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CD Projekt Red


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Play5 - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 06.07.2022
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Bildquelle: Play5, Ausgabe 8/2022

Spätestens seit The Witcher 3 galt CD Projekt Red als legendärer Entwickler. Mit Cyberpunk 2077 änderte sich jedoch schlagartig alles: Skandale, verspieltes Vertrauen und abspringende Entwickler trafen das polnische Entwicklerhaus hart. Wir werfen einen Blick auf die jüngere Geschichte von CD Projekt Red, den aktuellen Status, die Projekte ehemaliger Entwickler und das, was noch kommt.

REPORT | Wenn man die Geschichte von CD Projekt Red betrachtet, dann erkennt man den Werdegang eines Underdogs, der zu einem der ganz Großen des Videospielesektors wurde – und anschließend aus schwindelerregender Höhe stürzte. Dabei gibt es einen ganz klaren Schnitt: vor Cyberpunk 2077 und nach Cyberpunk 2077. Nur wenige Spiele schafften es, die öffentliche Meinung von einem einst geliebten Entwicklerstudio von heute auf morgen so umfassend und nachhaltig zu verändern. Damit ist die Geschichte von CD Projekt Red und ...

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... sein Fall auch eine Geschichte von Cyberpunk. Wir werfen in diesem Artikel einen sehr genauen Blick darauf, wie es zu dem Desaster kommen konnte, welche Entwickler absprangen und was für Projekte die ehemaligen CDPR-Developer inzwischen betreuen. Außerdem wagen wir natürlich einen Ausblick auf die Zukunft von CD Projekt Red. Denn auch, wenn es ernst aussieht, ist das Studio noch lange nicht am Ende.

Cyberpunk und der Hype

Wir schreiben das Jahr 2016. Es ist zu diesem Zeitpunkt nicht übertrieben zu sagen, dass das polnische Entwicklerhaus zu den Superstars der Industrie gehörte: The Witcher 3 ging zusammen mit seinen beiden Erweiterungen Hearts of Stone sowie Blood & Wine als eines der besten Videospiele aller Zeiten in die Gaming-Geschichtsbücher ein.

Einzigartige Charaktere sowie eine stimmige, finstere und oft unglaublich emotionale Geschichte wechselte sich mit phänomenalen Landschaften und knackigen Kämpfen ab. CD Projekt Red stellt zu diesem Zeitpunkt in den Köpfen seiner Fans eine absolute Ausnahmeerscheinung dar: Ein AAA-Entwicklerstudio, das komplette Spiele auf den Markt brachte, die von Beginn an geradezu auf Hochglanz poliert waren.

Nach zwei verschobenen Erscheinungsdaten gab CD Projekt Red im Jahr 2015 sogar an, das Spiel ein drittes Mal zu verschieben. Als Grund wurde der katastrophale Release-Zustand von Assassin’s Creed: Unity genannt, der später sogar in das kollektive Meme-Gedächtnis der Spielerschaft übergehen sollte. In der heutigen Zeit ist dieses Bekennt- nis zu kompromissloser Qualität immer noch eine Ausnahmeerscheinung und so verdiente sich das Studio mit jedem Schritt mehr des berechtigten Vertrauens seiner Spielerschaft.

Das war auch bitter notwendig, denn der Satz „Es ist fertig, wenn es fertig ist“ erhielt mit dem Projekt Cyberpunk 2077 eine ganz neue Bedeutung: Erstmals im Mai 2012 (!) angekündigt, stellte das Spiel von Beginn an die große Hoffnung von Cyberpunk-Fans weltweit dar. Mit dem Erfolg von The Witcher 3 und den völlig gerechtfertigten Verschiebungen schien die lange Wartezeit mit einem Mal nicht mehr ganz so abwegig.

Zudem besaßen die polnischen Entwickler vor dem dritten Teil der Witcher-Reihe keine Erfahrungen im Open-World-Genre, denn Teil eins und zwei spielten jeweils in abgeschlossenen Arealen. Und wenn ihr erstes Open-World-Experiment ein derartiger Erfolg war, dann würden sie ihre gesammelte Erfahrung in Cyberpunk erst so richtig ausspielen können … oder?

