Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 7 Min.

Chantal, sing leise!


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 2/2018 vom 29.03.2018

»Fack ju Göhte« erstmals in München auf der Musicalbühne


Artikelbild für den Artikel "Chantal, sing leise!" aus der Ausgabe 2/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Liebe auf den ersten Blick sieht anders aus. Fur Zeki (Max Hemmersdorfer) ist Lisi (Johanna Spantzel) auch nur ein Nerd


Foto: Stage Entertainment / Detlef Overmann

Kann man Erfolg planen oder nicht? Dieser Frage gehen Theater- und Filmproduzenten schon lange nach. Und zumindest in Sachen Musical scheint das Erfolgsrezept inzwischen gefunden. Man nehme einen erfolgreichen Kinofilm und suche sich einen Komponisten mit dem richtigen Gespür für die Story und fertig ist der Musicalhit. Nachdem Musical-Marktführer Stage Entertainment dies zuletzt unter ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von blickpunkt musical. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2018 von … kurz vorweg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
… kurz vorweg
Titelbild der Ausgabe 2/2018 von Zwischen zwei Welten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Zwischen zwei Welten
Titelbild der Ausgabe 2/2018 von Verlieben, verloren, vergessen, verzeih
Verlieben, verloren, vergessen, verzeih'n
Titelbild der Ausgabe 2/2018 von Bruder gegen Schwester – Sohn gegen Mutter. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Bruder gegen Schwester – Sohn gegen Mutter
Titelbild der Ausgabe 2/2018 von Atomare Explosion durch abgebrochene Zaunspitze. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Atomare Explosion durch abgebrochene Zaunspitze
Titelbild der Ausgabe 2/2018 von West Science Fiction Story. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
West Science Fiction Story
Vorheriger Artikel
Zwischen zwei Welten
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Verlieben, verloren, vergessen, verzeih'n
aus dieser Ausgabe

... anderem schon bei »Rocky« oder »Das Wunder« erfolgreich durchexerziert hatte, war es daher wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch Bora Dağtekins Kassenschlager »Fack ju Göhte« seinen Weg auf die Bühne finden würde. War der Unterhaltungskonzern 2017 vor allem durch die Schließung des Berliner Prestigebaus am Potsdamer Platz in den Schlagzeilen präsent, markierte die Uraufführung von »Fack ju Göhte – Se Mjusicäl« nun gleichzeitig die Eröffnung einer neuen Spielstätte, dem Werk 7, mit der Stage Entertainment ab sofort in München Fuß fassen möchte. Und so viel sei bereits hier verraten: mit der von Autor Kevin Schroeder geschickt adaptierten Geschichte vom Ex-Knacki Zeki, der zum Lehrer wider Willen mutiert, legte man hier einen nahezu perfekten Start hin. Und sind wir einmal ehrlich, viel schief gehen konnte quasi eh nicht. »Fack ju Göhte« zählt zu den größten deutschen Kinohits der vergangenen Jahre und verehrte uns zahlreiche kultige Sprüche, die mittlerweile auf mehr als einem Schulhof zum sprachlichen Allgemeingut geworden sind und selbstverständlich auch in diesem »Mjusicäl« weiterleben.

Zwar ist der inzwischen mit Graffiti aufgehübschten ehemaligen Kartoffel-Lagerhalle eines großen deutschen Knödelherstellers selbst nach ihrem Facelifting noch immer deutlich anzusehen, dass sie in ihrem ersten Leben nicht unbedingt als Theater konzipiert war. Doch gerade im daraus resultierenden Mangel an bombastischer Bühnentechnik liegt eben auch einer der größten Pluspunkte dieser vor allem von der jugendlichen Zielgruppe heftig bejubelten Eröffnungsproduktion. Mit dem Bau eines großen Musicalhauses an der Isar hatte Stage Entertainment in der Vergangenheit ja bekanntlich schon öfter geliebäugelt. Und auch wenn sich dieses bislang nicht realisieren ließ, ist die »kleine Lösung« im Werksviertel am Ostbahnhof nun alles andere als ein Kompromiss, sondern mit rund 700 Sitzplätzen für den Marktführer vor allem eine Chance, neue Stücke und neue Formate abseits der traditionellen Guckkastenbühne auszuprobieren, die in den bestehenden Stammhäusern unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten eher als Risiko einzustufen wären.

Aber auch soviel ist sicher, dieses Haus verlangt vor allem eines: Kreativität! Und davon bringen sowohl Regisseur Christoph Drewitz als auch sein Bühnenbildner Andrew Edwards bei »Fack ju Göhte« zum Glück jede Menge mit. Sie haben den Raum zur Sporthalle des Münchner Goethe-Gymnasiums umfunktioniert, in der immer wieder neu arrangierte Turnmatten, Sprungkästen und andere aus schulischen Folterkammern bekannte Sportgerätschaften die einzelnen Schauplätze markieren. Der bewusste Verzicht auf großen Bühnenzauber erlaubt dabei rasche Szenenwechsel, die oft von den Darstellern selbst erledigt werden und das filmisch anmutende Erzähltempo unterstützen – selbst wenn gerade der erste Akt beim Abarbeiten der aus dem Kino bekannten Oneliner doch hin und wieder noch etwas Kürzungspotenzial gehabt hätte und zuweilen etwas auf der Stelle tritt.

