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CD DES MONATS


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Stereo - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 12.10.2022

KLASSIK NEUES AUS DER MUSIKWELT

Musik ★★★★★ Klang ★★★★★

Corelli, Melani Concerti grossi, Triosonaten u. a. EXIT, Emmanuel Resche-Caserta, Emmanuelle de Negri; Chateau de Versailles

Artikelbild für den Artikel "CD DES MONATS" aus der Ausgabe 11/2022 von Stereo. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Stereo, Ausgabe 11/2022

Barock

HD

Corelli hat an bereits zu Lebzeiten gefeierte Werke bemerkenswert Hand angelegt! Für ein 1683 in Rom inszeniertes triumphales Open-Air-Fest soll der Maestro seine Triosonaten und Concerti grossi als bombastisch besetzte Sinfonien aufgeführt haben. Das hat Geiger Emmanuel Resche-Caserta aus Kupferstichen und Schriften eruiert, die das Fest dokumentieren.

Resche hat mit seinem Ensemble EXIT, verstärkt von Streichern, Pauken und Trompeten des Ensembles Hemiola, den Corelli’schen Trionfo Romano rekonstruiert. Das nicht überlieferte Musikprogramm hat er rekonstruiert, sich dazu aus Corelli’schen Oratorien bedient, Corelli’sche Sonaten- und Concerti-Sätze aufgerüstet, dazu auch auf zeitgenössische Bearbeitungen wie die von ...

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... Geminiani zurückgegriffen, der Corelli bereits mit weiteren Stimmpartien versehen hat. Bei aller Großbesetzung bleiben die Partituren erstaunlicherweise erkennbar. Resche-Caserta hat eine kleine, aber feine Solistengruppe um sich versammelt, die das Concertino übernimmt. Er stellt sich auch als Sologeiger überzeugend in den Mittelpunkt, stilsicher, virtuos, makellos und wohlklingend.

Eine Kantate wurde zu diesem Fest bei Alessandro Melani in Auftrag gegeben. Das erhaltene Libretto konnte durch Kontrafaktur anderer Melani-Kantaten rekonstruiert werden und rundet mit Solistin Emmanuelle de Negri den feierlichen Rekonstruktionsversuch ab. Gleichgültig, was davon zu halten ist, das musikalische Ergebnis ist aufregend, überzeugend und entdeckt eine Performing Practice kolossalen Ausmaßes bereits zu barocken Zeiten!

Sabine Weber

Musik ★★★★ Klang ★★★★

Vivaldi, Piazzolla Le quattro stagioni Alessandro Quarta, Dino De Palma, Gianna Fratta; Arcana

HD

Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ haben zu Nachahmungen inspiriert. Piazzolla lässt durch seine „Les Cuarto Estaciones Porteñas“ eine eigenwillige Tango-Nuevo-Note fließen. Phil Glass integriert in seinen „American Four Seasons“ Stücke für Solo-Violine. Der deutsch-englische Komponist Max Richter hat mit „Recomposed: Vivaldi – The Four Seasons“ Vivaldi mittels Endlosschleifen variiert, das Sommergewitter rumpelt mit ein paar zusätzlichen Akzenten, im Herbst werden Taktzeiten gestrichen und Stolperer hineingebracht. Und immer wieder ein Crescendo am Schluss und plötzliches Abbrechen.

Das apulische Barockorchester Concerto Mediterraneo unter Maestra Gianna Fratta konfrontiert diese Jahreszeitenversuche mit dem Original und hat dazu zwei apulische Solisten engagiert. Alessandro Quarta kommt Piazzolla (von Leonid Desyatnikov für Gidon Kremer bearbeitet) mit seiner widerständigen Klassik-Allüre grandios entgegen. Auch das Vivaldi’sche Original versieht er mit unerhört neuen Ritardandi, mikroskopisch stattfindenden Stimmungswechseln und beleuchtet spielfreudig bis dato unbeachtete Momente.

