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CLASSIC ROCK: In die Zeit gefallen


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 14.02.2019

Kommt der Rock’n’Roll ausgerechnet im Gewand des Classic Rock zurück? Greta Van Fleet, Dorothy und einige andere Bands sprechen für diese These.


TEXT: TORSTEN GROSS

Artikelbild für den Artikel "CLASSIC ROCK: In die Zeit gefallen" aus der Ausgabe 3/2019 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: musikexpress, Ausgabe 3/2019

Wenn Geschichte sich angeblich nicht wiederholt, ist das hier trotzdem ganz schön Led Zeppelin: Wir sind in der Berliner Columbiahalle. Auf der Bühne steht die amerikanische Rockband Greta Van Fleet, die soeben ihr erstes Album mit dem albernen Titel ANTHEM OF THE PEACE. FUL ARMY verö entlicht hat. Das gockelige Gehabe, die Weste über freiem Oberkörper, der glockenschrille Brunftgesang: Beobachtet man den Sänger der Band, Josh Kiszka, so. hlt ...

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... man sich geradewegs in das Jahr 1969 zurückversetzt. Damals erschien das erste Led- Zeppelin-Album, und der Gitarrist Jimmy Page spielte seine Gibson Les Paul auf ähnliche Weise wie jetzt Joshs Bruder Jake: auf Hüfthöhe baumelnd, den linken Fuß nach vorne gestellt, den Oberkörper möglichst weit nach hinten gelehnt. Was Greta Van Fleet an diesem Abend machen, ist Classic-Rock-Mimikry. Aber eine durchaus beeindruckende.

Einziger Schönheitsfehler: Das alles passiert im Herbst 2018. Das erfolgreichste Album in den deutschen Charts und bei sämtlichen Streaming-Diensten ist PALMEN AUS PLASTIK 2 von Bonez MC & RAF Camora, in den USA verkauft niemand mehr Musik als der Rapper Drake, der Gitarrenhersteller Gibson hat vor einigen Monaten Insolvenz angemeldet, Fender geht es nicht viel besser. Es ist das erste Jahr nach jener vielzitierten Studie des Verbraucherinstituts Nielsen, nach der HipHop die Rockmusik endgültig überholt habe und also das populärste Pop-Genre überhaupt sei. Und trotzdem steht da oben jetzt dieser Led-Zeppelin- Pastiche auf der Bühne.

Die Berliner Columbiahalle ist keine kleine Halle, knapp 4£000 Leute finden hier Platz, eine Woche zuvor spielten Greta Van Fleet sogar vor 7£000 Zuschauern in der Hamburger Sporthalle. Insgesamt gibt die Band drei ausverkaufte Deutschland-Konzerte, und im Rest der Welt sieht es nicht viel anders aus. Greta Van Fleet waren zu Gast auf der Grammy-Party von Elton John, spielten auf exklusive Einladung im Vorprogramm von Guns N’Roses, ANTHEM OF THE PEACEFUL ARMY war auf Platz drei der deutschen Charts.

Wird hier nun also doch noch die immer wieder beschriebene Sehnsucht nach „Handgemachtem“ befriedigt? „Seit seinen An« ngen gab es im Rock’n’Roll alle zehn, zwölf Jahre eine Frische-Injektion“, hat Jack White vor einiger Zeit gesagt. „Alle drehen durch, es passieren verrückte Sachen, und dann ebbt die Welle langsam wieder ab – bis zur nächsten.“ So weit, so bekannt: Die seit einigen Jahren in Feuilletons und Musikpresse so beliebten Texte über den angeblich endgültigen Tod der Rockmusik werden wider besseres Wissen geschrieben. Die Popkultur recycelt sich in immer schnellerer Abfolge selbst, nichts wurde so oft totgesagt wie die Rockmusik, kein Genre kehrte so oft zurück. Erstaunlich ist allerdings, dass deren jüngste Renaissance nun ausgerechnet im biederen Gewand des sogenannten Classic Rock vonstatten geht. Neben Greta Van Fleet stehen neue alte Rockbands wie Dorothy und Starcrawler in den Startlöchern. Der nicht zuletzt bei jungen Menschen beliebte Queen-Film „Bohemian Rhapsody“ ist bereits wenige Wochen nach dem Kinostart das zweiterfolgreichste Biopic aller Zeiten. 35 Jahre nach seiner Verö. entlichung wurde sogar der Toto- Schmachtfetzen„Affrica“ auf wunderliche Weise auf wunderliche Weise zu einer Millennial-Hymne, eine Weezer-Coverversion des Songs bewegte im Sommer wochenlang das Internet.

Eine ebenso überraschende wie absurde Entwicklung, denn mit der von Jack White beschworenen Frische-Injektion hat all das natürlich nichts zu tun. Beim letzten größeren Zucken des Rock’n’Roll war das noch anders: Die Strokes waren zwar deutlich von Velvet Underground beeinflusst, über. hrten deren Sound aber auf höchst individuelle Weise in den Zeitgeist und sangen über die Lethargie und den Hedonismus ihrer Generation im Prä-9/11.New York.


