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CHINA: LENINS TECHIES


manager magazin - epaper ⋅ Ausgabe 7/2018 vom 22.06.2018
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Bildquelle: manager magazin, Ausgabe 7/2018

ROTER OKTOBER
Chinas KP ergänzt beim 19. Parteitag im Herbst 2017 ihr Statut und definiert den Sozialismus neu: „mit chinesischen Kennzeichen für eine neue Ära“. Sie glaubt damit, dem Westen überlegen zu sein


CRAZY DISRUPTOR
Alibaba-Gründer Jack Ma zieht zum Firmengeburtstag auf der Bühne eine ganz spezielle Show ab: Er tanzt mit Michael-Jackson- Kostüm und Maske. Als Beleg für unangepasstes Unternehmertum.


CHINA

Unter dem starken Mann Xi Jinping unternimmt das Land ein historisches Groß - experiment: In straffer Disziplin soll die Volksrepublik zum Innovationsführer werden. Aber wie passt kreatives ...

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... Denken zu KP-Gehorsam?

Wenn Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping auf Reisen geht, hat seine Entourage stets mehrere Smartphones der halbstaatlichen Firma ZTE im Gepäck. Schenkten die Herrscher ihren Gastgebern bei Staatsbesuchen früher Porzellan oder Seide, sind es heute die mobilen Alleskönner.

Die Botschaft an die Welt ist klar: Wir können auch Hightech.

Kein Unternehmen verkörpert diesen Wandel so sehr wie ZTE aus Shenzhen, neben dem privaten Konkurrenten und Lokalrivalen Huawei der technologische Vorzeigekonzern Chinas. Beide dominieren den globalen Telekommarkt, nicht mit Handys, sondern mit der Infrastruktur, die das mobile Telefonieren erst möglich macht. Beide liegen inzwischen weltweit an der Spitze im Anmelden von Patenten. Beide beschäftigen eine Armada von Zehntausenden Forschern und Ingenieuren in ihren Labors. Beide schicken sich an, die neue 5G-Technologie global zu beherrschen. Beide sind der Stolz der Führung in Peking.

Und dann passiert das: ZTE steht vor dem Kollaps, wesentliche Teile des Betriebs werden im Mai stillgelegt. Grund: Die USA haben eine Liefersperre für Chips verhängt. Weil der Konzern im großen Stil verbotene Geschäfte mit dem Iran und Nordkorea betrieb, dürfe er bis 2025 keine Chips mehr aus den USA beziehen.

Brutal führten die Amerikaner den Chinesen vor, wie abhängig sie noch sind. Rund 90 Prozent der in China benötigten Chips stammen aus dem Ausland. Donald Trump diktierte harsche Bedingungen (plus eine Milliarde Dollar Strafgeld), bevor er Pekings Techliebling einen Gnadendeal gewährte.

Der Fall ZTE hat Chinas Hightechambitionen einem harten Realitätscheck unterzogen. Trotz aller Erfolge zeigt sich: Bis zur technologischen Unabhängigkeit oder gar Dominanz fehlt es dem Schwellenland noch immer an Exzellenz.

Dabei ist Innovation der Schlachtruf, mit dem die Staatsführung die letzte Runde der Aufholjagd gegenüber dem Westen ausruft. Sie sei „die wichtigste Triebkraft der Entwicklung“, beschwor Xi Jinping vergangenen Herbst auf dem Parteitag. Nur durch Innovationen könne China mit einem froschartigen Satz („Leapfrogging“) in die Liga der Großmächte aufsteigen und den USA Paroli bieten.

350 KM/H
soll der neueste Hoch - geschwindigkeitszug im Regelbetrieb schaffen. Der staatseigene Hersteller CRRC zählt zu Chinas Techikonen – hier Parteichef Xi (M.) beim Besuch.


Die industriellen Revolutionen der vergangenen 250 Jahre haben die Chinesen verschlafen. Das Reich der Mitte, das einst Papier und Buchdruck, den Kompass und das Schwarzpulver erfunden hatte, verfiel zum Armenhaus. Die Digitalisierung will das wieder erwachte China nun nutzen, um zu alter Stärke zurückzufinden. So wie es das nationale Selbstverständnis seit je vorsah.