Dino De Palma hat mit Richters „Recomposed“ kleine Intonationsprobleme. Auch Concerto Mediterraneo ist nicht ganz präzis im Zusammenspiel. Bei Glass klingen Solist und Orchester aber dann wie ausgewechselt souverän und klangschön. Es ist auch die stärkere Komposition – mit Cembalo! –, die vom Solisten in den Soli aufregendes Doppelgriffspiel nach Bach’scher Art einfordert. Dino De Palma ist in seinem Element. Die minimalmusikalischen Abschnitte im Orchester sind typischer Glass. Im Zusammenspiel spannende 16 Seasons!

Sabine Weber

Musik ★★★★ Klang ★★★★

Wolf Italienisches Liederbuch Allan Clayton, Carolyn Sampson, Joseph Middleton; BIS

HD SACD

Es ist eine Miniatur, im eigentlichen Sinne. Ein kurzes Lied, das vom Wert, von den Kostbarkeiten des Kleinen handelt. Sopranistin Carolyn Sampson wird dem Reiz dieser musikalischen Perle in allem gerecht, wie sie überhaupt große Liedkunst bei der Einspielung von Hugo Wolfs „Italienischem Liederbuch“ liefert. Das Kokette in „Wer rief dich denn?“ kann leicht zur komischen Fratze geraten, wenn man den humoristischen Charakter sehr derb markiert. Auch hier gelingt Sampson der Spagat exzellent. Bis zum letzten Lied „Ich hab in Penna“ findet Sampson eine ausgewogene Mischung aus Poesie, Keckheit, Feuer, Humor.

Es ist eine Aufnahme, die viel Arbeit am Detail offenlegt und dennoch Übertreibungen erfreulich ausklammert. Das liegt auch am Pianisten Joseph Middleton, der die unterschiedlichen Klangfarben genau mit den Vokalisten abstimmt. Akzente geraten ihm nicht zu laut, Dissonanzen nie penetrant, dafür die melodischen Bögen in Einklang mit der jeweiligen Stimme. Tenor Allan Clayton hat den männlichen Part dieses Liederbuchs übernommen. Er gestaltet erfreulich textverständlich.

Momente, wo das Heldische schnell metallischen Glanz annimmt, wie kurz vor Schluss in „Selig ihr Blinden“, formt Clayton mit Übersicht und überlegter Dosierung. Auch die dialogischen Abschnitte wie in „Geselle, woll’n wir uns in Kutten hüllen“ sind zwar sehr deutlich markiert, auch durch Tempowechsel, der Beinahe-Fistelton wirkt zwar mutig, keinesfalls aber überzogen. So ist eine in allen wesentlichen Punkten stimmige Aufnahme entstanden.

Christoph Vratz

Musik ★★★★ Klang ★★★★

Pettersson Sinfonie Nr. 15, Violakonzert, Fantasie für Viola Ellen Nisbeth , Norrköping Symphony Orchestra, Christian Lindberg; BIS

HD SACD

Seit 2009 erscheint bei dem schwedischen Label BIS mit wahrlich beeindruckender Regelmäßigkeit Jahr um Jahr eine Folge des sich nun langsam dem Abschluss nähernden Zyklus mit allen Kompositionen von Allan Pettersson (1911–1980), jenem Sinfoniker, dem es bereits zu Lebzeiten gelang, eine für mehr als eine Generation wirksame Legende um sich und sein Schaffen zu stricken.

Dabei sagt seine Musik weit mehr aus, als die ausgelegten Fährten einen glauben machen wollen. Falsch ist auch die Vorstellung, das späte Violakonzert (1979) wäre erst posthum und zufällig aufgefunden worden. Mehr noch: Es handelt sich um eine nicht vollständig ausgearbeitete Partitur. Eine kritische Aufarbeitung dieses Umstands steht bis heute aus – auch bei dieser Einspielung mit Ellen Nisbeth, die ihren anspruchsvollen Part mit Hilfe der Tontechnik gegen das Orchester durchzusetzen vermag, wobei aber viele Zusammenhänge und Farben undeutlich in den Hintergrund gerückt werden.

