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CHRISTINA VACCAROUnzufriedenheit – Unsere beste Lehrmeisterin


Abenteuer Philosophie - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 13.12.2018

Wenn wir doch nur mehr Zeit hatten – weniger Termine, mehr Gelassenheit. Eine erfullte Partnerschaft und eine harmonische Familie. Einen besseren Arbeitsplatz, einen netteren Chef. Dann waren wir glucklich. Stimmt nicht, behauptete die Buddhistin Ayya Khema.


Es gibt immer etwas, was nicht passt. Wir zeigen zwar nicht mit dem Finger auf andere, heisen niemanden „Sundenbock“ oder schimpfen lauthals an der langen Schlange bei der Supermarktkassa. Doch auch wenn wir es nicht aussprechen, meinen wir doch insgeheim die meiste Zeit, dass etwas anders sein musste. Entweder wollen wir Unangenehmes aus der ...

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... Vergangenheit oder Gegenwart loswerden oder Angenehmes in der Zukunft erreichen und auf keinen Fall verlieren.

Dukkha ist Pali, die Ubersetzungen sind mannigfaltig. Dukkha heist so viel wie Schmerz, Kummer, Jammer, Ungluck, Leid, Unzulanglichkeit, Tragodie. Ayya Khema definierte den Begriff als „das Unzufriedenstellende, das Unzufriedensein, das Unerfulltsein“.

Was Dukkha noch ist, ist – leider oder vielleicht auch zum Gluck – eines der drei Daseinsmerkmale, die der Buddhismus allen physischen und psychischen Phanomenen des Lebens zuschreibt. Die anderen beiden sind Verganglichkeit (Anicca) und Nicht-Selbst (Anatta). Dukkha ist der Wunsch, dass etwas anders ist. Es ist die Begierde nach etwas. Oder die Ablehnung von etwas, sprich die Begierde, etwas loszuwerden.

Ob nun gute oder schlechte Nachricht: Dukkhaist . Und das eigene Dukkha zu erkennen und als Daseinsmerkmal zu akzeptieren, ohne sich zu rechtfertigen, ohne sich entschuldigen zu wollen, ohne einen Sundenbock zu suchen, ist die Voraussetzung, einen spirituellen Pfad zu beschreiten. Die Buddhistin Ayya Khema meinte dazu:


„Opfermentalitat ist weit verbreitet: Ich bin Opfer meiner Eltern, meiner Umstande, meines Chefs, meines Partners … Das alles macht mich vollkommen hilflos, denn wie kann ich all diese Leute verandern? Ich kann nur mich selbst verandern.“


Ayya Khema, die als Ilse Kussel in Berlin geboren wurde, war buddhistische Nonne in der Theravada-Tradition. Ihre judischen Eltern flohen Anfang 1939 nach Shanghai, spater emigrierte die Familie in die USA und Ilse Kussel begann, philosophische und spirituelle Bucher zu lesen. Es folgten zahlreiche Reisen durch die ganze Welt. Nach ihrer ersten Ehe mit zwei Kindern zerbrach auch die zweite. Im Alter von 54 Jahren wurde die Praktizierende nach langeren Aufenthalten in thailandischen Waldklostern zur Novizin mit dem Namen Khema ordiniert. Wenn Schwester Khema daruber referierte, das eigene Dukkha durch ausere Veranderungen loswerden zu wollen, sprach sie aus personlicher Erfahrung.

Dukkha ist

Wer kennt das nicht: Man setzt dort an, wo man kann. Verandert nach Moglichkeit den Arbeitsplatz, wechselt den Job, mitunter die Berufsbranche. Trennt sich vom Partner und sucht sein Gluck in einer neuen Beziehung. Lasst alles hinter sich und zieht in eine andere Stadt, in ein fernes Land. Wir tun vieles, wenn wir unglucklich sind.


„Wir verandern gerade das, was uns am schlimmsten vorkommt. Und verandern ausen. Was kommt dabei heraus? Meistens wenig. Denn Dukkha ist“,
so Ayya Khema.