Moderne Planwirtschaft

Dazu hat die Regierung jede Menge Pläne und Programme aufgelegt. Wie ein Schwamm saugt China seit Jahren die Technologien des Auslands auf, errichtet Schutzmauern um seinen riesigen Binnenmarkt und treibt zugleich die eigene Wirtschaft in scharfen internen Wettbewerb.

„Made in China 2025“ ist der neue Masterplan, in dem die zehn wichtigsten Industrien und Technologien definiert werden, in denen das Land aufholen soll. 2030 will Peking zu den führenden Technologienationen gehören, 2049 dann – pünktlich zum 100. Geburtstag der Volksrepublik – die Nummer eins der Welt sein.

Doch kann das wirklich gelingen in einem rigiden System, das unter dem starken Xi Jinping immer mehr zum Leninismus tendiert und immer autoritärer wird? Können Genialität und Disruption in einer Gesellschaft gedeihen, deren Bildung auf Pauken basiert, die Kritik und freie Debatte erstickt?

Im Westen treiben diese Fragen inzwischen viele um – und sei es nur in der Hoffnung, dass China es trotz seiner vollmundigen Ankündigungen am Ende doch nicht schafft, zur innovativen Supermacht aufzusteigen. Nach herrschender westlicher Lehre ist China für eine kreative Moderne denkbar schlecht aufgestellt: straff gelenkt von KP-Kadern, tief geprägt von einer antiindividualistischen Kultur. „Innovation heißt: Widerspruch gegen das Alte“, hat der Gründer und Digitalforscher Jay Walker das Dilemma mal auf den Punkt gebracht.

Vor allem in den USA hat sich über Jahre eine selbstgefällige Arroganz breitgemacht. 2014 noch lästerte der damalige Vizepräsident Joe Biden: „Nennen Sie mir ein innovatives Projekt, ein innovatives Produkt, das aus China kam.“ Die „Harvard Business Review“ legte nach mit einem Aufsatz unter der Überschrift: „Why China Can’t Innovate“. Die Autoren, darunter der China-Experte William Kirby, fragten sich, ob das Land den richtigen institutionellen Rahmen für Neuerungen habe: „Unsere Antwort ist gegenwärtig nein.“ Warum? „Die Freiheit, Ideen zu verfolgen, wohin sie auch immer führen mögen, ist eine Voraussetzung für Innovationen an den Univer - sitäten.“ Daran fehle es in China, die KP habe viel zu viel Einfluss.

Unter Xi sind die Parteikomitees und -sekretäre an den staatlichen Hochschulen, aber auch in den Unternehmen noch mächtiger und aktiver geworden. Das „Xi-Jinping- Denken“, das 2017 Teil der KP-Statuten wurde, verlangt von den Kadern zu allererst, die „Führung der Partei bei jeder Tätigkeit“ abzusichern. Konsequent nach den Lehren Lenins regiert die Elite der Kommunisten von oben nach unten durch. Kämpferisch erinnerte der Staatschef jüngst an die Zeit, als China seine ersten Raketen, Atombomben und Satelliten baute: „Wir haben die Gürtel enger geschnallt und die Zähne zusammengebissen.“

Derselbe Xi trat Ende Mai vor rund 1300 Wissenschaftler und plädierte für „unabhängige Innovationen“. Zwei Tage später erklärte Ministerpräsident Li Keqiang vor dem Auditorium: „Wir müssen den Wissenschaftlern genügend Zeit und Raum fürs Denken geben.“

Das Regime verspricht Freiheit, um sie dann im Alltag strikt zu beschränken – ein Grundkonflikt, in dem die Führung gefangen ist. China deshalb zu unterschätzen, wäre indes gefährlich. Denn die Technokraten an der Spitze – viele von ihnen sind Ingenieure – haben eine höchst flexible Industrie- und Technologiepolitik entwickelt, die völlig anderen Regeln folgt als das sozialistische Plansystem, an dem einst die Sowjetunion zugrunde ging.