Im Jahr 2018 gelangte Cyberpunk 2077 schließlich mit einem massiven, 48-minütigen Game play-Trailer wieder in das Licht der Öffentlichkeit. Was wir hier sahen, schien die Wünsche und Hoffnungen der Spieler in einem Wirbel aus fantastischen Features und bombastischer Grafik zu bestätigen: Cyberpunk war echt und es sah großartig aus.

Versprechen und Realität

Dazu muss man dringend erwähnen, dass die Werbe-Maschine von CD Projekt Red zu diesem Zeitpunkt bereits auf Hochtouren lief. Das von Fans geliebte Tischrollenspiel-Setting von Mike Pondsmith war mit seinem düsteren Zukunfts-Setting ohnehin sehr ungewöhnlich für ein Open-World-Spiel und wurde von CDPR mit aller Macht beworben. Der Trailer schlug ein wie eine Bombe und verhieß gigantische Versprechen wie „Die Straßen der Stadt wimmeln vor Leuten aller Lebenswege. Jeder Einzelne lebt sein Leben in einem vollumfänglichen Tag-Nacht-Zyklus.“ CD-Projekt-Red-CEO Adam Kiciński

kritisierte im Jahr 2018 große Entwicklerstudios wie EA außerdem mit aller Macht und gab Äußerungen von sich wie „Wenn man ein Vollpreisspiel kauft, dann sollte man ein großes, auf Hochglanz poliertes Stück Content erhalten.“

Keanu Reeves trat live auf der E3 2019 auf und die Äußerung „You’re breathtaking“ wurde ebenso mit Reeves wie mit den Erwartungen an Cyberpunk verknüpft. Eine massive Merchandise-Offensive versorgte Fans währenddessen mit allem, was sie sich auch nur erträumen konnten: von Kopfhörern, über Kunstdrucke, Hosen, Tassen und Klamotten bis hin zu Puzzle-Spielen, Gaming Chairs und selbst ganzen Smartphones sowie Sneakern von Adidas. Fans und Journalisten gleichermaßen glaubten CD Projekt Red jedes einzelne Wort. Und warum auch nicht? Bisher gab CDPR der versammelten Gamer-Gemeinde nicht den geringsten Grund, an ihren Äußerungen zu zweifeln. Wenig später wurde jedoch bekannt, dass Features aus den Trailern wie die U-Bahn oder das Mauerlaufen ersatzlos gestrichen wurden.

Verspätungen folgten auf Verspätungen, aber, wenn man nach dem ging, was man inzwischen gewohnt war, war das nur ein Anzeichen für gute Qualität, denn wir erinnern uns: CD Projekts CEO gab stolz bekannt, dass Spieler bei Release vollständige Spiele verdienten. Weitere Verschiebungen folgten, ebenso wie Beteuerungen vonseiten CDPRs, dass die Entwickler definitiv nicht in den gefürchteten „Crunch“ übergehen würden – und doch schickten sie die Mitarbeiter kurz vor dem Release von Cyberpunk 2077 kurzerhand in eine Sechs-Tage-Woche.

Als eines der am meisten erwarteten Spiele aller Zeiten kam Cyberpunk 2077 am 10. Dezember 2020 auf den Markt und CDPR riss augenblicklich das Steuer von Promotion zu Schadensbegrenzung herum. Wo das Spiel auf dem PC zwar nicht alle versprochenen Features lieferte, aber trotz allem eine gute Figur hinlegte, war es auf Last-Gen-Konsolen im wahrsten Sinne des Wortes unspielbar.

Das Statement aus dem November dieses Jahres, dass die Konsolen-Performance „überraschend gut“ sei, erscheint inzwischen wie blanker Hohn. Es folgte eine Entfernung aus dem Playstation Store, Microsoft fügte eine explizite Warnung auf der Shop-Seite ein und CD Projekt Red versprach Refunds für bereits gekaufte Spiele – und das gerade einmal ein paar Tage nach dem großen Launch!

