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Codewort »Walküre«


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 26.03.2019

Mehrfach schon hatten Hitler-Gegner in Militär und Bürgertum gemeinsam versucht, das NS-Regime zu stürzen. 1943 starteten die Verschwörer – unter ihnenClaus Schenk Graf von Stauffenberg – einen neuen Anlauf. Es war ihre letzte Chance.


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Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 2/2019

April 1943: Feldlazarett Sfax, Tunesien

Der englische Tiefflieger hat Oberstleutnant Claus Schenk Graf von Stauffenberg schwer getroffen. Dass er noch lebt, ist ein Wunder. Dem 37-Jährigen fehlen der rechte Arm, drei Finger der linken Hand und das linke Auge. Wie soll es weitergehen? Stauffenberg ist mit Leib und Seele Berufsoffizier, war am Einmarsch in die ...

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... Tschechoslowakei und am Überfall auf Polen beteiligt. »Trotz der Furchtbarkeit des Krieges ist das Ausrücken doch auch eine Erlösung. Der Krieg ist ja schließlich mein Handwerk «, schrieb er damals in einem Brief.

Während des Feldzugs gegen die Sowjetunion, den er anfangs als Kampf gegen den Bolschewismus begrüßte, sind ihm erste Zweifel gekommen. »Zuerst müssen wir den Krieg gewinnen«, teilte er seinem Bruder Berthold im Herbst 1941 mit. »Wenn wir nach Hause kommen, werden wir mit der braunen Pest aufräumen.« Im Frühsommer 1942, lange vor der Niederlage von Stalingrad, bezeichnete er den Krieg dann als »sinnloses Verbrechen« und empörte sich über die Gewalt gegen die russische Zivilbevölkerung.

Da er den Nachschub für die Ostfront organisierte, konnte er überblicken, wie aussichtslos die Lage war, und machte im Gespräch mit Offiziers - kollegen auch keinen Hehl daraus: Als Generalstab müssten sie jetzt ihrer Verantwortung gerecht werden und sich »durch schnellsten Abschluss eines Friedens « für die »Erhaltung des deutschen Volkes« einsetzen, »so lange es noch nicht zu spät ist«. Selbst in Anwesenheit von Kollegen, deren politische Haltung er nicht kannte, äußerte Stauffenberg offen seine Verachtung für Hitler und sprach immer öfter von der Notwendigkeit, ihn zu stürzen: »Hitler ist der eigentlich Verantwortliche; eine grundsätzliche Änderung ist nur möglich, wenn er beseitigt wird.«

Die Frage, ob und wie das möglich wäre, trat in den Hintergrund, als man ihn im Februar zum Afrikakorps versetzte. Nun aber wirft seine Verletzung ihn auf genau diese Frage zurück.

Mai 1943: Reservelazarett München

Nach mehreren Operationen kommt Stauffenberg allmählich wieder zu Kräften. »Wir müssen Deutschland retten «, sagt er immer wieder. »Wir sind als Generalstäbe alle mitverantwortlich. « Als General Friedrich Olbricht, Chef des Allgemeinen Heeresamtes (AHA), ihn zum Leiter seines Stabes machen will, diktiert Stauffenberg seiner Frau Nina eine schriftliche Zusage. Die Arbeit als Schreibtischsoldat ist ihm eigentlich zuwider, doch der neue Posten könnte ihm Einflussmöglichkeiten verschaffen, die er an der Front nicht hätte. Er hoffe, in einem Vierteljahr zur Verfügung zu stehen, lässt er Olbricht daher wissen.

Stauffenberg weiß, dass es ein Netzwerk von Regimegegnern gibt, zu dem neben Zivilisten auch Wehrmachtoffiziere gehören. Einige von ihnen planen schon seit 1938 einen Staatsstreich. Ein Zirkel um Henning von Tresckow, Oberst an der Ostfront in der Heeresgruppe Mitte, hat in den vergangenen Wochen mehrfach versucht, Hitler zu töten, doch alle Attentate scheiterten.

Auch Stauffenbergs künftiger Vorgesetzter Olbricht steht mit den Umsturzplanern in enger Verbindung. Für den Putsch kommt dem 55-Jährigen entscheidende Bedeutung zu: Als Chef des AHA in der Berliner Bendlerstraße kann er auf das Ersatzheer mit knapp zwei Millionen Mann zugreifen, das den Staatsstreich militärisch absichern könnte. Es besteht aus den Soldaten der Wachtrupps, Heeresschulen, Kommando- und Verwaltungsbehörden und ist das einzige bewaffnete Organ, das nicht direkt dem Regime unterstellt ist. Das Codewort »Walküre« setzt es in Marsch.

Mit der Zusage an Olbricht tritt Stauffenberg in den Kreis der Ver - schwörer

Frühere Putsch- und Attentatsversuche

Juni 1943: Berlin, Bendlerstraße

Olbrichts Vorgesetzter Generaloberst Friedrich Fromm steht unter Druck. Formal hat er als Befehlshaber aller Truppen im Heimatgebiet zwar enorme Macht, tatsächlich aber beschneiden ihm Hitler und sein Regime schon seit Längerem die Zuständigkeiten. Reichsführer SS Heinrich Himmler will Fromm entmachten, um aus dem Ersatzheer eigene Divisionen bilden zu können. Schon kursieren Gerüchte über Fromms baldige Ablösung.

Bei Hitler ist Fromm in Ungnade gefallen, seit er ihm im Januar 1942 unmissverständlich erklärt hat, dass die Mittel für eine Fortsetzung des Feldzugs im Osten weder personell noch materiell ausreichten und »die Unter - legenheit Deutschlands, besonders gegenüber der Rüstung Amerikas«, bald offenbar werden würde. Er empfehle daher »sofortige Einleitung politischer Verhandlungen mit dem Ziele eines Friedensschlusses, solange die deutsche Wehrmacht noch unbesiegt im Felde steht«. Seit über einem Jahr wird er nicht mehr zur Lagebesprechung gebeten.

Fromm ist dennoch weit davon entfernt, ein Aufständischer zu sein. Noch im November 1942, als sich seine Einschätzung der Lage längst als zutreffend erwiesen hatte, sagte er zu einem Diplomaten: »Unser Führer hat in seinem kleinen Finger mehr strategisches Können als alle Generale zusammen.« Kurz darauf fiel Fromms einziger Sohn an der Ostfront.

Er weiß, dass er in den Plänen der Verschwörer eine zentrale Rolle spielt. Olbricht kann die »Walküre«-Befehle zwar ausgeben, ohne Fromms Unterschrift als Befehlshaber würden sie aber früher oder später ins Leere laufen. Kein Wunder also, dass Tresckow und andere Verschwörer immer wie - der versucht haben, ihn für die ge - meinsame Sache zu gewinnen. Auch Fromm ist der Meinung, dass Hitler gestürzt werden muss. Doch angesichts seiner schwierigen Position will er sich nicht verbindlich für ein solches Himmelfahrtskommando einspannen lassen.

Friedrich Fromm


August 1943: Berlin

Tresckow hat Urlaub genommen, um in Berlin die Umsturzpläne voran - zutreiben. Mitte Juli ist das »Unter - nehmen Zitadelle« gescheitert, der letzte Versuch einer deutschen Offensive an der Ostfront. Längst ist der 42- Jährige überzeugt, dass nur eine Ermordung Hitlers eine Wende herbeiführen kann, da alle Befehlsstrukturen auf ihn hinauslaufen. Nirgendwo sonst in der Wehrmacht gibt es eine so große Widerstandszelle wie in Tresckows Stab.

Seit 1941 hat er Kontakte zu jener Gruppe aus Offizieren und Politikern in Berlin, die wie er für einen Staatsstreich sind. Ihr Zentrum ist der 63-jährige General a.D. Ludwig Beck. 1938 ist er aus Protest gegen Hitlers kriegstreiberische Politik zurückgetreten, gilt in weiten Teilen des Offizierskorps aber noch immer als Autorität. Selbst vom »Führer« ist bekannt, dass Beck der einzige Offizier ist, den er fürchtet: »Der Mann wäre imstande, etwas zu tun.« Für eine Regierung nach Hitler ist Beck als Staatsoberhaupt vorgesehen, Carl Friedrich Goerdeler, einst Oberbürgermeister von Leipzig, als Kanzler. Doch Anfang April ist die Gestapo einem Arm des Netzwerks auf die Spur gekommen, wichtige Mitstreiter wurden verhaftet. Tresckow wird zu nehmend ungeduldig. Ab Oktober muss er ein Grenadierregiment im südlichen Abschnitt der Ostfront führen – weit weg vom Umsturzgeschehen. Deshalb soll das Attentat noch im September stattfinden, der Sprengstoff liegt bereit.