Sebastian Heilmann, scheidender Chef des Berliner China-Thinktanks Merics, hält diesen „Techno-Autoritarismus“ sogar für besonders geeignet, um die Umwelt und Sicherheitsprobleme des 21. Jahrhunderts zu lösen. Zumal es der Volksrepublik an Ressourcen für die erhofften Technologieschübe nicht mangelt. Menschen und Kapital hat sie zuhauf.

Bei den Fachkräften kann das bevölkerungsreichste Land der Erde aus dem Vollen schöpfen: Über 30 000 Nachwuchsforscher werden jährlich in naturwissenschaftlichtechnischen Disziplinen promoviert, an die 1,5 Millionen Studenten machen in diesen Fächern ihren Abschluss. Nach wie vor gehen Hunderttausende zum Studium in den Westen, aber die Zahl der zurückkehrenden „Haigui“ („Meeresschildkröten“) ist inzwischen beträchtlich: 2016 standen gut 540 000 Abwan - derern über 430 000 Heimkehrer gegenüber.

Das seit zehn Jahren laufende „Tausend-Talente-Programm“ umwirbt ganz gezielt die besten Wissenschaftler der Welt. Emigrierte Chinesen sowie Ausländer werden damit gelockt. Sören Schwertfeger etwa hat jahrelang an der Jacobs University Bremen geforscht. Das Spezialgebiet des 39-Jährigen: Roboter. Im September 2014 wechselte er an die ShanghaiTech University. Dort erhielt er eine Förderung, mit der er ein komplettes Labor einrichten sowie einen Assistenten bezahlen konnte. „So viel Geld hätte ich als Assistenzprofessor in Europa oder den USA nie bekommen“, sagt er.

Die Finanzen sind für China kein Engpass mehr. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) wachsen seit Jahren in zweistelligen Raten. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt, der zur Jahrtausendwende noch unter 1 Prozent lag, soll 2020 die Marke von 2,5 Prozent erreichen – guter OECD-Durchschnitt.

17 MRD. DOLLAR
setzt der Telekom-Ausrüster ZTE aus Shenzhen um. US-Sanktionen ließen den Vorzeigekonzern im Mai fast kollabieren. Donald Trump wollte ein Exempel statuieren.


1 MRD. NUTZER
zählte Tencents WeChat zuletzt. Mit der Alles - könner-App lässt sich in Shenzhen sogar U-Bahn fahren, wie Firmengründer „Pony Ma“ Huateng (M.) jüngst vorführte.


Viel Geld, wenig Effizienz

Gemessen an den absoluten Summen ist das Land bereits Weltspitze: 2014 überholten Chinas FuE-Ausgaben die der EU. Rechnet man die Kaufkraftunterschiede ein, ziehen sie 2019 auch am bisherigen Spitzenreiter, den Vereinigten Staaten, vorbei. Vor allem anwendungsorientierte Forschung boomt.

Das Momentum ist einzigartig, auch wenn vieles noch in falsche Kanäle fließt. „Weniger als die Hälfte des Geldes wird richtig eingesetzt“, schätzt der Innovationsexperte Maximilian von Zedtwitz, dessen Netzwerk Glorad weltweit Forschungsstrategien untersucht. Die üppigen chinesischen Budgets versickern oft in aufgeblähten Verwaltungen oder überflüssigen Geräten, in privaten Kassen und Korruption.

Hinter den stolz verkündeten Rekordzahlen für wissenschaftliche Aufsätze oder Erfindungen steckt nach wie vor mehr Masse als Klasse. Die Prüfstandards für heimische Patente sind niedrig. Von „Schrottpatenten“ lästern sie im Westen.

