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CHRISTIAN NEUREUTHER: Große Sprünge mit lädiertem Knie


GOLF MAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 121/2019 vom 04.12.2019

Wer immer wieder Schmerzen im Knie hat und sein Spiel dennoch genießen möchte, muss nicht zwingend unters Messer. Es gibt inzwischen technische Hilfsmittel, die das Gelenk entscheidend entlasten können. Wir habenChristian Neureuther dazu befragt. Der frühere Ski-Held kennt sich mit dem Thema bestens aus


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tbar und verlässlich: Die Knieorthese hat Christian Neureuther ein großes Stück Lebensqualität zurückgegeben.


FOTOS: STEFAN HEIGL

Komplett schmerzfrei zu sein ist ein Gefühl, das die Skifahrer-Legende Christian Neureuther schon lange nicht mehr kennt. „Im Leistungssport geht man immer an seine Grenzen ...

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... und auch darüber hinaus, sonst hat man keine Chance, an der Weltspitze mitzuhalten“, erzählt mir der mittlerweile 70-Jährige. Wir sitzen auf einer rustikalen Holzbank im Golfclub Garmisch-Partenkirchen und müssen warten, weil der Flight vor uns noch nicht außer Reichweite ist. „Es geht nicht um Schmerzfreiheit, sondern darum, so wenige Tabletten wie möglich nehmen zu müssen.“ Sechs Weltcup-Siege im Slalom, drei Teilnahmen bei Olympischen Winterspielen und viele Topplatzierungen zählen zu den Erfolgen von Christian Neureuther, die er in den 70er-Jahren errungen hat. Dahinter stehen ungezählte Trainingseinheiten, Stürze und Verletzungen, die schließlich zu einer Arthrose im linken Kniegelenk geführt haben.

„Welchen Schläger nimmst du hier?“, fragt mich Christian. Und weiter: „Wir wollen doch mal schauen, wer näher ans Loch kommt.“ Sein Schwung ist harmonisch und ohne sichtbare Einschränkungen; dass er eine Knieorthese trägt, weiß ich zwar, sehe sie aber unter Neureuthers langer Hose nicht. Ersichtlich ist hingegen, dass er ein ausgesprochen gutes Körpergefühl hat – na klar, eine unabdingbare Eigenschaft für jeden guten Slalomfahrer.

Jetzt führt sie dazu, dass Christians Ball aus 172 Metern in vorbildlicher Flugkurve Richtung Fahne segelt, um gerade mal vier Meter davon entfernt liegen zu bleiben. Zum Glück hatte Neureuther vor unserer Runde und entgegen meines Angebots, von denselben Tees zu spielen, darauf bestanden, dass ich die Damenabschläge nutze. Seine Einschätzung: „Du wirst mich sowieso schlagen. Das muss dann nicht auch noch vom selben Abschlag sein; dafür bin ich zu ehrgeizig.“

Der Ehrgeiz zieht sich, was nicht wirklich überrascht, durch die gesamte Familie Mittermaier-Neureuther. Die Erfolge sprechen hier ihre ganz eigene Sprache. Rosa Katharina Mittermaier, den meisten eher unter dem Spitznamen „Gold-Rosi“ bekannt, holte bei den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck zweimal Gold (Abfahrt und Slalom), verpasste das dritte im Riesenslalom um zwölf Hundertstel-Sekunden.

Sohn Felix Neureuther hat seine professionelle Ski-Karriere im Frühjahr beendet, vorher aber auch 13 Weltcup-Siege und fünf Medaillen (Gold, Silber und dreimal Bronze) bei vier verschiedenen Weltmeisterschaften geholt. Natürlich spielt auch er längst Golf, hat vor ein paar Wochen auf dem Old Course in St. Andrews beim legendären Dunhill-ProAm an der Seite von Pro Stephan Gallacher mitgewirkt.

Verstanden sich auf Anhieb: Christian Neureuther mit GOLF MAGAZINRedakteurin Ann-Kathrin Nahl im Golfclub Garmisch-Partenkirchen.


Amelie Neureuther, seine Schwester, ist eine bekannte Künstlerin und Designerin, die als Einzige der Familie dem Skifahren den Rücken gekehrt hat. „Und das, obwohl sie in ihrer Jugend sogar besser war als der Felix“, lacht Vater Christian.