Die Aktien von CDPR stürzten innerhalb kurzer Zeit um 50 % ab und andere Entwicklerhäuser wie Moon Studios und Pearl Abyss machten sich explizit über den Launch lustig. Sätze wie „Die Qualität zu senken, um eine Deadline einzuhalten wie in Cyberpunk 2077, passt nicht zu unseren Entwicklungszielen“, wären Mitte des Jahres 2020 noch unvorstellbar gewesen. Sogar die Investoren stiegen auf die Barrikaden, als sie Anfang des Jahres 2021 vier einzelne Klagen zu einer riesigen Sammelklage wegen irreführender Behauptungen zusammenfassten.

Die große Entwickler-Wanderung

Warum kam es also zu diesem Debakel? Fakt ist: Cyberpunk 2077 wurde schlicht und ergreifend nicht von demselben CD Projekt Red erstellt, das noch für The Witcher 3 verantwortlich war. Tatsächlich arbeiten mehr als die Hälfte der 320 in den Credits von The Witcher 3 gelisteten Entwicklern derzeit nicht mehr bei CDPR. Fast alle am Projekt beteiligten Programmierer und Produzenten haben inzwischen ihren Hut genommen, während viele Lead Developer und Manager immer noch ihre Posten bekleiden. Wer nun in Untergangsstimmung verfallen will, den können wir beschwichtigen: Diese Verteilung ist an sich in der Branche völlig normal.

Talente kommen und gehen im IT-Sektor im Allgemeinen und in der Spieleindustrie im Besonderen in hoher Frequenz. Ungewöhnlich ist nur, dass viele der verschwundenen Entwickler bereits seit mehr als zehn Jahren bei CD Projekt Red arbeiteten und immerhin zum Teil auch die Führungsriege ihren Hut nahm.

Das führte dazu, dass nach The Witcher 3 eine große Menge an Entwickler-Personal vom Studio angeheuert wurde. Seine Angestellten zu halten, scheint für CDPR jedoch deutlich schwerer als früher zu sein, denn laut LinkedIn beträgt die durchschnittliche Länge der Beschäftigung bei CD Projekt Red inzwischen gerade einmal drei Jahre.

Interessant: Im Jahr 2018 wurde eine besonders große Menge neuer Entwickler angeheuert, die ausschließlich für den Code von Cyberpunk 2077 verantwortlich waren, was sich leicht aus den Credits des Spiels herauslesen lässt. Das liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit daran, dass im Jahr 2016 die noch für The Witcher 3 verwendete Red Engine 3 nicht mehr für Cyberpunk 2077 verwendet wurde.

Stattdessen stellte man komplett auf die neue Red Engine 4 um und wechselte, laut Games-Journalist Jason Schreier, von einem 3rd-Person-Spiel zu einem 1st-Person-Spiel. Alle Assets aus der Pre-Production sowie die bisher erstellen Prototypen mussten daraufhin eingestampft und mit mehr Manpower komplett neu aufgebaut werden. Die eigentliche Entwicklung von Cyberpunk 2077 startete demnach nicht im Jahr 2012, sondern im Jahr 2016.

Ende des Jahres 2020 bis Mitte des Jahres 2021 kam es im Zuge des Cyberpunk-Skandals schließlich, wie es kommen musste: Eine große Menge hochrangiger und zum Teil bereits sehr lange bei CD Projekt Red tätiger Entwickler verließ das Studio, um eigene Projekte zu verfolgen und ihre Träume zu verwirklichen. Wir verraten euch in der folgenden Liste, wo die alten Entwickler landeten und hinter welchen Studios sich die Talente verbergen, die einst The Witcher 3 möglich machten.

Rebel Wolves: Konrad Tomaszkiewicz und das perfekte RPG

Um den Einstieg zu erleichtern, bieten wir Fans von The Witcher 3 direkt eine Hoffnung für die Zukunft: Das neue Studio Rebel Wolves wird von Konrad Tomaszkiewicz geleitet. Der ehemalige Game Director von The Witcher 3 und Cyberpunk 2077 besitzt insgesamt 17 Jahre Erfahrung im Spielesektor, davon jedes einzelne bei CD Projekt Red. Konrad arbeitete sich vom Tester zum Lead bis hin zu einem Director-Posten vor und ist nun der CEO und Game Director von Rebel Wolves.