Im internationalen Handel mit Know-how sind die Chinesen nur Einkäufer. Ihre Ausgaben für ausländische Patente, Marken- und Urheberrechte kletterten zuletzt auf fast 30 Milliarden Dollar. Eigene Einnahmen hat China hier kaum vorzuweisen. Zum Vergleich: Die USA erlösten 2016 für „Intellectual Property Rights“ 125 Milliarden Dollar, die deutsche Wirtschaft kam auf immerhin 18 Milliarden.

Scott Kennedy vom Washingtoner Center for Strategic and International Studies (CSIS) bezeichnet China deshalb als „fetten Tech-Drachen“, der ebenso machtvoll wie träge ist. Das Land investiere gigantische Ressourcen und erziele relativ magere Resultate. Das Innovationssystem sei ein „schlechter Kostverwerter“.

500 MIO.DOLLAR
hat Kai-Fu Lee für einen Fonds von Sinovation Ventures zuletzt eingesammelt. Dem Wagnis - kapitalguru, der früher für Google arbeitete, fliegt das Geld nur so zu.


Mittlerweile fließt allerdings auch viel privates Geld direkt in innovative Unternehmen. Wagniskapital, bis vor wenigen Jahren praktisch nicht existent, gibt es mittlerweile im Überfluss. Gleiches gilt für Private-Equity-Gelder. Die wichtigsten Player genießen bereits Kultstatus.

Neil Shen etwa, der den chinesischen Ableger der amerikanischen VC-Legende Sequoia Capital leitet und es zum Milliardär gebracht hat. Oder Zhang Lei, Gründer von Hillhouse Capital, der durch eine Schenkung über 8 888 888 Dollar an die Yale School of Management berühmt geworden ist. Oder Kai-Fu Lee, der für USGiganten arbeitete, einer der populärsten Mikroblogger war und Sinovation Ventures gründete.

Laut KPMG verzeichnete China 2017 mit Venture-Capital-Investitionen in Höhe von 40 Milliarden Dollar einen neuen Rekord. Im vierten Quartal entfielen fünf der zehn größten VC-Deals der Welt auf die Volksrepublik.

Das Reich der KP ist zur Start-up-Nation mutiert. Großes Vorbild: Jack Ma (53), Gründer von Alibaba, dem chinesischen Amazon.

Hangzhou, die alte Kaiserstadt am Westsee. Unweit des idyllischen Gewässers stehen ein paar renovierte alte Häuser im traditionellen Stil. Früher ein privater Klub von Jack Ma, residiert dort nun seine private Hupan University – eine Aufzucht - station für die Mas von morgen. Hier wird brutal gesiebt: Von 1000 Bewerbern, die eingeladen werden, kommen 44 durch. Tausende schaffen es nicht mal zum Gespräch.

„Warum nicht ich?“, laute das Leitmotiv einer ganzen Generation, die jetzt ihre Chance ergreifen wolle, mit dem Aufstieg der Nation auch ganz persönlich zu Ruhm und Reichtum zu gelangen, erklärt der Berater und Autor („China’s Disruptors“) Edward Tse.

Wer die Gunst der Stunde nutzen will, muss sich freilich in einem extrem harten Wettbewerb bewähren. Selbst US-Investoren blicken fasziniert auf diese Turbodynamik. Mike Moritz, Chef von Sequoia Capital, preist die Arbeitsethik der Angreifer überschwänglich: An denen werde sich Kaliforniens hippe Nerdkultur noch ein Beispiel nehmen müssen.

Die Kommerzmaschine läuft

Wo die Freiheit der Entrepreneure indes endet, demonstrierte die KP jüngst am Shootingstar Bytedance. Dessen Erfolgs- App „Toutiao“ („Schlagzeilen von heute“) tickert News und Buntes, das von Algorithmen auf den Nutzer zugeschnitten wird. Das Unternehmen wurde zuletzt mit über 20 Milliarden Dollar bewertet.

Die verschickten Schnipsel fand die Partei irgendwann zu kess, „Toutiao“ wurde zeitweise aus den App-Stores verbannt, Stargründer Zhang Yiming musste eine Selbstkritik veröffentlichen. Reumütig gestand der 34-Jährige, er habe leider nicht erkannt, „dass Technologie von den Kernwerten des Sozialismus geleitet sein muss“. Um erneute Ausrutscher zu verhindern, werde die Zahl der hauseigenen Content- Kontrolleure von 6000 auf 10 000 erhöht.

