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CD DES MONATS


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Stereo - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 02.02.2022

KLASSIK NEUES AUS DER MUSIKWELT

Mozart Streichquartette KV 157, 159, 160, 465 Armida Quartett; Cavi

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Bildquelle: Stereo, Ausgabe 3/2022

Die langsame Einleitung zu seinem C-Dur-Quartett KV 465 gehört mit zum Aufregendsten, was Mozart geschrieben hat. Vor allem der querständige Einsatz der ersten Geige versetzt uns auch heute noch einen kleinen Stich. Beim Armida Quartett kommt er ganz leise, fast unhörbar, als kaum merkliche Irritation, die erst kurz in der Luft hängt, bevor sie der Primarius Martin Funda zur harmonisch „verbotenen“ Störung verfestigt.

Ein subtiler Schockmoment.

Schon in diesen ersten Takten offenbart das Armida Quartett den Facettenreichtum, der seine Mozart-Interpretationen prägt und der auch die vierte Folge der Gesamtaufnahme auszeichnet. Mit feinen Nuancen im Klang, in der Dynamik und in der Artikulation belebt das Ensemble die Musik und ihre Farben. Die raue Chromatik der Einleitung, der das Stück den Beinamen ...

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... „Dissonanzenquartett“ verdankt. Den Wandel zum hellen Charakter des Allegro, das plötzlich vorandrängt, nachdem sich die Schwere des Anfangs aufgelöst hat. Aber auch das Raunen einer dunklen Wechselnotenfigur des Cellos im Andante. Man spürt, dass den Mitgliedern des Armida Quartetts der Mozart-Stil in Fleisch und Blut übergegangen ist. Das gilt auch für die drei früheren Quartette aus dem Jahr 1773 zu Beginn des Programms. Besonders stark finde ich die Interpretation des Quartetts KV 157 mit dem Kontrast aus sanft schwingender Wehmut im Andante und einem unwiderstehlichen Drive im abschließenden Presto.

Da geht die Aufnahme noch eine Spur über das Energielevel der großartigen Hagen-Einspielung aus den 1980er-Jahren hinaus und setzt ihrerseits neue Maßstäbe.

Marcus Stäbler

Erkin, Chatschaturjan Klavierkonzerte Gülsin Onay, Bilkent Symphony Orchestra, José Serebrier; Aldila

Zwei Klavierkonzerte mit folkloristischem Einschlag hat sich die türkische Pianistin Gülsin Onay ausgesucht. Das ihres Landsmanns Ulvi Cemal Erkin hinterlässt den stärkeren Eindruck: temperamentvoll, farbig instrumentiert. Das Bilkent Symphony Orchestra unter José Serebrier begleitet mehr als kompetent. Aram Chatschaturjans Konzert, ein frühes und recht knalliges Werk des Armeniers, erfährt unter Onays Händen ebenfalls eine ansprechende Interpretation. Der Orchesterklang könnte transparenter sein.

Thomas Schulz

Diabelli Flöte und Gitarre Duo Images; MDG

Eine Besetzung, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts besonders in Wien sehr beliebt war. Anton Diabelli (1781-1858) wirkte da noch als Gitarrenlehrer, 1824 wurde er zu einem der wichtigsten Verleger seiner Zeit. Mit seinen trendigen Rossini-Bearbeitungen wird er stattlichen Gewinn gemacht haben, seine mehrsätzigen Grandes Sérénades sind indes von einem anderen Kaliber. Helen Dabringhaus (Flöte) und Negin Habibi (Gitarre) öffnen mit diesem Album neue Perspektiven auf das musikalische Panorama der Beethoven-Zeit: lustvoll, kurzweilig und souverän.

