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Cold Contact


Tourenfahrer - Motorrad Reisen - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 10.12.2019

Die Winter in der Mongolei sind bitterkalt und ganz bestimmt nicht zum Motorradfahren geeignet. Oder? Andreas Hülsmann (Text & Fotos) und Rainer Krippner haben es gewagt. Bei tiefen Minusgraden machten sie sich auf zum Khovsgol, einem der größten Seen des Landes, und erlebten eine der eindrucksvollsten Motorradtouren ihres Lebens.


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Bildquelle: Tourenfahrer - Motorrad Reisen, Ausgabe 1/2020

Für die Eröffnung der Badesaison ist es zu früh: Im Februar ist das Eis auf dem Khovsgol noch bis zu drei Meter dick.


Im Winter führt die Straße nach Khankh direkt über das Eis. Im Sommer ist der Ort nur über eine miserable Piste zu erreichen.



Bis zu 3500 Meter erheben sich die ...

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... Gipfel des Burenhaan-Gebirges in den stahlblauen Himmel


Viel Kälte, aber keine weiße Decke: Einige Gebiete der Mongolei bleiben auch im Winter schneefrei – wie hier in der Nähe von Bulgan.


Auf dem Grund des Khovsgol liegen sogar Fahrzeuge, die vor einiger Zeit auf dem Eis eingebrochen sind


Über ein kleines Loch im See, das mühsam eisfrei gehalten werden muss, versorgen sich die Anwohner von Khankh mit Trinkwasser.


Die »Sukhbaatar« war erst Fisch-Trawler, dann Ausflugsdampfer. Der marode Kahn läuft auch im Sommer nur noch selten aus.


Norovambuus Pfeife macht die Runde, dazu werden Tee und Gebäck gereicht – so will es die mongolische Gastfreundschaft


Im Winter haben die Nomaden nicht viel zu tun und verbringen die meiste Zeit in ihren kleinen Hütten. Besuch ist da immer gern gesehen.


Immer wieder gibt es Risse im Eis, die für Fahrer und Motorrad sehr unangenehm werden können, wenn man sie übersieht.


Martin war unsicher, denn er hegte einige Zweifel daran, dass ich dieses Ding je in meinem Leben wiedersehen würde. Wir beide standen vor seiner Scheune und schauten dem 7,5-Tonner nach, der sich gerade vom Hof machte. Martin ist Landwirt und sein Trecker war der einzige im Dorf, der die 600 Kilogramm schwere Kiste auf einen Lkw stemmen konnte. Drei Tage hatte ich zuvor mit einem Freund in Martins Scheune einen passsenden Transportbehälter für mein Gespann gebastelt. Die Box aus Pressspan, Holzbalken und Schrauben musste massiv sein, die Anweisungen der Spedition waren da eindeutig. Ein Gewicht von einer Tonne »on top« sollte der Verschlag schon verkraften können und auf der 8000 Kilometer langen Reise musste die Fracht sicher einiges aushalten. Aber im Gegensatz zu Martin war ich guter Dinge, dass ich die Kiste samt Inhalt in Ulaan Baatar wiedersehen würde.

Sechs Wochen bis zu meinem Flug in die Mongolei lagen da noch vor mir. Anfangs klang das nach jeder Menge Zeit, doch diese temporäre Masse flutschte mir regelrecht durch die Finger. Es gab noch einiges zu tun, wenn ich auf dieser Tour nicht erfrieren wollte, denn im Februar sind in der Mongolei Temperaturen von bis zu minus 30 Grad am Tag keine Seltenheit. Ungefähr ein Zentner Gepäck musste verstaut werden: Warme Kleidung, Fotoausrüstung, Ersatzteile und einige Mitbringsel fanden letztendlich in zwei Taschen und einem Fotorucksack ihren Platz. Rainer war nicht besser dran. Im Gegenteil: Da wir die ersten Tage im Kreis der Familie seiner Frau verbringen wollen, waren seine Koffer außerdem noch mit einigen Aufmerksamkeiten für die Verwandtschaft gefüllt.


