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Chaos auf Zeit


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 07.12.2018

RAUSCH Unter dem Einfluss von Halluzinogenen verhalten sich neuronale Netze viel desorganisierter als sonst, erklärt der britische Neurowissenschaftler Robin Carhart-Harris. Mit seinen psychedelischen Studien will er ein neues Modell des Bewusstseins entwerfen.


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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 1/2019

Der Schweizer Chemiker Albert Hofmann entdeckte 1938 die Droge LSD – und testete ihre halluzinogene Wirkung an sich selbst.


GETTY IMAGES / AFP / FABRICE COFFRINI

UNSER AUTOR
Theodor Schaarschmidt ist Diplompsychologe und arbeitet als Wissenschaftsjournalist in Berlin.


Gegen fünf Uhr nachmittags merkte der Chemiker, dass etwas mit ihm nicht ...

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... stimmte. »Schwindel, Angstgefühl, Sehstörungen, Lähmungen, Lachreiz«, hält er in seinem Protokoll fest. Der Heimweg mit dem Rad erschien ihm beschwerlich: »Alles in meinem Gesichtsfeld schwankte und war verzerrt wie in einem gekrümmten Spiegel. Auch hatte ich das Gefühl, mit dem Fahrrad nicht vom Fleck zu kommen«, erinnert er sich. Die Nachbarin, Frau R., kam ihm plötzlich vor wie eine »bösartige, heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze.« Einige Stunden später sei die anfangs unangenehme Erfahrung dann umgeschlagen: »Jetzt begann ich allmählich, das unerhörte Farben- und Formenspiel zu genießen, das hinter meinen geschlossenen Augen andauerte. Kaleidoskopartig sich verändernd, drangen bunte phantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schließend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss.« Sogar Geräusche hätten sich in optische Empfindungen verwandelt, berichtet der Forscher: Aus dem Rauschen eines vorbeifahrenden Autos wurde so ein »in Form und Farbe entsprechendes, lebendig wechselndes Bild«.

Was der Schweizer Albert Hofmann da im Frühling 1943 erlebte, sollte später als der erste dokumentierte LSD-Trip in die Geschichte eingehen. Noch heute feiern Fans der Droge in aller Welt den 19. April in Erinnerung an Hofmanns denkwürdige Radtour als »Bicycle Day«. Dabei hatte der vorsichtige Wissenschaftler eine vermeintlich winzige Dosis von 250 Mikrogramm zu sich genommen – tatsächlich jedoch ein Vielfaches der Wirkdosis dieses hochpotenten Stoffs. Doch was in den folgenden Jahrzehnten damit geschah, war Hofmann zuwider: Der Harvard-Psychologe Timothy Leary propagierte als Guru der Hippiebewegung den Massenkonsum von LSD. Gleichzeitig missbrauchten Geheimdienste die Droge für fragwürdige Militärexperimente.

Ende der 1960er Jahre setzten dann viele Staaten die Droge auf ihre Verbotslisten. Das bedeutete auch ein jähes Ende für viele ehrgeizige Forschungsprojekte, welche etwa die bewusstseinsverändernde Wirkung der Substanz für die Psychotherapie nutzbar machen wollten. Mehrere Jahrzehnte lang wagten sich nur noch wenige seriöser Forscher an LSD und ähnliche Drogen – oder die zuständigen Ethikkomissionen und Fördergeldgeber machten ihnen einen Strich durch die Rechnung.

Das scheint sich heute radikal zu ändern. Die ehemals verschriene Substanz kehrt allmählich aus ihrer Verbannung zurück. Immer mehr Wissenschaftler verwenden LSD und verwandte Drogen für ihre Studien, nicht wenige sprechen von einer psychedelischen Renaissance in der Forschung. Seit 2014 untersuchten mehr als 30 bildgebende Studien die Wirkung dieser Stoffe. Die meisten davon stammen aus Großbritannien, der Schweiz und Spanien. Ein Forscher scheint ganz besonders entzückt zu sein von den neuen Möglichkeiten: Robin Carhart-Harris, 37, Psychologe und Leiter der psychedelischen Arbeitsgruppe am Imperial College in London.