Michael Kube

Fauré, Weill, Gershwin, Glass, Portal, Loesser u. a. Diverse Werke Christian-Pierre La Marca, Sabine Devieilhe, Michel Portal u. a.; Naïve

Der französische Cellist Christian-Pierre La Marca gehört zur wachsenden Zahl von Künstlern, die sich idealistisch für die Umwelt engagieren und für den Erhalt der Lebensgrundlagen kämpfen. Mit seinem aktuellen Konzeptalbum „Wonderful World“ geht er weiter in diese Richtung. Namhafte Kolleginnen und Kollegen aus Klassik, Neoklassik, Weltmusik und Jazz sind mit an Bord, etwa der Klarinettist Michel Portal, die Sopranistinnen Sabine Devieilhe und Patricia Petibon, die Pianisten Thomas Enhco und Thierry Escaich, auch die Popavantgardisten Lilly Wood & The Prick wirken solidarisch mit. Das Programm von 29 kurzen Titeln ist denkbar vielfältig angelegt und stilistisch bunt. Der Bogen spannt sich von Faurés „Après un rêve“ bis hin zu „What A Wonderful World“ von George David Weiss.

Mit Louis Armstrong ging diese Melodie um die Welt. Und um die geht es hier letztendlich. Das große Anliegen, den Planeten zu retten, steht über allem. Die Musik will das Medium sein, um es auszudrücken und im Herzen zu verankern. Träumerisch, sentimental und melodienselig, mit Naturlauten oder jazzy. Was vermag die Musik? Kann sie das Denken und die Welt verändern? Vielleicht ein wenig über Leidenschaft und Gefühl. Die Frage ist alt und wird gern von Idealisten gestellt. Aber jeder Versuch ist es wert, auch wie diese Hymne an die Natur, sei sie auch noch so sentimental und sehnsüchtig. Die Aufrichtigkeit des Ansinnens soll nicht in Frage stehen, letztlich geht es um Hoffnung und nicht um Abgesang…

Norbert Hornig

Goh, Reutter, Nešc, Kramer Neue frivole Lieder Sophia Körber, Yun Qi Wong; ars vobiscum

Sex, Orgasmus, Wahnsinn, Selbstmord, Tod – Tabus und Scham sind das Thema des Solo-Debüt-Albums der Sopranistin Sophia Körber und ihrer Klavierpartnerin Yun Qi Wong. Dafür haben sie ein originelles Programm zusammengestellt, das aus neuer und neuester Musik (alles Weltersteinspielungen) besteht. Von wohlig-tiefem Stöhnen bis zum Flüstern in höchsten Lagen zeigt Körber schon gleich im ersten Track des Albums – „Little Deaths For Female Voice“ – ihre stimmlichen Möglichkeiten. Das halbimprovisierte Stück des Komponisten Americ Goh (*1982) aus Singapur hat sie in zwei Versionen aufgenommen.

Dazu kommen von Goh noch „Sieben Lieder über die Menschheit“ nach Gedichten von E. E.

Cummings. Dieser Liederzyklus verlangt vor allem nach klassischem Gesang genau wie auch die sieben Lieder von Hermann Reutter. Der wenig bekannte Komponist kam dank NSDAP-Mitgliedschaft unbehelligt durch die Nazi-Zeit, seine Musik wurde und wird bis heute kaum gespielt. Vor allem seine drei Ophelia-Lieder von 1980 schlagen eine Brücke von der Spätromantik zur Moderne.

Die drei Lieder „Meltdown II“ von Snežana Nešc wurden von Körber und Wong in Auftrag gegeben und vertonen auch Texte von Dadaistinnen. Sie bringen viel Kraft, Verrücktheit und Humor mit und den Gastauftritt eines Vibrators. Im letzten Track zeigt sich noch schnell, dass Körber auch Barock-Gesang kann, wenn sie eine Verherrlichung der Clitoris („Clitoris Magnificus“) von Eliazer Kramer (*1988) singt. Zeitgenössische Musik, unbekanntes Repertoire, heikle Themen: ein mutiges und vor allem sehr erfrischendes Debüt.