Jack White spricht von einer „Frische-Injektion“. Greta Van Fleet verkörpern eher Wertkonservatismus.


Greta Van Fleet hingegen sind nicht frisch. Sie klingen einfach eins zu eins wie Led Zeppelin 1969. Aber wo es damals um einen Ausbruch aus den Verhältnissen ging, um Libertinage, Protest gegen Vietnamkrieg und Elterngeneration, haben Greta Van Fleet jungen Leuten vor allem eins zu sagen: Früher war alles besser. Insofern verkörpern sie einen Wertkonservatismus, der in unruhigen Zeiten zu einer allgemeinen Sehnsucht nach klarer Verortung, nach Identität und Heimat passen mag, aber natürlich in einem diametralen Gegensatz zu den ursprünglichen Versprechungen der Rockmusik steht. Aufgewachsen im ländlichen Michigan, erfolgte die musikalische Sozialisation der Kiszka-Brüder – neben Josh und Jake gehört außerdem ihr Bruder Sam der Band an, hinzu kommt der Schlagzeuger Danny Wagner – vor allem über die elterliche Plattensammlung. Statt Abgrenzung strebten die Kiszkas also nach der Anerkennung ihrer Eltern. Seit frühester Kindheit machen die Brüder kaum etwas anders als Musik: „Zeit. Freundschaften hatten wir nur wenig, weil wir unablässig zu Hause probten und jedes Wochenende in irgendeiner Bar spielten“, erzählte Jake dem amerikanischen „Rolling Stone“.

Im vergangenen Jahr erschienen dann zwei EPs und der Wahnsinn nahm seinen Lauf. Ihr Song„Highway Tune“ erzielte über 36 Millionen Plays bei Spoti, ein YouTube-Video, in dem Greta Van Fleet ihren„Safari Song“ . reine Radiostation au´ hren, wurde sieben Millionen Mal angeklickt, im Sommer 2018 spielten sie zur besten Zeit auf dem wichtigsten Festival der Welt, dem Coachella. Als bald darauf ihr erstes Album erschien, hätte man vielleicht gedacht, dass sich Greta Van Fleet eventuell einer minimalen Kurskorrektur zugunsten einer eigenen Note befleißigen würden, doch auch ANTHEM OF THE PEACEFUL ARMY ist wieder eine lupenreine Reminiszenz an Led Zeppelin. Allerdings ohne: den Sex, den Schmutz, den Blues. Josh Kiszka klingt in der Columbiahalle wie eine keimfreie Mickey-Mouse-Gimmick-Variante des jungen Robert Plant. Es gibt insofern absolut keinen Grund, diese Musik zu hören, wenn man die alten Zeppelin-Alben im Schrank hat.

Das wichtigste Gesicht des Classic-Rock-Comebacks: Greta Van Fleet


Robert Plant bezeichnete Josh Kiszka als „beautiful little singer“.


Oben: Starcrawler um Arrow de Wilde. Rechts: The Struts, laut „Washington Times“ Verfasser des besten Rockalbums der letzten 20 Jahre.


Rechte Seite: Thunderpussy aus Seattle. Unten: Dorothy Martin, Frontfrau der von Linda Perry protegierten Dorothy.


Außer natürlich den, dass Greta Van Fleet jung sind und JETZT passieren. Man kann sie also live sehen, und der Algorithmus braucht Futter: „Früher trugen Models T.Shirts von coolen Rockbands, die sie nicht kannten, heute gehören ein paar Rock-Klassiker zum Grundinventar vieler Influencer-Playlisten“, sagt Linda Perry. „Am Ende kommt dabei dann eine Band wie Greta Van Fleet heraus.“ Was die Produzentin und Songschreiberin damit meint, hat „Pitchfork“ kürzlich mit einem denkwürdigen Verriss des Greta-Van-Fleet-Debüts auf den Punkt gebracht: In Zeiten algorithmisch definierter Playlists sei weder Originalität noch Klasse nötig, es reiche vollkommen, so zu klingen wie die alten Helden, dann werde man ganz von selbst in deren Nähe platziert und also millionenfach gespielt.

Ein Umstand, den sich nicht zuletzt Linda Perry selbst zunutze macht. Die ehemalige Sängerin der 4 Non Blondes, heute eine etablierte Charts-Songwriterin, managt mit Dorothy die neben Greta Van Fleet aktuell erfolgversprechendste unter den neuen alten Rockbands. Bei der Gründung der kalifornischen Band im Jahre 2014, so die Sängerin Dorothy Martin, sei es vor allem darum gegangen, Songs zu schreiben, die Beavis und Butt-Head gefallen hätten. Ein Witz, der 2019 eigentlich nicht funktioniert, weil kein Mensch unter 40 sich an die rockistischen MTV Cartoonfiguren erinnern kann.