An seiner Seite stehen unter anderem der preisgekrönte Buchautor und Witcher-3-Schreiber Jakub Szamałek und der Art Director für alle bisherigen Witcher-Spiele, Bartłomiej Gaweł. Ebenfalls mit an Bord sind die Animation Lead für the Witcher 3, Tamara Zawada, sowie Przemysław Wójcik, der als Head of QA für Witcher 2 and Witcher 3 arbeitete und obendrein als Lead Producer für Gwent: The Witcher Card Game, Thronebreaker und Cyberpunk 2077 fungierte. Die Mission von Rebel Wolves sind laut eigener Website zwei Dinge. Erstens: das RPG-Genre revolutionieren. Zweitens: ein Studio erschaffen, in dem Entwickler gedeihen können, angetrieben von einem gemeinsamen Ziel und einem Sinn für Kameradschaft. Rebel Wolves gehen sogar so weit, auf der Website explizit zu schreiben: „Das Team kommt zuerst. Immer.“

Der Name „Rebel Wolves“ ist dabei natürlich nicht zufällig gewählt: Wo Geralt von Riva als „Weißer Wolf“ bekannt wurde, stellen die Rebel Wolves einige der ehemaligen Top-Witcher-Entwickler dar. Das derzeitige Projekt des Studios ist dementsprechend ein „AAA-Dark-Fantasy-RPG“, welches den ersten Teil einer geplanten Saga darstellen soll.

Interessant: Auf dem ArtStation-Account des Art Directors Bartlomiej Gawel ist bereits zu lesen, dass das Spiel auf der UE5-Engine basieren soll. Weitere Statements der Wölfe sind das Bekenntnis zu „Spielen als Kunstform – und wahre Kunst braucht Ambition“, so- wie dynamischen Gameplay-Systemen, die leicht zu erlernen und schwer zu meistern sind. Eine riesige Interaktivität, so viel Freiheit wie möglich und keine falsche Art und Weise, an Probleme heranzugehen – die Behauptungen lesen sich wie eine Checkliste dessen, was die Spieler derzeit bei Cyberpunk 2077 vermissen.

Bei aller Hoffnung ist natürlich auch eine Menge Vorsicht angebracht: Noch kennen wir nicht einmal den Titel des neuen Rollenspiels. Durch die enorme Erfahrung der zuständigen Entwickler und ihre beeindruckenden Referenzen sind wir für die Zukunft von Rebel Wolves jedoch vorsichtig positiv gestimmt. Wir wünschen Konrad Tomaszkiewicz und seinen Kollegen in jedem Fall viel Erfolg!

Starward Industries: Marek Markuszewskis Space Opera

Das Entwicklerstudio Starward Industries wurde im Jahr 2018 gegründet und wird seitdem von Marek Markuszewski geleitet, einem ehemaligen Senior Manager bei CD Projekt Red. Begleitet wird er dabei von mehreren Senior Engine Programmers, Enviroment Artists, QA-Analysten und Game Designern, die allesamt an The Witcher 3 sowie Cyberpunk 2077 mitarbeiteten.

Doch nicht nur das: Auch ein großer Schwung an Entwicklern, die zuvor bei Techland arbeiteten, fanden unter dem Banner von Starward Industries eine neue Heimat. Bekannt ist Techland zum Beispiel für Dead Island sowie Dying Light 2. Das Ziel des Studios ist, laut eigener Website, die Erstellung kleinerer, aber bahnbrechender Spiele, welche die bisher erlangten Fähigkeiten des Teams optimal nutzen.