Psychedelika als Hoffnungsträger

Er glaubt nicht, dass die Forschungsgremien laxer im Umgang mit diesen illegalen Stoffen geworden seien. Warum aber wurden dann in den letzten Jahren so viele Studien mit Psychedelika genehmigt? »Das lässt sich durch eine Art Schneeballeffekt erklären«, meint Carhart-Harris. Antragsteller könnten sich auf die vielen erfolgreichen Projekte aus den letzten Jahren berufen. »Vielleicht ist es auch eine Generationenfrage. Junge Forscher, vielleicht auch persönlich erfahren mit psychedelischen Drogen, wissen von vornherein, dass die Forschung an Substanzen wichtig ist«, so der Wissenschaftler. Er setzt große Hoffnungen auf Psychedelika: Mit ihrer Hilfe will er nicht weniger als ein neues Modell des menschlichen Bewusstseins erschaffen.

Auf einen Blick: Bruch mit der Ordnung

1 Unter dem Einfluss von psychedelischen Drogen verhalten sich Nervenzellen viel chaotischer. Zugleich wird das Denken schrankenlos, die Grenze zwischen dem eigenen Ich und der Umwelt fließend.

2 Das Ausmaß der »Entropie«, der Unordnung im Gehirn, ist entscheidend dafür, in welchem von zwei Bewusstseinszuständen wir uns befinden, glaubt der Hirnforscher Robin Carhart-Harris.

3 Wissenschaftler untersuchen den Einsatz von Psychedelika in der Psychotherapie. Der durch die Drogen induzierte außergewöhnlich offene Bewusstseinszustand könnte den Behandlungserfolg verbessern, etwa bei therapieresistenten Depressionen.

R.L. CARHART-HARRIS ET AL.: THE ENTROPIC BRAIN: A THEORY OF CONSCIOUS STATES INFORMED BY NEUROIMAGING RESEARCH WITH PSYCHEDELIC DRUGS. IN: FRONTIERS IN HUMAN NEUROSCIENCE 8, DOI: 10.3389/FNHUM.2014.00020, 2014, FIG. 3 (FRONTIERSIN.ORG/ARTICLES/10.3389/FNHUM.2014.00020/ FULL) / CC BY 3.0 (CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY/3.0/LEGALCODE)

Nach der Gabe von Psilocybin (Grafiken links, roter Balken) schwankte das so genannte BOLD-Signal bei drei Versuchsteilnehmern im Bereich des linken (blaue Linie) und rechten (grüne Linie) Hippocampus deutlicher als zuvor. Anhand des durch funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) gemessenen Sauerstoffgehalts kann indirekt auf die Aktivität bestimmter Hirnregionen geschlossen werden. Insbesondere veränderten sich die Signale stark in der rechten Hippocampusregion (farbige Bereiche in den Hirnschnitten rechts).

Carhart-Harris begeht mit seinem Ansatz zwei Tabubrüche auf einmal. Er hantiert mit illegalen Drogen und scheut sich nicht vor Begriffen wie Unbewusstes oder dem freudschen Ich, die viele Neurowissenschaftler nur ungern verwenden. Man will sich fernhalten von psychoanalytischen Theorien, die sich einer strengen empirischen Testung meist entziehen und deswegen als unwissenschaftlich gelten. Carhart-Harris sticht also in ein regelrechtes Wespennest, wenn er in seinen Artikel immer wieder auf die Theorien von Sigmund Freud zurückgreift. Der Brite bemüht sich allerdings, den alten Ideen neues Leben einzuhauchen – und prüft seine Hypothesen mit Hilfe von psychedelischen Drogen.

Mit seinen unkonventionellen Methoden will Carhart-Harris einige harte Nüsse aus der Hirnforschung knacken: Was macht den gesunden Wachzustand eines Menschen aus? Was ist das neuronale Korrelat dessen, was wir gemeinhin als Ich-Erleben bezeichnen? Und was genau geschieht im Gehirn, wenn der normale Wachzustand in eine Schieflage gerät? Um einer Antwort auf diese Fragen näherzukommen, unterscheidet der Forscher zwei grundlegend verschiedene Ich-Zustände: Da wäre zunächst das sekundäre Bewusstsein. Das ist gewissermaßen der Alltagszustand, also jener, in dem Sie (höchstwahrscheinlich) gerade diese Zeilen lesen. Denn unter gewöhnlichen Bedingungen versuchen wir, die Welt präzise wahrzunehmen, Überraschungen zu minimieren und Erlebtes kritisch zu reflektieren.