Gelingt es hier immerhin, durch das weiträumige Solo den großen Bogen über die 27 Minuten Spielzeit zu spannen, so kann mich Christian Lindbergs Interpretation der 15. Sinfonie (1978) nicht restlos überzeugen. Die sich im Ausdruckscharakter unterscheidenden Abschnitte des Werkes stehen bei ihm eher nebeneinander als konsequent aufeinander bezogen. Bereits die ersten Takte lassen die nötige Anspannung vermissen. Zwar gelingen viele Passagen klar in der Formulierung, der Nerv dieser unverwechselbaren Musik, die doch gerade durch das massierte Tutti lebt, wird nicht ganz getroffen.

Michael Kube

Musik ★★★★ Klang ★★★★★

C.P.E. Bach Klavierkonzerte c-Moll Wq 5, A-Dur Wq 8, h-Moll Wq 30 Berliner Barock Solisten, Michael Rische; Hänssler

HD

Michael Rische legt neben der Klaviermusik der 1920er-Jahre mit Ur- bis Erstaufführungen von Antheil bis Schulhoff ein besonderes Augenmerk auf die Klavierkonzerte Carl Philipp Emanuel Bachs. Das Besondere: Rische spielt sie auf modernem Flügel. Die Berliner Barock Solisten musizieren ebenfalls historisch informiert auf modernen Instrumenten, wurden sie doch 2015 von Rainer Kussmaul gegründet, einem Geiger, der auf historischer wie moderner Geige konzertierte, wie auch sein Zögling Gottfried von der Goltz.

Carl Philipps Konzerte haben für den Betrieb außerhalb der Alten Musik auch ihren Wert. Das beweist diese aktuelle Aufnahme mit den im Wotquenne-Verzeichnis unter 5, 8 und 30 gelisteten. Das Klangverhältnis von Solist und Orchester ist absolut ausgeglichen. Vielleicht fehlt mitunter ein bisschen aufgeraute Akzentuierung. Die Töne fließen weich ineinander, sowohl in der Begleitung als auch im Solistenpart, wo aufgrund der ausgeglichenen Oktaven auch keine Registerbrüche ausgeglichen werden müssen, wobei Lösungen auf dem Hammerflügel spannende Ergebnisse zeitigen.

Rische macht sich dafür die Vorteile größerer dynamischer Möglichkeiten der Tongestaltung wie auch das Haltepedal zunutze. Töne perlen fein und deutlich gesetzt. Er liefert auch eigene Kadenzen. Sie dauern nicht länger als eine halbe Minute, genug Zeit aber, um in die eines langsamen Satzes eine Vorhaltsauflösung einzubauen, die an den „Tristan“-Akkord erinnert. Dennoch fällt sie nicht aus dem Rahmen, was der Stilsicherheit Risches zu verdanken ist.

Sabine Weber

Musik ★★★★ Klang ★★★★

Ben-Haim Concerto For Strings, Pastorale Variée, Three Music For Strings Bayerische Kammerphilharmonie Chris; CAvi

HD

Die Charakteristik von Streichorchestern wird erkennbar in einer interpretatorischen Tendenz entweder zu klanglicher Opulenz oder zu klanglicher Gespanntheit und Agilität. Die Bayerische Kammerphilharmonie mit insgesamt 20 Streichern hält in etwa die Mitte – und das entspricht genau der Musik für Streicher von Paul Ben-Haim. Das „Concerto For Strings“ op. 40 etwa ist stilistisch noch dem „Neobarock“ der 1930er-Jahre verpflichtet.

Ben-Haim verschmäht einerseits den sinfonischen Tonsatz mit zahllosen Füllstimmen, welche auf bauschen, ihm gleichsam Volumen geben, reduziert ihn andererseits aber auch nicht auf eine Geringstimmigkeit, die jeder Stimme gleiches Gewicht gibt. Entsprechend klingt in dieser Einspielung Ben-Haims „Concerto“ noch füllig, doch keineswegs luxurierend, oder, anders ausgedrückt: Es klingt stimmig-konturiert, doch keineswegs dünn oder ausgezehrt.