Dorothee Riemer

Delibes, Thomas, Händel Lieder und Arien Sarah Aristidou, Daniel Barenboim, Emmanuel Pahud u. a.; Alpha

Die französisch-zypriotische Sopranistin Sarah Aristidou versteht „Äther“ nach ihrem Begleittext als die „göttliche Substanz der Seele“. Das klingt gewiss verstiegen-anspruchsvoll, doch bewältigt sie ihr ehrgeiziges Programm mit Bravour: sowohl in der ganz ungewöhnlichen Programmfolge dieser Einspielungen als auch in der interpretatorischen Gestaltung, teilweise assistiert von Musikern wie Daniel Barenboim oder Emmanuel Pahud oder dem einfühlsam begleitenden Orchester des Wandels unter Thomas Guggeis. Sie reiht keinesfalls das notorische Koloratursopran-Repertoire anei nander, sondern mischt sehr bewusst Stile und Genres.

Das reicht, wohl abgewogen, von einem Klavierlied von Varèse über Ausschnitte aus Poulencs Stabat Mater, über Arien von Händel, Thomas, Debussy, Strawinsky bis zu Udo Zimmermann und Adès oder einem schwedischen Volkslied mit Gitarrenbegleitung.

Dabei verschmäht sie keinesfalls die „Klassiker“ des Repertoires wie etwa die „Glöckchenarie“ aus „Lakmé“ von Delibes, doch gibt der Kontext, in den Aristidou diese Arie rückt, ihr eine Ausdruckskraft, die man bislang dieser Musik kaum zutraute. Und Aristidou hat auch keine Scheu, ihren klangschönen, hellen, perfekt sitzenden Sopran in der Solosopran-Szene „Labyrinth V“ von Widmann in fast schon jeder Art lachen, wispern, tuscheln, flüstern, kreischen, ächzen, seufzen oder knirschen zu lassen. Sie erweist sich als eine eminent „moderne“ Sopranistin, die ihre makellos-beeindruckende Kunst verantwortungsvoll mit vorbildlichem Engagement betreibt.

Giselher Schubert

Bach Sonaten und Partiten Leonidas Kavakos; Sony

Es ist wohl der Traum eines jeden Geigers, die Sonaten und Partiten für Solovioline von Bach aufzunehmen. Aber nicht alle wagen sich damit vor das Mikrofon. Von David Oistrach oder Isaac Stern etwa gibt es keine Gesamteinspielungen. Andere nahmen mehrfach Anlauf, wie Yehudi Menuhin, der in den 1930er-Jahren die Ersteinspielung wagte. Überhaupt ist die Zahl an interpretatorischen Optionen faszinierend vielfältig, man höre nur herausragende Einspielungen der letzten Jahre von Mullova, Midori, Carmignola, Tetzlaff, Schickedanz oder Hadelich.

Jetzt kommt mit Leonidas Kavakos eine weitere sehr individuelle Darstellung hinzu. Kein Geiger kann heute die „historisch informierte“ Spielpraxis ignorieren, wenn er sich mit Bach beschäftigt. Auch Kavakos hat Elemente davon integriert, die stark von der Bogenhand bestimmt wird, verbunden mit sehr zurückhaltendem Einsatz von Vibrato.

Bei der Wahl der Tempi zeigt er sich zurückhaltend und überstürzt nichts, auch in schnellen Sätzen, etwa dem Presto der g-Moll-Sonate oder dem Allegroder a-Moll- Sonate. Da läuft nichts hektisch davon, die Artikulationbleibt immer klar. Kavakos nimmt sich Zeit, spielt fokussiert aus der Mitte heraus, das gibt seiner Interpretation eine gewisse Ruhe, die meditativ wirken kann. Immer wieder bringt er, wie es auch andere Geiger heute gern tun, vor allem in Wiederholungen Verzierungen an. Das sorgt für Überraschungsmomente und wirkt Monotonie entgegen, für die einige Sätze anfällig sind. Der Klang der Violine wirkt sehr präsent und im natürlichen Hall des Kirchenraumes vielleicht etwas zu direkt, unweigerlich werden auch mehr Atemgeräusche transportiert.