Es ist nicht moglich, Dukkha zu entkommen. Darum ist das Unzufriedensein unser hartnackigster, unser bester Lehrer. Man stelle sich eine Meditationswoche vor, bei der man grose Schmerzen empfindet. Der Meditationsleiter wird aufgesucht, ihm wird die Lage geschildert: „Mir tut alles weh. Es tut mir leid, aber ich muss gehen.“ Der Lehrer wird antworten: „Nun, das ist bedauerlich. Doch wenn du gehen musst, dann musst du gehen.“ Man stelle sich nun vor, man sagt in derselben Situation zu Dukkha: „Mir tut alles weh. Es tut mir leid, aber ich muss gehen.“ Dann wurde Dukkha antworten: „Ja, wenn du gehen musst, musst du gehen. Aber ich komme mit!“


„Wahrhaftigkeit bedeutet vor allen Dingen, ehrlich sich selbst gegenuber zu sein.“
Ayya Khema


Hektik verschleiert den Lehrer

Wir konnen unserem eigenen Dukkha nicht entrinnen. Es kann aber verschieden gros sein. Ist es nur unterschwellig da und einigermasen ertraglich, glauben wir, es ginge uns sehr gut. Schlieslich hat man sich an einen gewissen Grad an Unzufriedenheit bereits gewohnt.

In unserer hektischen Welt konnen wir noch so lange rennen – wir entrinnen Dukkha nicht


© Lok Yiu Cheung |Dreamstime.com

Kleiner als es ist, erscheint Dukkha auch durch Bewegung, ganz so wie die Kontinuitat die Verganglichkeit verschleiert: Wir bemerken nicht, dass unser Gesicht jeden Tag einen Tag alter wird. Um die stetige Veranderung zu begreifen, mussen wir uns zuerst ein altes Foto ansehen. So kaschiert die Bewegung die Unzufriedenheit. Es gibt hier Ablenkung und dort Zerstreuung. Das reicht von viel Arbeit mit zahlreichen Geschaftsterminen uber ein reichhaltiges Freizeitprogramm bis hin zu einem lebendigen Vereinsleben. Anstatt unsere innere Stimme zu horen, betauben wir unsere Ohren mit allerlei Larm und Getose und bewegen uns dabei von Dukkha fort.

Doch Dukkha kommt immer mit. Deshalb bleibt uns keine andere Wahl, als uns Dukkha zu stellen. Der eigenen Unzufriedenheit ins Auge zu sehen bedeutet, sie zu erkennen und anzuerkennen – ohne dabei zu bewerten und zu reagieren. „Man muss nicht reagieren. Ein unangenehmes Gefuhl ist einfach ein unangenehmes Gefuhl, weiter gar nichts. Die Reaktion darauf, das ist Dukkha“, druckt Khema es aus. Nicht reagieren zumüssen , ist Freiheit – die Freiheit des Geistes, sich nicht weiter mit dem unangenehmen Gefuhl beschaftigen zu mussen.

Wir alle – sowohl Menschen als auch Tiere – suchen nach Anerkennung, Liebe, Sicherheit und Unbeschwertheit


© Ieva Geneviciene |Dreamstime.com

Dringlichkeit der Praxis

Was wir lernen konnen, ist die Entkopplung unangenehmer Gefuhle und unsere (mit Leid verbundenen) Reaktionen darauf. Das unangenehme Gefuhl konnen wir nicht verhindern. Es geht nicht weg, und anstatt es unbewusst Schaden anrichten zu lassen, sollten wir es aktiv aufsuchen und wahrnehmen. Wer lernt, nicht mit Wut, Trauer oder Taubheit darauf reagieren zu mussen, braucht nichts dabei zu befurchten. Das Erkennen des eigenen Dukkha ist eine abenteuerliche Entdeckungsreise zum Selbst. Und zu allen Mitmenschen und Mitlebewesen, denn Dukkha ist in uns allen. Haben wir das verstanden, konnen wir nicht nur uns selbst besser verstehen, sondern auch die Menschen um uns.