Die „Pastorale Variée“ op. 31b verdeutlicht mit ihrer Variationsfolge, wie mühelos Ben-Haim in diesen „Neobarock“ nach seiner Emigration 1933 in Israel seine Musik auch jüdisch-arabisch einfärben konnte: durch eine Intensivierung des spielerisch-musikantischen Duktus und eine orientalisch anmutende Kolorierung der Melodik. Gabriel Adorján verdeutlicht solche immerhin ungewöhnlichen Stilmetamorphosen mühelos-selbstverständlich. Unwillkürlich lassen sie den „türkischen“ Tonfall in einigen Kompositionen Mozarts assoziieren; und dass sich solche Assoziationen einstellen, spricht nur für die Qualität der Musik Ben-Haims und der vorliegenden Einspielungen.

Giselher Schubert

Musik ★★★★ Klang ★★★★

Ivanovs Sinfonien Nr. 17 u. 18 Latvian National Symphony Orchestra, Guntis Kuzma; Skani

HD

Wer sich neugierig aufmacht, das sinfonische Repertoire des europäischen Nordens zu entdecken, der wird eine kaum zu überblickende Vielzahl an Namen und Werken finden, die selbst in den jeweiligen Hauptstädten schon lange nicht mehr auf dem Programm stehen. Die Gründe dafür sind vielfältig; mit Sicherheit ist es auch der Anspruch an Internationalität, der manche Stücke und Namen hat in den Archiven verschwinden lassen. Gleich ob nun Niels W. Gade, Johan Svendsen, Armas Järnefeld – oder eben auch der Komponist und Dirigent Hugo Alfvén (1872–1960), der im schwedischen Musikleben als Identifikationsfigur über Dekaden Akzente setzte. Heute hingegen zieht sein 150. Geburtstag nahezu unbemerkt vorüber. Da kommt die Veröffentlichung einer 2019 produzierten Einspielung zweier seiner wichtigsten Werke zum rechten Zeitpunkt: Mit der Uraufführung der Sinfonie Nr. 2 erlebte Alfvén 1899 seinen Durchbruch, mit seiner landschaftlich inspirierten „Dalar-Rhapsodie“ (1932) schuf er ein dunkles nationalromantisches Epos.

Was diese Werke, mehr aber noch Alfvéns musikalische Sprache insgesamt auszeichnet, ist ein wunderbarer Einklang aus satztechnischer wie kontrapunktischer Souveränität mit einer breiten Palette orchestraler Farben, prägnanten thematischen Gestalten – und vor allem einem unverwechselbaren Ton, der zwischen nordischer Melancholie und leuchtendem Stolz steht. Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Łukasz Borowicz lädt zu einer faszinierenden Exkursion ein – und überzeugt auch interpretatorisch.

Michael Kube

Musik ★★★★ Klang ★★★★

Brahms Diverse Werke Karolina Errera, Lilit Grigoryan; Genuin

HD

Die junge Bratschistin Karolina Errera profiliert sich als Debütantin beim Label Genuin als eine hochsensible Könnerin auf ihrem Instrument. Unter dem Titel „Songs Of Rain“ stellt sie mit ihrer feinsinnig mitgestaltenden Klavierpartnerin Lilit Grigoryan dabei eindringlich den besonderen Ausdrucksradius der Viola heraus. Da bleibt am Ende wirklich das Gefühl zurück, dass die Bratsche bestimmte Gefühlslagen so authentisch vergegenwärtigen kann wie kein anderes Instrument. Yuri Bashmet attestierte der Viola einen „kalten, tragischen Klang“, er sprach von „dramatischen, lyrischen, ja mystischen Qualitäten, einem Klang, der die Gegenwart ausdrückt, der die Schwingungen des 20. Jahrhunderts in sich birgt“. Karolina Errera beschreibt den Klang der Viola mit „bittersweet“.

In dem Programm nimmt dieser Begriff klingend Gestalt an. Es handelt sich hier fast ausschließlich um Bearbeitungen für Viola und Klavier, mit Ausnahme von Benjamin Brittens „Lachrymae“ über ein Lied von John Dowland. Immer geht es dabei um subtiles Abtasten von Stimmungen und Emotionen in Werken mit einem melancholischen, sehnsüchtigen Grundton, dem manchmal ein Trauerflor anzuhaften scheint.

