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Clevere Linien, die garantiert nicht im Aufgabenheft stehen: Aus der Werkzeugkiste


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 7/2018 vom 20.06.2018

Wir wollen das Rad nicht neu erfinden. Aber manchmal lohnt es sich die typischen Linien wie Zirkel und Volten zu verlassen, kleine Umwege einzuschlagen, für eine große Wirkung. Acht kreative Linien und Lektionsabfolgen, die das Zeug zum Aha-Effekt haben. Von Top-Ausbildern empfohlen.


Artikelbild für den Artikel "Clevere Linien, die garantiert nicht im Aufgabenheft stehen: Aus der Werkzeugkiste" aus der Ausgabe 7/2018 von Reiter Revue International. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reiter Revue International, Ausgabe 7/2018

Reitplatz in XS oder XXL? Perfekt!

Was bieten Reitplätze, die nicht das Standardmaß 20 x 40 Meter haben? Plätze also, die deutlich kleiner oder größer sind. Sie bieten zu Hauf Möglichkeiten. „Ein kleiner Platz hat Riesenvorteile!“, schwärmt Ralf Isselhorst. „Ich kann hervorragend an der Durchlässigkeit und an der Versammlung ...

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... arbeiten. Denn das Pferd ist automatisch besser eingerahmt. Eine Ecke und eine Bande folgen der nächsten auf kleinem Raum, prima!“

Die Vorzüge eines übergroßen Platzes scheinen einem hingegen schon auf den ersten Blick offensichtlich. Es winkt die große Freiheit. Tatsächlich aber ist ein großer Platz eine große Herausforderung, wenn man wirklich effektiv arbeiten möchte. Auf weiten Plätzen gibt es weniger Anhaltspunkte für Pferd und Reiter, Banden und Ecken liegen weit auseinander. „Das geht bei der Lösungsphase schon los“, sagt Isselhorst. Viele Reiter scheppern einfach los, das Pferd fällt auseinander. „Vor dem ersten Antraben sollte sich der Reiter Gedanken über seine Linien machen, er muss überlegen, wo er entlang reiten will.“ So schafft es der Reiter, sein Pferd genügend einzurahmen. „Ich fange am besten in einer ruhigeren Ecke an, arbeite mich langsam weiter über den Platz, um von Anfang an ein stressfreies Arbeitsklima für das Pferd zu erzeugen.“ Mit diesem Plan kann man schließlich den größten Vorteil des XXL-Reitplatzes ausspielen: den Raum, um ausgiebig mit dem Tempo zu spielen und mal richtig vorwärts zu reiten. Mit Spaß und Verstand.


„Vor dem ersten Antraben sollte sich der Reiter schon Gedanken über seine Linien machen, muss überlegen, wo er entlang reiten will.“Ralf Isselhorst


UNSERE EXPERTEN

FOTO: T. RUBEL

Jean Bemelmans
Der Belgier bildet Pferde und Reiter in Krefeld aus, trainiert die französische Equipe und ist 1989 zum Reitmeister ernannt worden.

FOTO: T. RUBEL

Ralf Isselhorst
Der Pferdewirtschaftsmeister lebt in Nottuln, bildet Dressurpferde bis zur schweren Klasse aus und ist Turnierrichter bis Grand Prix-Niveau.

FOTO: S. LAFRENTZ

Falk Stankus
Der Ausbilder leitet in Altenkrempe in Schleswig-Holstein den Dorotheenhof, reitet erfolgreich bis Grand Prix und ab und zu eine Vielseitigkeit.

