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CHRISTOPHER ROTHKO: ALLES über meinen VATER


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 28.02.2019

MARK ROTHKOS IKONISCHES WERK WIRD JETZT IN WIEN GEFEIERT. HIER SPRICHT SEIN SOHN CHRISTOPHER


Artikelbild für den Artikel "CHRISTOPHER ROTHKO: ALLES über meinen VATER" aus der Ausgabe 3/2019 von Monopol. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Monopol, Ausgabe 3/2019

MARK ROTHKO „UNTITLED (RED, ORANGE)“, 1968


MARK ROTHKO VOR SEINEM WERK „NO. 7“, 1960


ÜBER DIE VORBILDER UND DEN HUMOR SEINES VATERS, DEN ERNST SEINES WERKS UND DEN UMGANG MIT DEM ERBE

MARK ROTHKO „SELF-PORTRAIT“, 1936


Wie würden unsere Museen aussehen, wenn die Bilder selbst darüber entscheiden könnten, wo und neben wem sie hängen wollen? Was das Werk Mark Rothkos angeht, darf man davon ausgehen, dass es sich mit der Pop-Art – obwohl zeitlich nur wenige Jahre voneinander getrennt – keine Etage, ja nicht einmal ...

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... dasselbe Gebäude teilen würde. Zur Alltagsnähe und Werbeästhetik von Warhol und Co verhalten sich Rothkos erhabene Abstraktionen wie der Teufel zum Weihwasser.

Im Kunsthistorischen Museum in Wien, dessen Sammlung vom alten Ägypten bis zum Barock reicht, dürften sich diese Bilder demnächst in besserer Gesellschaft fühlen. Denn Rothko zielte nie auf das Klein-Klein, immer auf die großen, universellen Fragen der Menschheit. Drei Säle räumt das Museum leer, um in einer Überblicksschau 40 Hauptwerke von Rothkos frühen figurativen Arbeiten der 30er-Jahre bis zu seinen berühmten Farbepiphanien der 50er- und 60er-Jahre zu versammeln. Um diesen revolutionären amerikanischen Maler, der einige der berühmtesten Ikonen des 20. Jahrhunderts schuf, in Dialog mit der Alten Welt zu setzen.

Wie sehr das Werk Rothkos von historischer Kunst und Architektur, von antiken Tempeln, Basiliken und Altmeistergemälden beeinflusst war, darüber sprechen wir mit Mark Rothkos Sohn Christopher. Der 55-Jährige betreut seit vielen Jahren den Nachlass seines Vaters, er war eng in die Vorbereitungen der Wiener Ausstellung eingebunden – und schon als kleiner Junge mit seiner Familie auf Kulturreisen in Italien.

Mr Rothko, was sind die häufigsten Missverständnisse in Bezug auf Ihren Vater?

Ein Missverständnis ist, dass er ein extrem ernster Mensch war. In Bezug auf seine Malerei mag es zutreffen, aber als Person war er lebendig und voller Lebensfreude. Ein weiteres Missverständnis betrifft die Entwicklung seines Werks. Ab den späten 50er-Jahren werden seine Farben dunkler. Dies wird oft als Ergebnis seiner Depressionen gedeutet. Aber mein Vater litt sein Leben lang unter Depressionen, und während einer besonders heftigen Periode entstanden seine hellsten Leinwände. Die dunklen Farben hatten also nichts mit der Krankheit zu tun. Vielmehr hatte mein Vater die bewusste Entscheidung getroffen, einen tieferen Dialog mit dem Betrachter einzuschlagen, und sich daher von der hellen, zugänglicheren Palette verabschiedet. Er wusste, dass er dabei einige Menschen verlieren wird, aber dass diejenigen, die ihm folgen und Zeit mit den Bildern verbringen, umso tiefere Erfahrungen machen werden.

HENRI MATISSE „DAS ROTE ATELIER“, 1911


REMBRANDT „SELBSTPORTRÄT“, 1668/69


Sie meinen, dass das Werk Ihres Vaters rückwärts gelesen wird – ausgehend von seinem Tod?

Ja. Man geht von seinem Selbstmord aus und glaubt, daraus ablesen zu können, wie sein Werk über die Jahre immer düsterer wurde. Tatsächlich aber wendet er sich in den letzten beiden Jahren seines Lebens wieder helleren Farben zu. Auch sind die letzten zwei Jahre seines Lebens die produktivsten. Fraglos litt er sehr unter Depressionen, aber daraus erklärt sich nicht einfach sein Werk.