Norbert Hornig

Dvorák, Caplet Cellokonzerte Nadège Rochat, Royal Scottish National Orchestra, Benjamin Levy; Ars

Etwas behäbig kommt Dvoráks Cellokonzert mit dem Royal Scottish National Orchestra unter Benjamin Levy daher – ein wie auch immer geartetes inneres Feuer fehlt der vorliegenden sorgfältigen Einspielung im Orchesterpart fast vollständig; dabei hat das Orchester nicht zuletzt dank des transparenten Klangbildes vieles an bislang kaum gehörten Details zu bieten. Auch Nadège Rochat betont die ernstere Seite des Werks, verliert sich in der Phrase, statt den sinfonisch-konzertanten Duktus der Komposition zu betonen. Das Miteinander zwischen Solistin und Orchester führt zu wunderbar austariertem Dialogisieren und klanglicher Harmonie, in dem Rochat nicht über Gebühr hervortritt. Der langsame Satz ist von großer Intimität, wenn auch ohne seelenvolle Tiefe und böhmischen Glanz.

Auch André Caplets dreisätzig-durchkomponierte „Epiphanie. Fresque musicale d’après une légende éthiopienne“ wird eher in internationaler denn idiomatischer Weise dargeboten. Bei dem atmosphärisch dichten, harmonisch attraktiven Werk scheinen sich alle Musiker wohler und frischer zu fühlen, Rochat spielt sich hier in die erste Reihe, mit einer riesigen Menge an feinen Valeurs und Facetten, mit vorzüglicher Phrasierung und einer perfekten Virtuosenleistung ohne jede Äußerlichkeit. Auch Levy scheint die Architektur der Komposition besser zu liegen, doch vermisst man auch hier etwas mehr Verve, und in den nachimpressionistischen orchestralen Klangfarben hätte er noch etwas mehr Reichtum und Mut zum Griff in die Vollen an den Tag legen können.

Jürgen Schaarwächter

Brahms, Liszt, Prokofjew Klavierwerke Sergey Tanin; Prospero

Spielt der 1995 geborene Sergey Tanin Liszts Transkription des Schubert’schen „Gretchen am Spinnrad“, offenbart sich seine ästhetische Haltung: kontrolliert und abgezirkelt, aber wenig von der emotionalen Unrast der Vorlage. Fast beunruhigend abgeklärt gerät Brahms’ C-Dur-Sonate. Dem Hauptthema ist kein Auftrumpfen, den Seitengedanken keine Wehmut erlaubt. Tanins Sinn für Maß und Form streift das Altkluge; die Coda des Variationssatzes ist allerdings ein Augenblick bewegend reifer Kunst. Gerade beim jungen Prokofjew dürfte es aber schon etwas wagemutiger zugehen.

Matthias Kornemann

Diverse Komponisten Mittelalterliche Lieder Ensemble Peregrina; Tacet

Die vierte und letzte SACD ihrer Reise durch die spätmittelalterliche Musik des Baltikums führt das Ensemble Peregrina nach Pommern, eine Gegend, in der sich zahlreiche kulturelle, politische und ökonomische Linien kreuzten. Von unbegleitetem Sologesang bis hin zu einer vierstimmigen Motette spannt sich der Bogen des in sechs Einheiten und einem Epilog gegliederten Programms. Die Darbietung des Ensembles Peregrina ist auf eine zarte, meditative Ästhetik ausgerichtet. Ob das historisch angemessen ist, lässt sich kaum sagen; zumindest lädt es wirkungsvoll zum Lauschen und Nachsinnen ein.

