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CITROËN ACADIANE ALS MINI-CAMPER: SCHRÄG LASS NACH!


Auto Bild reisemobil - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 04.01.2019

lt@Französisches Geflügel kennen Gourmets von den Speisekarten ihrer Lieblingsrestaurants. Ein Ehepaar aus dem Saarland fährt in Enten und schläft darin. Echt!


Artikelbild für den Artikel "CITROËN ACADIANE ALS MINI-CAMPER: SCHRÄG LASS NACH!" aus der Ausgabe 2/2019 von Auto Bild reisemobil. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

KLARTEXT Die Limousine heißt „Dyane“, das Kürzel „AK“ trug auch der 2CV-Lieferwagen. Klingt zusammen wie „Acadiane“. Vorn lärmt ein 32-PS-Motor


FOTO: G.V. STERNENFELS

PROST! Im linken Staukasten ist Platz für einen kleinen Gas- und Wasservorrat. Der Douglasienholz- Gepäckträger ist Marke Eigenbau


Uaaaaaaaah, das kann niemals gut gehen! Wer noch nie eine Ente gefahren hat, bekommt jetzt Angst.135er-Reifchen und eine 90-Grad- Kurve, dazu die ...

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... Kopflastigkeit eines französischen Landwirts, der sich zum Mittagessen einen Rotwein zu viel gegönnt hat: Beim Einlenken neigt sich die Acadiane zum Kurvenrand, als wolle sie umfallen. Doch als der Scheitelpunkt geschafft ist, richtet sie sich plötzlich auf wie ein stolzer Schwan und eilt mit triumphierendem Schnattern davon.

Dirk (50) und Erika (49) Scherrmann aus dem saarländischen Schmelz sind mit dem knieweichen Fahrwerk vertraut. Egal ob 2CV, Dyane oder Acadiane: Die Räder sind einzeln an Schwingarmen aufgehängt, während die beiden Federtöpfe links und rechts in Fahrtrichtung liegen. „Viel Luftdruck in den Reifen ist das Geheimnis“, verrät Dirk. „Dadurch walken sie weniger und die Kippgefahr sinkt.“

Dirk muss es wissen. Momentan haben Scherrmanns vier 2CV und die Acadiane im Stall, darunter einen selbst gebauten Pick-up, der für ihren Reinigungstechnik- Betrieb als Firmenwagen dient. Enten sind seit über 20 Jahren ihre Leidenschaft. Warum dann noch eine Acadiane als Reisemobil? „Nach einem verregneten Frankreichurlaub mit Ente und Zelt stand uns der Sinn nach etwas Bequemerem , erklärt Erika. Immerhin war die Dyane die Luxusversion des spartanischen 2CV.

Gesagt, getan: In Mainz stoßen die beiden bei ihrer Suche auf ein abgemeldetes Exemplar, das die Sanierung lohnt. „Lückenlos war seine Geschichte nicht mehr nachvollziehbar“, sagt Dirk. Trotzdem ist der niedrige Kilometerstand von knapp über 100 000 glaubhaft. „Von 1982 bis 1989 war sie mit Cuxhavener Nummer angemeldet, danach lief sie vermutlich irgendwo auf einem Pferdehof.“ Das behauptet zumindest der Mainzer Vorbesitzer, der in jedem Winkel des Acadiane-Innenraums Heureste fand.


„Warum groß? Uns reicht die Acadiane fürs kleine Glück!“


GEHT DOCH! Bevor das Bett gemacht werden kann, muss die Sitzbank vorgeschoben werden. Die Füße ragen knapp über die Lehnen


FOTOS: D. SCHERRMANN (7), G.V. STERNENFELS (2)

Neun Monate lang: Schweißen, Schrauben und Tüfteln

VOLLER KÖRPEREINSATZ Erika zeichnet ein Scharnier an. Den Dachhimmel überziehen mit Tapetenkleister befestigte alte Michelin-Karten


■ Die Acadiane war kein einfaches Restaurierungsprojekt. Der Motor war fest, Dirk Scherrmann überholte ihn und baute ihn auf elektronische Zündung um. Die Stromversorgung, zum Beispiel mit einer 230-V-Steckdose innen und einer außen vor dem rechten hinteren Schmutzfänger, ist eine Eigenentwicklung. Der Rahmen wurde hohlraumkonserviert und lackiert, die linke untere Seite des Aufbaus aus mühsam beschafften Teilen rekonstruiert. Viel Patina blieb erhalten – etwa im Cockpit, wo eine umgebaute 2CV-Sitzbank die beiden ursprünglichen Einzelsitze ersetzt.

STRIPTEASE Hier ist der Plattformrahmen bereits von der Karosserie getrennt. Diagnose: Rahmen okay, Blech an vielen Stellen mürbe


SCHWEISSARBEIT Unter anderem waren ein neuer Pedalboden und neue Bodenbleche nötig


GELB GRUNDIERT Das Rot musste beigem Industrielack weichen, lackiert wurde im Garten


RUSTIKAL Für den Innenausbau verwendete Dirk Scherrmann HDF-Platten. Die rechte Seitenwand und den Boden ziert PVC-Belag aus dem Baumarkt


Dyane und 2CV: die ewigen Rivalen

■ Historiker sind sich uneins, ob die 1967 von Citroën präsentierte Dyane (als Limousine mit „y“ geschrieben) den minimalistischen 2CV ablösen oder nur die Lücke zwischen der Ente und dem größeren Ami 6 schließen sollte. Technisch waren diese Modelle eng verwandt. Viele Fans befürchteten, dass die Dyane der Ente bald den Rang ablaufen könnte. Aber die 2CV-Limousine, bereits 1948 präsentiert, zog weiter unbehelligt ihre Bahnen. Ein Achtungserfolg blieb nur der Acadiane beschieden: 1978 vorgestellt, trat sie die Nachfolge der Kastenente an, deren Produktion auslief.