14. September 1943: Berlin, Tristanstraße 8

Die Operation für seine Handprothese sei auf Wunsch seiner Vorgesetzten abermals verschoben worden, schreibt Stauffenberg an einen Freund. In Wahrheit hat er die Operation selbst abgesagt. Er hatte seinen Dienst bei Olbricht erst im November antreten wollen. Dann jedoch bat dieser ihn, so schnell wie möglich nach Berlin zu kommen. Jetzt wohnt Stauffenberg bei seinem Bruder Berthold in Wannsee und arbeitet zusammen mit Tresckow an den »Walküre «-Plänen.

Um sie auch jenen Militärs glaubwürdig zu machen, die noch loyal zum NSRegime stehen, formulieren die beiden einen Geheimbefehl, der den »Walküre «-Anweisungen vorangestellt werden soll. Die ersten Zeilen lauten: »Der Führer Adolf Hitler ist tot! Eine gewissenlose Clique frontfremder Parteiführer hat es unter Ausnutzung dieser Lage versucht, der schwerringenden Front in den Rücken zu fallen und die Macht … an sich zu reißen.« Erst diese Erklärung macht aus dem Einsatzplan ein Instrument für den Staatsstreich. Zugleich tarnt sie den Putsch, weil sie vorgibt, der Dolchstoß sei aus dem innersten Kreis der Macht gekommen – ein Szenario, das angesichts der Kriegslage sowohl der Armee als auch der Bevölkerung plausibel erscheinen dürfte.

Um sie auch jenen Militärs glaubwürdig zu machen, die noch loyal zum NSRegime stehen, formulieren die beiden einen Geheimbefehl, der den »Walküre «-Anweisungen vorangestellt werden soll. Die ersten Zeilen lauten: »Der Führer Adolf Hitler ist tot! Eine gewissenlose Clique frontfremder Parteiführer hat es unter Ausnutzung dieser Lage versucht, der schwerringenden Front in den Rücken zu fallen und die Macht … an sich zu reißen.« Erst diese Erklärung macht aus dem Einsatzplan ein Instrument für den Staatsstreich. Zugleich tarnt sie den Putsch, weil sie vorgibt, der Dolchstoß sei aus dem innersten Kreis der Macht gekommen – ein Szenario, das angesichts der Kriegslage sowohl der Armee als auch der Bevölkerung plausibel erscheinen dürfte.

September 1943: Grunewald

Um die Entwürfe der Einsatzbefehle zu besprechen, treffen sich Stauffenberg und Tresckow an wechselnden Orten im Grunewald. Tresckows Frau Erika und Margarete von Oven, früher Sekretärin beim Chef der Heeresleitung, schreiben die Texte ins Reine. Um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen, tragen sie beim Tippen Handschuhe. Die Schreibmaschinen müssen hinterher sorgfältig versteckt, überholte Entwürfe – oft dicke Stapel – vernichtet werden. Sowohl in der Tristan- als auch in der Bendlerstraße gibt es nur Zentralheizung, so müssen die Verschwörer Blatt für Blatt in der Toilette verbrennen und hinterher das verrußte Becken scheuern.

Henning von Tresckow Bamberg


»Spielst du Verschwörerles?«, fragt Nina von Stauffenberg ihren Mann, als er sie und die vier Kinder übers Wochenende besucht. Eigentlich kennt sie die Antwort, und sein knappes Nicken bestätigt ihren Verdacht. Schon im Lazarett kam er ihr verändert vor. Noch aber hielt sie es für einen Witz, als er sagte, es sei an der Zeit, dass er das Deutsche Reich rette. »Dazu bist du jetzt in deinem Zustand gerade der Richtige!«, hatte sie erwidert. Inzwischen weiß sie, dass er in etwas Geheimes verwickelt ist, dass eine Bombe gelegt werden soll und es schon mehrere Versuche gegeben hat. Welche Rolle ihr Mann bei alledem spielt, ist ihr nicht klar. Aber sie sieht: Sie wird ihn davon nicht abbringen können.

Friedrich Olbricht


Ende November 1943: Berlin-Düppel, Ausweich - quartier des Ersatzheeres

Die Zeit drängt. Niemand kann sagen, wie viel die Gestapo schon weiß oder durch Folter aus den bereits Verhafteten herauspresst; alles kann jederzeit auffliegen. Seit Wochen sind die Verschwörer auf der Suche nach einem Attentäter, etliche Kandidaten haben abgesagt. Mehrfach hat Stauffenberg angeboten, den Anschlag auszuführen, sich dabei zur Not selbst zu opfern. Die anderen lehnen das jedoch ab: Er sei für die Koordination des Staatsstreichs unentbehrlich und werde in Berlin gebraucht. Ein weiteres Problem kommt hinzu: Stauffenberg hat bislang keinen Zugang zu Hitler, und der verlässt sein Hauptquartier kaum noch. Auf die wenigen öffentlichen Auftritte des »Führers« können sich die Verschwörer nicht vorbereiten, weil er sie kurzfristig anberaumt und seine Reiserouten abrupt ändert. Zudem umgeben ihn auf Schritt und Tritt Begleitkommandos der SS. Es heißt, sogar seine Mütze sei kugelsicher, ein Pistolenattentat nahezu unmöglich.

Nun sitzt Stauffenberg ein junger Soldat namens Axel von dem Bussche gegenüber. Gerade mal 25 Jahre ist er alt, hat aber schon an allen Fronten gekämpft und wurde mehrfach verwundet. Vor einem Jahr, erzählt er nun in wenigen Sätzen, sei er in der Ukraine Zeuge einer Massenerschießung von etwa 3000 Juden geworden. Angesichts dieses »organisierten Massenmords im Auftrag des Staatschefs« blieben einem Soldaten nur drei Möglichkeiten: Fallen, Fahnenflucht oder Rebellion.

Stauffenberg hört aufmerksam zu und raucht dabei kleine holländische Zigaretten. Als er zu einem Vortrag über die theolo - gische Rechtfertigung von Tyrannenmord anhebt, wird Bussche ungeduldig: Einen verrückten Machthaber zu erschießen sei auch aus religiöser Sicht gerechtfertigt. Doch derlei Überlegungen seien für ihn sowieso nicht mehr relevant – er sei bereit, es zu tun.

Sie fassen einen Plan: Bei einer Vorführung neuer Uniformen soll der junge Major Hitler die Vorzüge der Ausrüstungen erläutern und sich dabei mit ihm in die Luft sprengen. Minen und Zünder sind beschafft. Doch der Termin wird immer wieder verschoben, schließlich wird der Eisenbahnwagen mit den Uniformen bei einem Luftangriff getroffen. So geht Bussche im Dezember zurück an die Ostfront.

Bamberg

Wenn ihr Mann alle drei Wochen für ein paar Tage nach Hause kommt, merkt Nina von Stauffenberg ihm die Anspannung an. Sie weiß, dass es keinen Sinn hat, ihn auszufragen. Oft genug hat er gesagt, dass es besser sei, wenn sie so wenig wie möglich wisse. Falls es schiefgeht, solle sie auf keinen Fall loyal zu ihm stehen, einer müsse schließlich für die Kinder da sein. So macht sie die Wäsche, die er mitbringt, und stellt keine Fragen: Die wenige Zeit, die er zu Hause verbringen kann, soll so unbelastet wie möglich sein. Trotzdem versucht sie, ihn zu unterstützen, soweit er es zulässt. Erst neulich hat sie einen ganzen Rucksack voller Papiere aus Berlin mit nach Hause genommen, um sie im Ofen zu verbrennen.