Wie fahren Sie von Stockholm nach Rom? Direkt Richtung Süden? Könnte nass werden unterwegs. Also doch zwischendurch den Westen ansteuern. Und bei Stau noch einmal über einen Umweg. Eigentlich ist es in der Ausbildung von Pferd und Reiter nicht anders. Statt direkt eine Lektion oder einen Ausbildungsbaustein anzugehen, ist es oft klüger, Zwischenschritte einzuplanen. Sie stehen nicht im Aufgabenheft, wenngleich dort das Level und die Lektionen logisch aufeinander aufbauen und sich nach der Ausbildungsskala richten. Über Jahrzehnte haben schließlich Ausbilder hier ihr Herzblut reingesteckt. Das steht außer Frage. Dennoch: Der Weg ist eben selten gerade. Es braucht die Gymnastizierung, um Aufgaben im Dressurviereck zu meistern. Und oft brauchen Pferd und Reiter Ideen, wie sie Lektionen gelassen und mit der nötigen Kraft bewältigen. Wir haben Top-Ausbilder nach ihren Ideen gefragt. Womit haben sie in der Praxis bei Pferd und Reiter Fortschritte durch Zwischenschritte erzielt?

Eine Kiste Erfahrung

Ausbilder Jean Bemelmans sagt, „Für mich ist superwichtig, dass ich die Durchlässigkeit erarbeite. Das bedeutet, dass ich den Bewegungsablauf kontrollieren, den Trab in 20 verschiedenen Varianten reiten kann mit einer vernünftigen Verbindung zwischen Hinterbein und Maul.“ Darum geht’s hier. Und darum, clever auf unterschiedliche Situationen oder Probleme reagieren zu können. Ausbilder Falk Stankus spricht gerne von der Werkzeugkiste, die bei erfahrenen Ausbildern prall gefüllt mit individuellen Lösungswegen ist. Die folgenden Übungen kommen aus solch einer Kiste. Ganz gleich, ob Sie in der Klasse E oder A unterwegs sind oder schon deutlich weiter – Sie werden bei den folgenden Übungen garantiert fündig. Viel Spaß beim Nachreiten!

Für einen besseren Takt im Schritt

„Takt ist nicht selbstverständlich“, hat Ausbilder Falk Stankus selbst bei fortgeschrittenen Reitern festgestellt. Oft fehle es schon an Basiswissen über den Schritt als Viertakt, den Trab als Zweitakt, den Galopp als Dreitakt. Dabei hilft dieses Verständnis ungemein, um Schritt richtig zu reiten, ein Pferd schreiten zu lassen, fleißig, im Takt. Gerade in dieser vermeintlich einfachen Gangart lauern Probleme wie Pass, Eile, Tippeln. Stangenarbeit kann eine Hilfe sein, aber auch seitliches Verschieben. „Schenkelweichen ist gut, allerdings fangen meiner Erfahrung nach viele Reiter an, mit dem seitwärtstreibenden Schenkel zu wühlen und die Hilfe zu verbrauchen. Ich würde eher empfehlen, das Pferd seitwärts zu verschieben“, erklärt Falk Stankus. „Das kann mal beim Aus der Ecke kehrt ein Travers oder Schulterherein zur Bande sein, das kann ein Konterschulterherein entlang der Bande sein oder ein Ausschwenken der Hinterhand an der offenen Zirkelseite“, so Falk Stankus‘ Tipp.

Für zwei bessere Hälften

Die Schlangenlinien durch die Bahn mit geschwungenen Bögen – einst standen sie im Aufgabenheft, noch immer sind sie vieler Ausbilder Lieblinge. Ralf Isselhorst schwört auf das Schlängeln durch die Bahn. „Je bauchiger man die Bögen reitet, desto besser. Man kann davon auch zehn Bögen durch die Bahn reiten“, sagt er. „Der Reiter bekommt ein Gefühl für die Technik der diagonalen Hilfengebung.“ Sprich das Stellen am inneren Zügel, das Führen am äußeren Zügel, das Biegen um den inneren Schenkel, das Einrahmen mit dem äußeren Schenkel. Die Schlangenlinien dehnen und kräftigen das Pferd auf beiden Seiten: Losgelassenheit, also harmonisch arbeitende Muskeln, und Durchlässigkeit sind das Ergebnis.

