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Cloud-Migration bei Aroundhome: Operation am offenen Herzen


CIO - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 07.02.2020

Aroundhome, Betreiber einer Plattform mit Produkten und Services rund ums Haus, migrierte seine IT-Infrastruktur bei laufendem Betrieb in die AWS-Cloud. CTO und CIO Steffen Heilmann sagt, worauf es ankam.


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Bildquelle: CIO, Ausgabe 4/2020

Unter dem Namen „Wolkenbruch“ startete Steffen Heilmann Anfang August 2019 die Migration von Aroundhome in die AWS-Cloud (Amazon Web Services). Das Berliner Unternehmen mit rund 500 Mitarbeitern betreibt eine Online-Plattform, die Handwerks- und Fachbetriebe an Eigenheimbesitzer vermittelt. Das Portfolio umfasst etwa 16.000 Betriebe und mehr als 50 Produkte; pro Woche müssen bis zu 40.000 Anfragen über ...

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Unter dem Namen „Wolkenbruch“ startete Steffen Heilmann Anfang August 2019 die Migration von Aroundhome in die AWS-Cloud (Amazon Web Services). Das Berliner Unternehmen mit rund 500 Mitarbeitern betreibt eine Online-Plattform, die Handwerks- und Fachbetriebe an Eigenheimbesitzer vermittelt. Das Portfolio umfasst etwa 16.000 Betriebe und mehr als 50 Produkte; pro Woche müssen bis zu 40.000 Anfragen über die Vermittlungs-App bearbeitet werden.

Anfang 2019 kam es zu mehrstündigen Betriebsausfällen aufgrund von fehlerhafter Hardware und schlechtem Service des Rechenzentrumsdienstleisters. Daher beschloss Steffen Heilmann, die Migration der kompletten Infrastruktur in die Cloud in Angriff zu nehmen.

Das ehrgeizige Ziel lautete, die IT innerhalb von nur drei Monaten aus dem Rechenzentrum zu holen. Daher entschied sich das Team um Heilmann für eine Lift-and-Shift-Migration der rund 40 Anwendungen, statt alles in der Cloud neu zu bauen. In Absprache mit dem Executive Board – in dem auch Heilmann einen Sitz hat – und der gesamten Firmen-IT wurde der Zeitraum von August bis Oktober für die Migration angesetzt.

„Drei Monate sind hinreichend lang, um komplexere Aufgaben wie eine Komplettmigration in die Cloud zu lösen; sie sind aber auch hinreichend kurz, um eine dedizierte Timeline aufrechtzuerhalten,“ erklärt Heilmann. Würde ein längerer Zeitraum, beispielsweise ein Jahr, für ein solches Projekt angesetzt, passiere erfahrungsgemäß in den ersten drei Monaten sowieso nichts, und das Team verliere den Fokus.

Im Vorfeld stockte Steffen Heilmann das IT-Betriebsteam durch Mitarbeiter mit dem nötigen Know-how für die Migration in die AWS-Cloud auf. Dabei war es wichtig, nicht nur im Betriebsbereich Wissen aufzubauen, sondern auch in den Entwicklungsteams, da für den Wechsel unter Umständen Änderungen am Softwarecode notwendig würden.

Das „Buy-in“ der Fachverantwortlichen für das Projekt sicherte sich Heilmann, indem er ihnen die Vorteile der Cloud für das Business erläuterte: Eine schnellere Software-Entwicklung, beschleunigte Tests und Rollouts sowie eine bessere Skalierung und Performance der Webseiten führen am Ende zu höherwertigeren Produkten.

Für AWS sprach, dass es bereits einzelne Testumgebungen in der Amazon-Cloud und damit Erfahrungen im Unternehmen gab. AWS sei den anderen Anbietern gefühlt ein halbes Jahr voraus. was Entwicklungsthemen und Cloud-Services angehe, glaubt Heilmann.

„Außerdem ist AWS im Grunde Standard, und die Skills für die Amazon-Plattform sind am Markt am einfachsten zu finden.“

Dreisprung in die Cloud

Die Migration selbst teilte Heilmann in drei Phasen auf. An erster Stelle stand die Planung anhand von drei Fragen: Wo stehen wir? Was wollen wir erreichen? Wie kommen wir da hin? Hier machte sich das Migrations-Team mit AWS-Technologien vertraut, definierte Standards für die Bereitstellung in der Cloud und erfasste die vorhandenen sowie noch zu beschaffenden Tools.

