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CHAN CEN 1000


Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 04.09.2019

Buntes Essen, gesundes Kind: Mit der richtigen Ernährung in den ersten Lebensjahren können Eltern das Allergierisiko ihres Kindes senken. Lassen Sie es sich schmecken!


Artikelbild für den Artikel "CHAN CEN 1000" aus der Ausgabe 10/2019 von Leben & erziehen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 10/2019

Fast ein Drittel der Deutschen hat eine Allergie. Selbst bei den Kindern und Jugendlichen ist schon ein Viertel betroffen. Umso erstaunlicher ist, dass sich die Hälfte aller Eltern nicht über ein mögliches Allergierisiko ihres Kindes informiert, wie eine YouGov-Umfrage im Auftrag des Informationsportals Aptawelt herausgefunden hat. Denn zwar gibt es keine Zauberformel, mit der Kinder von Allergien verschont bleiben. Eltern können aber ...

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... trotzdem einiges tun, um bei ihrem Kind das Risiko dafür zu senken. Und die Ernährung spielt dabei eine besondere Rolle.

Vorsicht kann schaden

Wenn es um gesunde Ernährung geht, denken viele zuerst an Verzicht. Doch: Eine übervorsichtige „Schonhaltung“ ist genau das Falsche, weiß die medizinische Ernährungsberaterin Mandy Ziegert aus Berlin. „In meine Praxis kommen immer wieder Eltern, die glauben, ihr Kind sollte lieber vorbeu- gend auf Kuhmilch und Milchprodukte, Ei, Weizen und andere Lebensmittel verzichten. Sie denken, das würde die Kinder vor einer Allergie schützen. Das ist aber ein Irrtum“, sagt Ziegert, die seit mehr als 15 Jahren Eltern zum Thema Allergien berät.

Seit es unter Erwachsenen in Mode gekommen ist, sich „frei von“ Gluten oder Milch zu ernähren, beobachtet sie diesen Trend auch in Familien. Von so einer Pauschaldiät ohne medizinische Diagnose rät die Ernährungsberaterin dringend ab. „Das unbegründete Weglassen verschiedener Lebensmittel kann bei Kindern zu einer Mangelernährung führen. Und auch bei der Allergieprävention kann falscher Verzicht mehr schaden als nützen.“

Keine Einschränkungen, wenn es nicht unbedingt sein muss – dazu rät auch Kirsten Beyer, Professorin an der Charité in Berlin. „Kommt das Kind früh mit Nahrungsmittel-Allergenen in Kontakt, kann sich das sogar positiv auf das Allergierisiko auswirken“, sagt die Leiterin des Kinderallergologischen Studienzentrums.

Erdnüsse bei Allergierisiko? Nur her damit!

In einer britischen Studie haben Forscher Kinder im Alter von vier bis elf Monate untersucht, die ein sehr hohes Risiko hatten, eine Erdnuss-Allergie zu entwickeln. Die Forscher teilten die Babys in zwei Gruppen ein: In der einen gab es zur Beikost dreimal die Woche Erdnussflips oder -butter, in der anderen Gruppe bekamen die Babys einen erdnussfreien Brei. Das Ergebnis: Die Kinder, die regelmäßig Erdnussprodukte aßen, entwickelten später seltener eine Erdnuss-Allergie als jene, die komplett auf das Lebensmittel verzichtet hatten.

„Dieses Beispiel zeigt, dass es sinnvoll sein kann, allergiegefährdete Kinder mit diesem Allergieauslöser zu konfrontieren, statt ihn konsequent zu meiden“, sagt Beyer. Das heißt aber nicht, dass Eltern ihren Kindern jetzt Erdnussbutter in den Brei mischen sollen. Schließlich stehen Erdnüsse in deutschen Familien – im Gegensatz zu englischen – eher selten auf dem Speiseplan. „Wichtig ist, dass das Kind die Lebensmittel kennenlernt, die in der Familie gegessen werden“, rät Prof. Beyer.

Vorsorge beginnt schon in der Schwangerschaft

Wer sein Kind auf die typischen Allergene in seiner Umwelt vorbereiten will, sollte damit möglichst früh beginnen. Wie früh, weiß laut der Aptawelt-Umfrage leider nur ein gutes Drittel der Eltern: Dabei ist eigentlich seit Langem bekannt, dass der Schutz vor Allergien bereits in der Schwangerschaft beginnt. Allerdings wurde werdenden Müttern lange Zeit empfohlen, sich in der Schwangerschaft allergenarm zu ernähren. Allergieforscher gingen damals noch davon aus, dass es besser wäre, wenn Schwangere und Babys bestimmte Lebensmittel wie Weizen, Ei oder Kuhmilch meiden.

Heute ist die Wissenschaft da weiter und hat erkannt: Mit dem Immunsystem verhält es sich wie mit einem Muskel – Training macht es stark. Über die Nabelschnur nimmt das Baby Spuren aus Mamas Essen mit auf. Das ist ein super Training fürs Immunsystem – und senkt die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind auf diese Lebensmittel später allergisch reagiert. Zu einer Ernährung, die Mama und Kind guttut, gehören viel Gemüse, Obst und (Vollkorn-) Getreide. Dazu in Maßen Milchprodukte, fettarmes Fleisch – und, nicht vergessen, zweimal die Woche Fisch. Denn von fettem Seefisch wie Lachs vermuten Forscher, dass er besonderes Potenzial hat, vor Allergien zu schützen.