Und ihr erstes Projekt The Invincible hört sich so an, als ob es auf das Anforderungsprofil von Starward Industries maßgeschneidert wurde: In einem Sci-Fi-Thriller, der einen „Retro Future Atom-Punk“-Stil aufweist, wird der Spieler in The Invincible die Rolle der Wissenschaftlerin Yasna übernehmen, die den fremden Planeten Regis III erforscht. Hilfestellung erhält sie dabei von einem Astrogations-Offizier und verschiedenen Drohnen. Das Problem: Euer Raumschiff ist zwar noch an Ort und Stelle, eure Crew ist jedoch verschwunden, ohne dass ihr euch an die Geschehnisse erinnern könnt, die zu dieser Situation geführt haben.

Wenn euch diese bereits erstaunlich weit ausgearbeitete Story nun stark bekannt vorkommt, dann liegt ihr natürlich goldrichtig: Starward Industries konnten sich für ihr Spiel die Lizenz des Science-Fiction-Romans „The Invincible“ von niemand anderem als Stanisław Lem sichern; der polnische Autor gilt als Genie auf dem Gebiet der harten Science-Fiction.

Entwickelt wird das Spiel in der Unreal Engine 4 für den PC sowie für die Playstation 5 und die Xbox Series X. Wir sind gespannt, ob das Spiel gegen Ende des Jahres 2022 die gegebenen Versprechen halten kann, sind aber dank des realistischen, übersichtlichen Rahmens derzeit recht zuversichtlich.

Covenant.dev: Stan Justs düsteres Kolonie-Management

Im April des Jahres 2021 machte die Ankündigung des Rollenspiel-Strategiespiels Gord Furore auf Steam, denn das Konzept kombinierte in seinem Pitch die Rollenspiel-Elemente diverser Action-Titel wie Path of Exile mit den Strategie-Bausteinen von beliebten Kolonie-Management-Simulatoren wie Rimworld und Dwarf Fortress. Das alles soll im Jahr 2022 auf den Markt kommen und den Spieler in die düstere Welt slawischer Mythologie entführen.

Hinter diesem Konzept steckt das Entwicklerstudio Covenant. dev, das von Stan Just ins Leben gerufen wurde. Der ehemalige Pro-

ducer von The Witcher 3 arbeitete seit 2013 im Entwicklerteam von CD Projekt Red und wechselte im Jahr 2016 in das R&D-Team des Softwarehauses. Währenddessen fungierte er nebenbei als Vorstandsmitglied der Polish Games Association und der European Game Developers Federation, bevor er im Januar 2019 für ein Jahr lang den Posten des Executive Producer bei Spokko bekleidete. Falls euch dieser Name bekannt vorkommt: Spokko regelte für CDPR die Entwicklung des Mobile Games The Witcher: Monster Slayer.

Im Januar 2020 übernahm Just schließlich den Posten des CEO/ Game Directors von Covanant.dev, um das Spiel Gord zu entwickeln. Oh, und fast haben wir vergessen, dass er während all dieser Unternehmungen bis zum heutigen Tage gleichzeitig Vorlesungen als Dozent an der Gamedev School in Warschau hält.

Ein starker Lebenslauf, doch auch der Rest von Covenant.dev kann sich durchaus sehen lassen, denn Just sammelte gezielt Entwickler zusammen, die mit dem Konzept und der Designrichtung von Gord gut zurechtkommen würden: Neben ehemaligen Programmierern von CD Projekt Red (The Witcher 3) heuerte er euch Developer an, die bei 11 Bit Studios (Frostpunk) und Flying Wild Hog (Shadow Warrior 2) arbeiteten.

Covenant.dev widmen sich demnach, passend für den lebenslangen Planer Stan Just, „höchsten organisatorischen Standards“ und „zeichnen sich durch operative und strategische Planung aus“. Auch eine entspannte und kreative Unternehmenskultur wird bei Covenant.dev großgeschrieben.

Denn das Studio ist bis heute das einzige polnische Entwicklerhaus, das mit dem internationalen Preis „Great Place to Work“ ausgezeichnet wurde. Die Unternehmensmission „kein Crunch, keine Kernzeiten und viel Empowerment für jedes Teammitglied“ scheint damit, zumindest bisher, durchaus ernst gemeint zu sein.