Was aber fasziniert einen Geschwindigkeitsjunkie, der sich Hänge mit einer Neigung von bis zu 45 Grad und in rasendem Tempo durch Tore im Abstand von nur wenigen Metern gestürzt hat, am Spiel mit dem kleinen weißen Ball? Neureuther: „Golf ist eine großartige Sportart! Ich war schon beim allerersten Mal begeistert. Golf ist mental extrem fordernd, weil man immer auf den Punkt konzentriert sein muss. Im Grunde gibt es nicht so viele Unterschiede zwischen Golf und Slalom. Wer den über Jahre gelernten komplexen Bewegungsablauf nicht innerhalb des Bruchteils einer Sekunde abrufen kann, hat bei beiden keine Chance.“

Mittlerweile sind wir auf der neunten Bahn angekommen. Der Abschlag führt direkt auf eine massive Felswand im Hintergrund zu; das ist ein so schönes Bild, dass ich diesen Abschlag am liebsten noch zehn Mal wiederholen würde. Christian aber reißt mich aus meinen Träumen. Für ihn ist Golf alles andere als ein Altherrensport, auch wenn er „nicht so belastungsintensiv ist wie das Skifahren. Trotzdem sollte man natürlich fit sein.“

Durch die Arthrose im Knie und die damit verbundenen Schmerzen ist der Kampf um die körperliche Fitness ein Faktor im Leben des Athleten Neureuther, der für ihn viel zu früh eingetreten ist: „Ich fühle mich noch nicht wirklich bereit, solch ein Hilfsmittel nutzen zu müssen. Dazu bin ich noch nicht alt genug.“

Keine Einschränkungen

Die Rede ist von seiner eigens für ihn angefertigten Orthese von Ottobock. Das ist ein Unternehmen, das bekannt ist für sein Engagement und seine Pionierarbeit im Behindertensport und vor allem bei den Paralympischen Spielen. Das Besondere an Neureuthers Agilium Freestep 2.0 ist, dass das Fußteil der Orthese in den Schuh passt und gleichzeitig das Knie nicht durch eine starre Konstruktion blockiert wird. Neureuther: „Die Orthese stützt mein Knie wirkungsvoll, ohne dass ich mich im Geringsten eingeschränkt fühlen würde.“

Garmisch-Partenkirchen ist nicht nur die Geburtsstadt von Christian Neureuther, hier lebt der 70-Jährige noch immer mit seiner Familie. Im Vorfeld unseres Treffens hatte ich mir überlegt, ob es ein Fluch oder ein Segen sei, so lange trotz – oder vielleicht wegen – der Erfolge in dem heilklimatischen Kurort geblieben zu sein.

Tatsächlich, so erlebe ich es, ist es für die meisten Bewohner nichts Besonderes, den ehemaligen Ski-Helden zu sehen oder zu treffen. Auch wenn es nicht zu häufig vorkommt, sagt Christian: „Eigentlich sind wir nie in der Stadt. Ich mag diese Aufmerksamkeit nicht. Ich möchte nicht, dass jeder Schritt von mir bewertet wird oder ich aufgrund meiner Erfolge oder meines Namens anders behandelt werde. Ich bin ganz normal, wie alle anderen. So möchte ich auch behandelt werden.“

Ganz normal – diesen Eindruck kann ich von der ersten Minute unseres Treffens teilen. Es gibt keine Starallüren, keine abgewehrten Fragen. Im Gegenteil.

Die Agilium Freestep 2.0 von Ottobock zeichnet sich vor allem durch die einfache Handhabung aus.


Man muss lediglich die Sohle in den Schuh einlegen …


… und im Anschluss unterhalb des Kniegelenks die Bandage befestigen. Die Orthesen werden immer individuell angepasst.


FOTOS: STEFAN HEIGL

Immer ein Lächeln auf den Lippen, ob nun auf dem Fairway oder auch mal nicht! Christian Neureuther genießt die entspannte Zeit auf dem Golfplatz extrem.


Neureuther spricht erfreulich offen über seine Karriere, seine Verletzungen und vor allem den Rest seiner Familie. „Soll ich den Felix mal anrufen und fragen, ob er vorbeikommen mag?“ Nicht einmal zehn Minuten später steht der berühmte Sohn vor mir. Zwar möchte er nicht vor unsere Kameras, was ich verstehen kann. Dafür aber lässt es sich Felix nicht nehmen, mit seinem Neffen Oskar dem Opa beim Üben zuzuschauen.

Der gibt dann auch augenzwinkernd zu, schon „ein bisschen eitel“ zu sein. Deshalb bevorzugt er es, in langen Hosen auf die Runden zu gehen. Und das nicht, weil er den Tour-Pros nacheifern möchte, bei deren Turnieren Shorts verboten sind. Sondern weil er nicht möchte, dass man seine Orthese sieht. „Ich kenne hier wirklich viele Leute, und ich bin nicht bereit, mir einzugestehen, dass ich so ein Hilfsmittel benötige – und man mich dann auch noch damit sieht. Das Schöne an der Orthese ist doch, dass man sie so gut verstecken kann“, lacht Neureuther. Für ein paar Bilder auf der Driving Range ist er allerdings bereit, sich eine kurze Hose anzuziehen und zu zeigen, wie einfach es ist, die Agilium Freestep 2.0 anzulegen.