Januar 1944: Lebersee, Brandenburg

Fromm hat die Weihnachtstage mit seiner Frau bei Tochter Helga in Westpreußen verbracht, nun ist die 31-Jährige zu Besuch bei den Eltern. Die Gespräche drehen sich um die aussichtslose Lage des Krieges, die Luftangriffe und den bevorstehenden Zusammenbruch. Ließe sich nicht durch die Beseitigung Hitlers und eine Militärregierung noch etwas retten, fragt Helga ihren Vater. Der schüttelt den Kopf: Ein Attentat müsse alle Machthaber des Regimes treffen, sonst sei es zum Scheitern verurteilt. Außerdem habe Hitler noch zu viele Anhänger. Erst müssten die Feinde über die deutschen Grenzen kommen, dann stünden vielleicht mehr Menschen hinter einem Putschversuch. »Dann werde ich da sein. Das Nötige ist vorbereitet.«

Carl Friedrich Goerdeler


Januar 1944: Berlin, Bendlerstraße

Stauffenberg meldet sich bei Bussche: Für die Uniformvorführung sei ein neuer Termin angesetzt. Doch Bussches Vorgesetzter weigert sich, ihn zu beurlauben; seine Bataillonsführer seien keine Mannequins. Kurz darauf wird Bussche schwer verwundet und verliert ein Bein. Den Sprengstoff hat er im Lazarett noch immer dabei. Erst im Herbst wird es ihm mithilfe eines Freundes gelingen, ihn in einem See zu versenken.

April 1944: Berlin

»Man hat nicht nur auf die gleiche bes - tialische Weise wie vorher die deutschen und russischen Juden ausgerottet, man ist auch gegen die russische Bevölkerung selbst mit brutalster Rücksichtslosigkeit, mit Ausplünderung, mit Terror, mit Zwangseinziehung zur Arbeit in Deutschland vorgegangen«, schreibt Carl Goerdeler über den Feldzug gegen die Sowjetunion. Seit Jahren verfasst der 59-Jährige

Denkschriften über die Verbrechen des Regimes und entwirft politische Programme für ein Deutschland nach Hitler. Vor Kriegsbeginn reiste er durch Europa, um für die Unterstützung der Opposition zu werben. Die vielen Fehlschläge, die Passivität der Bevölkerung und der obersten Heerführer lassen ihn manchmal verzweifeln. Trotzdem hofft er unbeirrt, die Westmächte würden doch noch zu Zugeständnissen bereit sein, wenn es gelänge, sich aus eigener Kraft vom Regime zu befreien. Den Gedanken, dass für einen Putsch der »psychologisch richtige Moment abgewartet werden« müsse, hat er längst verworfen. Das »Nahen« des richtigen Zeitpunkts dürfe nicht abgewartet, sondern müsse »herbeigeführt werden«, hat er schon im Herbst einem General geschrieben. Mit dem »unseligen Attentat«, wie er es nennt, kann er sich trotz allem nicht anfreunden. Irgendwem müsse es doch gelingen, Hitler vom Einlenken zu überzeugen.

Bei seinen Mitverschwörern erntet er mit dieser Haltung nur noch Kopfschütteln. Männer wie Tresckow, Bussche oder Stauffenberg fühlen sich schon lange nicht mehr an ihren Eid auf den »Führer« gebunden: Aus ihrer Sicht wurde Hit - ler durch die von ihm angezettelten Verbrechen selbst tausendfach eid - brüchig.

Für Beck, den nicht zuletzt sein christlicher Glaube zum Widerstand gebracht hat, war es ein schmerzhafter Prozess, sich zu der Einsicht durchzuringen, dass das große Sterben nicht ohne Mord zu beenden sein wird. Vergebens versuchte er, seine Generals - kollegen zum geschlossenen Rücktritt zu bewegen, als Hitler sich 1938 anschickte, das Sudetenland zu annektieren, noch im August 1939 spielte er den Amerikanern Informationen zum geplanten Angriff auf Polen zu, um den Krieg abzuwenden. Inzwischen hat er eingesehen, dass es ohne Gewalt wohl keinen Neuanfang geben kann. Goerdelers Hoffnung auf ein Einlenken Hitlers hält er für utopisch.

Den Jüngeren unter den Verschwörern gilt Goerdeler als Reaktionär. Vor allem der 37-jährige Jurist Helmuth James Graf von Moltke verdächtigt ihn, zur alten Ordnung zurückkehren zu wollen. Tatsächlich vertrat Goerdeler lange stark nationalkonservative Ziele, die allerdings voller Widersprüche waren. In einer von ihm und Beck Anfang 1941 verfassten Denkschrift hieß es: »Die zentrale Lage, die zahlenmäßige Stärke und die hochgespannte Leistungsfähigkeit verbürgen dem deutschen Volk die Führung des europäischen Blocks, wenn es sie sich nicht durch Unmäßigkeit oder durch Macht - suchtmanieren verdirbt.« Und in einem an die britische Regierung gerichteten Friedensplan vom Mai desselben Jah - res forderte Goerdeler unter anderem die »Wiederherstellung der Grenzen Deutschlands von 1914« und die »Rückgabe der deutschen Kolonien«.

Inzwischen aber hat sich Goerdeler in vielem den eher linksliberalen, reformerischen Gedanken der Jungen angenähert. Überhaupt sind die Bande zwischen der Gruppe um Beck und dem von Moltke gegründeten »Kreisauer Kreis« mit der Zeit fester geworden. Der Zirkel aus Regimegegnern unterschiedlichster Herkunft und Profession kommt schon seit 1938 zusammen und entwickelt politische Programme für ein Nachkriegsdeutschland. Einen gewaltsamen Staatsstreich lehnen die meisten von ihnen ab, doch nach heftigen internen Diskussionen und einer von Beck moderierten Aussprache zwischen »Alten« und »Jungen« ist man sich einig geworden, dass ein Zusammenschluss mit der Widerstandsgruppe um Beck trotz der politischen Differenzen letztlich im Interesse aller ist, teilt man doch das eine große Ziel: die Befreiung vom NS-Regime, die Wiederherstellung des Rechtsstaats. 7. Juni 1944Berchtesgaden, Obersalzberg, Führerhauptquartier »Berghof« Zum ersten Mal seit fast zwei Jahren ist Fromm wieder zur Lagebesprechung

Helmuth James Graf von Moltke


7. Juni 1944: Berchtesgaden, Obersalzberg, Führerhauptquartier »Berghof«

Zum ersten Mal seit fast zwei Jahren ist Fromm wieder zur Lagebesprechung mit Hitler geladen: Angesichts der Landung der Alliierten in der Normandie am Tag zuvor hat man offenbar auch im Führerhauptquartier eingesehen, dass auf Fromms Expertise nicht zu verzichten ist. Doch seine Position ist alles andere als sicher, jede Besprechung könnte seine letzte sein. Begleitet wird er diesmal von Stauffenberg, der am 1. Juli offiziell Chef seines Stabes werden soll. Fromm hat ihn zu sich geholt, um ihn unter Kontrolle zu haben: Ihm ist nicht entgangen, dass in seiner engsten Umgebung etwas vor sich geht, dass die Geschäftigkeit der Verschwörer zu - genommen hat. Immer öfter hatte er sich ihrer Appelle und Werbungsversuche erwehren müssen. Wenn er nicht aufpasst, werden sie sich am Ende über ihn hinwegsetzen. Noch aber ist er der Befehlshaber des Ersatzheeres, und das will er auch bleiben. Seit er seine Soldaten einsetzen muss, um in aus - gebombten Städten Tote und Verschüttete zu bergen, erste Hilfe zu leisten und Verkehrswege freizuräumen, sind ihm allerdings Zweifel gekommen, ob es wirklich der bessere Weg ist, abzuwarten, bis die Alliierten an den Grenzen stehen. Die Bilder von seinem Besuch in Hamburg während der Luftangriffe im Juli vergangenen Jahres verfolgen ihn bis heute. Nach seiner Rückkehr hatte er seinen verzweifelten Zorn damals einem Kollegen anvertraut: »Wie habe ich die Leute im November 41 gewarnt und gesagt: ›Macht Schluss, wir sind auf der Höhe des Ruhmes, mehr können wir nicht mehr gewinnen.‹ Aber ich wurde nicht gehört!«