Riot Games: Mateusz Tomaszkiewicz neues Heim

Eine besonders interessante Kombination stellen Riot Games und Mateusz Tomaszkiewicz dar: Der ehemalige Quest Director arbeitete zwölf Jahre bei CD Projekt Red und zeichnete für einen überwältigenden Anteil der Quests in The Witcher 3 und Cyberpunk 2077 verantwortlich. Da es gerade die Quests und Geschichten sind, welche die Spiele von CD Projekt Red großmachten, ist es nicht weiter verwunderlich, dass Riot Games seinem Jobwunsch augenblicklich nachkam und ihn im Januar des Jahres 2022 als Principal Narrative Designer einstellte. In einem Tweet gab Tomaszkiewicz an, dass er „die letzten Monate mit einigen tollen Leuten und Teams geredet“ habe und nun glücklich darüber sei, ankündigen zu können, dass er „Riot Games bei ihrem anstehenden MMO-Projekt unterstützen“ würde.

Das sind große Neuigkeiten, denn die League-of-Legends-IP wird von Riot in letzter Zeit massiv ausgebaut, was man gut an dem Erfolg der Netflix-Serie Arcane und dem Einzelspieler-Rollenspiel Ruined King sehen kann. Mit Mateusz Tomaszkiewicz besitzt Riot Games nun einen hochkarätigen Story-Schreiber für ihr MMO, das ebenfalls in der League-of-Legends-Welt Runeterra spielen wird.

Ein kleiner, amüsanter Fakt nebenbei: Das MMO-Team von Riot Games wird von niemand anderem als Greg „Ghostcrawler“ Street geleitet, dem ehemaligen Lead System Designer von Blizzard Entertainment, der sich in einem Tweet ebenfalls sehr erfreut zeigte, dass

Tomaszkiewicz nun sein Team verstärken würde. „Seine Vision, Herangehensweise und seine Verpflichtung gegenüber nachhallenden Geschichten machen ihn perfekt für das neue MMO.“ Zusammengefasst: Riot Games scheint in letzter Zeit eine Menge hochkarätiger Entwickler bei sich zu versammeln, und Mateusz Tomaszkiewicz ist sicher eine der besten Neueinstellungen.

Blizzard Entertainment: Sebastian Stępień tritt dem großen „B“ bei

Amüsanterweise funktioniert diese Art von Stellenwechsel auch andersherum: Wo Mit Greg „Ghostcrawler“ Street ein hochkarätiger Blizzard-Entwickler dem Studio den Rücken kehrte, gewannen sie mit Sebastian Stępień im Jahr 2019 einen der Creative Directors von The Witcher 3 für sich.

Doch nicht nur das: In seinen insgesamt zwölf Jahren bei CD Projekt Red arbeitet Stępień an allen Witcher-Titeln und ebenso an Cyberpunk 2077 mit. Seine Laufbahn ist dabei vorbildlich, denn Sebastian begann nach einem Abschluss an der Universität von Warschau als Junior Dialogue Writer bei CDPR und schaffte innerhalb von vier Jahren den Sprung über den Specialist Dialogue Writer hin zum Senior Dialogue Writer.

Nach einem kurzen Zwischenstop als Lead Story Designer nahm er schließlich seinen Posten als Creative Director sowie Narrative und Setting Director ein. Seine Arbeit an einem bisher unbekannten Blizzard-Projekt ist ebenso interessant wie ein kleines Detail auf seinem LinkedIn-Profil: Auf seiner Page gibt Stępień an, dass er neben seiner Arbeit bei Blizzard immer noch an Cyberpunk 2077 arbeitet.

Die Warschauer Filmhochschule: Pawel Swierczynskis Berufung

Ebenfalls ein besonderer Fall ist der alte Cinematic Director von CD Projekt Red, Pawel Swierczynski, der ganze elf Jahre lang bei dem polnischen Studio werkelte. Der Director, Animator und Layout Artist arbeitete an The Witcher 3 sowie Cyberpunk mit und verwirklichte hauptsächlich die spektakulären Videosequenzen der Titel. Interessant ist, dass Pawel nach seinem Weggang von CDPR zunächst einen Zwischenstopp als Performance Capture Director bei Techland einlegte und von März bis September 2021 als Director bei den Zwischensequenzen für Dying Light 2: Stay Human mitarbeitete. Danach wechselte er mit Oktober 2021 als Cinematic Director zum Warschauer Marketing-Kollektiv The Beast.