Das primäre Bewusstsein hingegen sei gekennzeichnet durch einen schrankenlosen Denkstil und einen sorglosen Umgang mit den Einflüssen von außen – bis hin zu einem Gefühl des Einsseins mit dem Universum. Bisweilen könnten wir kaum noch zwischen dem eigenen Ich und unserer Umwelt unterscheiden; die Grenzen verschwimmen. In diesem Ausnahmezustand seien wir anfällig für magisches Denken und Paranoia und hätten eine Vorliebe für Übernatürliches. Personen erleben ihn häufig als positiv, mystisch und religiös; viele halten ihn für eine Grundlage des kreativen Schaffens. Und tatsächlich kamen etwa Probanden, die eine winzige Menge halluzinogener Pilze konsumiert hatten, in einem 2018 veröffentlichten Experiment auf originellere Ideen als eine Kontrollgruppe.

Anarchie im Gehirn
Carhart-Harris versteht das primäre Bewusstsein als Atavismus, einen Rückfall in ein früheres Stadium evolutionärer Entwicklung. In einen solchen regressiven Zustand geraten Menschen beispielsweise in bestimmten Traumphasen, bei psychedelischen Trips oder zu Beginn einer Psychose. Die üblichen Regeln und Beschränkungen des menschlichen Denkens seien dann außer Kraft gesetzt, hier herrsche Anarchie im Nervensystem (siehe Grafik auf S. 17).

Doch was unterscheidet das primäre vom sekundären Bewusstsein auf neuronaler Ebene? Hier kommt ein Begriff ins Spiel, den Carhart-Harris aus der Wärmelehre entlehnt hat: Entropie. Salopp gesagt die Unordnung eines Systems. Prozesse in so komplexen Netzwerken wie dem Gehirn laufen fast nie ganz geordnet ab, aber auch nicht vollkommen chaotisch. Das jeweilige Ausmaß an Zufälligkeit lässt sich mit neurowissenschaftlichen Methoden abschätzen. Narkoseärzte machen sich das beim so genannten Entropie-Monitoring zu Nutze, welches mittels Elektroden Spannungsschwankungen an der Kopfoberfläche misst. Dabei gilt: Je gleichförmiger das gemessene Signal, desto tiefer ist die Anästhesie. Wacht der Patient allmählich auf, wird es immer unregelmäßiger.

Robin Carhart-Harris vermutet, das Chaos im Nervensystem sei für die tief greifenden psychologischen Effekte von LSD verantwortlich

KURZ ERKLÄRT:

Halluzinogene sind Drogen, die das Bewusstsein verändern und die Sicht auf die Realität verzerren.LSD (Lysergsäurediethylamid) ist eines der stärksten bekannten Halluzinogene. Die zur Herstellung der synthetischen Droge notwendige Lysergsäure wird aus dem Mutterkorn gewonnen, einem giftigen Getreidepilz (oben). Einen ähnlichen Rauschzustand löst auchPsilocybin aus. Es ist in psychoaktiven Pilzen wie dem in Mitteleuropa verbreiteten Spitzkegeligen Kahlkopf (unten) enthalten.

ACCIPITER: R. ALTENKAMP, BERLIN (COMMONS.WIKIMEDIA.ORG/WIKI/FILE:MUTTERKORN_090719.JPG) / CC BY-SA 3.0 (CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY-SA/3.0/LEGALCODE)

ARP (MUSHROOMOBSERVER.ORG/IMAGE/SHOW_IMAGE/6514) / CC BY-SA 3.0 (CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY-SA/3.0/LEGALCODE)

Im primären Bewusstseinszustand – etwa während eines Trips – weist das Gehirn laut Carhart-Harris’ Theorie mehr Entropie auf als im normalen Wachzustand. Die Signale verlaufen viel ungeordneter als im gewöhnlichen, sekundären Bewusstsein. Normalerweise würden neuronale Mechanismen die Entropie aktiv unterdrücken, um einen geordneten Ablauf sicherzustellen. Diese versagen unter dem Drogeneinfluss jedoch, so die Vermutung.