Zudem galt es, ein Inventar aller zu migrierenden Apps und Server zu erstellen und diese anhand von gegenseitigen Abhängigkeiten, Kritikalität und Risikofaktoren zu priorisieren. So plante das Team zuerst unkritische Anwendungen für den Wechsel ein, deren Ausfall sich nicht stark auf den Betrieb auswirken würden. Der große zentrale Datenbank-Server, auf dem fast alle Datenbanken liefen, stand erst am Ende der Migrations-Roadmap.

In nächsten Schritt folgte die Migration selbst. Das Aroundhome-Team baute dazu eine separate IT-Infrastruktur in der Amazon-Cloud auf und leitete sukzessive den Traffic auf die neue Plattform um. In dieser Zeit hatte die Migration im Unternehmen absoluten Vorrang. Steffen Heilmann gab seinem Team größtmögliche Freiheit: „Mein Job war es, dafür zu sorgen, dass das Migrations-Team die Ressourcen aus dem Entwicklungsbereich bekommt, die es braucht, und dass es an alle Aspekte des Projekts denkt.“ Der Fortschritt wurde in einem „Burn-down-Chart“ festgehalten, so dass Heilmann stets sehen konnte, an welchem Tag welcher Teil der Infrastruktur migriert wurde. Passierte dort länger nichts, hielt er mit dem Team Rücksprache.

Den Migrationsprozess konzipierte der CIO iterativ: Aufgrund der Erfahrungen mit den ersten unkritischen Anwendungen klassifizierte das Team Apps und Probleme. Kam es bei einer Anwendung zu Schwierigkeiten, wurde ein Rollback vorgenommen und eine Lösung erarbeitet. Anschließend identifizierten die Mitarbeiter Anwendungen gleicher Klasse und automatisierten für deren Migration die Lösung dieser Problemklasse. So ließ sich bei allen kommenden App-Migrationen dieser Fehler vermeiden.

Mit fortschreitender Erfahrung wurden so immer mehr Migrationsprozesse in Skripten automatisiert, was die Geschwindigkeit steigerte. Nachdem etwa zwei Drittel der Infrastruktur migriert waren, galt es oft nur noch, verschiedene Skripte nacheinander auszuführen, die Ergebnisse zu überprüfen und drei oder vier Konfigurationen anzupassen. Dieser Automatisierungsgrad kam Heilmann und seinem Team auch bei der Datenbank zugute, die schrittweise in die Cloud verschoben wurde. Das letzte große Teilstück folgte am ersten Novemberwochenende 2019, der letzte Server im eigenen Rechenzentrum wurde abgeschaltet.

Nach der Migration befindet sich Aroundhome nun in der dritten Phase. Im Frühjahr 2020 will Steffen Heilmann das Autoscaling der Cloud-Infrastruktur verbessern, die Container-Orchestrierungsplattform Kubernetes einführen und die verschobenen Anwendungen für die Cloud-Welt optimieren. Zudem soll die gesamte Produktivlandschaft als Testumgebung für die Entwicklung nachgebaut werden.

Lessons Learned

Für Heilmann fußt der Erfolg des Projekts auf der agilen DevOps-Struktur seines IT-Teams, kurzen Feedback-Zyklen und dem Motto: „Alles automatisieren, was sich automatisieren lässt“. Das inkrementelle Vorgehen bei der Problemlösung gab der Migration die Geschwindigkeit, die er veranschlagt hatte.

Steffen Heilmann CTO und CIO bei Aroundhome


„Drei Monate sind hinreichend lang, um komplexe Aufgaben wie eine Cloud-Migration zu lösen, aber auch hinreichend kurz, um eine dedizierte Timeline aufrechtzuerhalten.“


Zudem sei die ständige Kommunikation mit allen Beteiligten zentral gewesen. Heilmann nutzte regelmäßige „Tech Talks“ für Fortschritts-Updates der Migration an die gesamte Mannschaft. Zusätzlich gab es regelmäßige Abstimmungen mit den Stakeholdern. Darin wurden Status, Benefits, Probleme und Kapazitätsanforderungen der Migration besprochen. Dadurch holte er nicht nur die Produktverantwortlichen an Bord. Auch bisher unbeteiligte Entwickler kamen auf das Migrations-Team zu und fragten, ob sie unterstützen könnten.

Auf betrieblicher Seite bietet die Cloud durch Availability-Zones und Skalierbarkeit Schutz vor Totalausfällen. Die Datenbank ist nun weniger anfällig für Leistungseinbrüche durch rechenintensive Anwendungen. Statt auf einem einzigen Server laufen die Datenbanken in der Cloud auf unterschiedlichen Services. Steht eine Datenbank unter Last, sind die anderen und die jeweiligen Anwendungen davon nicht mehr beeinträchtigt.

Jens Dose [redaktion@cio.de]


Fotos: Blackboard/Shutterstock; Aroundhome