Das wichtigste Rezept gegen Allergien: Stillen

In den ersten vier bis sechs Lebensmonaten bekommt das Baby alle Nährstoffe, die es braucht, mit der Muttermilch. Antikörper und Immunzellen machen die Milch zu einem Powerdrink. „Ausschließliches Stillen ist in dieser Zeit das Beste für Babys – das gilt für die Nährstoff-Zusammensetzung genauso wie für den vorbeugenden Effekt bei Allergien“, weiß Sonja Lämmel vom Deutschen Allergie- und Asthmabund. Für stillende Mütter gilt das Gleiche wie für Schwangere: Bunt und gesund sollte die Ernährung sein. Auf Alkohol und Zigaretten bitte verzichten.

Wenn die Mutter nicht (voll) stillen kann oder will, brauchen allergiegefährdete Babys eine besondere Säuglingsmilch: HA-Nahrung. Sie unterscheidet sich im Vergleich zu einer normalen Säuglingsmilch dadurch, dass das Eiweiß in kleinere Bruchstücke gespalten (hydrolysiert) ist. „Diese werden vom Immunsystem nicht so schnell als Fremdeiweiß erkannt und lösen deshalb seltener Allergien aus“, erklärt die Ernährungswissenschaftlerin Lämmel. Die sogenannte GINI-Studie hat gezeigt, dass die vorbeugende Wirkung viele Jahre anhalten kann, wenn das Baby mindestens vier Monate lang ausschließlich mit HA-Nahrung gefüttert wird. Dieser schützende Effekt zeigt sich vor allem im Hinblick auf Neurodermitis. Weil die HA-Nahrung aber einen leicht bitteren Geschmack hat, ist sie für Still-Babys gewöhnungsbedürftig.


„Ausschließlich Stillen ist das Beste für Babys – bei den Nährstoffen genauso wie für die Allergie-Vorbeugung“
Sonja Lämmel, Deutscher Allergie- und Asthmabund


49 % der Eltern informieren sich nicht über mögliche Allergierisiken ihres Kindes

(YOUGOV-UMFRAGE IM AUFTRAG VON APTAWELT, 2019)

Wenn kein Allergierisiko besteht, ist HA-Nahrung nicht nötig. Dann kommt ins Fläschchen herkömmliche Säuglingsmilch. „Geprüfte HA-Nahrung empfehlen wir nur für Risikokinder: Das sind Babys, deren Eltern oder Geschwister an einer Allergie wie Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitis leiden“, sagt Lämmel. Wie Eltern das Allergierisiko ihres Kindes bestimmen, lesen Sie auf Seite 35.

Löffel für Löffel: Brei zur rechten Zeit

Egal ob das Allergierisiko in der Familie hoch oder gering ist: Auch in der Beikost-Zeit plädieren Ernährungsexperten für Vielfalt statt Verzicht. Im zweiten Lebenshalbjahr reicht Milch allein nicht mehr aus, um den Nährstoffbedarf zu decken – dann wird zugefüttert. Die Beikost wirkt wie ein sanftes Training auf das Immunsystem: Der Organismus gewöhnt sich langsam an die neuen Lebensmittel. Auf den ersten Löffel gibt’s reinen Gemüsebrei, später kommen Kartoffeln und Fleisch dazu. So ersetzt der Brei nach und nach die Milchmahlzeiten; Mutter- bzw. Säuglingsmilch bekommt das Baby aber weiterhin zum Sattwerden.

Übrigens ist Fisch auch in Babys Brei wichtig: Ein- bis zweimal die Woche ersetzt er das Fleisch im Mittagsbrei. Aus gutem Grund, weiß Sonja Lämmel vom Deutschen Allergie- und Asthmabund: „Studien haben gezeigt, dass Fisch bei Neurodermitis vorbeugende Effekte hat.“

Auch auf Gluten, also das Klebereiweiß in Getreidesorten wie Weizen, Dinkel, Roggen und Gerste, sollten Eltern im Brei nicht verzichten. Das haben amerikanische Forscher in einer Meta-Analyse herausgefunden – und damit bestätigt, was auch das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund rät: Kleine Mengen Gluten vertragen Babys ab dem 5. Monat. Das gilt auch, wenn ein Elternteil an Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) erkrankt ist. Sonja Lämmel rät: „Gut, wenn das Baby anfangs nur kleine Mengen glutenhaltiges Getreide bekommt und es möglichst parallel noch gestillt wird. Wenn das Kind zu greifen anfängt, dürfen Eltern ihm auch mal einen Zwieback oder eine Dinkelstange in die Hand drücken. Das befriedigt die kindliche Neugier und trainiert das Immunsystem. Und besser als ein Beißring schmeckt das obendrein.“

Als Mahlzeit bekommt das Baby glutenhaltiges Getreide erstmals im Milch-Getreide-Brei (ab dem 6. bis 8. Monat) und später im Getreide- Obst-Brei (ab dem 7. bis 9. Monat).

Alle an einem Tisch

Ab dem 10. Monat geht die Breikost in feste Nahrung über. Irgendwann bekommt das Kind morgens statt Brust oder Flasche ein Milch-Müsli oder eine Scheibe Brot und einen Becher Milch. Mittags gibt es allmählich das Familienessen, salzarm und sparsam gewürzt.

Nun ist die Herausforderung, das Kind an eine vielseitige, gesunde Ernährung heranzuführen – und zwar je schneller, desto besser. Denn zwischen dem 15. und 18. Lebensmonat werden viele Kinder heikel und probieren neue Speisen nicht mehr so gerne aus. Sieben- bis achtmal müssen Kinder einen neuen Geschmack ausprobieren, bis sie ihn akzeptieren. Doch die Geduld lohnt sich, denn auch über die ersten 1000 Tage hinaus ist das Credo der Ernährungsexperten: „Gesund und abwechslungsreich statt übervorsichtig.“