»Mein Vater war hingerissen von MATISSE’ Kühnheit, die Leinwand mit fast nicht als einer einzigen Farbe zu füllen » –Christopher ROTHKO


Dann lassen Sie uns vorne beginnen. Ihr Vater wurde 1903 als Marcus Rothkowitz im bltschen Dwinsk geboren, 1913 emigrierte die Familie in die USA. Über diese Erfahrung hat Ihr Vater später gesagt: „Ich konnte nie völlig Frieden schließen mit der Verpflanzung in ein Land, in dem ich mich nie ganz zu Hause fült.“ Blieb er innerlich zeitlebens Europäer?

Mein Vater hatte das Gefühl, dass die Amerikaner zu sehr mit dem Alltag beschäftigt waren und weniger mit den philosophischen Fragen, die ihn umtrieben. Das gilt besonders für seine ersten Jahren an der Westküste, als die Familie in Oregon lebte. Aber auch später als Student an der Yale University, immerhin eine Elite-Einrichtung, wo intellektuelle Debatten die Regel sein sollten, war er enttäuscht darüber, dass sich seine Kommilitonen vor allem für das gesellschaftliche Leben auf dem Campus interessierten. In seinen philosophischen Schriften zur Kunst, die ich herausgegeben habe, spricht er viel über die Konsumkultur, als deren Gegenpol er die Kunst positioniert. Die Kunst soll wegführen vom Alltäglichen, hin zu den existenziellen Fragen. Das ist das Ziel der Kunst oder jedenfalls seiner Kunst.

MARK ROTHKO „NO. 7 (DARK BROWN, GRAY, ORANGE)“, 1963


»Der Regisseur Michelangelo Antonioni begrüßte meinen Vater mit den Worten: »Ich wolt Sie treffen, denn Sie malen das NICHTS, und ich filme das NICHTS » –Christopher ROTHKO


MARK ROTHKO „UNTITLED“, 1950


MARK ROTHKO MIT SEINEM SOHN CHRISTOPHER, 1966


Und dieses Ziel erreichte er über die Auseinandersetzung mit der europäischen Kunstgeschichte?

Ja. Nach Yale ging mein Vater nach New York, wo er an der Art Students League Klassen bei Max Weber besuchte, der selbst stark von der europäischen Kunst beeinflusst war und in Paris studiert hatte. Ein Großteil seiner Ausbildung aber verlief autodidaktisch – durch den Besuch der New Yorker Museen, insbesondere des Metropolitan Museum, aber auch des Museum of Modern Art.

Wer waren seine Favoriten?

Rembrandt war ganz sicher einer seiner Lieblingskünstler. Er hielt ihn für einen der größten Maler aller Zeiten, bewunderte seinen grandiosen Umgang mit Licht und wie er es einsetzte, um Emotionen heraufzubeschwören. Rembrandts Porträts zeigen auf eine stille, subtile Art das ganze menschliche Drama von der Geburt bis zum Tod. Selbst wenn er Alltagsszenen malt, ist da ein transzendentes Moment. Seine Malerei spricht zur menschlichen Seele, und danach strebte auch mein Vater, von seinem frühen figurativen Werk bis zu den Abstraktionen.

Welche Rolle spilt die europäische Moderne für Rothkos Weg in die Abstraktion?

Insbesondere Henri Matisse beeinflusste ihn sehr. Als das Museum of Modern Art Ende der 40er-Jahre Matisse’ „Das rote Atelier“ erwarb, ging mein Vater zwei Monate lang jeden Tag in das Museum, um sich das Bild anzuschauen. Er war hingerissen von der Kühnheit, eine ganze Leinwand mit fast nichts anderem als einer einzigen Farbe zu füllen. Ihn interessierten nicht unbedingt die Technik und Malweise. Sondern der Mut, all das beiseitezulegen, was man als Maler gelernt hatte, und sich zu trauen, die Dinge so einfach und furchtlos auszudrücken, wie es ihm selbst dann in seiner späteren Color-Field-Malerei auch gelingt.

Ab den 50er-Jahren sind Ihre Eltern dann auch für mehrere längere Aufenthlt nach Europa gereist. Was hat sich Ihr Vater angeschaut?

