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Chaos im Kopf


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myself - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 08.06.2022
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Tamara Spielmann, 45, weiß, spätestens seit ADHS bei ihr diagnostiziert wurde, woher ihre Wut kommt.

Die Idylle lebt. Rehe äsen am Waldrand, ein Traktor rattert in der Ferne, Häuser mit gepf legten Vorgärten verstärken das Fast-zu-schön-um-wahr-zusein-Feeling. Anders als in größeren Städten, wo man an jeder Ecke mit dem Glanz und Elend des Menschseins konfrontiert wird, ist hier, in diesem Spessart-Örtchen, alles heileweltmäßig aufgehübscht. Jeder kennt jeden, so stellt man sich das vor, jeder weiß fast alles über die anderen. Und das, was niemand wissen darf, Dramen, Zusammenbrüche, Süchte, Abstürze, wird womöglich hinter all den sorgsam rausgeputzten Fassaden versteckt.

Doch es gibt eine, die den Mut hat, über ihre persönlichen Dramen und Abstürze, aber auch über ihre Stärken und Erfolge offen zu sprechen. Sie heißt Tamara Spielmann und sitzt auf der Terrasse vor einem Haus mit Traumblick ins Tal. Die 45-Jährige wirkt empathisch, ihr Blick ist warm und offenherzig. So wie viele feinfühlige ...

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... Menschen hat sie etwas Ungeschütztes, man kann sich gut vorstellen, dass sie das Leben intensiver wahrnimmt, Gefühle eher auslebt als viele dieser obercoolen Leute, die sich mit imaginären Airbags panzern, um ja nicht verletzt zu werden. Sie kann traurig sein, aber sich auch aus ganzem Herzen freuen – eine große, beglückende Gabe. Ihre wollige Hündin kommt angewuselt und zeigt, wie toll sie Pfötchen geben kann, doch Tamara Spielmann will reden, über die Krankheit, die schon lange ihr Leben bestimmt: ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Und die bei ihr, wie bei den meisten Frauen, gerade in Kindheit und Jugend völlig andere Symptome aufwies als bei Jungs, was dazu führt, dass Mädchen und Frauen jahrzehntelang stark unter ihren Schwächen leiden, bevor sie, wenn überhaupt, richtig diagnostiziert und behandelt werden.

„Wenn ich mit meiner Geschichte Frauen, die nicht wissen, dass sie ADHS haben, helfen und manch einer sogar das Leben retten könnte, wäre ich sehr glücklich“, sagt Tamara Spielmann. Sie deutet auf die Haustür: „Hier habe ich Anfang letzten Jahres gesessen, starke Tranquilizer geschluckt und Whisky hinterhergekippt.“ Die Trennung von ihrem Ehemann, die Angst, die zwei Kinder zu verlieren; all das warf sie aus der Bahn. Sie wollte Schluss machen und informierte doch rechtzeitig ihre Cousine. „Ein Hilfeschrei.“

Sie kam in die Psychiatrie, blieb dort fünf Wochen und begann, über sich nachzudenken. Dieser Suizidversuch war der letzte von vielen Zusammenbrüchen in ihrem Leben. Und zugleich der Beginn von etwas Neuem, von Hoffnung, Selbsterkenntnis. „Wir sollten reingehen“, sagt sie unvermittelt, doch zu viele gespitzte Ohren um uns rum. Drinnen herrscht Umzugschaos, demnächst verlässt sie das Haus, in dem sie mit ihrer Familie gelebt hat. Der elfjährige Sohn wohnt beim Vater, die Tochter, 13, zieht mit ihr ins neue Zuhause, das man von hier aus sehen kann.