Ende Oktober 2021 fand Pawel Swierczynski schließlich seine Berufung als „Dozent für Grundlagen der Animation“ an der Warschauer Filmhochschule und verließ damit den Videospielesektor bis auf Weiteres. Wer sich weiter über die Projekte von Swierczynski informieren will, kann ihm auf seinem ArtStation-Profil oder auf YouTube unter seinem Künstlernamen „Reanimathor“ folgen.

Dort könnt ihr euch auch von Pawels Können überzeugen, indem ihr seinen im Jahr 2019 auf dem Indiefest für „Exzellenz“ ausgezeichneten Kurzfilm „Lunas Fortress“ anschaut, in welchem sich ein Vater seiner Tochter in ihrer eigenen Fantasiewelt langsam wieder annähert, nachdem ihre Mutter an einer Krankheit gestorben ist. Wir empfehlen dabei dringend, eine Packung Taschentücher bereitzuhalten. Es hat immerhin einen Grund, dass CDPR-Spiele vorrangig durch ihre emotionalen Achterbahnfahrten bekannt wurden.

Die Zukunft von CD Projekt Red

Wenn man all diese Namen liest, kann einem als Fan der guten alten Spiele von CD Projekt Red schon ein wenig Angst und bange werden. Bedeutet das, dass das Entwicklerhaus ab jetzt leer steht? Wie sieht die Zukunft aus? Und was ist mit all den wütenden Investoren und Sammelklagen passiert?

Wie immer können wir euch zumindest zum Teil beruhigen: CDPR geht es gut und es werden auch weitere Spiele entwickelt – wie man an der kürzlich erfolgten Ankündigung des nächsten Witcher-Titels sehen kann. Das auf der Unreal Engine 5 basierende Spiel stellt so etwas wie einen Neuanfang für CD Projekt Red dar, denn nach dem Cyberpunk-Debakel muss das Studio das Wohlwollen seiner Fans dringend mit Taten statt Worten zurückerobern.

Währenddessen fasste man in der Chefetage den Entschluss, Cyberpunk 2077 nicht aufzugeben, jedoch ohne in den fatalen Hype im Vorfeld der Veröffentlichung zu verfallen. Auf ein Gerücht hin, dass Cyberpunk ein Comeback nach Art von No Man’s Sky feiern könnte, meinten die Entwickler sogar explizit, dass die Gerüchte „nicht wahr“ seien und es in den nächsten Monaten keine Wunder-Erweiterung geben würde.

Was es jedoch sehr wohl geben wird, sind größere DLCs! Während eines Investorengesprächs im ersten Quartal 2021 teilte CEO Adam Kiciński den Anlegern mit, dass rund 160 Mitarbeiter an Cyberpunk 2077 und der ersten Erweiterung arbeiten würden. Zum Vergleich: Das stellt mehr als ein Viertel aller Entwickler des polnischen Studios dar.

Kiciński stellte in einem Interview mit Reuters sogar explizit klar, dass es „keine Option“ sei, Cyberpunk 2077 einfach als Verlust abzuschreiben und das Projekt auf- zugeben. Im Gegenteil, er hoffe, dass Spieler Cyberpunk noch „auf Jahre hinaus“ spielen werden.

Ein gutes Zeichen dafür, dass CDPR langsam wieder damit beginnt, seine Community ernst zu nehmen, ist auch die Einstellung des Modding-Teams „Yigsoft“ aus Budapest. Die begabten Modder wurden vor allem durch die WolvenKitund Redscript-Mod-Frameworks bekannt, welche es der Community erst ermöglichten, im großen Stil Scripts sowie Mods für Cyberpunk und The Witcher 3 zu erstellen.