Mit Millionen von Unternehmern, die Milliarden ausgeben dürfen und von einer gestrengen Regierung nach Kräften gefördert werden, will China sich die Vorherrschaft im Techsektor erkämpfen. Die bisherige Erfolgsbilanz fällt je nach Branche unterschiedlich aus.

Das McKinsey Global Institute hat 2015 eine aufschlussreiche Klassifizierung vorgenommen. Danach ist China stark bei konsumorientierten Innovationen, weil die Firmen einen riesigen Heimatmarkt haben, schnell skalieren können sowie sehr kundenorientiert und flexibel sind. „Die chinesische Kommerzialisierungsmaschine“ nennen die McKinsey-Experten diese Gruppe von Firmen.

Zhang Ruimin (69) ist Chef eines solchen Unternehmens. Er führt den weltgrößten Weiße-Ware-Hersteller Haier. In einer Ecke seines Büros hängt ein Titelbild des US-Magazins „Fortune“ mit der Zeile: „Why do companies fail?“ Um das zu vermeiden, hat er seinen Konzern immer wieder neu erfunden. So rasierte er bis Ende 2014 fast den gesamten Mittelbau, führte mit brutaler Konsequenz sich selbst managende Teams ein, die als völlig unabhängige operative Einheiten arbeiten und kundennahe Innovationen entwickeln.

Weitere dieser Kommerzialisierungsmaschinen: Hisense, TCL, Oppo, Vivo und Xiaomi. Vor allem aber im Digitalsektor hat die Volksrepublik mittlerweile echte Giganten zu bieten: Alibaba, Baidu und Tencent sind die Einzigen, die es ernsthaft mit Amazon, Facebook und Google aufnehmen können, Nachrücker wie Didi Chuxing, JD.com, Ctrip, Meituan-Dianping oder NetEase bieten US-Stars wie Uber oder Booking.com die Stirn.

Keine der boomenden Internetfirmen ist durch staatliche Marschbefehle entstanden: Sie wurden von jungen, risikofreudigen Entrepreneuren gegründet, ohne staatliche Kredite. Ihr Startkapital mussten sie oft im Familien- und Freundeskreis zusammenkratzen. Jack Ma und seine 18 Mitstreiter plagten in den Gründerjahren ständige Geldsorgen, sie konnten anfangs nicht einmal die 4000 Dollar aufbringen, um die Domain Alibaba.com dem kanadischen Besitzer abzukaufen.

Chinas Guerilla-Stil

Außerhalb des Konsum- und Digitalsektors sind die Chinesen vor allem bei Prozessinnovationen stark. Keine Nation der Welt hat so viel Erfahrung und Know-how bei der Herstellung von Waren in gigantischer Stückzahl. Yue Yuen bei Schuhen, Foxconn bei Elektronikprodukten, aber auch die vielen Solarhersteller (acht der zehn größten stammen aus China) gehören in diese Kategorie. In vielen dieser Riesenfabriken halten inzwischen Roboter Einzug.

Durchwachsener ist die Bilanz bei Ingenieurskunst und Grundlagenforschung. Stark sind da Konzerne wie Huawei und ZTE oder der Bahnmonopolist CRRC, der sich in Joint Ventures mit westlichen Konzernen wie Siemens entwickelt hat und nun seine eigenen Hochgeschwindigkeitszüge verkauft.

Die Autoindustrie indes hat es bis heute nicht geschafft, Volkswagen, Daimler und Co. gefährlich zu werden. Autokönig Li Shufus ganzer Stolz ist nicht Geely, sondern sein schwedischer Zukauf Volvo.

43 MRD. DOLLAR
steckte Ren Jianxin, Gründer und Chef des Staatskonzerns Chem- China, in die Übernahme des Schweizer Agro - chemieriesen Syngenta. Wo das Know-how fehlt, muss zugekauft werden.