Auf dem Streichinstrument wie auf dem Klavier ist dies immer auch ein Spiel mit fein changierenden Klangfarben, mit den Tönen an der unteren Dynamikschwelle im Pianissimo. Das gelingt den sehr gut kooperierenden Musikerinnen vorzüglich. Der Hörer wird im Laufe einer guten Stunde in eine Sphäre gezogen, die sich tatsächlich „bittersüß“ anfühlt.

Norbert Hornig

Musik ★★★★★ Klang ★★★★★

Alfvén Sinfonie Nr. 2, Schwedische Rhapsodie Nr. 3 Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Łukasz Borowicz; cpo

HD

Jānis Ivanovs (1906–1983) war nicht nur einer der wichtigsten Komponisten Lettlands, sondern auch einer der größten Sinfoniker des 20. Jahrhunderts. Leider steht er heute völlig im Schatten seines Landsmanns Pēteris Vasks, der, meinetwegen zu Recht, als die „Stimme“ seiner Heimat gefeiert wird. Es mag daran liegen, dass Ivanovs Tonsprache spröder und unpopulärer ist als die klingenden Predigten Vasks’ mit ihren klaren Koordinaten von Hell und Dunkel, Gut und Böse, Trost und Trauer.

Und so ist es mehr als nur begrüßenswert, dass das lettische Label Skani eine Gesamteinspielung seiner 20 Sinfonien in Angriff genommen hat. Letztes Jahr erschien die erste Aufnahme des projektierten Zyklus, auf der die Sinfonien 15 und 16 zu hören sind. Nun haben dieselben Musiker nachgelegt und präsentieren die Nummern 17 und 18. Und wieder begeistert das Ergebnis auf ganzer Linie! Dirigent Guntis Kuzma und das Lettische Nationalorchester haben ein untrügliches Gespür für die gedeckten und gleichsam wie mit Sand und Erde „gemalten“ Farben dieser Musik, die in keine Richtung kokettiert, weder in die sozialistisch-realistische noch in die nationalromantische, auch nicht, wie oft bei Schostakowitsch, in die sarkastische.

Ohne auch im eigentlichen Sinne avantgardistisch zu sein, sind Ivanovs Sinfonien immer voll auf der Höhe ihrer Zeit, ganz egal, ob sie dabei, wie die 17., das romantische Erbe reflektieren oder, wie die 18., Trauerarbeit leisten, hier auch mit Mitteln der Moderne wie Dodekaphonie. Die Lesarten der lettischen Musiker sind im eigentlichen Wortsinn: authentisch.

Burkhard Schäfer

Musik ★★★★★ Klang ★★★★★

Monteverdi Diverse Werke Oslo Circles, Marianne Beate Kielland; LAWQ

HD

Das klangschön aufgenommene Album versammelt eine Auswahl an Lamenti. Liebesqualen oder seelisches Leiden, für die sich frühbarocke italienische Komponisten zum Weinen schöne Musik einfallen ließen. Das Monteverdi-Madrigal „Si dolce è tormento“ bringt Widersprüche wie süß und schmerzhaft oder grausam-schön zusammen. In Merulas „Canzonetta spirituale sopra alla Nanna“ wiegt Maria das Jesuskind auf einem pendelnden Halbtonschritt, einem Seufzermotiv, weil sie dessen schmerzhafte Passion bereits spürt.

Giovanni Felice Sances vertont als einer der Ersten das „Stabat Mater“ zu einer durch rezitativische Strophen unterteilten Marienklage, die auf vier absteigenden Basstönen basiert, die zum Inbegriff des Lamentos werden. „Queste Pungenti Spine“ liefert das letzte Beispiel auf der Aufnahme, wie ein Komponist, Benedetto Ferrari, die Stimme kunstvoll über dem Lamentobass agieren lässt. Herzergreifende Musik, für die Kiellands Mezzo das richtige Timbre hat.