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Dukkha ist auch der erste Schritt, an sich selbst zu arbeiten. Innere Arbeit bedeutet weit mehr als intellektuelles Verstandnis, weit mehr als das Lesen oder Horen interessanter Gedanken. Um sich wirklich zu verandern und zu entwickeln, braucht es ein kontinuierliches, nachhaltiges und aufrichtiges Bemuhen. Ayya Khema bezeichnete es als Praxis – von der Meditation zur Kontemplation. Sie nannte im Zusammenhang mit der Ernsthaftigkeit fur einen solchen Weg vier Sorten von Menschen: Die erste Sorte braucht nur von Dukkha zu horen und fangt sofort an, zu praktizieren.
Die zweite Sorte muss es mit ihren eigenen Augen sehen, etwa einen totkranken Menschen, und beginnt. Bei der dritten Sorte Mensch muss groses Dukkha in der Familie passieren, damit sie mit der Praxis anfangt. Und die vierte Sorte Mensch muss es am eigenen Leib erfahren. „Dringlichkeit ist sehr wichtig fur die Praxis“, sagte Ayya Khema. Leider beginnen Menschen oft erst damit, sich einem inneren Weg zuzuwenden, wenn sie selbst schwer erkrankt sind.


„Ich bin ein Narr, mich selbst unglucklich zu machen. Wozu?“
Ayya Khema


Vom Wollen und Glücklichsein

Leid entsteht, wenn wir etwas anders wollen, als es ist. Viele Jahrhunderte lang war es materieller Wohlstand, den die Menschen suchten. Zum Teil hat sich der Fehlgedanke, Materielles wurde glucklich machen, in unserer wohlhabenden Gesellschaft gelegt. Dennoch wollen wir viele andere Dinge: (mehr) Anerkennung, (mehr) Liebe, (mehr) Sicherheit, (mehr) Unbeschwertheit. Bekommen wir sie nicht, reagieren wir mit Begierde, Ablehnung oder Arger, sind unzufrieden und suchen Schuldige.

„Wir sind nicht das Opfer von irgendjemandem oder irgendetwas. Wir haben unser Karma selbst geschaffen. Und wenn uns nicht gefallt, wie wir leben, dann mussen wir gutes Karma machen. Jede Sekunde haben wir die Moglichkeit, gutes Karma zu machen“, meinte Ayya Khema. „Das ist ein wunderbarer Gedanke, wenn wir fruhmorgens aufwachen: Ich habe einen ganzen Tag vor mir, an dem ich gutes Karma machen kann.“

Als Menschen sind wir in der Lage, unser Leben so auszurichten, wie wir unsere Gedanken ausrichten. Das ist ein erhebender und zutiefst positiver Zugang: zu sehen, dass das Gluck nicht da drausen wartet, sondern in uns existiert. So druckte Ayya Khema es auf ihre verschmitzte Art und Weise aus: „Ich bin ein Narr, mich selbst unglucklich zu machen. Wozu?“

Literaturhinweis

• Dharmavortrag „Dukkha als Lehrer“ von Ayya Khema, aufgenommen in Sankt Ottilien, 1995.

Kurzbiografie

© Von nyana_ponika - Sangha in the West, CC BY-SA 2.0,commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3455718

Ayya Khema • buddhistische Nonne in der Theravada-Tradition • geboren als Ilse Kussel am 25. 8. 1923 in Berlin • einziges Kind wohlhabender judischer Eltern • 1941 Flucht nach Schottland, spater nach China • Heirat mit Johannes Dombrowski • Geburt ihrer Tochter Irene • Emigration nach Kalifornien • Geburt des Sohnes Jeffrey • wachsendes Gefuhl der Unzufriedenheit • liest philosophische und spirituelle Bucher • Ehe zerbricht • Heirat mit Gerd Ledermann • bereist Mittelund Sudamerika, Australien, Asien, Europa • lebt und arbeitet langere Zeit in Mexiko, Pakistan und Australien • zweite Ehe zerbricht • 1979 wird sie durch Abt Narada Mahathera zur Novizin mit dem Namen Khema • Jahre intensiver Meditation und spiritueller Begleitung • in den 80er-Jahren Lehrtatigkeit in Europa und Ubersee • Lebensmittelpunkt im buddhistischen Meditations- und Studierzentrum im Allgau • stirbt am 2. November 1977.