Frei umherziehende Gedanken, lebhafte Eindrücke
Um seine Hypothese zu testen, lud Carhart-Harris’ Arbeitsgruppe 15 Freiwillige für ein ungewöhnliches Experiment ein. Alle waren älter als 21, ohne psychiatrische Vorgeschichte und erfahren im Umgang mit psychedelischen Drogen – so wollte es der Versuchsplan. Bevor sich die Teilnehmer in einen Hirnscanner begaben, bekamen sie nach dem Zufallsprinzip ein Placebo oder Psilocybin in die Venen gespritzt. Das ist der psychedelische Wirkstoff aus den »Zauberpilzen«, dem LSD nicht unähnlich. Unter dem Einfluss der Droge erzählten die Versuchspersonen, ihre Gedanken würden vermehrt frei umherziehen, sie berichteten von ungewöhnlichen körperlichen Empfindungen und einer lebhaften Vorstellungskraft – das deckt sich mit vielen bekannten Erfahrungsberichten.

Weitaus überraschender waren die Ergebnisse der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT): Bestimmte Hirnegionen wie der mediale präfrontale Kortex und der posteriore zinguläre Kortex, die sonst eng miteinander gekoppelt waren, agierten nun unabhängiger voneinander. Auch die Unordnung der Signale schien unter dem Einfluss von Psilocybin zuzunehmen. Dazu betrachteten die Forscher, wie sehr sich die Signalstärke der einzelnen Datenpunkte in den fMRT-Aufnahmen vom Gruppenmittel unterschied. Bekamen die Probanden lediglich ein Placebo gespritzt, agierten Nervenzellen eher einheitlich. Nach Gabe von Psilocybin wichen die Signalstärken in den einzelnen Datenpunkten plötzlich viel stärker von den Durchschnittswerten ab, sprich: Das neuronale Netzwerk verhielt sich plötzlich viel chaotischer.

Das 2012 veröffentlichte Experiment lieferte Robin Carhart-Harris und seinem Team einen ersten Hinweis darauf, dass an ihrer Entropie-Vermutung tatsächlich etwas dran sein könnte. Zwar konnte seine eher rudimentäre Messung noch keine exakte Auskunft über das tatsächliche Ausmaß an Entropie im Gehirn geben. Dennoch zeigt sie, dass sich bestimmte neuronale Netzwerke unter dem Einfluss der psychedelischen Droge viel desorganisierter verhalten. Seither erschienen weitere Studien, die mit anderen Messmethoden zu ähnlichen Ergebnissen kamen. Michael Schartner und seine Kollegen spritzten Testpersonen entweder niedrig dosiertes Ketamin, LSD, Psilocybin oder ein Placebo. Anschließend maßen sie mit Hilfe der Magnetenzephalografie (MEG) die elektromagnetische Aktivität des Gehirns. Schartners Team entdeckte, wie die MEG-Signale nach der Injektion plötzlich deutlich stärker variierten als in der Kontrollbedingung. Auch hier schien sich zu bestätigen: Unter Drogeneinfluss war die Entropie im Gehirn messbar erhöht.

Carhart-Harris’ Thesen gehen allerdings noch ein ganzes Stück weiter: Er vermutet, dass dieses Chaos auf Zeit im Nervensystem direkt für die tief greifenden psychologischen Effekte von LSD und ähnlichen Substanzen verantwortlich sei. So berichteten in einem 2016 veröffentlichten Experiment seiner Arbeitsgruppe vor allem jene Probanden davon, unter LSD sei die Grenze zwischen dem eigenen Ich und der Umwelt fließend, die eine reduzierte Kommunikation in einem Netzwerk von Arealen aufwiesen, die sonst beim Nichtstun aktiv sind. Insbesondere die Aktivitäten des parahippocampalen und des retrosplenialen Kortex waren entkoppelt. Ebenso erlebten vor allem jene Teilnehmer optische Halluzinationen, bei denen sich im visuellen Kortex ein erhöhter Blutfluss und eine verminderte Alpha-Wellen-Aktivität zeigten.

So ein Entropiehoch könnte dabei helfen, Stereotype und rigide Denkmuster aufzubrechen, glaubt Carhart-Harris. Tatsächlich zeigte die Psychologin Katherine MacLean 2011, wie nachhaltig sich Psilocybin auf die Persönlichkeit auswirken kann: Selbst 16 Monate nach der Einnahme des Halluzinogenes zeigten die meisten Teilnehmer eine deutlich erhöhte Offenheit für neue Erfahrungen in einem Persönlichkeitstest. Doch ob die kurzfristig desorganisierende Wirkung der Droge im Gehirn ursächlich für diesen Effekt war, bleibt unklar.