Julius Leber


Adolf Reichwein


22. Juni: Berlin, Köpenicker Straße 76

Die zum »Kreisauer Kreis« gehörenden Sozialdemokraten Adolf Reichwein und Julius Leber finden sich abends in der Praxis eines eingeweihten Chirurgen ein. Sie sind mit zwei Vertretern der verbotenen Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) verabredet, um eine mögliche Zusammenarbeit auszuloten. Leber hat sich seit Langem dafür starkgemacht, die Kommunisten mit ins Boot zu holen. Stauffenberg vertraut dem 53-jährigen erfahrenen Politiker, mit dem er sich rasch angefreundet hat. Er ist überzeugt, dass der undogmatische Leber in einer Regierung nach Hitler politische Gräben überwinden könnte und darum ein besserer Kanzler wäre als Goerdeler. Auch die anderen Verschwörer schätzen Lebers Urteilskraft und haben dem Geheimtreffen daher zugestimmt. Statt zwei erscheinen jedoch drei KPD-Funktionäre. Leber wird misstrauisch: Könnte einer der drei ein Spitzel sein? Das Gespräch läuft gut. Leber ist erstaunt, wie weit die Kommunisten ihm entgegenkommen.

1. Juli: Berlin, Bendlerstraße

Stauffenberg ist zum Oberst befördert worden und tritt seinen Posten unter Fromm an. Auf seine Stelle bei Olbricht rückt sein Freund Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim. Dass Fromm gerade jetzt den Chef seines Stabes auswechselt und sich dafür ausgerechnet Stauffenberg aus - gesucht hat, kann eigentlich nur bedeuten, dass Fromm die Umsturzpläne insgeheim mitträgt und im entschei - denden Moment unterstützen will.

Seine eigene Haltung hat Stauffenberg ihm gegenüber jedenfalls unmissverständlich deutlich gemacht: Seiner Meinung nach sei der Krieg nicht zu gewinnen, und die Schuld an der Niederlage trage allein Hitler. Das entspreche auch seiner Auffassung, erwiderte Fromm ruhig. Daraufhin sagte Stauffenberg, er müsse ihm »aus Loyalitätsgründen« mitteilen, dass er, falls bis zum Herbst kein Wunder geschehe, selbst eine Änderung herbeiführen wolle. Fromm dankte ihm für seine Offenheit und bat ihn, nun an die Arbeit zu gehen.

Der neue Posten eröffnet Stauffenberg eine Perspektive, über die er seit Tagen intensiv nachdenkt: Er wird nun immer wieder mal ins Führerhauptquartier gebeten werden – könnte das Attentat also selbst ausführen. Als er Fromm neulich auf den »Berghof« begleitete, war er erstaunt, wie zwanglos man sich in Hitlers Nähe bewegen kann, wenn man zu den Auserwählten gehört, die an der Lagebesprechung teilnehmen dürfen. Vor einiger Zeit schon hat Stauffenberg seinem Adjutanten und Freund Werner von Haeften seine Überlegungen anvertraut. Die Idee ist riskant, schon allein wegen seiner Behinderung. Doch Stauffenberg sieht inzwischen angesichts »unserer verzweifelten Lage« keine andere Möglichkeit.

Gerade haben die Sowjets die deutschen Stellungen bei Minsk durchbrochen, 27 Divisionen sind eingekesselt, der Roten Armee öffnet sich der Weg über Warschau nach Berlin; im Westen rollt die Invasion der Alliierten. Ist es überhaupt noch sinnvoll, das Risiko des Anschlags auf sich zu nehmen, lässt Stauffenberg Tresckow fragen. Die Antwort kommt postwendend: »Das Attentat muss erfolgen, coûte que coûte. Sollte es nicht gelingen, so muss trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.«

Zündteile der Bombe (1), die in der Aktentasche explodierte (4), stellte die Gestapo sicher. Die Flachzange (3) diente zum Scharfstellen, das zweite Sprengstoffpaket (2) blieb ungenutzt.


4. Juli: Berlin

Die Sozialdemokraten aus dem Krei - sauer Kreis, Reichwein und Leber, haben ein zweites Treffen mit den Kommunisten vereinbart. Leber aber, misstrauisch, geht nicht hin. Reichwein und die KPD-Funktionäre werden verhaftet – beim ersten Treffen war einer der drei KPDler tatsächlich ein Spitzel. Am nächsten Tag holt die Gestapo auch Leber. Wissen die Fahnder bereits vom Netzwerk der Verschwörer?

6. Juli: Führerhauptquartier »Berghof«

Abends nimmt Stauffenberg zum ersten Mal in seiner neuen Funktion an zwei Besprechungen mit Hitler teil. Er hat Sprengstoff dabei. Soll er ihn heute zünden? Einige Mitverschwörer sind der Ansicht, dass ein Anschlag auch Himmler und Göring treffen müsste – der richtige Zeitpunkt scheint noch nicht gekommen.

Für Stauffenberg wird immer deut - licher, dass er den Anschlag wohl selbst wird ausführen müssen. So bereitet er sich allen Bedenken zum Trotz auf die halsbrecherische Doppelrolle vor und durchdenkt die bisherigen Pläne neu. Mitentscheidend wird sein, das Führerhauptquartier in den ersten Stunden nach dem Attentat nachrichtentechnisch abzuriegeln, damit keine Mel - dungen nach außen dringen, während in Berlin die »Walküre«-Befehle an - laufen. Der Chef des Nachrichten - wesens, General Erich Fellgiebel, hat zugesagt, an Tag X alles dafür zu tun, aber auch darauf hingewiesen, dass eine voll ständige Sperre nicht möglich ist, da es keinen Knotenpunkt gibt, über den alle Informationen laufen. Zudem verfügen Luftwaffe, Heer und SS über eigene Leitungen, auf die er keinen Zugriff hat.

11. Juli: Führerhauptquartier »Berghof«

Wieder ist Stauffenberg auf dem Obersalzberg, wieder hat er Sprengstoff dabei. Aber Himmler kommt nicht zur Lagebesprechung. »Herrgott, soll man nicht doch handeln? «, wendet sich Stauffenberg an einen Mitverschwörer, doch der winkt ab: Ohne Himmler und Göring habe es keinen Sinn. »Die machen es nie!«, bemerkt Goerdeler, als ihn die Nachricht vom abgebrochenen Anschlag erreicht.

15. Juli: Rastenburg, Ostpreußen, Führerhauptquartier »Wolfsschanze«

Frühmorgens ist Stauffenberg zusammen mit Fromm in die »Wolfsschanze« geflogen. Für 13 Uhr sind sie zur »Morgenlage « bestellt, um 11 Uhr beginnt das Vorgespräch bei Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, dem Chef des Oberkommandos der Wehrmacht. In Stauffenbergs Aktentasche liegen zwei Sprengstoffpakete, die dazugehörigen Zünder und eine Flachzange zum Scharfmachen. Stauffenberg weiß, dass in Berlin bereits die Vorbereitungen für den Staatsstreich angelaufen sind: Olbricht hat Fromms Abwesenheit genutzt, um die ersten »Walküre«-Befehle an das Wachbataillon und die Heeresschulen um Berlin auszugeben; Kriminalbeamte stehen für die Verhaftung von NS-Größen bereit. Monatelang haben sie auf diesen Tag hingearbeitet, etliche Freunde sitzen bereits im Gefängnis, Stauffenberg selbst hat alles auf eine Karte gesetzt. Dann jedoch erfährt er, dass Himmler und Göring bei der »Morgenla ge« nicht dabei sein werden. Unruhig wartet er auf das Ende der fast zweistündigen Vorbesprechung. Er will sich mit seinen Mitstreitern in Berlin beraten, ob er die Bombe trotzdem zünden soll, findet die Gelegenheit dazu aber erst, als die Besprechung mit Hitler schon läuft.