Scheidung, die Geburt der Kinder, Jobverlust – solche Einschnitte können bei Menschen mit ADHS dazu führen, dass sie den Halt verlieren. Gerade Frauen merken manchmal erst, wenn sich das Leben radikal ändert, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. „Als ich zum ersten Mal Mutter wurde, brach das Ungeheuer, das jahrzehntelang in mir geschlummert hatte, aus mir heraus.“ Ein scheinbar normaler Abend nach einem anstrengenden Tag, die Tochter war ein paar Wochen auf der Welt. Tamara hatte Kartoffelgratin gekocht und wollte sich zum Essen setzen, da fing das Kind an zu schreien. Ohnmächtig vor Wut nahm sie den Löffel, hackte auf das Gratin ein. So fest, dass die Schüssel brach, das Essen durch die Luft f log. „Da war etwas Bestialisches in mir, das ich nicht kannte. Als hätte ich ein zweites Gesicht.“ Noch immer ist sie entsetzt über das, was da passierte. „Es hätte auch das Kind treffen können“, sagt sie leise und starrt vor sich hin.

Nach diesem Ausbruch spuckte das Wutmonster immer wieder Gift und Galle. Tamara Spielmann warf Gläser an die Wand, schrie die Kinder an, bis sie heiser war. Acht Jahre lang wusste sie nicht, was mit ihr los ist, verzweifelt rannte sie von Arzt zu Psychologin, wurde depressiv, ging zur Demenz-Ambulanz, zum Mut-tut-gut-Kurs, in die psychosomatische Reha und schluckte Antidepressiva, die nicht halfen. Ihr leidvoller Irrweg endete vor drei Jahren bei Astrid Neuy-Lobkowicz. Die Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie mit Praxen in Aschaffenburg und München ist eine der wenigen niedergelassenen Ärzte, die sich auf ADHS bei Erwachsenen spezialisiert hat. Versiert stellte sie bei ihr die richtige Diagnose.

„Es gibt zwei Formen des Syndroms: die hypoaktive (ADS) und die hyperaktive (ADHS) Variante“, erläutert die Expertin. Gerade in der Kindheit zeigen sich große geschlechtsspezifische Unterschiede: „Bei Jungs überwiegt der hyperaktive Typ, sie sind getrieben, impulsiv, leiden oft unter dem bekannten Zappelphilipp-Syndrom. Betroffene Mädchen sind meist hypoaktiv, also aufmerksamkeitsgestört, verpeilt und desorganisiert.“ Vereinfacht gesagt: Jungs explodieren, schleudern ihre Gefühle in die Welt.

„Als ich zum ersten Mal Mutter wurde, brach das Ungeheuer aus mir heraus“

Mädchen implodieren, heulen. Der Leidensdruck der ADS-Mädchen ist immens: „Wegen ihrer enormen Ablenkbarkeit und Motivationsstörung können sie ihr Potenzial und ihre Intelligenz oft nicht richtig nutzen und bleiben unter ihren Möglichkeiten.“ Sie fallen kaum auf, werden viel zu spät oder gar nicht diagnostiziert. Bei erwachsenen Frauen und Männern ist meist eine Kombination aus hypo- und hyperaktiven Anteilen zu finden: „Sie sind einerseits verträumt und desorganisiert, innerlich unruhig und getrieben. Sie kommen schlecht in die Gänge, vergessen Termine, reagieren unter Stress impulsiv.“

Rund fünf Prozent der Gesamtbevölke- rung leiden im Erwachsenenalter unter AD(H)S, also über vier Millionen Menschen, die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Der Grund: Nur wenige Fachärzte und Psychologen kennen sich mit der Erkrankung aus. Oft würden Ärzte Medikamente gegen Begleiterkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Suchtverhalten verschreiben, doch ohne Kenntnis der AD(H)S-Symptomatik werde den Patienten nicht ausreichend geholfen, so die Expertin.

Dabei gibt es klare Kriterien für die Diagnose und Behandlung. Ein Blick zurück in die Kindheit der Patienten ist für den Befund unerlässlich und auch für die Betroffenen aufschlussreich; meist reihen sich gefühlte Misserfolge wie Schulprobleme, abgebrochene Ausbildungen, ständige Jobwechsel und gescheiterte Beziehungen aneinander.