Nicht nur optisch, auch was die musikalische Seite betrifft, hebt sich »Fack ju Göhte« wohltuend von so manch anderer klischeelastigen Einheitsware des Stage Portfolios ab. Spart das Charts-erfahrene Duo Nicolas Rebscher und Simon Triebel doch neben eingängigen Pop-Nummern auch nicht mit ghettotauglichem Hip-Hop oder hämmernden Electrobeats, zwischen die sich dann aber immer wieder mal eine genretypische Musical-Ballade mischt. Da ist dann auch schnell vergessen, dass Triebel – der neben den Erfolgen mit seiner Band »Juli« auch Künstlern wie Tim Bendzko und Mark Forster bereits einige Hits verschaffte – im Vorfeld hatte verlauten lassen, dass er Musical ja »in 80% der Fälle nicht so toll« findet. Dafür drückt er sich nämlich auch in diesem Idiom erstaunlich eloquent aus. Dass selbst die gefühlvolleren, poppigen Nummern nicht zu sehr in die Untiefen des Radio-Kitschs abdriften, ist zu einem nicht unwesentlichen Teil aber auch Johanna Spantzel zu danken, die ganz in der Rolle der schüchternen Referendarin Lisi Schnabelstedt aufgeht und dabei keineswegs nur in den ausgetretenen Pfaden ihrer Film-Vorgängerin Karoline Herfurth unterwegs ist. Und so gelingt es ihr, der nicht immer ganz klischeefreien Rolle durchaus die eine oder andere neue Facette abzutrotzen und sich zwar spät, aber dennoch nicht zu spät zur selbstbewussten Frau zu mausern. Dann darf auch der »Schweigefuchs« getrost in den Ruhestand gehen. Denn viel ausrichten konnte der in der aufmüpfigen 10b eh nicht.

Eine zusätzliche Authentizität bekommen die Szenen im Chaos-Unterricht nämlich unter anderem dadurch, dass die meisten der hochmotivierten Jungdarsteller selbst gerade noch die Schulbank drückten und frisch von der Ausbildung kommen. Doch kann dies gleichzeitig nur bedingt darüber hinwegtäuschen, dass es für einige von ihnen eben auch sicht- und hörbar die erste Großproduktion ist und die Dance-Moves in den flotten Ensemblenummern hoffentlich nach der Premiere noch an Präzision und Synchronizität gewonnen haben. Wobei es die Sache wahrscheinlich auch nicht einfacher macht, dass viele der aus dem Film bekannten Charaktere wie Chantal, Danger und Co. selten über mehr als zwei Dimensionen verfügen. Und abgesehen von Sandra Leitner, die Lisis kleine Schwester Laura mit sympathischer Bühnenpräsenz und sicher geführter Stimme verkörpert, sind die meisten leider dazu verdonnert, eine möglichst genaue Kopie ihrer Leinwandpendants zu geben und brav die bekannten Gags zu reproduzieren – was dem Spaß letzten Endes jedoch keinen Abbruch tut.

Es ist dennoch schade, dass man oft geradezu sklavisch an der Kinovorlage klebt. Denn wirklich punkten kann der Abend vor allem da, wo er sich vom Drehbuch löst und der eigenen Kreativität freien Lauf lässt. So etwa in der nun deutlich aufgepolsterten und in ihrem peinlichen Ghetto-Slang einfach hinreißenden Schultheateraufführung von »Romeo und Julia«, die sich mit so romantischen Sätzen wie »Passiert nix, hab isch Kondom dabei!« als Shakespeare 2.0 präsentiert. Viele der besten Momente gehen dabei auf das Konto von Fredrik Rydman, dessen Choreographien schon bei den schwedischen ESC-Beiträgen stets Hingucker waren. Er schöpft hier nicht nur aus seiner eigenen Streetdance-Vergangenheit, sondern inszeniert dazu beim Abstecher ins Hallenbad mit ›Spring ins kalte Wasser‹ ebenfalls ein wunderbar verspieltes Wasserballett auf trockenem Boden, bei dem wohl selbst Hollywoods Vorzeige-Nixe Esther Williams neidisch geworden wäre. Übertroffen nur noch von Lisis berüchtigter Begegnung mit einer Spritze voller Lama-Sexualhormonen, die sich hier zur knallbunten Yoga-Stunde im Bollywood-Style aufbläht und mit ›Schula, oh Schula‹ einen der nachhaltigsten Ohrwürmer des Abends parat hält.