Eine auffallende Schwäche sehen die McKinsey-Experten zudem in der Pharma- und Biotechbranche, für die es viel Grundlagenforschung und einen langen Atem braucht. Übernahmen sollen das Defizit ausgleichen: 2017 hat der Staatskonzern ChemChina den Schweizer Agrochemie- und Saatgutriesen Syngenta erworben, den Rivalen von Bayers Neuerwerbung Monsanto.

So bunt gemischt wie die Bilanz ist auch Chinas Innovationsregime. Es ist ein einzigartiger Hybrid. Wer es für Planwirtschaft hält, nur weil Leninisten die Regie führen, versteht die Prozesse nicht.

Trotz aller Pläne und Programme erschöpft sich Pekings Strategie nicht im simplen Top-down: Oben (in Regierung und Partei) wird bestimmt, unten (in den Unternehmen und Universitäten) wird ausgeführt. Wie im Westen wächst vieles auch von unten hoch.

1,5 MRD. DOLLAR
kostete Geely-Eigner Li Shufu der Einstieg bei Volvo. Der schwedische Autobauer, geführt von Håkan Samuelsson (l.), ist sein ganzer Stolz - und seine Elektrorampe nach Europa.


Das System ist extrem anpassungsfähig. Zwar werden ambitionierte Ziele vorgegeben, doch in den Provinzen, Städten und Firmen darf und soll permanent experimentiert werden. Einen „Guerilla-Stil“ nennt Merics-Experte Heilmann das in seinem neuen Buch „Red Swan“.

Im Wettlauf um die ersten Durchbrüche bei der künstlichen Intelligenz (KI) hat die Regierung bewusst offengelassen, wie genau China bis 2030 die Weltspitze erobern soll. Die Technokraten haben statt eines Masterplans lediglich eine lange Wunschliste veröffentlicht: Hunderte von möglichen Erkenntnissen und Produkten, an denen sich nun Forscher, Unternehmer und Lokalpolitiker versuchen.

Die Palette des Erträumten reicht von Anwendungen in der Fischerei bis zu Sprachanalyse. Wer hier mit Erfolgen glänzt, darf mit Anerkennung von ganz oben rechnen. Selbst wenn ein Großteil der Wünsche nie verwirklicht wird, lösen sie doch Bewegung aus. Von künstlicher Intelligenz – „rengongzhineng“ – reden in China heute fast alle.

Mag der Drache Unsummen verschwenden, seine Stärken bleiben: die schiere Größe des Marktes, die nahezu unerschöpflichen Ressourcen, der unbändige Ehrgeiz der Unternehmer und die hohe Wertschätzung für Wissenschaft und Tech.

Wie weit die Chinesen damit bereits gekommen sind, dokumentiert das jüngste World Competitiveness Ranking: Vor vier Jahren noch auf Platz 23, ist China 2018 auf Rang 13 vorgerückt – und liegt erstmals vor Deutschland. In 30 Jahren sollen die USA von Platz eins verdrängt sein.

Nach der Demütigung bei ZTE will Peking in Kürze wieder einen Etappensieg feiern. Der Smart - phonehersteller Xiaomi, der mit seinen Designs und Stores als „chinesisches Apple“ gilt, bereitet den Börsengang in Hongkong vor. Es dürfte der weltgrößte seit dem Listing von Alibaba in den USA werden.

AUF DER ÜBERHOLSPUR

FuE-Ausgaben, in Mrd. Dollar

CHINESEN WERDEN ERFINDERISCHER, …

Bei den Patentanmeldungen verdrängte China 2017 Japan von Platz zwei, in Tausend

…HUAWEI IST SOGAR PATENTWELTMEISTER, …

International angemeldete Patente1, 2017

…DOCH ES MUSS WEITER ZUGEKAUFT WERDEN

Nutzungsgebühren für Patente und Markenrechte etc.2, 2016, in Milliarden Dollar

TALENTSCHUB

Promotionen in den MINTFächern 1, in Tausend

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