Ein guter Schachzug, denn wenn ein Spieleentwickler wissen möchte, was Fans gerne im Spiel sehen wollen, dann muss er sich nur die für sein Spiel verfügbaren Mods anschauen. Zudem ist es gerade die von CDPR bisher vernachlässigte offizielle Mod-Unterstützung, die Open-World-Spiele wie Cyberpunk über lange Zeit hinweg für Fans interessant machen.

Ebenfalls als positiv ist der Kauf des Indie-Studios The Molasses Flood zu bewerten. Das US-amerikanische Studio brachte zwar auf den ersten Blick nur kleine Independent-Spiele wie Drake Hollow und The Flame in the Flood auf den Markt, sein Wert ist aber für CDPR deutlich höher einzuordnen: Fast alle Mitarbeiter des Studios sind erfahrene Entwickler, die an Hits wie Halo 2, allen Bioshock-Titeln und Rock Band mitgewirkt haben.

Mit Scott Sinclair und Shawn Eliott schnappte sich CD Projekt Red sogar den Art Director des ersten Bioshock und den Lead Level Designer von BioShock Infinite.

Die einschüchternde Sammelklage der Investoren wurde indes schlicht und ergreifend durch eine Beilegung beendet. Der Gesamtwert aller zu zahlenden Entschädigungen: Gerade einmal 1,85 Millionen US-Dollar. Zum Vergleich:

Cyberpunk 2077 besaß ein Budget von 316 Millionen Dollar, das es nach seinem Erscheinen innerhalb eines Tages wieder eingespielt hatte. Selbst die so groß angekündigten Rückerstattungen für unzufriedene Käufer waren ebenfalls nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Cyberpunk 2077 ist, zumindest wenn es um die Einnahmen geht, immer noch ein absolut gigantischer Erfolg für CD Projekt Red. Das Studio hat keine finanziellen Probleme – im Gegenteil, es kann sogar recht entspannt in die Zukunft blicken.

Geld und Buße

Es besteht also bei Weitem nicht die Gefahr eines plötzlichen Bankrotts, und Cyberpunk 2077 hat CD Projekt Red auch nicht auf Jahre hinweg ruiniert. Das Entwicklerstudio hat allerdings das Vertrauen seiner einst so loyalen Spielergemeinde über Nacht verloren und steht nun vor den Trümmern des einst exzellenten Rufes. Immerhin sieht CDPR das inzwischen ebenso: Michał Nowakowski, Senior Vice President für Geschäftsentwicklung bei CD Projekt Red, gab bekannt, dass das Studio „[…] beabsichtigt, die Art und Weise zu ändern, in der es mit der Welt kommuniziert und seine Spiele bewirbt.

Zukünftige Marketingkampagnen werden viel kürzer sein, wobei Werbeinhalte näher an der tatsächlichen Veröffentlichung des jeweiligen Spiels veröffentlicht werden […].“ Zudem werden auch in Zukunft Einzelspielerrollenspiele der Fokus des Softwarehauses bleiben, während bereits seit Anfang 2022 große Anstrengungen unternommen werden, um in den kommenden Jahren mindestens zwei große CDPR-Spiele und Erweiterungen zur gleichen Zeit zu entwickeln.

Das alles klingt überzeugend und die Vergangenheit hat gezeigt, dass der Name CD Projekt Red durchaus für Qualität stehen kann. Was sich in den nächsten Jahren jedoch herausstellen wird, ist, ob Cyberpunk 2077 ein Ausrutscher war und die einstigen Publikumslieblinge ihre Lektion gelernt haben.

Gönnen würden wir es ihnen! Das alte CD Projekt Red, aber mit dem Kapital, das sie durch Cyberpunk einnehmen konnten, und zusätzlich mehrere unabhängige Studios, die allesamt ebenfalls gute Aussichten besitzen, Knaller-Spiele auf die Beine zu stellen? Es gibt wohl durchaus schlimmere Perspektiven. Somit wünschen wir sowohl CDPR als auch seinen ehemaligen Entwicklern alles Gute. Wenn alles klappt, können wir uns in der kommenden Zeit auf eine Menge toller Spiele aus polnischer Hand einstellen. Und davon profitieren vorwiegend die Spieler.

CHRISTIAN SCHMID & SASCHA LOHMÜLLER