Schmerzen stellt sie mit edler Ruhe dar, erlaubt sich mit einer Battuta di gola aber auch ein Zittern. Die Klagen sind mit feiner Instrumentalmusik abgemischt. Einem Canto à 2, auf zwei Violinen und einer Orgeltoccata von Frescobaldi. Dazu eine aufgekratzte Violinsonate von Mealli, die Astrid Kirschner, Gründerin und Leiterin von Oslo Circles, hochvirtuos, dennoch klar und tonschön gestaltet. Dabei serviert sie selbstverständlich die verrücktesten Verzierungen. Das gesamte Ensemble musiziert innig und konzentriert bei der Musik. Ein Nonplusultra für Barockfans.

Sabine Weber

Musik ★★★★ Klang ★★★

Praetorius, Schütz Geistliche Werke Weser-Renaissance Bremen, Manfred Cordes; cpo

Es ist eine schöne Idee, etwa zeitgleich entstandene Kompositionen der zeitweilig in Wolfenbüttel tätigen Kapellmeister Michael Praetorius und Heinrich Schütz über den jeweils gleichen Text einander gegenüberzustellen. Praetorius, der 1604 die Leitung der Hofkapelle übernahm, hatte – ähnlich wie Schütz – ein enormes Netzwerk, das ihn auch nach Dresden führte. Heinrich Schütz besuchte hingegen in den Jahren 1655–1666 nur sporadisch die Welfenstadt, da er als Kapellmeister von Hause aus keine Residenzpflicht hatte. Sein Wirkungszentrum blieb Dresden.

Gleichwohl: Die beiden Musiker kannten sich nachweislich und schätzten einander. Eine weitere Gemeinsamkeit ist ihre Vorliebe für die neue italienische Musik, die jeder auf seine Art für seine Werke adaptierte. Immerhin fünf Texte wurden sowohl von Praetorius als auch von Schütz vertont, sodass genügend Material vorhanden ist, um ein Album damit zu füllen. Statt Monika Mauch, Ulrike Hofbauer oder Mona Spägele und Susanne Rydén übernehmen nun drei eher unbekannte Sopranistinnen den oberen Vokalpart.

Ein wenig scheint ihnen die Ausgeglichenheit der vormaligen Sängerinnen zu fehlen, denn manchmal lugen ihre Stimmen allzu deutlich aus dem gesamten Klanggeschehen hervor. Als Solistinnen aber machen sie durchaus eine gute Figur und schließen zu den erprobten anderen Stimmen qualitativ auf. Dank der für die Weser-Renaissance ungewöhnlich intensiven Affektumsetzung gewinnt das Programm zusätzlich an Intensität und Facetten. Auch die sehr abwechslungsreich eingesetzten Instrumente sorgen für verschiedene Farben.

Reinmar Emans

Musik ★★★★ Klang ★★★★

Grandi Laetatus sum, Vesperpsalmen Accademia d‘Arcadia, UtFaSol Ensemble, Alessandra Rossi Lürig; Arcana

HD

Vielleicht liegt es am verwendeten hohen Stimmton, dass die Aufnahme zunächst etwas zu forciert wirkt. Hin und wieder scheinen vor allem die hohen Stimmen an ihre Grenzen zu stoßen. Nach mehrmaligem Hören werden aber auch die Vorteile deutlich: gute Durchhörbarkeit und Brillanz. Letztere wird immer mal wieder durch die Posaunen des UtFaSol Ensembles verstärkt. Obwohl die Stimmen mitunter etwas vereinzelt klingen, erschließt sich die Schönheit von Grandis größer besetzten Vesperpsalmen.

Reinmar Emans

Musik ★★★★ Klang ★★★★

Mozart Klavierkonzerte KV 491 u. 453 Éric Le Sage, Gävle Symfoniorkester; Alpha

HD

Éric Le Sage und François Leleux gehen Mozarts c-Moll-Konzert nicht im stürmisch-drängerischen Gestus an, sondern mit großem Ernst. Sie betten ihre Sicht in so klangsattes Orchester- und anschlagssensibles Klavierspiel, dass es eine Freude ist – wäre da nicht die Solokadenz von Fauré, die einfach nicht zum Werk passen will. Das Problem gibt es bei KV 453 zum Glück nicht: Hier spielt Le Sage die von Mozart zu diesem Konzert überlieferten Kadenzen, was dem Gesamteindruck sehr förderlich ist.

Andreas Friesenhagen