DIE ERSTE Über 1,2 Millionen Kastenenten rollten zwischen 1951 und 1978 vom Band


DIE ZWEITE Zwischen 1978 und 1988 wurden über 250 000 Acadiane produziert


FALTIGS BLECHLE Die kultige 2CV-Limousine, bis 1990 über 3,8 Millionen Mal gebaut


DER GEGNER Für die Dyane (1967–83) entschieden sich immerhin 1,4 Millionen Käufer


Beim Kaufpreis wird man sich im August 2017 einig: 650 Euro, „nach zähen Verhandlungen“, wie Dirk lachend betont. Und nehmen wir es gleich vorweg: Es folgt eine Komplettrestaurierung, die rund 4500 Euro verschlingt. „Es war halt einfach so“, meinen Erika und Dirk völlig gelassen. „Ich war neun Monate schwanger mit ihr“, fügt Erika achselzuckend hinzu.

Wie groß der Aufwand wirklich war, verrät die Antwort auf eine simple Frage: Wie viele Blechteile sind neu? „Gegenfrage“, erwidert Dirk wie aus der Pistole geschossen: „Wie viel ist noch alt?“ Dass Dyane-Teile längst nicht so einfach wie jene vom 2CV zu beschaffen sind, lernt Dirk, begeisterter Hobby-Schrauber, beim Restaurieren en passant. „Das war neu für mich. Und manchmal überraschend. So passten zum Beispiel die Türen nicht, die ich von einer Dyane-Limousine besorgt hatte – obwohl sie auf den ersten Blick gleich ausgesehen haben.“ Selbst ist der Mann – und setzt an den Originaltüren zehn Zentimeter an, weil sie unten vom Rost zerfressen sind.

Improvisation ist auch sonst gefragt: Die Schmutzlappen an den hinteren Radhäusern sind zum Beispiel zurechtgestutzte Gummimatten, die eigentlich als Dachbelag verwendet werden. Und die Kaltschaum-Matratzen für das immerhin 1,40 mal 1,80 Meter große Doppelbett lassen Erika und Dirk extra anfertigen. Der Stoff für die Bezüge mit Eifelturm-Motiven und die Gardinen im Entchen-Look stammt aus einem Textilladen im benachbarten Saarwellingen. Selbstverständlich hat Erika sie in Eigenregie genäht. „Das war Ehrensache für mich!“

Im Mai 2018 können die beiden endlich zu ihrer ersten großen Tour aufbrechen – natürlich nach Frankreich, genauer gesagt in dessen Norden, nämlich nach Bavay. „Die ersten 1000 Kilometer hat sie relativ gut überstanden“, blickt Dirk zurück. „Nur der Keilriemen ist uns gerissen. Ich hatte natürlich Ersatz mit und konnte ihn ruck, zuck auf dem Standstreifen der Autobahn wechseln.“ Man kennt eben seine Pappenheimer. Mittlerweile sind schon 5000 weitere, weitgehend problemlose Kilometer dazugekommen. Die letzte Reise führte die beiden vor der Winterpause ins luxemburgische Wiltz.

SIMPEL Verdunkelt wird vorn mit einer weiteren Entchen-Gardine, die mit Magneten fixiert wird


AUFGETEILT Schubfächer mit erstaunlich viel Platz und passgenaue Matratzensegmente


RECYCELT Hmm, wem gehörten früher diese Jeans? Aus ihnen nähte Erika Türverkleidungen


FOTOS: G.V. STERNENFELS (4), AUTO BILD SYNDICATION (2), HERSTELLER, S. KRIEGER


„Sie ist klein, aber sie hat ein großes Herz!“


KUSCHELIG Die Töchter Abby (19) und Amy (17) sind schon flügge, deshalb reicht ein Zweisitzer


Zeit, sich selbst hinter das dürre Zweispeichenlenkrad zu quetschen. Bei 1,83 Meter Körpergröße gleicht das Einsteigen einer Fakir-Darbietung, denn die Sitze lassen sich wegen der Trennwand nicht nach hinten schieben. Gut, dass Erika und Dirk mit 1,65 Metern Jockeymaße haben.

Das Motörchen will mit hohen Drehzahlen bei Laune gehalten werden, was angesichts des lang übersetzten Vierganggetriebes samt Revolverschaltung fleißiges Stochern erfordert.

So braucht die Acadiane eine gefühlte Ewigkeit, bis sie Landstraßentempo erreicht. Dirk will sie schon auf 140 gescheucht haben, doch das wollen wir uns lieber nicht vorstellen. Sanft wie ein Schiff in der Dünung wogt sie dahin und schnattert dabei wie eine Ente auf Nahrungssuche. Innen fühlt sich das Schwanken übrigens gar nicht so heftig an. Und selbst wenn: Wir wissen ja jetzt, wie groß ihre Reserven sind. Peter Michaely

FOTOS: G.V. STERNENFELS (8)