Verändert Psilocybin die Persönlichkeit?
Bei einer Studie von 2018, an der auch Carhart-Harris beteiligt war, wiesen die Probanden, die an einer therapieresistenten Depression litten, drei Monate nach der Einnahme von Psilocybin ebenfalls eine höhere Offenheit für neue Erfahrungen und Extraversion sowie geringere Neurotizismuswerte auf. Auch andere Depressionsbehandlungen reduzieren das Ausmaß an Neurotizismus, doch die erhöhte Offenheit und Extraversion war erstaunlich. Diese Veränderungen könnten daher auf den psychedelischen Effekt zurückzuführen sein, vermuteten die Forscher. Zudem hing die Art, wie der Rauschzustand wahrgenommen wurde, und die dabei erlebte Einsicht offenbar mit den Persönlichkeitsveränderungen zusammen.

Carhart-Harris will noch einen weiteren Unterschied zwischen den primären und sekundären Bewusst-seinszuständen ausgemacht haben: das Maß an »Kritikalität «. Damit bezeichnet man eine vertrackte Eigenschaft von Systemen, die aus sehr vielen ähnlichen und miteinander verknüpften Elementen bestehen. Gemeint ist ein besonderer Zustand am Wendepunkt zwischen Ordnung und Chaos. Das lässt sich gut an einem Stundenglas beobachten. Wenn Sand in den unteren Glaskolben rinnt, bildet sich dort ein kegelförmiger Haufen. Kommt dann neuer Sand hinzu, löst dieser oft kleine Lawinen aus, die die Basis ausweiten und neuen Platz an der Spitze schaffen. Die Lawinengrößen folgen dabei einer so genannten Potenzverteilung: Man kann viele kleine Lawinen beobachten, aber nur sehr wenig große. Diese stetigen Umbrüche helfen also dabei, dass der Sandhügel immer wieder zu seiner typischen Form zurückkehrt.

Die Theorie vom entropischen Gehirn

Laut dem Neuroforscher Robin Carhart-Harris ist das Ausmaß an Entropie, also an neuronaler Unordnung im Gehirn, entscheidend dafür, in welchem Bewusstseinszustand wir uns befinden. Im Tiefschlaf verläuft die Hirnaktivität eher gleichförmig. Während eines LSD-Rauschs nimmt die Entropie hingegen deutlich zu, vermutet der Wissenschaftler.
nach Front. Hum. Neurosci. 10.3389/fnhum.2014.00020, 2014, Neuropharmacol 10.1016/j.neuropharm.2018.030.010, 2018

Unter dem Einfluss der psychedelischen Droge Psilocybin (oben) war die Kommunikation des dorsolateralen präfrontalen Kortex mit einer Reihe von Arealen, die ebenfalls beim Nichtstun aktiv sind, im Vergleich zu vorher (unten) reduziert.


R.L. CARHART-HARRIS ET AL.: THE ENTROPIC BRAIN: A THEORY OF CONSCIOUS STATES INFORMED BY NEUROIMAGING RESEARCH WITH PSYCHEDELIC DRUGS. IN: FRONTIERS IN HUMAN NEUROSCIENCE 8, DOI: 10.3389/FNHUM.2014.00020, 2014, FIG. 2C (FRONTIERSIN.ORG/ARTICLES/10.3389/FNHUM.2014.00020/FULL) / CC BY 3.0 (CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY/3.0/LEGALCODE)

Mit dieser »selbstorganisierten Kritikalität« versuchen Wissenschaftler, eine Vielzahl unterschiedlicher Phänomene zu erklären – etwa Plattentektonik, Waldbrände oder Magnetismus. Auch im Gehirn lassen sich lawinenartige Entladungen von miteinander verknüpften Nervenzellen beobachten, die diesem Potenzgesetz folgen. Deswegen vermuten einige Forscher, auch das Gehirn organisiere sich von selbst so, dass es sich stets nahe der Kritikalität befindet – denn so sollen neuronale Netzwerke am effektivsten arbeiten können. Die Idee ist allerdings umstritten, noch ist die Beweislage eher dünn.