Erich Fellgiebel


In Berlin diskutieren die Verschwörer, was zu tun ist. Die Zeit rennt, bald ist Hitler nicht mehr greifbar. Es sei nun letztlich eine Angelegenheit zwischen ihnen beiden, sagt Stauffenberg zu seinem Freund Mertz, den er in Berlin am Telefon hat. Sie müssten entscheiden. »Was sagst du?« Und Mertz antwortet: »Tu’s.«

Doch als Stauffenberg in die Lagebaracke zurückkehrt, ist die Besprechung schon vorbei. Es sei nun, notiert ein Mitverschwörer später, innerhalb weniger Tage das dritte Mal gewesen, »dass Stauffenberg seinen fürchterlichen Gang umsonst angetreten« habe.

15. Juli, abends: Berlin, Bendlerstraße

Als Fromm von der »Wolfsschanze« zurückkommt, erfährt er, dass Olbricht in seiner Abwesenheit eigenmächtig »Walküre « ausgelöst, die Sache dann zur Übung erklärt und sie nach einer halbherzigen Truppenbesichtigung beendet hat. Für Fromm ist nun klar: Offensichtlich sollte das Attentat heute stattfinden und das Ersatzheer in seinem Namen, aber ohne seine Zustimmung in Bewegung gesetzt werden. Und das ausgerechnet jetzt, wo das Regime mit allen Mitteln versucht, sich der Truppen zu bemächtigen! Da der Anschlag auch ihn getroffen hätte, muss er außerdem davon ausgehen, dass seine engsten Mitarbeiter bereit sind, für ihre Ziele seinen Tod in Kauf zu nehmen.

16. Juli: Berlin, Tristanstraße 8

Abends versammelt sich der engste Kreis der Verschwörer bei Claus und Berthold von Stauffenberg. Bis tief in die Nacht diskutieren sie noch einmal alle Optionen: Kann es nicht doch gelingen, die Befehlshaber an der Westfront zum Aufgeben zu bewegen und dadurch den Staatsstreich zu starten – ohne Attentat? Oder ließe sich das Ziel erreichen, indem man den Nachrichtenapparat 24 Stunden lang unter Kontrolle bringt und Rückzugsbefehle an sämtliche Heeresgruppen ausgibt? Jede Variante birgt neue Risiken und hakt zudem stets an derselben Stelle: Solange Hitler lebt, werden die Alliierten Verhandlungen nicht einmal in Betracht ziehen, die Befehlshaber keinen Aufstand wagen – und die Gegner des Regimes keine Chance bekommen, die Regierung zu übernehmen.

So läuft doch alles auf jene Lösung hinaus, die erst gestern wieder gescheitert ist: die Ermordung Hitlers. Berthold von Stauffenberg bringt es auf den Punkt: »Das Furchtbarste ist, zu wissen, dass es nicht gelingen kann und dass man es dennoch für unser Land und unsere Kinder tun muss.«

18. Juli: Berlin

Aus dem Reichskriminalamt erreicht die Verschwörer die Nachricht, dass die Verhaftung Goerdelers unmittelbar bevorstehe. Die Gestapo ist ihnen offenbar auf den Fersen, ein weiterer Schlag wäre das Ende. Goerdeler aber neigt in letzter Zeit noch mehr als sonst zu Aktionismus.

Selbst jetzt macht er noch den Vorschlag, an die Westfront zu fliegen, um die dortigen Befehlshaber zum Auf - geben zu überreden, doch Beck und Stauffenberg lehnen ab. Er solle sich »schleunigst unsichtbar« machen, sich aber bereithalten, sagt Stauffenberg. Vielleicht ergebe sich schon bald die nächste Möglichkeit.

Tatsächlich erreicht Stauffenberg noch im Laufe des Tages der Befehl, sich am 20. Juli zur Lagebesprechung im Führerhauptquartier einzufinden. Diesmal werde er handeln, sagt er zu Beck, sei es, wie es wolle. Und an Lebers Frau schreibt er: »Wir sind uns unserer Pflicht bewusst.«

Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim


19. Juli: Berlin

Die Vorbereitungen laufen an. Gleich morgens versichern sich Mertz und Stauffenberg, dass die Panzertruppen im Raum Berlin auf ihrer Seite stehen, lassen sich über Truppenstärken und Aufmarschzeiten informieren. Nachmittags bespricht sich Stauffenberg noch einmal mit den Offizieren seiner Dienststelle. Stauffenbergs Fahrer wird nach Potsdam geschickt, um eine Akten - tasche abzuholen und sie in die Tristanstraße 8 zu bringen: Sie enthält zwei Packungen deutschen Plastiksprengstoffs, jeweils 975 Gramm, sowie englische Zünder mit 30 Minuten Verzögerung. Unterdessen organisiert Stauffenberg eine Maschine für seinen Rückflug nach Berlin.

Am Tag zuvor ist seine Frau Nina mit den Kindern zu seiner Mutter nach Lautlingen gefahren. Gesehen hat Stauffenberg seine Frau schon länger nicht mehr. Jetzt will er wenigstens noch einmal ihre Stimme hören, doch er kommt nicht durch: Wegen eines Bombenangriffs sind die Leitungen ausgefallen.

Den Abend verbringt Stauffenberg mit seinem Bruder und Freunden in der Tristanstraße. Optimistisch ist keiner von ihnen. Schlimmer als ein Misslingen sei es aber, der Schande und dem lähmenden Zwang tatenlos zu verfallen, findet Stauffenberg. Ein Unrecht müsse man auf sich nehmen – das des Tuns oder das des Nichttuns. Morgen früh wird ihn sein Bruder zum Flughafen fahren.

20. Juli, 7 Uhr: Flugplatz Berlin-Rangsdorf

Zusammen mit seinem Adjutanten Werner von Haeften startet Stauffenberg nach Rastenburg. Im Gepäck haben sie zwei identische Aktentaschen: Die eine enthält Unterlagen für Stauffenbergs Vortrag zur Lage an der Ostfront, in der anderen liegen, von einem Hemd verdeckt, die zwei Sprengladungen mit den Zündern. Ein Wagen bringt sie in die »Wolfsschanze«. Gegen 10.15 Uhr erreichen sie das Casino im Sperrbezirk II und frühstücken. Stauffenberg hat die Tasche mit den Unterlagen, Haeften die mit dem Sprengstoff.

10 Uhr: Berlin, Bendlerstraße

Am Nachmittag gegen 16 Uhr werde er »privat wegfahren«, teilt Fromm seinem Adjutanten mit. Eigentlich sollte auch er heute im Führerhauptquartier erscheinen, hat jedoch mit Verweis auf drängende Termine abgesagt. Tatsächlich hat er sich schon gestern für den Nachmittag bei seiner Tochter in Westpreußen angekündigt – weit weg vom Geschehen. Seit dem 15. Juli weiß er, dass die Verschwörer ihre Ziele, die er durchaus teilt, sofort durchsetzen wollen. Und dass sie auch nicht davor zurückschrecken, ihn dafür aus dem Weg zu räumen. Selbst wenn der Plan scheitert, würde man ihn zudem mit dem Putschversuch in Verbindung bringen, schließlich hat er Stauffenberg gerade erst zu seinem engsten Mitarbeiter gemacht. Fromm hofft, die Fahrt zu Tochter und Enkeln werde ihm Zeit verschaffen, bis klar ist, wie sich die Dinge entwickeln.

11.30 Uhr: Führerhauptquartier »Wolfsschanze«

Im Vorgespräch mit Wilhelm Keitel hat Stauffenberg erfahren, dass Italiens im Vorjahr gestürzter »Duce« Benito Mussolini, inzwischen Kopf einer deutschen Marionettenregierung in Norditalien, kurzfristig seinen Besuch angekündigt hat. Die Lagebesprechung mit Hitler wird darum eine halbe Stunde eher beginnen. Nun macht er sich hastig mit Haeftens Hilfe daran, die Sprengladungen scharf zu stellen. Obwohl er es immer wieder geübt hat, hat er Mühe, mit seinen verbliebenen drei Fingern die Säureampulle zu zerdrücken, den Sicherungsstift zu entfernen und den Zünder einzusetzen.