Matthias Hengelbrock

Schnittke, Prokofjew Klavierkonzert, Sinfonie Bronfman, Cleveland Orchestra, Franz Welser-Möst; The Cleveland Orchestra

Die Polystilistik in der Musik von Alfred Schnittke, die schroff wechselnd oder subtil gleitend nahezu alle historisch ausgebildeten musikalischen Stile berühren und durchschreiten kann, fordert interpretatorisch immer noch heraus: Sollen sich diese Stile kontrastvoll ergänzen oder sollen sie als bewusst herbeigeführte Stilbrüche verunsichern und rätselhaft wirken? Yefim Bronfman und die Streicher des Cleveland Orchestra unter Franz Welser-Möst beantworten die interpretatorischen Fragen der Polystilistik derart souverän, dass sie wie eine reguläre traditionsgesättigte Musiksprache wirkt, der alle kompositorischen Mittel wie selbstverständlich zur Verfügung stehen. Freilich verliert die Musik auf diese Weise etwas von ihrer Rätselhaftigkeit; sie wirkt plastisch-anschaulich wie eine Filmmusik.

Da fordert Prokofjews zweite Sinfonie von 1924/25 die fast schon legendäre Spielkultur des Orchesters aus Cleveland in ganz anderer Art heraus: durch einen rüden, harschen Impetus, der den Maschinenkult der 1920er-Jahre geradezu authentisch festhält und unmittelbar an Mosolovs „Eisengießerei“ oder Honeggers „Pacific 231“ gemahnt.

Allerdings wird in dieser Einspielung die schroffe Attacke eher gemildert: durch ein reich abgestuftes, klanglich opulentes Orchestertutti, das wohl oft ins Geräuschhafte umschlägt, aber doch das Brutale, Ungezügelte dieser grandiosen Partitur allzu „geschmackvoll“ einbindet und eben nicht hemmungslos entfesselt. Das muss freilich kein Nachteil sein: Die berühmte Spielkultur des Orchesters, die es unter Welser-Möst bewahrt hat, entschädigt allemal!

Giselher Schubert

Bach Goldberg-Variationen Jean Rondeau; Erato/Warner

Jean Rondeau sucht das Erlebnis häufig im Unvorhersehbaren. Nun hat er die „Goldberg-Variationen“ eingespielt – zum zweiten Mal, denn eine Aufnahme ist bereits seit 2018 als Video in der Youtube-Reihe der Netherlands Bach Society verfügbar. Jetzt geht Rondeau noch einen Schritt weiter.

Nur wenige Cembalisten musizieren Bachs spätes Variationenwerk durch sämtliche 32 Sätze mit allen Wiederholungen; Rondeau kommt damit auf die bisher unerreichte Spieldauer von 107 Minuten.

Es geht ihm offenbar nicht um bloße Vollständigkeit. Er lässt sich in manchen Sätzen provozierend viel Zeit, durch breites Brechen der Taktschläge, schwere Betonungen guter Taktzeiten und das langsame Anlaufenlassen bewegter Passagen. Je nachdem, was für Erfahrungen man mit dem Stück gemacht hat, können Rondeaus Tempi manchmal zäh wirken, widerständig, gegen den Strich gebürstet.

Das dient nicht immer der Klarheit der Stimmführung, öffnet aber Räume für den Klang – hervorragend aufgenommen – oder auch für Experimente mit den Verzierungen; denn Rondeau wiederholt keinen Abschnitt notengleich. Bisweilen nimmt er sich grenzgängige Freiheiten, etwa wenn er die ausnotierten Mordente der 14. Variation hakelig verzögert oder in der Wiederholung stellenweise ignoriert. Andernorts fallen beim Wiederholen Verzierungszeichen unter den Tisch. Manches wirkt unnötig launisch, den Eindruck lockerer Eleganz meidet Rondeau oft dort, wo man sie erwartet. Anderes bekommt strahlende Fülle, etwa die Moll-Variation Nr. 15, an deren Ende ganze 30 Sekunden Stille stehen.