Was hat das nun mit LSD und Zauberpilzen zu tun? Während des gewöhnlichen sekundären Bewusstseinszustands befindet sich das Gehirn laut Carhart-Harris kurz vor dem Punkt der Kritikalität. Doch im primären Zustand würde diese magische Grenze überschritten – das Gehirn befinde sich dann im Zustand des »Superkritischen«. Die Entladungen seien dann nicht nur viel chaotischer als unter normalen Bedingungen, sondern auch instabiler und anfälliger für Einflüsse von außen. »Das könnte die Überempfindlichkeit für Umweltreize erklären, die für den psychedelischen Zustand so typisch ist«, so der Forscher.

In der Tat reagieren viele Menschen während psychedelischer Trips außergewöhnlich sensibel für äußere Reize. Schon Timothy Leary sprach in den 1960er Jahren davon, wie Set und Setting, also der innere Gemütszustand und die äußere Reizumwelt, einen Drogenrausch maßgeblich beeinflussen können: Schließlich können Trips mit ein und derselben Droge sehr unterschiedlich verlaufen – Nutzer erzählen von inspirierenden Traumreisen, aber auch von bizarren Horrortrips. Manchmal können schon kleine Reizänderungen einen raschen Umschwung bewirken.

Furcht einflößendes Klavierkonzert
Dieses Phänomen zeigte sich auch in einer 2018 erschienen Therapiestudie des britischen Neurowissenschaftlers Mendel Kaelen. Dessen Team verabreichte Patienten mit behandlungsresistenten Depressionen eine hohe Dosis synthetisches Psilocybin. Dann sollten sie es sich in einem kuschelig eingerichteten Zimmer gemütlich machen, eine Schlafmaske aufsetzen und klassischer Musik lauschen. Doch nicht alle erfreuten sich an Beethovens 5. Klavierkonzert: Nur ein Teil der Patienten erlebte die Musik als angenehm und beschrieb eine Harmonie mit dem Erlebten. Auf andere wirkte sie hingegen unangenehm oder gar Furcht einflößend. Tatsächlich sagte die Reaktion eines Patienten auf die Musik voraus, wie sehr sich seine depressiven Symptome in den sieben Tagen nach dem Trip verbesserten. Die Intensität des Rauschs hatte hingegen keinen Einfluss auf die Stimmung. Allerdings verzichteten die Forscher auf eine Kontrollgruppe. Auch deshalb bleibt unklar, ob das musikalische Erlebnis wirklich die Verbesserung der Symptomatik verursachte.

Auch Carhart-Harris’ These der erhöhten Kritikalität während außergewöhnlicher Bewusstseinsphasen lässt noch viele Fragen offen. Psychedelische Drogen bewirken tatsächlich bei vielen Menschen eine bemerkenswerte Offenheit gegenüber Einflüssen von außen. Jedoch konnte der Forscher bislang nicht beweisen, dass sich das tatsächlich auf einen superkritischen Zustand im Gehirn zurückführen lässt. Ein erstes Indiz stammt von Wissenschaftlern von der University of Auckland. Sie erfassten mittels verschiedener bildgebender Verfahren potenzverteilte Aktivitätsmuster, um herauszu-finden, wie rhythmisch oder arhythmisch sich die elektrische sowie elektromagnetische Aktivität der Hirnrinde verhielt. Unter Einfluss von LSD und Ketamin veränderten sich die gemessenen Spannungsschwankungen, genauer der Alpha- und der Beta-Rhythmus.

Solche Potenzverteilungen sind typisch für kritische Zustände. Deswegen wertet Carhart-Harris die Studie als Beleg dafür, dass psychedelische Drogen die Kritikalität des Gehirns beeinflussen. Doch ob es wirklich genau diese neuronalen Effekte sind, die Drogennutzer während ihrer Trips so anfällig für Umweltreize machen, bleibt offen. Die gefundenen Aktivitätsmuster müssen nicht zwingend für das Vorliegen von Kritikalität sprechen. Es gibt auch andere Erklärungen dafür.