Plötzlich geht die Tür zu dem Zimmer auf, in das sie sich zurückgezogen haben. Ein Oberfeldwebel kommt, um nachzusehen, was los ist: Der Oberst möge sich beeilen, die Lagebesprechung beginne in diesen Minuten. Wartend bleibt er an der offenen Tür stehen. Stauffenberg dreht ihm den Rücken zu. Nur eine Sprengladung ist aktiviert, für die zweite bleibt keine Zeit mehr. Haeften verstaut sie in seiner Tasche. »Stauffenberg, so kommen Sie doch!«, hören sie Keitels Adjutanten von draußen rufen. Stauffenberg greift zur Tasche mit der Bombe und stürzt am salutierenden Oberfeldwebel vorbei.

400 Meter sind es bis zur Lagebaracke, Stauffenberg nimmt sie im Laufschritt. Als Keitels Adjutant ihm die Tasche abnehmen will, reißt er sie an sich. An der Tür besinnt er sich aber und gibt sie ihm mit der Bitte, ihn wegen seiner Schwerhörigkeit möglichst nahe beim Führer zu platzieren.

Werner von Haeften


12.37 Uhr

Sie betreten den Raum, als die Be - sprechung bereits läuft. 23 Offiziere stehen mit Hitler um einen langen Eichentisch, auf dem ausgebreitete Karten liegen. Wegen der Hitze sind alle Fenster geöffnet. Stauffenberg bekommt einen Platz an der Längsseite, zwei Armeslängen von Hitler entfernt, der ihm zur Begrüßung wortlos die Hand reicht. Die Aktentasche hat der Adjutant vor Stauffenberg auf den Boden gestellt. Zwischen ihm und Hitler steht ein General und berichtet von der Lage an der Ostfront. Vorsichtig rückt Stauffenberg weiter an den Tisch heran und stellt die Tasche an der Außenseite des Holzsockels ab, der die schwere Tischplatte trägt. Dann verlässt er, eine Entschuldigung murmelnd, den Raum. Mütze und Koppel lässt er an der Garderobe, als käme er jede Minute zurück.

12.42 Uhr

In der Lagebaracke fragt Hitler, wo Oberst Stauffenberg bleibe. Ein General macht sich auf die Suche. Unterdessen erreicht Stauffenberg die 200 Meter entfernte Adjutantur und trifft dort Haeften und Nachrichtenoffizier Erich Fellgiebel. Als sie vor die Tür treten, geht in der Lagebaracke die Bombe hoch. Der Knall ist gewaltig, Stauffenberg fährt heftig zusammen. Während er mit Haeften in den bereitgestellten Wagen steigt, sieht er Verletzte ins Freie wanken. Verkohlte Papierfetzen schweben in der Luft, ein Mann wird auf einer Bahre nach draußen getragen, bedeckt von Hitlers Umhang – der Anschlag scheint geglückt!

12.50 Uhr

Die Wache am Sperrkreis I lässt sie passieren. Auf die Außenwache aber macht Stauffenbergs herrisches Auftreten keinen Eindruck: Mittlerweile ist für beide Sperrkreise Alarm ausgelöst. Erst nach einem Telefonat mit dem Stellvertreter des Kommandanten, der den Grund für den Alarm noch nicht kennt, hebt der Wachoffizier den Schlagbaum. Auf der Fahrt zum Flugplatz wirft Haeften das Paket mit dem restlichen Sprengstoff aus dem offenen Wagen, der Fahrer sieht es im Rückspiegel. Die Attentäter glauben, Hitler sei tot. In Wirklichkeit wurde er nur leicht verletzt.

13 Uhr: Berlin, Bendlerstraße

General Fritz Thiele, Stabschef im Nachrichtenwesen des Heeres, erfährt durch einen Anruf Fellgiebels, dass das Attentat zwar stattgefunden habe, Hitler aber lebe. Thiele ist verunsichert: Auf diesen Fall ist man nicht vorbereitet. Statt sofort Olbricht zu informieren, verlässt er die Dienststelle, um seine Gedanken zu ordnen

13.45 Uhr: Führerhauptquartier »Wolfsschanze«

Obwohl das Attentat gescheitert ist, hat Fellgiebel das Führerhauptquartier wie vereinbart nachrichtentechnisch abgeschnitten – der Plan ist schon zu weit fort geschritten, zum Umsturz versuch gibt es keine Alternative mehr. Durch die Leitungen der SS, die Fellgiebel nicht sperren kann, ist Himmler seit einer knappen Stunde über alles informiert und trifft jetzt in Rastenburg ein. Schnell richtet sich der Verdacht gegen Stauffenberg: Ein Offizier hat beobachtet, dass er Mütze und Koppel zurückgelassen hat.

Fritz Thiele


15.15 Uhr: Berlin, Bendlerstraße

Thiele kommt von seinem Spaziergang zurück. Er hat zum zweiten Mal mit der »Wolfsschanze« telefoniert und berichtet Olbricht nun von einer Explosion, bei der »eine größere Anzahl von Offizieren schwer verwundet« worden sei, möglicherweise auch der Führer. Olbricht zögert, »Walküre« auszulösen: Einen weiteren Fehlalarm wie vor fünf Tagen will er nicht riskieren. Außerdem ist Fromm noch im Haus und könnte sich der Sache in den Weg stellen.

Eine halbe Stunde später ruft Haeften vom Flugplatz an: Das Attentat sei gelungen und Hitler tot. Daraufhin holt Olbricht die »Walküre«-Befehle aus dem Panzerschrank. Mertz unterrichtet die leitenden Offiziere des AHA über Hitlers Tod und die Einsetzung einer zivilen Übergangsregierung unter General Beck.

15.55 Uhr: Berlin, Bendlerstraße

Fromm ist noch in einer Besprechung, als Olbricht unangemeldet in sein Zimmer tritt. Unter dem Arm hat er die Mappe mit den »Walküre«-Befehlen. Eigentlich hatte Fromm nach der Besprechung zu seiner Tochter aufbrechen wollen. Nun wird man ihn zu einer Entscheidung drängen.

Der Führer sei durch ein Attentat getötet werden, berichtet ihm Olbricht, Fellgiebel habe es ihm gemeldet. Nun müsse man »Walküre« auslösen. Fromm zögert. Diese Situation hatte er vermeiden wollen. Um sich Klarheit zu verschaffen, lässt er sich mit Keitel in der »Wolfsschanze« verbinden, der ihm erklärt, Hitler sei bei dem Anschlag nur leicht verletzt worden. Fromm solle sofort kommen, die Befehlsgewalt über das Ersatzheer habe jetzt Himmler, und wo sei eigentlich der Chef seines Stabes? Stauffenberg sei noch nicht eingetroffen, erwidert Fromm und legt auf.

Unter diesen Umständen »Walküre« auszurufen wäre glatter Selbstmord.

16 Uhr: Führerhauptquartier »Wolfsschanze«

Himmler lässt die Fernmeldesperre aufheben und die Wehrkreiskommandos über das gescheiterte Attentat informieren. Die ersten Gegenbefehle laufen an.

16.15 Uhr: Berlin, Bendlerstraße, Dienstzimmer Fromm

Wieder steht Olbricht in der Tür, diesmal hat er seinen Stabschef Mertz dabei. Fromm bittet die Männer, am Besprechungstisch Platz zu nehmen. Auf seine Frage, ob bereits Befehle erlassen wurden, antwortet Olbricht ausweichend. Mertz aber gibt zu, für den Raum Berlin gerade die zweite Stufe des »Walküre«-Alarms ausgegeben zu haben. Das verschärft die Situation für Fromm dramatisch: Aus Sicht des Regimes muss es nun so erscheinen, als wäre er der Drahtzieher des Attentats und hätte – nachdem er von Hitlers Überleben und seiner eigenen Entmachtung erfahren hatte – unautorisierterweise das Ersatzheer in Marsch gesetzt. Nun kann er weder vor noch zurück. Nur eines ist klar: Mertz hat seine Kompetenzen überschritten und muss seines Postens enthoben werden. Fromm erklärt ihn für verhaftet und lässt ihn auf einem Stuhl am Fenster Platz nehmen, bevor er Olbricht befiehlt, alle »Walküre«-Befehle rückgängig zu machen.