Der erste mehrmonatige Aufenthalt 1950 führte nach Frankreich, Belgien, Holland, Großbritannien – aber der Fokus lag auf Italien und seinen Museen und Kirchen. Eine der wichtigsten Stationen war das Kloster San Marco mit den von Fra Angelico bemalten Mönchszellen in Florenz. Diese Fresken wurden zur Betrachtung durch einen einzelnen Menschen gemalt, und diese Idee der Abgeschiedenheit, des Alleinseins mit der Kunst, faszinierte meinen Vater. Sie wurde auch zentral für seine Überlegungen zur Gestaltung eigener Wandbilder. Ein weiterer Höhepunkt war die Laurenziana, die von Michelangelo für die Medici entworfene Bibliothek, insbesondere das Vestibül mit den blinden Fenstern. Denn diese Fenster lassen einen einerseits nichts sehen, aber sie sind auch Pforten, die einen in eine andere Dimension bringen, und diese Dualität interessierte meinen Vater sehr. Mein Vater traf in Italien auch den Regisseur Michelangelo Antonioni, der sein Werk seit Längerem bewunderte. Der Familiensage nach begrüßte Antonioni meinen Vater in Italien mit den Worten: „Ich wollte Sie treffen, denn Sie malen das Nichts, und ich filme das Nichts.“ Das ist natürlich augenzwinkernd zu verstehen, denn hinter diesem Nichts steht bei beiden sehr viel. Aber es beschreibt den Ansatz der beiden recht gut.


»Meinen Vater interessierten die großen FRAGEN: Warum sind wir hier? Was ist der Sinn des Lebens? Was bedeutet der Tod? » –Christopher ROTHKO


Die Malerei Ihres Vaters war stets auf der Suche nach dem Sakralen. Interessierten ihn diese historischen Stätten auch als Orte, in denen die Kunst noch eingebunden war in einen spirituellen Kontext?

Absolut. Mein Vater reiste natürlich auch nach Paestum und Pompeji. Er liebte die Antike, er liebte die griechische und römische Mythologie und natürlich auch Nietzsches „Geburt der Tragödie“: die ewigen Fragen der Menschheit, die über die Jahrtausende hinweg bis in unsere Gegenwart hineinragen. Mein Vater hoffte, die nächste Stimme in dieser Unterhaltung zu sein. Sein Werk wurde immer als revolutionär bezeichnet, als käme es aus dem Nichts. Aber er selbst verstand es nur als den nächsten logischen Schritt einer seit Jahrtausenden fortschreitenden Entwicklung. Er fühlte, dass er in Amerika die Freiheit hatte, etwas ganz Neues zu machen, aber dass der Geist dieses Neuen in enger Verbindung stand zu dem, was Künstler schon seit langer Zeit auszudrücken versuchten. Mein Vater liebte die Wandmalereien im Haus der Mysterien in Pompeji genauso wie Fra Angelicos Mönchszellen, weil sie einen Kontext herstellen, der sich explizit an das Spirituelle richtet. Und das ist der Grund, warum der Auftrag zur Gestaltung der Rothko Chapel in Houston, den mein Vater 1964 erhält, für ihn die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches darstellt. Er kann dort seinen eigenen kontemplativen Ort schaffen.

BLICK IN EINE MÖNCHSZELLE MIT FRESKO VON FRA ANGELICO (1441/42) IM MUSEO DI SAN MARCO, FLORENZ


MARK ROTHKO „NO. 2“, 1947


MARK ROTHKO „UNDERGROUND FANTASY“, UM 1940


Eine solche raumfüllende Installation führt auch zu ganz anderen Wahrnehmungsweisen.

Ja. Die frühesten Arbeiten meines Vaters waren eine Art des Gesprächs mit dem Betrachter. Als er dann die Möglichkeit erhält, eigene Räume zu erschaffen, verlangsamt er diese Unterhaltung und erweitert sie hin zu einer tiefen Erfahrung, die über ein visuelles Erlebnis hinausgeht.

Wie haben Sie als kleines Kind die Europa-Reisen erlebt? War das auch Spaß oder nur ein langweiliges Durch-Museen-Rennen?

Das müsste meine Schwester beantworten – sie war schon etwas älter und nicht immer begeistert, wenn meine Eltern acht Stunden am Tag in Kirchen verbrachten. Ich war ehrlich gesagt zu klein, um mich zu erinnern.

Sie haben ursprünglich über viele Jahre als klinischer Psychologe gearbeitet. Seit wann beschäftigen Sie sich so intensiv mit dem Werk Ihres Vaters?

Eine Zeit lang habe ich beides gemacht: als Psychologe gearbeitet und nebenbei Ausstellungen zum Werk meines Vaters begleitet. Um das Jahr 2000 herum gab es vor allem in Europa eine Reihe von Ausstellungen, für die mich Kuratoren anriefen und um Rat baten. Ich merkte dabei, dass ich mehr wusste, als ich dachte, und so beschloss ich, mich ausschließlich mit dem Nachlass meines Vaters zu beschäftigen.