1. Bei der aufmupfigen 10b (Ensemble) hilft Lisi (Johanna Spantzel, Mitte hinten) auch der ≫Schweigefuchs≪ nicht weiter


2. Und noch schnell ein Selfie mit gefesseltem Lehrer fur Dangers (Lukas Sandmann) Trophaensammlung


3. Lisi (Johanna Spantzel, r.) und ihre kleine Schwester Laura (Sandra Leitner) halten in allen Lebenslagen zusammen


4. Synchronschwimmen als Wahlpflichtfach funktioniert im Werk 7 auch auf trockenem Boden (Ensemble)


Fotos (4): Stage Entertainment / Detlef Overmann

Spätestens jetzt muss die Sprache natürlich auch auf Max Hemmersdorfer kommen, der als Zeki Müller in die Fußstapfen von Elyas M'Barek treten muss. Für den gelernten Schauspieler Hemmersdorfer ist die Partie des liebenswerten Ex-Knackis mit rauer Schale und weichem Kern die erste Musical-Hauptrolle, was man ihm durchaus anhört, wenn es darum geht, die eine oder andere Nummer auf Linie zu singen. Doch auch er zieht sich letzten Endes routiniert aus der Affäre und gleicht das, was ihm an Stimmpower fehlen mag, mit einer guten Portion trockenem Humor aus. Vor allem aber stimmt die Chemie zwischen ihm und seiner Lisi, deren Szenen den emotionalen Kern der Show ausmachen und von beiden ebenso ehrlich wie witzig gespielt werden.

Mehr als ein Lacher geht freilich auch aufs Konto der Klebstoff schnüffelnden Direktorin. Es ist eine regelrechte Freude, Elisabeth Ebner zuzusehen, die hier süffisant ihre verbalen Giftpfeile abfeuert und die Szene dominiert, sobald sie auch nur einen Fuß auf die Bühne setzt. Wobei sie nicht nur mit sicher gesetzten Pointen überzeugt, sondern auch stimmlich alles herausholt, was ihre dankbare Partie zu bieten hat. Ja, und dann wäre da schließlich noch der heimliche Star des Abends, Enrico Treuse. Er verkörpert mit teils sekundenschnellen Kostümwechseln gleich gefühlte zwei Dutzend kleinerer Nebenrollen – von Zekis Zellenkumpel über einen prolligen Zuhälter, den rundum tiefenentspannten Bio-Bauern oder rülpsenden Vorzeige-Hartzer bis hin zum sächselnden Lehrerkollegen – und stiehlt damit dem Rest beinahe die Show. Denn auch wenn viele seiner Episodenfiguren kaum mehr als ein oder zwei Sätze zu bieten haben, sitzt bei ihm jeder davon aufs Komma genau, trifft jeder Gag voll ins Schwarze. Hut ab vor dieser grandiosen Performance, die der unterhaltsamen, aber zuweilen auch ein wenig auf Sicherheit gespielten Show letztlich das Salz in der Suppe verleiht.

Schön aber auch, dass man am Premierenabend neben den Darstellern und der unter Leitung von Philipp Glas engagiert aufspielenden Band ebenfalls die fleißigen Backstage-Helfer unter Jubel des Publikums mit auf die Bühne zerrte. Denn auch sie haben ihr Bestes gegeben, diese keineswegs einfache Spielstätte fürs Musical zu erobern. Angelegt ist die Laufzeit von »Fack ju Göhte« zunächst auf neun Monate, wobei in der Stage-Chefetage angesichts des schon jetzt sehr gesunden Vorverkaufs anscheinend bereits laut über eine erste Verlängerung nachgedacht wird. Und man darf gespannt sein, wie es danach wohl im Werk 7 weitergehen wird. Dem Vernehmen nach sind bereits vier potenzielle Nachfolgeproduktionen in der Entwicklungsphase. Doch bis dahin darf man gerne ruhig noch ein paar Runden mit Zeki und Co. nachsitzen. Und vielleicht lässt sich bei längerer Laufzeit ja womöglich auch noch ein böser Schreibfehler auf den Plakaten korrigieren. Schließlich müsste sogar Chantal wissen, dass Du »Mjusikäl« eigentlisch rischtisch mit einem »K« schreiben tust. Da müssen die Autoren wohl selber nochmal die Schulbank drücken.

1. Nach einer unfreiwilligen Hormonspritze gibt es fur Lisi (Johanna Spantzel, Mitte mit Ensemble) Bollywood-Yoga im Rydman-Style


2. Nach einer kleinen gemeinsamen Gesetzesubertretung sieht Zeki (Max Hemmersdorfer) Lisi (Johanna Spantzel) mit neuen Augen


3. Als Alkoholbeschaffer punktet Vorzeigenerd Jerome (Robin Cadet, r.) endlich auch bei Chantal (Rebekka Corcodel, l.)


4. Direktorin Gerster (Elisabeth Ebner, r.) denkt nicht, dass Lisi (Johanna Spantzel, l.) genugend Durchsetzungsvermogen mitbringt


Fotos (4): Stage Entertainment / Detlef Overmann