16.30 Uhr: Berlin, Bendlerstraße, Nachrichtenzentrale

»Der Führer Adolf Hitler ist tot«, liest der diensthabende Nachrichtenoffizier auf der Meldung, die ihm Stauffenbergs zweiter Adjutant in die Hand drückt: »Sofort absetzen!«, befiehlt dieser. Ob die Meldung nicht die höchste Dringlichkeit und Geheimhaltungsstufe verlange, fragt der Offizier nach. Der Adjutant bejaht eilig und ohne nachzudenken – ein verhängnisvoller Fehler. Denn für Geheime Kommandosachen stehen nur vier eigens ausgebildete Sekretärinnen zur Verfügung, die auf einem Verschlüsselungsgerät jeden Text einzeln tippen müssen. Eigentlich könnte das Schreiben an alle 20 Empfänger gleichzeitig gehen, so aber wird es mehrere Stunden dauern.

16.40 Uhr: Berlin, Bendlerstraße, Dienstzimmer Olbricht

Stauffenberg und Haeften sind in Berlin gelandet. Seit dem Attentat sind fast vier Stunden vergangen, die widersprüchlichen Nachrichten haben alle verunsichert. Stauffenberg beteuert, er habe die Explosion mit eigenen Augen gesehen – »da kann kaum noch jemand am Leben sein«. Olbricht will ihm nur allzu gern glauben. Vielleicht kann ja sein Bericht Fromm überzeugen.

16.45 Uhr: Berlin, Bendlerstraße, Dienstzimmer Fromm

Soeben habe ihm Stauffenberg den Tod des Führers bestätigt, erklärt Olbricht. »Das ist unmöglich«, entgegnet Fromm. »Keitel hat mir das Gegenteil berichtet.« Der Feldmarschall lüge, wie immer, antwortet Stauffenberg. »Ich habe gesehen, wie man Hitler tot hinausgetragen hat.« Auf weitere Nachfragen Fromms erklärt er ihm, er selbst habe die Bombe gezündet, das Attentat sei lediglich der Auftakt zum Umsturz. »Graf Stauffenberg «, sagt Fromm daraufhin, »das Attentat ist missglückt, Sie müssen sich sofort erschießen.« Das werde er nicht tun, antwortet dieser knapp.

Olbricht beschwört Fromm noch einmal, sich der Verschwörung anzuschließen: »Herr Generaloberst … wenn wir jetzt nicht losschlagen, wird unser Vaterland unter Hitler für immer zugrunde gehen.« Also sei auch er am Staatsstreich beteiligt, fragt Fromm. »Jawohl, aber ich persönlich stehe nur am Rande des Kreises, der die Macht in Deutschland übernehmen wird«, antwortet Olbricht. Dann erkläre er sie hiermit alle für verhaftet, sagt Fromm.

»Sie täuschen sich über die Machtverhältnisse «, entgegnet Stauffenberg. »Wenn hier jemand in Haft genommen wird, sind Sie es, Herr Generaloberst.«

Fromm springt wütend auf und stürzt zum Nebenzimmer, wo er sich eine Pistole holen will. Doch Haeften und ein weiterer Offizier, die vor der Tür gewartet haben, kommen ihm zuvor und drücken ihm ihre Waffen in den Bauch.

Fromm ist außer sich vor Wut und Empörung: Auf diese Weise, und zudem noch von Untergebenen, körperlich angegriffen und verhaftet zu werden ist eine unerhörte Demütigung. Offensichtlich haben ihn die Verschwörer lediglich als Hindernis betrachtet, das sich zur Not beiseiteschieben lässt. Er hätte sie längst bei der Gestapo anzeigen können, hat es aber nicht getan, weil er ihre Ziele teilt. Nun servieren sie ihn ab, weil er über den Weg dorthin anderer Ansicht ist.

»Unter diesen Umständen betrachte ich mich als außer Kurs gesetzt«, sagt Fromm mühsam beherrscht und lässt sich im Zimmer seines Adjutanten unter Arrest stellen.

17 Uhr: Führerhauptquartier »Wolfsschanze«

Durch einen Schaltfehler laufen die Fernschreiben aus dem Bendlerblock auch im Führerhauptquartier ein. Jetzt ist klar, dass der Anschlag nur der Auftakt zu einem Putsch war. Bei den Kommandanten vieler Wehrkreise herrscht Verwirrung: Die Anordnungen aus dem Bendlerblock treffen nach den gegenteiligen Befehlen aus der »Wolfsschanze« ein. Außerdem trägt der »Walküre«- Alarm nicht die Unterschrift des Befehlshabers des Ersatzheeres, Generaloberst Fromm.

17 Uhr: Berlin, Bendlerstraße

Ludwig Beck wartet nervös auf die Nachricht von der Besetzung des Funkhauses. Er hat eine Rundfunkansprache vorbereitet. Sie muss gesendet werden, bevor sich das Regime öffentlich äußern kann. Beck trägt einen Anzug, um zu zeigen, dass es sich nicht um einen Militärputsch handelt. Angesichts des Nachrichtendurcheinanders spricht er gegenüber seinen Mitverschwörern ein Machtwort: Für ihn sei Hitler tot, gleichgültig, was verbreitet werde, gleichgültig sogar, was wahr ist.

17. 10 Uhr: Berlin, Masurenallee

Der Kommandeur eines Infanterietrupps lässt das Funkhaus umstellen. Alles sei abgeschaltet, versichert man ihm im zentralen Schaltraum. Da die versprochenen Nachrichtenoffiziere nicht erschienen sind, er aber keine Ahnung von Funktechnik hat, muss er das glauben. In Wahrheit läuft der Sendebetrieb aus einem Bunker nebenan ungehindert weiter.

17.42 Uhr: reichsweit

Im Radio läuft die Meldung vom Attentat: »Der Führer lebt.«

18 Uhr: Berlin, Regierungsviertel

Entsprechend den »Walküre«-Befehlen umstellen Soldaten das Propaganda - ministerium und die Dienstwohnung von Joseph Goebbels, der Propagandaminister soll verhaftet werden. Goebbels zieht sich nach einem Blick auf die Straße in die hinteren Räume zurück. Eine halbe Stunde später hat das Wachbataillon das Regierungsviertel abgeriegelt.

19 Uhr: Berlin, Bendlerstraße

Stauffenberg hastet zwischen Telefonen hin und her: Ununterbrochen gehen Anrufe von Kommandeuren aus dem gesamten Reichsgebiet ein, die wissen wollen, welcher Version sie nun glauben sollen. Die »Walküre«-Befehle hätten ihre Richtigkeit, erklärt Stauffenberg immer wieder aufs Neue. Sie seien unbedingt zu befolgen, die aus der »Wolfsschanze« nicht. Er und Mertz bilden jetzt den Kopf des Aufstandes – aber es wurde schon viel Zeit verloren.

19 Uhr: Berlin, Propagandaministerium

Seit dem Nachmittag hat Major Otto Ernst Remer, Kommandeur des Wachbataillons, sämtliche Befehle ausgeführt, die bei ihm aufliefen. Gerade hat er sich noch einmal davon überzeugt, dass das Regierungsviertel abgeriegelt ist. Allmählich aber kommt ihm die Sache seltsam vor. »Jetzt geht es um meinen Kopf. Es scheint sich doch um einen Militärputsch zu handeln«, sagt er zu seinem Adjutanten, nachdem er mitbekommen hat, dass Goebbels verhaftet werden soll.

Nun hat er sich gegen die Order seines Vorgesetzten auf den Weg zum Minister gemacht und trifft dort genau im Moment der Verhaftung ein. Doch es ist schwer zu entscheiden, was wahr ist: Gehört Goebbels vielleicht zu jener »Clique frontfremder Parteiführer«, von der in den »Walküre«-Befehlen die Rede ist? Oder sind die eigentlichen Verschwörer am Ende Remers Vorgesetzte?

Goebbels bemerkt Remers Zwiespalt – und macht ihn sich zunutze: Kurzerhand ruft er in der »Wolfsschanze« an und verbindet ihn mit dem Führer. Ob er seine Stimme erkenne, fragt Hitler und erteilt ihm, als Remer ehr - fürchtig bejaht, den Befehl zur Niederschlagung des Putsches. Remer hebt die Abriegelung des Regierungsviertels auf und unterstellt sich nach und nach die Truppen, die in der Stadt bereits aufmarschiert sind und von auswärts noch eintreffen.

