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CICERO Stadtgespräch


Cicero - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 28.03.2019

In Berlin stehen mit der Datsche und der Litfaßsäule zwei volksnahe Kulturgüter zur Disposition, während der Palast der Republik aufersteht


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Bildquelle: Cicero, Ausgabe 4/2019

Palast der Republik Da isser wieder

Der Großversuch, Berlin erneut zur Hauptstadt des Sozialismus zu machen, schreitet voran. Wohnungen sollen enteignet werden, der sozialistische Frauentag wurde eingeführt. Fehlte nur die Renaissance des Palasts der Republik. So geschah es: Als Kunstaktion kehrte Honeckers Schau- und Trutzburg zurück. Das Haus der Berliner Festspiele verkleidete sich kurzzeitig als Erichs Lampenladen, brachte einen zum Dornenkranz verfremdeten ...

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Der Großversuch, Berlin erneut zur Hauptstadt des Sozialismus zu machen, schreitet voran. Wohnungen sollen enteignet werden, der sozialistische Frauentag wurde eingeführt. Fehlte nur die Renaissance des Palasts der Republik. So geschah es: Als Kunstaktion kehrte Honeckers Schau- und Trutzburg zurück. Das Haus der Berliner Festspiele verkleidete sich kurzzeitig als Erichs Lampenladen, brachte einen zum Dornenkranz verfremdeten DDR-Ährenkranz an. Drinnen diskutierte man über die Freuden gewesener und kommender Umstürze. „Die Revolution wird feministisch sein oder sie wird nicht sein“, sagte eine Rednerin. Das klingt nach handelsüblichem Phrasenquark, nicht nach sozialistischem Graubrot. Doch Berliner wissen: Aus Ruinen erstand hier so manches.akis

Merkel sondiert bei Nahles Fliegender Wechsel?

Scheinbar ohne jeden akuten Anlass hatte vor einigen Wochen der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs verkündet, dass seine Partei keineswegs eine neue Kanzlerin Kramp-Karrenbauer für die Große Koalition akzeptieren werde. Hintergrund seiner in der SPD mit Kopfschütteln registrierten Wortmeldung: Kahrs hatte Wind davon bekommen, dass Angela Merkel höchstpersönlich bei der SPD-Chefin Andrea Nahles vorgefühlt hatte, ob die Sozialdemokraten an Bord blieben, wenn sie demnächst auch die Kanzlerinnen-Amtsgeschäfte an ihre Nachfolgerin im Parteivorsitz übergeben würde. Von Andrea Nahles ist keine Reaktion bekannt geworden. Kahrs aber ließ es sich nicht nehmen, schon mal ein Stoppschild aufzustellen.swn

Streit um die Schrebergärten Datsche in Gefahr

Daniel Gottlob Schreber war ein Leipziger Arzt des 19. Jahrhunderts, doch Berlin ist die Hauptstadt der Schrebergärten. Darum war die Aufregung groß, als der RBB nun Pläne des rot-rot-grünen Senats enthüllte, ab 2020 bis zu 850 Parzellen auf 15 landeseigenen Kleingartenkolonien zu räumen. Für angeblich gute Zwecke, Kitas sollen entstehen, Schulen, Turnhallen – doch darf der Laubenpieper vertrieben werden? Die SPD war bemüht, den Volkszorn einzufangen, und erklärte, die Umwidmungen seien in einer wachsenden Stadt nötig. Nur 1,5 Prozent der landeseigenen Gärten wären betroffen. Doch der Geist ist aus der Flasche, die Treffen mit den Datschenbewohnern dürften turbulent werden. Altberliner Brauchtum kämpft gegen Neuberliner Sitten. akis