Friedrich Sprondel

Schubert Oktett F-Dur D 803 Wigmore Soloists; BIS

Eine Geigerin und ein Klarinettist gründeten 2020 in London die Wigmore Soloists. Dass sie sich als erstes Ensemble überhaupt nach dem renommierten Konzertsaal nennen dürfen, zeigt die Messlatte, an der man sich orientiert. Streichund Bläserquintett sowie Klavier ermöglichen ein breites kammermusikalisches Repertoire. Klarinette und Geige sind die führenden Instrumente und warten mit zauberhaften Melodien und Dialogen auf. Klarinettist Michael Collins punktet mit Intensität, Profil und Genauigkeit. Geigerin Isabelle van Keulen nimmt sich bei ihren zuweilen ziemlich virtuosen Soli erstaunlich stark zurück. Damit gibt sie aber am ersten Pult dieser Partitur von wahrhaft sinfonischen Ausmaßen die Richtung vor: kammermusikalisches Musizieren und Durchsichtigkeit sind Trumpf. Und das setzen die acht Musiker klanglich wie interpretatorisch hervorragend um.

Dabei fällt sogleich die Homogenität des Tutti-Klangs auf. Bläser und Streicher mischen ihre unterschiedlichen Farben zu einem vollen, sehr warmen Gesamtsound.

Bei solistischen Passagen treten sie aber hervor, Horn (Alberto Menéndez Escribano) und Fagott (Robin O’Neill) melden sich immer wieder mit wehmütigen Melodien. Es fasziniert, wie unprätentiös Isabelle van Keulen etwa im Variationensatz ihre konzertierenden Violinsoli als dienende Begleitfunktion spielt. Im selben Satz gelingen dem Ensemble Momente sphärischer Entrücktheit, die man so selten hört. Im Ganzen setzen die Wigmore Soloists eher auf klassische Balance denn auf romantische Schwelgerei. Auch die Schubert- typischen Kontraste von ausgelassener Heiterkeit und infernoartigen Abgründen tendieren nicht in Extreme.

Elisabeth Richter

Brahms Klaviersonate, Fantasien Adam Laloum; Harmonia Mundi

Auch gestandene Brahmsianer können an dieser Neuproduktion mit Adam Laloum ihre helle Freude haben. Dem Franzosen (*1987) und Schüler von Michel Béroff in Paris, zuletzt auch von Evgeni Koroliov in Hamburg, liegt Brahms’ Musik offenbar besonders am Herzen. Nach dem Gewinn des Clara-Haskil-Wettbewerbs 2009 gab er sein CD-Debüt mit einer Auswahl von dessen Klavierstücken, es folgten Alben mit Kammermusik – den Cellosonaten und einigen der Klarinettenwerke – sowie den beiden Klavierkonzerten, und nun schließt sich ein zweites Brahms-Soloalbum an: die groß angelegte frühe Klaviersonate f-Moll op. 5 und die 1892 komponierten Fantasien op. 116.

Was Laloums jüngste Brahms-Darstellungen so hörenswert macht, ist die Verbindung von pianistisch großem, aber niemals hartem oder klobigem Zugriff mit einem Spielfluss, der trotz sehr sorgfältiger Umsetzung des Notentextes niemals ins Stocken gerät.

Laloum lässt die Musik „atmen“, aber sie klingt dabei dennoch profiliert. Und dies, ohne dass sich das Gefühl einstellt, hier habe der Interpret willentlich eingegriffen, um auf ihm Wichtiges besonders hinzuweisen. Seine Interpretation setzt sich damit ab von eigenwilligeren oder einseitigeren Deutungen etwa nach Art von Ugorski oder Plowright und folgt der strengeren Linie von Detlef Kraus oder Murray Perahia, profitiert im Vergleich zu ihnen allerdings von der aktuellen Aufnahmetechnik Harmonia Mundis, die in diesem Fall für einen überlegen reichen und farbigen, dabei gut räumlichen und trotzdem immer „durchhörbaren“

Klang gesorgt hat.

Ingo Harden