Für Ottobock hat sich Christian Neureuther vor Jahren aus Überzeugung entschieden. Schon lange war er damals auf der Suche nach schmerzlindernden Maßnahmen, weil er eine Operation des geschädigten Knies so lange wie möglich hinauszögern wollte. Schließlich stieß er auf das Unternehmen, dessen Mitarbeiter ihm auf Anhieb sympathisch waren. Geholfen hat auch, dass Ottobock schon seit Jahren Prothesen, Orthesen und andere Hilfsmittel für viele paralympische Athleten entwickelt und produziert.

Ehrgeiz verliert man nicht

„Eine Runde mit Christian Neureuther“ war der Arbeitstitel meines Termins. Vorangegangen waren wie immer viele E-Mails. „Möchten Sie 18 Löcher mit Herrn Neureuther spielen oder reichen auch neun Löcher?“ „Brauchen Sie im Anschluss noch ein wenig Zeit mit ihm und wenn ja, wie viel?“ Es folgten interne Rücksprachen mit Herrn Neureuther. Am Ende gab es keine genauen Angaben zur verfügbaren Zeit über die gemeinsame Runde hinaus. Ein in unserem Gewerbe ganz normales Procedere also.

Schnitt. „Wir haben einen Tisch reserviert auf Neureuther“, sage ich zu dem Kellner eines italienischen Restaurants in Garmisch-Partenkirchen. Zwischen diesem Satz und den besagten E-Mails ist viel Zeit vergangen. Jetzt sitze ich mit Rosi und Christian beim Wein. Die Reservierung war Christians Idee, und Rosi ist spontan dazugekommen.

Die Gespräche führen uns durch die hochinteressante Vergangenheit der beiden, aber auch zu den Problemen von Eltern und deren Kindern, die, sagen wir es mal vorsichtig, sehr bekannt sind. Der nicht ganz so normale Wahnsinn eben.

Aus meiner 9- oder 18-Löcher-Runde wurde ein Tag mit Christian Neureuther und seiner Familie. Diese offene und authentische Art machte das Erlebnis für mich zu etwas ganz Besonderem mit vielen Einblicken in das Leben einer berühmten und doch so bodenständigen Familie. Übrigens: Die eingangs erwähnte Nearest- to-the-Pin-Wertung ging zu meiner Erleichterung an mich. Da kann ich mich

Christian nur anschließen: „Den Ehrgeiz, seine Sportart so gut wie möglich ausüben zu wollen, kann man nicht ablegen. Man gibt immer Vollgas.“

INFORMATION ÜBER HILFSMITTEL, DIE DAS KNIE ENTLASTEN UND STÜTZEN KÖNNEN

DER TREUESTE PARTNER DER PARALYMPISCHEN SPIELE

Seit 30 Jahren gibt Ottobock zentrale Impulse für die Paralympische Bewegung. Die Firma aus Berlin ist der treueste Partner, weil sie seit den Spielen 1988 in Seoul dabei ist. Von dieser jahrzehntelangen Erfahrung profitierten die Athleten seitdem bei allen Winter- und Sommerspielen. Ottobock ist auch für die Reparatur und Wartung der Ausrüstung der Athleten verantwortlich und sorgt dafür, dass sie schnellstmöglich wieder in den Wettkampf einsteigen können.

Die Agilium Freestep 2.0 wurde für die Versorgung von „unikompartimenteller Kniegelenksarthrose“ entwickelt. Sie wird nicht am Knie angelegt, sondern am Fuß und Unterschenkel. Um den betroffenen Knorpel im Kniegelenk gezielt zu entlasten, verändert die Agilium Freestep die Belastungslinie im Knie. Die beschreibt den Punkt, an dem das Körpergewicht hauptsächlich auf den Knorpel einwirkt.
Für den Nachweis der medizinischen Wirksamkeit wurde eine unabhängige Studie mit 160 Patienten über zwei Jahre durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass das Tragen der Orthese die Schmerzen reduziert, sie mindestens genauso gut funktioniert wie die häufig eingesetzten knieübergreifenden Hartrahmenorthesen. Die „Compliance“ („Therapietreue“) der Patienten bei der Agilium Freestep aber ist höher, weil der Tragekomfort besser ist und die Patienten unter weniger Druckstellen leiden.

Zusammen für den guten Zweck: Felix Neureuther mit Mama Rosi und Papa Christian bei seiner Kids-Gala 2017.


Rosi Mittermaier und Christian Neureuther gehörten in den 70er-Jahren zu den besten Skifahrern der Welt. 1980 haben sie geheiratet.


FOTOS: GETTY IMAGES