Dorothy unterschrieben bereits vor drei Jahren einen umfangreichen Vertrag bei Jay-Zs Label Roc Nation, der Song„Wicked Ones“ wurde € r Kampagnen von Levi’s und Gatorade verwendet, das Debütalbum hatte den superwitzigen Ironie- Titel ROCKISDEAD. Das 2018 erschienene zweite Album, 28 DAYS IN THE VALLEY, verfolgt einen blueslastigeren Ansatz. Bei den Konzerten ihrer Band – zuletzt praktischerweise im Vorprogramm der USTour von Greta Van Fleet – trinkt Martin auf der Bühne Whiskey, ein Song heißt„Black Tar & Nicone“. Auch das: Posen und Zitate, die zu dieser Musik immer irgendwie dazugehörten, also gelebter Wertkonservatismus.

Ein Unterschied besteht aber doch: In vielen der neuen Classic-Rock-Bands wie Dorothy, den bluesrockbasierten. e Damn Truth aus Montreal oder. underpussy aus Seattle geben Frauen den Ton an. So auch bei Starcrawler, die sich am Glamrock der Siebziger orientieren und deren Sängerin Arrow de Wilde, die Tochter der Rock-Fotografin Autumn de Wilde ist.

Weitere Zugeständnisse an die Gegenwart werden nicht gemacht: Dirty Honey aus Los Angeles orientieren sich an Aerosmith und AC/DC, die klassische Blues- Hardrock-Band. Temperance Movement ist schon länger aktiv und spielte ebenso bei den Stones im Vorprogramm wie Tyler Bryant & Shakedowns, deren Sänger ein bisschen so aussieht wie der junge Freddie Mercury, was außerdem € r Luke Spiller, den Sänger der britischen Power-Glam-Revivalisten. Struts, gilt. Deren neues Album YOUNG & DANGEROUS bezeichnete die „Washington Times“ kürzlich als das beste Rockalbum der letzten 20 Jahre, viele trauen der Band mit dem direkten Zug zum Refrain ähnliche Erfolge zu wie Greta Van Fleet.

Sind all diese Bands und Phänomene ein kurzes retromanisches Nostalgieflackern, oder kommt 2019 tatsächlich die große Classic-Rock-Renaissance? Da€ r spricht die Tatsache, dass einige Mechanismen der Branche sich auch in Zeiten von Spotiª und YouTube nicht großartig verändert haben. Man kann also getrost davon ausgehen, dass in diesem Moment irgendwo auf der Welt eine ganze Reihe Coachella-tauglicher Jung- Classic-Rock-Bands gesignt werden.

Ein Gedanke, dem ausgerechnet der ehemalige Led- Zeppelin-Sänger Robert Plant nicht viel abgewinnen kann. Auf Greta Van Fleet angesprochen, bezeichnete Plant Josh Kiszka als „beautiful little singer“. Er sagt aber auch Folgendes: „Hört auf, in der Vergangenheit zu leben. Ö¬ net eure Augen und Ohren. Magazine und Internetplattformen sollten neue Musik unterstützen und jungen Musikern helfen, ein Publikum zu finden.“

Das Zitat ist aus einem Interview, in dem Plant zum zigsten Mal nach einer möglichen Led-Zeppelin- Reunion gefragt wurde, aber es passt auch in anderer Hinsicht: Die neuen Classic-Rock-Bands sind alles andere als schlecht, aber über die Zeit, in der wir leben, haben sie nichts zu sagen.

Led Clones

Greta Van Fleet sind nicht die Ersten, auch diese Bands klangen mindestens phasenweise mehr oder weniger deutlich nach Led Zeppelin.

Kingdom Come
Die Band um den deutschen Sänger Frank Wöllschlager aka Lenny Wolf übernahm die hardrockende Seite von Led Zeppelin, diese aber eins zu eins. Kingdom Comes unverhohlene Nachmacherei inspirierte Gary Moore und Ozzy Osbourne 1989 zu ihrem gemeinsamen Song „Led Clones“.

Whitesnake
Jahrelang ließ Robert Plant keine Gelegenheit aus, sich über seinen wohl off ensichtlichsten Wiedergänger, den Whitesnake-Sänger David Coverdale, lustig zu machen. Die Zusammenarbeit des von ihm so genannten David Coverversion mit dem Led-Zeppelin- Gitarristen Jimmy Page war für Plant ein Schlag ins Gesicht.

Wolfmother
Die australische Rockband Wolfmother klang zu Beginn des Jahrtausends wie ein lupenreiner Hybrid aus Black Sabbath und Led Zeppelin, letztere Ähnlichkeit verdankte sie vor allem der glockenhellen Sirenenstimme von Sänger Andrew Stockdale.

The White Stripes
Im Gegensatz zu den oben genannten haben die White Stripes nicht den Fehler gemacht, Led Zeppelin als Metal-Band misszuverstehen. Gewisse Facetten in Jack Whites Gesang sowie einige seiner Bluesrocksongs sind denn auch vielmehr Hommage, als Led-Zep-Kopie.

Soundgarden
Auch bei der Proto-Grunge-Band kann nicht von einer Kopie gesprochen werden. Vielmehr erinnern das holistische Rockverständnis und der bisweilen experimentelle Ansatz an das Selbstverständnis von Led Zeppelin – und natürlich Chris Cornells Stimme.


ILLUSTRATION: STEFAN FÄHLER

FOTOS: PROMO, ANNA LEE MEDIA