Ungeachtet dessen tüfteln einige Forscher wieder vermehrt daran, mit Hilfe von LSD und artverwandten Drogen psychische Störungen zu behandeln. Die Idee dahinter: Der außergewöhnlich offene Bewusstseinszustand könnte als Katalysator für die Psychotherapie dienen (ein Streitgespräch zum Thema lesen Sie in Gehirn&Geist 11/2018, S. 52). Neu ist das nicht. Schon seit den 1950er Jahren erprobten Forscher, wie mit einer psycholytischen Therapie etwa Alkoholismus oder »neurotische« Leiden behandelt werden könnten. Leider waren viele der Studien methodisch unsauber oder schlecht dokumentiert. Mit dem Verbot dieser Drogen versandeten auch die Versuche, Psychedelika in der Therapie zu etablieren.

Halluzinogene für die Psychotherapie
Doch auch in der Therapieforschung erlebten die umstrittenen Substanzen in den letzten Jahren eine Wiedergeburt. Davon zeugen viele neuere Therapiestudien, die Psilocybin, LSD oder den Pflanzensud Ayahuasca zur Behandlung psychischer Störungen einsetzen – etwa bei behandlungsresistenten Depressionen, Alkoholabhängigkeit, Nikotinsucht oder Zwangsstörungen. Der Schweizer Psychiater Peter Gasser erprobt LSD in der Palliativmedizin: Die Substanz soll Menschen mit unheilbaren Krankheiten dabei helfen, einen besseren Umgang mit ihrem bevorstehenden Tod zu finden. Der Mediziner betont freilich, dass die Substanz eine psychologische Begleitung keinesfalls ersetzen könne. Sie sei in eine Therapie eingebettet und nicht wie ein Blutdruckmittel, das man täglich zu Hause einnehme.

Tatsächlich profitierten viele seiner Patienten von der außergewöhnlichen Reise und berichteten, nun weniger Angst vor dem Sterben zu haben. Auch depressive Patienten erlebten in den Wochen nach dem Trip eine deutliche Verbesserung ihrer Symptome. Doch die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. Eine klassische Verblindung, wie bei klinischen Studien üblich, greift bei psychedelischen Drogen nicht: Ob es sich um eine Wirksubstanz oder ein Placebo handelt, spüren sowohl Teilnehmer als auch Personal meist schnell. Zudem lässt sich in der Auswertung nur schwer auseinanderhalten, welchen Anteil die Droge selbst leistet – und was aufs Konto der psychologischen Betreuung geht.

Bleibt noch die Frage: Wie ergeht es den Patienten während ihrer Trips im Dienst der Wissenschaft? Ernste Nebenwirkungen bleiben zumeist aus. Zwar erlebten einige Angstzustände, Paranoia, Kopfschmerzen oder Übelkeit. Bleibende Schäden aber erlitt kein Proband. Auch die Teilnehmer in Carhart-Harris’ bildgebenden Studien überstanden ihre psychedelische Laborerfahrung problemlos – trotz der Enge und den lauten Klopfgeräuschen des Hirnscanners. »Wir hatten in mehr als 100 psychedelischen fMRT-Durchläufen erst einen Freiwilligen, der uns bat, den Scanner wieder verlassen zu dürfen. Es ist also definitiv machbar.« ★

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Darf man Halluzinogene in der Psychotherapie einsetzen? Über die Chancen und Risiken der psycholytischen Therapie und weitere neue Behandlungsansätze informiert das neueGehirn&Geist-Dossier :

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QUELLEN

Carhart-Harris, R. Let. al.: The Entropic Brain: A Theory of Conscious States Informed by Neuroimaging Research with Psychedelic Drugs.

In: Frontiers in Human Neuroscience 10.3389/fnhum.2014.00020, 2014

Carhart-Harris, R. L.: The Entropic Brain – Revisited.

In: Neuropharmacology 10.1016/j.neuropharm.2018.030.010, 2018

Muthukumaraswamy, S. D., Liley, D. T.: 1/f Electrophysiological Spectra in Resting and Drug-Induced States Can Be Explained by the Dynamics of Multiple Oscillatory Relaxation Processes.

In: Neuroimage 179, S. 582–595, 2018

Schartner, M. M. et. al.: Increased Spontaneous MEG Signal Diversity for Psychoactive Doses of Ketamine, LSD and Psilocybin.

In: Scientific reports 10.1038/srep46421, 2017

Weiter Quellen im Internet: www.spektrum.de/1606798