Der Gegenschlag hat begonnen.

Axel von dem Bussche


19.30 Uhr: Berlin, Bendlerstraße

Noch immer keine Nachricht aus dem Funkhaus. Beck hat die Regierungs - erklärung überarbeitet, die schon vor Stunden gesendet werden sollte: »Es ist höchst gleichgültig, ob Hitler tot ist oder lebt. Ein Führer, in dessen engs - ter Umgebung solche Gegensätze aufklaffen, dass gegen ihn ein Bomben - attentat unternommen wird, ist moralisch tot.« Die Ansprache wird nie gesendet werden.

20 Uhr: Berlin, Bendlerstraße

Unermüdlich versucht Stauffenberg weiter, den Staatsstreich per Telefon zu dirigieren. Doch die Kommandeure, mit denen er spricht, reagieren auf seine Anordnungen zunehmend abweisend. Seit Stunden laufen nun schon die Meldungen vom Überleben Hitlers über Fernschreiber, Telefone und Radio. Die anderslautenden Meldungen, die Olbricht, Mertz und Stauffenberg immer wieder absetzen lassen, können das nicht mehr einfangen.

Gegen 21 Uhr: Berlin, Bendlerstraße

Die nicht eingeweihten Offiziere wollen wissen, woran sie sind. Sie stürmen bewaffnet in Olbrichts Zimmer und stellen dem Leiter des AHA die entscheidende Frage: »Sind Sie für oder gegen den Führer?« Stauffenberg kommt hinzu, die Männer versuchen, ihn festzuhalten, doch es gelingt ihm, sich los - zureißen.

Auf den Fluren fallen Schüsse, Stauffenberg wird von einer Kugel am Oberarm getroffen. Er flüchtet in sein Zimmer und bittet eine der Sekretärinnen, ihn mit Paris zu verbinden: Vielleicht ist es den Mitverschwörern doch noch gelungen, die Befehlshaber an der Westfront auf ihre Seite zu ziehen? Doch die Verbindung kommt nicht zustande.

Unterdessen hat das Wachbataillon auf Remers Befehl den Bendlerblock umstellt. »Die Sache ist verspielt«, sagt nun selbst Mertz resigniert.

Video

Schauprozess und Sippenhaft – die Folgen des Attentats spiegel.de/sg02201920juli

SS-Truppen am Tag nach dem Attentat im Hof des Bendlerblocks. Am Sandhaufen links wurden Stauffenberg und die anderen Verschwörer noch in der Nacht erschossen.


23.30 Uhr: Berlin, Bendlerstraße, Dienstzimmer Fromm

Mithilfe loyaler Offiziere ist es Fromm gelungen, sich zu befreien. Als er nun, Bewaffnete im Rücken, in sein Zimmer zurückkehrt, findet er dort den inneren Kreis der Verschwörer, darunter Stauffenberg, Olbricht, Mertz und Beck. Fromm erklärt die Männer für verhaftet und fordert sie auf, ihre Pistolen abzugeben. Als Beck darum bittet, seine »für den privaten Gebrauch« behalten zu dürfen, antwortet Fromm: »Bitte sehr, tun Sie das, aber dann sofort.« Beck setzt den Lauf an die Schläfe, drückt ab, verletzt sich aber nur. Als zwei Offiziere versuchen, ihm die Waffe zu entwenden, schießt er noch einmal. Er bricht zusammen, lebt aber noch.

Olbricht bittet, einen Abschiedsbrief an seine Frau schreiben zu dürfen. Mertz, Haeften und Stauffenberg stehen schweigend im Raum. Ein Standgericht habe die Hauptverschwörer im Namen des Führers eben zum Tode verurteilt, behauptet Fromm, nachdem er kurz den Raum verlassen hat. Daraufhin ergreift Stauffenberg das Wort: Er übernehme die volle Verantwortung für das Geschehene, die anderen hätten lediglich seine Befehle ausgeführt. Fromm geht nicht darauf ein – um sich als Alleintäter hinstellen zu können, hätte sich Stauffenberg töten müssen, als er ihm vorhin die Möglichkeit dazu gab. Wortlos tritt Fromm zur Seite. Im Hof wartet bereits das von ihm angeforderte Erschießungskommando.

21. Juli, etwa 0.15 Uhr: Berlin, Innenhof des Bendlerblocks

Von den Scheinwerfern einiger Militärfahrzeuge beleuchtet, werden die vier Aufständischen im Hof vor einen Sandhaufen geführt und ihrem Dienstrang nach erschossen: Olbricht stirbt als Erster, dann Stauffenberg. Nach ihm kommt Haeften, als Letzter stirbt Mertz. »Es lebe das heilige Deutschland! «, soll Stauffenberg gerufen haben, bevor ihn die Kugeln trafen, heißt es später. Es könnte aber auch »geheiligtes « oder »geheimes« Deutschland gewesen sein.

Bevor Fromm den Befehl gibt, die Leichen der Verschwörer abzutrans - portieren, erkundigt er sich bei einem Offizier, ob Beck inzwischen tot sei und befiehlt ihm, als dieser verneint, den General von seinen Leiden zu erlösen.

1 Uhr: reichsweit

Zwölf Stunden nach dem Attentat überträgt der Rundfunk reichsweit eine Live-Ansprache Hitlers: »Deutsche Volks - genossen und -genossinnen! Ich weiß nicht, zum wie vielten Male nunmehr ein Attentat auf mich geplant und zur Ausführung gekommen ist. Wenn ich heute zu Ihnen spreche, dann geschieht es aus zwei Gründen: 1. Damit Sie meine Stimme hören und wissen, dass ich selbst unverletzt und gesund bin. 2. Damit Sie … das Nähere erfahren über ein Verbrechen, das in der deutschen Geschichte seinesgleichen sucht. Eine ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser … verbrecherisch-dummer Offiziere hat ein Komplott geschmiedet, um mich zu beseitigen … Der Kreis … ist ein denkbar kleiner. Er hat mit der deutschen Wehrmacht … gar nichts zu tun. Es ist ein ganz kleiner Klüngel verbrecherischer Elemente, die jetzt unbarmherzig ausgerottet werden.«

Epilog

Neuesten Forschungen zufolge waren an der jahrelangen Vorbereitung des Attentats und des Umsturzversuchs etwa 200 Personen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten beteiligt*. Trotzdem traf der Anschlag das NS-Regime völlig unvorbereitet. Auch nach dem 20. Juli wurde das verzweigte Netzwerk nicht vollständig aufgedeckt. Selbst unter Folter gaben die meisten Verhafteten keine Namen von Mitstreitern preis. 132 Personen wurden von den Ermittlern als eingeweiht oder aktiv beteiligt eingeschätzt und vom Volksgerichtshof in fast allen Fällen zum Tode verurteilt. Ihre Angehörigen wurden in Sippenhaft genommen, kamen in Gefängnisse oder KZ, die Kinder in Heime. Zu den Hingerichteten zählten auch Carl Goerdeler, Berthold von Stauffenberg, Helmuth Graf von Moltke, Erich Fellgiebel, Fritz Thiele, Adolf Reichwein und Julius Leber. Friedrich Fromm, dem keine Beteiligung am Putschversuch nachgewiesen werden konnte, wurde wegen »Feigheit vor dem Feind« gehängt. Henning von Tresckow nahm sich am Morgen des 21. Juli an der Front mit einer Gewehrgranate das Leben.

Profiteur des Putsches war Heinrich Himmler: Hitler machte ihn zum Oberbefehlshaber des Ersatzheeres. Diese Position nutze er bis zuletzt für rücksichtslose Rekrutierungen, selbst von Minderjährigen. Während der knapp zehn Monate zwischen dem gescheiterten Attentat und der deutschen Kapitulation starben mehr Menschen als in allen Kriegsjahren zuvor.

* Linda von Keyserlingk-Rehbein:Nur eine »ganz kleine Clique«? Die NS-Ermittlungen über das Netzwerk vom 20. Juli 1944. Lukas Verlag; 707 Seiten; 34,90 Euro.