„Ich kann die Schlangenlinien gut einsetzen, um den Einfachen Wechsel oder den Fliegenden Wechsel zu üben“, sagt Isselhorst. Der Wechsel wird dann auf der Mittellinie geritten. „Durch den vorherigen Bogen habe ich die perfekte Vorbereitung und den Bergaufgalopp, den ich brauche. Das Pferd ist gesetzt und eingerahmt. Und falls ich beim Einleiten des Galoppwechsels merke, dass das Pferd nicht so weit ist, kann ich sofort umschalten und auf der Hand bleiben, in dem ich in eine Zehn-Meter-Volte anlege und noch einmal ansetze.“

Für mehr Losgelassenheit

Gebogene Linien sind Gold wert für die Losgelassenheit des Pferdes – wie wäre es mit einem Ortswechsel auf einen Springplatz? Zwischen den Hindernissen liegt ein Meer an Möglichkeiten. Kleine Kringel, große Kringel, das Ganze in Kombination mit Übergängen. Wichtig dabei ist, sich auf die Linienführung zu konzentrieren (siehe Kasten S. 28). „Da sucht man sich seine Wege, reitet mal Traversalen, mal vorwärts, mal versammelt und unendlich viel auf gebogenen Linien“, erklärt Jean Bemelmans. „Ich denke dabei immer im Schultervor, behalte dadurch die Geraderichtung meines Pferdes im Auge und ich achte darauf, dass ich es gleichmäßig auf beiden Seiten arbeite.“

Falk Stankus setzt bei der Arbeit auf gebogenen Linien auch die Konterstellung ein. Kurzzeitig macht er das Pferd gerade, ohne die gebogene Linie zu verlassen. Eine schwierige Aufgabe, aber sie wirkt sich positiv auf die Geraderichtung und Durchlässigkeit des Pferdes aus. „Ich bekomme so einen Zugang zur Schulter, mache das Pferd im Übergang vom Rücken zur Schulter locker. Dadurch komme ich wiederum besser mit meinen Paraden durch.“ Die Bewegungsabläufe werden harmonischer und durch zunehmende Dehnungsbereitschaft des Pferdes losgelassener.

Für mehr Versammlung

Das Karree, angelegt mitten in der Bahn, beispielsweise von Zirkelpunkt zu Zirkelpunkt, ist mit seinen geraden Linien und seinen Ecken ein probates Mittel, um an der Geraderichtung zu feilen, findet Falk Stankus. „Aber auch für die Versammlung und den Schwung kann ich das Karree einsetzen. Ich habe ein Wechselspiel aus An- und Entspannen. Man hat eine Ecke, daraus geht es hinaus und schon bereitet man die nächste Ecke, die nächste Wendung, vor.“

Das Karree erfordert präzises Reiten. Deshalb empfiehlt Falk Stankus, die Figur zu entwickeln. „Sonst stülpt man die Lektion über das Paar“, sagt er. Heißt, Reiter und Pferd könnten verkrampfen. Besser ist, das Karree in Teilschritten zu erarbeiten, indem man ein halbes Karree reitet und die andere Hälfte als Zirkel anlegt. Oder indem man statt eines Vierecks ein Achteck reitet, also noch kürzere Geraden und Wendungen mit größerem Winkel. Wer mit seinem Pferd das Karree meistert, kann weiter denken und die Versammlung weiter fördern, indem er jede Ecke wie eine Viertel-Pirouette reitet. Zunächst im Schritt. Daraus antraben, durchparieren, viertel Schritt-Pirouette, wieder antraben, durchparieren, Schritt-Pirouette und so weiter. Darauf aufbauend das Wechselspiel aus Schritt-Pirouette und Galopp bis hin zur Viertel-Galopp-Pirouette in jeder Ecke.

Für eine starke Hinterhand

Das Erarbeiten der Arbeits-Pirouette ist quasi der Klassiker unter den Zwischenschritten der Dressurausbildung. Sie bereitet die Galopp-Pirouette vor. Wie das geht? „Man verkleinert im Travers den Zirkel, reitet wieder heraus, behält dabei die Längsbiegung, reitet etwas mehr vorwärts und verkleinert erneut den Zirkel“, erklärt Ralf Isselhorst. Ihm ist wichtig, dass das Pferd bei dieser Übung zu jeder Zeit den Hals fallen lässt und der Reiter das Pferd hinten weiter motiviert. „Dann kaut das Pferd automatisch vorne ab“, sagt er. Zwei Meter – kleiner sollte der Kreis, den die Hinterhand bei der Arbeits-Pirouette beschreibt, nicht werden. Die Übung ist ein Kraftakt für das Pferd, die Hinterhand wird gestärkt. Umso wichtiger ist deshalb auch zu merken, wann Schluss sein muss. Im Idealfall, wenn’s gut läuft und bevor die Übung an Qualität verliert – denn dann lässt die Kraft des Pferdes bereits nach. Höchste Zeit für eine Pause!