Wenn Angehörige das Erbe eines Künstlers verwltn, kommt es oft zu Konflikten. Welchen Druck bedeutet es für Sie, das OEuvre Mark Rothkos zu betreuen?

Druck habe ich nie verspürt. Meine Schwester, die 13 Jahre älter ist als ich, hat anfangs einen Großteil des Nachlasses verwaltet, bis auch ich in die Arbeit einstieg. Es gab keinen Druck, dies zu tun – eher schon den Druck, es nicht zu tun und mein eigenes Leben zu leben. Dass ich ein hohes Ausbildungsniveau erreicht und eine berufliche Karriere hatte, war wichtig für mich, um mich freiwillig für die Arbeit mit dem Nachlass zu entscheiden. Wäre es mir aufgezwungen worden, wäre es mir schwergefallen.

Erkennen Sie in seinem Werk den Menschen, den Sie kannten – oder jemand anderes?

Natürlich habe ich viele Erinnerungen an ihn, aber wirklich kennengelernt habe ich ihn erst durch seine Bilder. Es steckt so viel Persönliches in seinem Werk. Nichts Spezifisches, aber der Kern seiner Persönlichkeit. Was ich in seinen Bildern sehe, hat vieles von dem bestätigt, woran ich mich erinnerte. Es ist bei mir eher so: Ich erinnere mich nicht immer an alle Einzelheiten mit meinem Vater. Aber wenn mir jemand etwas erzählt, das nicht stimmt, spüre ich das sofort.

Wie erklären Sie sich die ungemeine Popularität Ihres Vaters? Seine Werke sind ja nicht nur kunsthistorische Ikonen, Reproduktionen hängen auch in jedem zweiten Teenager-Zimmer.

Ich habe das Gefühl, dass die Menschen entweder überhaupt nichts mit ihm anfangen können, oder aber, dass sie ihn sehr leidenschaftlich verehren.

Es gibt diese berühmte Aussage von Mark Rothko, dass er das Pblkum weinen sehen will.

Er war sehr glücklich, wenn er Menschen vor seinen Bildern weinen sah. Mein Vater interessierte sich für die großen Fragen, die alle Religionen, alle Formen von Spiritualität umfassen: Warum sind wir hier? Was ist der Sinn des Lebens? Was bedeutet der Tod? Offenbar schafft er es mit seinen Bildern, die Seele der Menschen anzusprechen und tiefe Emotionen zu wecken.

Vergleichbar mit Musik?

Mein Vater sagte einmal, dass er die Malerei in puncto Eindringlichkeit auf das Niveau der Musik bringen möchte. Fast alle Menschen sind von Musik berührt. Man muss dafür nicht einmal verstehen, wie sie komponiert wurde. Einen emotionalen Zugang schaffen, um von dort aus zu einem noch tieferen Verständnis zu gelangen – das wollte mein Vater für seine Malerei. Seine Lieblingsmusik war Mozart. Er liebte auch Haydn, Händel, Beethoven, aber auf Mozart kam er immer wieder zurück. Sein Geschmack war nicht sehr wagemutig. Er hatte Freunde, die moderne Musik komponierten, aber ich glaube kaum, dass er sie sich jemals angehört hat.

Ganz im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen vom abstrakten Expressionismus, die gerne Jazz hörten.


»Die Malerei solt so eindringlich wie Musik sein. Er war glücklich, wenn er Menschen vor seinen Bildern weinen sah » –Christopher ROTHKO


Absolut. Die Verbindung zwischen Action Painting und Jazz glaubt man ja buchstäblich zu sehen. Bei Jackson Pollock auf jeden Fall oder auch bei Louise Nevelson, bei Franz Kline. Mein Vater hingegen hatte, soviel ich weiß, keinerlei Interesse an Jazz.

Mit welchen seiner Künstlerkollegen war Ihr Vater besonders eng?

Er kannte fast alle, aber mit Barnett Newman, Adolph Gottlieb und dem heute eher weniger bekannten Herbert Ferber war er wohl am engsten befreundet. Die Freundschaft zu Newman zerbrach allerdings, so wie Barnett Newman praktisch mit all seinen Freunden brach. Er beschuldigte die anderen Color-Field-Maler, ihn kopiert und sogar ihre eigenen Bilder vordatiert zu haben, um visionärer als er zu erscheinen.

Welche Kunst hing bei Ihnen zu Hause?