Auf Kreuzfahrt mit der SPD Hendricks vor Island

Im Juni 2017 war Barbara Hendricks noch Umweltministerin und machte sich somit quasi schon von Amts wegen Sorgen um die Natur: „Es kann ja nicht sein, dass wir an Pkw harte Maßstäbe anlegen und Frachtschiffe und Kreuzfahrtschiffe unreguliert Gifte in die Luft blasen lassen“, gab die SPD-Politikerin im Interview mit demHamburger Abendblatt zu Protokoll. Inzwischen hat sich ihre berufliche Situation verändert; Hendricks hat das Ministeramt abgegeben und ist nur noch normale Bundestagsabgeordnete. Was offenbar mehr Zeit lässt für Aktivitäten außerhalb des politischen Betriebs im engeren Sinne, in diesem Fall sogar auf hoher See. In der aktuellen Ausgabe des SPD-MitgliedermagazinsVorwärts wirbt jedenfalls der „SPD-Reiseservice“ für eine 13-tägige „SPD-Exklusiv-Kreuzfahrt“ rund um Island. Und damit auf der MS Astor keine Langeweile aufkommt, haben die Veranstalter für ihre reisefreudigen Genossen zwei Stargäste mit an Bord geholt. Nämlich den Chansonnier Klaus Hoffmann sowie, jawohl, die ehemalige Umweltministerin Barbara Hendricks. Letztere sagte im Interview übrigens auch, Kreuzfahrten müssten teurer werden, „wenn man Wert darauf legt, den Schadstoffausstoß zu senken“. Ob die 1429 Euro (pro Person in der Vierbettkabine) für den Islandtörn teuer genug sind, kann sie dann ja mit ihren Gästen auf der MS Astor besprechen.mar

Landeseigene Wohnungen Berlin als Miet-Hai

Dass in Berlin eher selten etwas klappt, ist keine Neuigkeit und deshalb keiner besonderen Erwähnung wert. Eine Erfolgsgeschichte wäre es hingegen schon, und die betrifft (wenn man so will) die landeseigene Immobiliengesellschaft Berlinovo. Das Unternehmen unterhält in der Hauptstadt unter anderem rund 15 000 Wohnungen und konnte das Geschäftsjahr 2017 mit einem stattlichen Gewinn von 255,4 Millionen Euro abschließen. Der unschöne Nebenaspekt dabei: 6500 dieser Wohnungen werden von Berlinovo möbliert vermietet – und fallen somit nicht unter die Mietpreisbremse. Anders gesagt: Mit Rückendeckung des rot-rot-grünen Senats treibt eine landeseigene Immobiliengesellschaft (Aufsichtsratsvorsitzender ist der SPD-Finanzsenator Matthias Kollatz) die Mieten nach oben – und tut damit genau das, was die Berliner Landesregierung ansonsten regelmäßig privaten Investoren zum Vorwurf macht. Tatsächlich kann Berlinovo, wie imTagesspiegel nachzulesen ist, „Maximalpreise“ verlangen: „Weder muss sie einen Teil ihrer 6500 möblierten Wohnungen an finanziell schlechtergestellte Haushalte vermieten, noch werden ihre Mieten gedeckelt.“ Für eine Stadt, in der die verantwortlichen Politiker darüber nachdenken, private Wohnungsfirmen wegen Mietentreiberei zu enteignen, sind das erstaunliche Details. Aber wie heißt es bei Marx so schön: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.mar

Abschied von der Litfaßsäule Stille Trauer

Noch bevor in Berlin die erste Tageszeitung erschien, wurde dort 1854 die Litfaßsäule erfunden. Praktisch war sie für Werbung, behördliche Mitteilungen und auch für Propaganda. Im deutsch-österreichischen Krieg 1866 wurden auf ihnen erstmals alle amtlichen Kriegsdepeschen veröffentlicht. Dieser Tage nun stirbt die Litfaßsäule in der Hauptstadt einen stillen Tod. 2500 Exemplare stehen noch in Berlin, in keiner anderen europäischen Stadt gibt es mehr, sie prägen das Stadtbild. Doch in Zeiten von Google und Facebook ist Straßenwerbung nicht mehr gefragt, also geht es den Litfaßsäulen an den Kragen; sie werden abgerissen und entsorgt. Plakate kleben schon seit Anfang des Jahres nicht mehr auf ihnen, stattdessen wurden sie mit Papier aus zartem Blau beklebt. 1500 neue Säulen sollen zwar wieder aufgestellt werden, aber nicht klassisch aus Eternit, sondern aus Beton oder aus Plastik. Auch an neuen Standorten werden sie stehen, nach Möglichkeit beleuchtet. Die Säule im Kiez an der Ecke, der Erich Kästner in „Emil und die Detektive“ ein literarisches Denkmal gesetzt hat, wird verschwinden. Doch keine Partei nimmt sich des Frevels an, keine Bürgerinitiative fordert „Rettet die Litfaßsäule“. Der trauernde Berliner verabschiedet sich leise, auf vielen Säulen hat er mit dickem Filzstift Sprüche hinterlassen. „Stoppt den Abriss“ heißt es da oder „Sag zum Abschied leise Servus“.cse


Illustrationen: Jan RieckhofIllustrationen: Rieckhoff