, gerade aus der Haft entlassen, die Exilkünstler aufgerufen, nach Südafrika zurückzukehren. Er nannte Ibrahim, dessen „Mannenberg“ zur Hymne der Anti-Apartheid-Bewegung wurde, den „Mozart Südafrikas“. Doch Ibrahim lebt heute vorwiegend in Deutschland.

„Solotude“ ist seine Lebensreise. In kurzen Sequenzen zitiert er ohne Unterbrechungen seine bekannten Stücke, wie „District Six“, „Peace“ und „Blues For A Hip King“, die wirken, wie in ihn eingeschrieben, als Teil seiner selbst. „Tokai“ und „Signal Hill“ sind Orte in Kapstadt, die Schwarzen während der Apartheid verboten waren. Ruhig und erhaben, ist „Solotude“ eine Erzählung unbedingter Zärtlichkeit und Heilung.

Maxi Broecking