Christopher ROTHKO


Das veränderte sich natürlich. Aber ein Bild, das immer hing, war „Slow Swirl at the Edge of the Sea“, sein wohl wichtigstes Werk aus seiner frühen surrealistischen Phase. Es hing über unserem Sofa, egal wie sich die Einrichtung veränderte. Im Schlafzimmer hing „Processional“, eine winzige surrealistische Arbeit. Und ein Aktgemälde aus den späten 30er-Jahren, dem meine Mutter den Beinamen „Das Mädchen mit dem spitzen Arsch“ gab. Was durchaus treffend war. Insgesamt war es eher sein Frühwerk – mein Vater hat nie etwas zerstört, bei jedem Umzug gingen Hunderte Arbeiten mit.

Bei Weitem nicht alle Künstler ertragen es, mit ihrem Werk zu leben.

Viele Künstler ertragen es ja nicht einmal, ihre Werke in den Wohnungen anderer Menschen zu sehen. Sie wollen die Bilder sofort verbessern oder zerstören. Bei meinem Vater war es so: Wenn es fertig war, war es fertig. Weil es in diesem Moment einer Wahrheit entsprach. Hatte er zwischenzeitlich eine andere Wahrheit für sich gefunden, malte er eben etwas anderes.

Durften Sie ihn als Kind bei der Arbeit beobachten?

Niemand hat ihm je beim Malen zuschauen dürfen. Mein Vater beschäftigte auch erst gegen Ende seiner Laufbahn Assistenten, und wenn sie ihre Arbeit erledigt hatten und er loslegen wollte, mussten sie das Atelier verlassen. Anders als bei Pollock etwa gibt es auch keine Foto- oder Filmaufnahmen von ihm beim Malen – seine Bilder sollten das einzige Kommunikationsmedium mit der Welt sein.

Wie lange saß er an einem Bild?

Da es keine Zeugen gab, kann man darüber nur spekulieren. Ich denke, dass er an zwei bis drei Bildern parallel arbeitete, da er so viele Schichten Farbe auftrug, dass er warten musste, bis sie trockneten. Der Farbauftrag erfolgte rasch, aber der Prozess insgesamt zog sich über Wochen, in denen er die Weiterentwicklung des Bildes verfolgte und die nächsten Schritte überlegte.

Was hat Ihnen Ihr Vater weitergegeben?

Ich habe seine Stimme. Seinen Sinn für Humor, seine feine Ironie, die ihn oft in Schwierigkeiten gebracht hat und die mich oft in Schwierigkeiten bringt. Die Leidenschaft für die Musik. Auch mein Vater war kein geborener Künstler, seine erste Liebe war die Musik. Ich war erst sechs Jahre alt, als er starb, aber ich erinnere mich daran, wie wir Musik füreinander spielten und über sie diskutierten.

Und was ist Ihr Liblngswerk?

Ich habe zwei. Beide stammen aus dem Jahr 1963, was zufällig auch mein Geburtsjahr ist. Das eine hängt im Kunsthaus Zürich: vier schwarze Rechtecke, deren Oberflächen gerade genug reflektieren, um sie vom schwarzen Hintergrund abzuheben und lebendig werden zu lassen. Und oben ein schmaler, heller Streifen, der das Bild völlig verwandelt und ihm seine Dunkelheit nimmt. Mein anderes Lieblingsbild wird jetzt auch in Wien ausgestellt. Es zeigt eine große, weiße Wolke, die über einem karamellfarbenen Rechteck schwebt. Man kann sich ganz wunderbar darin verlieren.

„MARK ROTHKO“, Kunsthistorisches Museum Wien, 12. März bis 30. Juni


Fotos: Mark Rothko © VG-Bild-Kunst, Bonn 2019, © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019, © Robert Bayer/Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler. © 2005 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht Wien, 2019

Fotos: Mark Rothko © VG-Bild-Kunst, Bonn 2019, © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019. bpk/Alinari Archives/Lorusso, Nicola for Alinari. ullstein bild

Fotos: Mark Rothko © VG-Bild-Kunst, Bonn 2019, © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019, © Kunstmuseum Bern. Mark Rothko © VG-Bild-Kunst, Bonn 2019, © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019

Fotos: © 2005 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko. mauritius images/Adam Eastland Art + Architecture/Alamy. Mark Rothko © VG-Bild-Kunst, Bonn 2019, © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019 © Foto: National Gallery of Art, Washington, D.C.

Fotos: Mark Rothko © VG-Bild-Kunst, Bonn 2019, © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019, © National Gallery of Art, Washington, D.C. © Privat