Für mehr Schwungentfaltung

Eine gute Schwungentfaltung gibt es immer nur mit genügender Hankenbeugung. Und Hankenbeugung wird wiederum über versammelnde Arbeit gefördert, zum Beispiel in Seitengängen. Falk Stankus setzt genau diese Puzzleteile in einer Übung zusammen. Aus der Ecke geht’s in die Traversale auf der Diagonalen, etwa bis zur Viertellinie, daraus richtet er das Pferd gerade und lässt das Pferd antreten. Ein paar gute Tritte reichen, um dem Pferd eine Idee von Schwungentfaltung zu geben. Wichtig: Die Hinterhand muss herangeschlossen bleiben und das Pferd sich in der Vorhand heben. Darauf lässt sich aufbauen, die Strecke nach und nach verlängern. Wer die Traversale noch nicht beherrscht oder wer eine Alternative sucht, kann statt des Travers auch im Schulterherein reiten und daraus zulegen.

Für die Einleitung der Pirouette

Der Weg in eine perfekte Galopp-Pirouette erfordert ein Höchstmaß an Durchlässigkeit. Die folgende Übung von Ralf Isselhorst auch. Mit ihr bekommt das Pferd eine Idee vom perfekten Einstieg in die Pirouette. Aus der Ecke lässt Isselhorst seine Schützlinge auf der Diagonalen in Richtung X traversieren, im Galopp geht es ab X auf der Mittellinie geradeaus im Travers. Kurz vor dem Zirkelmittelpunkt durchparieren zum Schritt und direkt eine halbe Schritt-Pirouette reiten, wieder angaloppieren, Travers. Bis zum nächsten Zirkelmittelpunkt, das Spiel mit der Schritt-Pirouette zur gleichen oder zur anderen Seite wiederholen. „So nutzt man gleichzeitig auch die Mittellinie als Arbeitslinie“, sagt Isselhorst. „Die Schritt- und Galopp-Pirouetten sind ja artverwandt. Erst wenn der Übergang fließend und die Hinterbeine fleißig bleiben, ist es möglich, anstatt der Schritt-Pirouette die Galopp-Pirouette zu reiten.“ Perfekt gesetzt und durchlässig.

Für mehr Kontrolle der Hinterhand

Jean Bemelmans hat einen Tipp für Reiter, die ihre ersten Galopp-Pirouetten üben. Zunächst im Schritt, später im Galopp lässt er sie entlang des ersten Hufschlags im Travers reiten. „Am Ende der langen Seite geht es im Travers in die halbe Pirouette und dann im Renvers zurück zum Hufschlag“, beschreibt Jean Bemelmans und erklärt den Sinn der Übung. „Oft drücken die Leute die Hinterhand in der Pirouette nach außen weg, halten sie nicht unter dem Schwerpunkt oder die Vorhand läuft weg. Aber so haben sie die Unterstützung der Bande, wissen wo sie sind und bekommen ein Verständnis für die Kontrolle der Hinterhand.“ Das Pferd bleibt die ganze Zeit gestellt und gebogen. Wichtig sind hier Tempo und Rhythmus. Die Pferde bieten von alleine an, langsamer zu werden und geraten ins Stocken. „Das Pferd muss aber fleißig bleiben, das Tempo gleichmäßig weitergehen“, sagt Jean Bemelmans. Eine Hilfe ist es, den Takt mitzusprechen oder zu schnalzen. Aber aufgepasst! In einer Dressurprüfung ist das natürlich nicht erlaubt. „Ich habe mir angewöhnt, innerlich zu schnalzen, also mir selbst einen Rhythmus zu geben, den keiner hört“, verrät Bemelmans.