„In der Kindheit habe ich mich immer anders, falsch gefühlt“, sagt Tamara Spielmann. Launisch, als Dauer-Versagerin. Ihre Mutter, alleinerziehend und überarbeitet, wurde für sie zeitweise zum Angstfaktor: „Ich habe gelernt, in ihrem Gesicht zu lesen und mich ihren Stimmungen anzupassen.“ Erschrocken beobachtete sie ähnliche Verhaltensweisen bei ihrer Tochter: „Der Gedanke, dass meine Kinder Angst vor mir haben könnten, tut mir entsetzlich weh.“ Manches von früher hat sie verdrängt, sie erinnert sich an verpatzte Prüfungen, an Freundinnen, die gingen, ohne dass sie wusste, warum. Nach einer Optikerlehre wurde sie nicht übernommen, doch in einem Fabrikjob, wo man sie schätzte, blühte sie auf. Bis sie ihren Mann traf und schwanger wurde. Schreiende Babys, der Mann ständig auf Achse, null Erfolgserlebnisse; die Hausfrauen- und Mutterrolle deprimierte und überforderte sie zutiefst. „Wir ADHSler brauchen eine feste Struktur, um uns aufgehoben zu fühlen. Unberechenbare Ereignisse, wie sie mit kleinen Kindern ständig passieren, können das Gerüst, das uns zusammenhält, plötzlich zum Einstürzen bringen“, weiß sie heute.

Es betrifft hierzulande über vier Millionen Erwachsene

Die Diagnose vor drei Jahren war einerseits eine Erleichterung, jetzt nimmt sie täglich ein Amphetamin, das ihre Emotionen deckelt.

Doch sie stürzte sie auch in eine schwere Identitätskrise. „Bin ich nur die Krankheit, oder habe ich einen eigenen Charakter?“, fragte sie sich. Zur gleichen Zeit wurde auch bei ihrem Sohn ADHS diagnostiziert. „Oft sind mehrere Familienmitglieder betroffen, die Krankheit ist erblich“, so Astrid Neuy-Lobkowicz.

Unter günstigen Umweltbedingungen, wie guter Förderung, Sport, engagierten Eltern, finanzieller Sicherheit, entwickeln sich ADHS-Betroffene besser als in weniger gut aufgestellten Familien.

Die Gefahr, dass sie häufiger scheitern und Begleiterkrankungen entwickeln, ist deutlich erhöht.

Bei Tamara Spielmann kam die Wende erst vor eineinhalb Jahren, nach ihrem Suizidversuch. Sie wisse nun, dass sie trotz der Medikamente an sich selbst arbeiten muss, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Sie begreift die Trennung vom Ehemann, den Umzug als echten Neuanfang. Lernt, sich nicht zu überfordern, sich für ihre Kreativität, ihre Einsatzbereitschaft wertzuschätzen. Sie will das Leben mit dem neuen Freund Michael und den Kindern genießen. Aber vor allem: sich selbst mögen. Genau so, wie sie ist. ❚

Schnelle Hilfe

Was die Expertin Betroffenen rät

❚ Sich objektiv über AD(H)S informieren, ideal: Fachliteratur wie die Leitlinien der Bundesärztekammer, die von führenden Universitätsprofessoren entwickelt und aktualisiert werden.

❚ Erwachsene Betroffene wenden sich an AD(H)S-Ambulanzen in großen Städten. Wer keinen Termin bekommt, informiert sich bei Selbsthilfegruppen über therapeutische Angebote.

❚ Stressfaktoren wie Zeitdruck, Überlastung, Hunger, Lärm, Schlafmangel vermeiden.

❚ Regelmäßiges Ausdauertraining reduziert Symptome wie innere Unruhe, Impulsivität und Unausgeglichenheit deutlich.