Mehr als 400 Stahlstifte dreht Rainer für den Ausritt in die frostige Steppe ins Gummi


Und jetzt stehen wir am Flughafen von Ulaan Baatar und die Kälte trifft uns wie ein Hammerschlag. Minus 27 Grad zeigt das kleine Thermometer draußen am Terminal. Der ganze Stress der Anreise ist unversehens eingefroren. Die verspätete Landung in Moskau, der verpasste Weiterflug nach Ulaan Baatar, die ungeplante Übernachtung im Flughafenhotel, der Umweg per Flieger über Seoul, all das hat uns mehr als einen Tag Zeit gekostet. Zeit, die wir wohl nicht mehr aufholen können. Und heute hat das buddhistische NeujahrsfestTsagaan Sar begonnen – das gesamte Land befindet sich im Ausnahmezustand. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen. Geschäfte, Ämter, Tankstellen, Cafés, Restaurants – alles ist geschlossen. Das Neujahrsfest gehört der Familie, die Menschen in der Mongolei besuchen sich gegenseitig, um sich für das neue Jahr Glück zu wünschen. Natürlich müssen die Gäste, die zu Besuch kommen, auch verköstigt werden und die mongolische Gastfreundschaft ist da unerbittlich. Um die 2000Buuz – mit Fleisch gefüllte Teigtaschen, die in Wasser gekocht werden – bereitet durchschnittlich die Dame des Hauses zu.

Tsagaan Sar bedeutet auch, dass wir das Gespann erst nach den Feiertagen aus dem Zoll bekommen, was uns die Gelegenheit bietet, Rainers Motorrad in Ruhe auf die Tour vorzubereiten. Die kleine 200er-Dayun hat irgendwas mit zehn PS. Dieser Einzylinder ist so etwas wie der Volkswagen der Mongolei. Schon das Serienmodell bietet alles, was für eine Reise nötig ist. Der große Tank fast Benzin für mehr als 400 Kilometer Reichweite, ebenso zur Grundausstattung gehören Gepäckträger, ein E-wie auch ein Kickstarter. Die einzige Zutat, die noch fehlt, sind die Spikes. Mehr als 400 Stahlstifte dreht Rainer für den Ausritt in die frostige Steppe ins Gummi. Dass diese kleinen China-Mopeds gute Nehmerqualitäten haben, daran hegt Rainer keinen Zweifel. Er hat schon mehrere geführte Touren mit den Dayuns durch die Mongolei unternommen und ernsthafte Schwierigkeiten gab es dabei nie.

Auch für diese Wintertour zum zweitgrößten See der Mongolei, dem Khovsgul, vertraut er auf die chinesische Technik. Die sträubt sich zunächst, bei den niedrigen Temperaturen die Arbeit aufzunehmen, will meinen: Die 200er wehrt sich hartnäckig. Doch irgendwann findet sich trotz Kälte ein Zündfunke und kurz darauf tuckert der Motor halbwegs rund vor sich hin.

Zelten im Winter: Nachts sinken die Temperaturen auf bis zu minus 40 Grad. Auch Wölfe schauen gern mal vorbei.


Nach wenigen Kilometern liegt der Geruch von Benzin in der Luft. Dann fängt Rainers 200er an zu dampfen


Jetzt ist mein Gespann an der Reihe: Der Zoll ist ein Kinderspiel, die Spedition »Loxx Pan Europa« hat die bürokratischen Notwendigkeiten optimal vorbereitet. Ein paar Stempel, einige Unterschriften, dazwischen noch die Mittagspause und die Angelegenheit gilt formal als erledigt. Keine zwei Stunden später läuft der Zweizylinder. Nach fast zwei Monaten in eisiger Kälte klappt der Start auf Anhieb, nicht einmal ein Überbrücken der Batterie ist notwendig. Es war offensichtlich keine schlechte Idee, dem Gespann einen fetten Energiespender aus dem Autozubehör einzupflanzen.

In den Norden der Mongolei begleitet uns Rainers Neffe Ugtaa zusammen mit seinem Freund Tulgaa, die im Auto dabei sind. Da uns Erfahrungen im Umgang mit extremer Kälte fehlen, hat diese vierrädrige Back-up-Strategie eine beruhigende Wirkung.

Nächster Tag, und der haut rein. In der Nacht hatten wir knapp minus 40 Grad und selbst der Morgen friert noch mit Minusgraden weit in den Dreißigern vor sich hin. Aufbruch! Alles ist verstaut. Rainer und ich sind ebenfalls dick eingemummelt. Thermo-Unterwäsche, heizbares Unterzeug, Fleece-Pullover, Thermokombi, Thermostiefel, Stulpen, Heizhandschuhe, Sturmhabe, Heizvisier – wir sind fast bis zur Bewegungsunfähigkeit verpackt. Dieses Warmhalte-Arrangement hält bis zur Stadtgrenze, dann müssen wir thermal downgraden. Die Temperaturen haben sich bei 25 Grad unter null eingependelt und unsere Körper sind heiß gelaufen. Dass wir ins Schwitzen gekommen sind, liegt offensichtlich nicht nur an all der Kleidung, die unsere Haut umgibt; es sei auch für diese Jahreszeit ein ziemlich warmer Tag, wie Ugtaa bei unserem Stopp ganz nebenbei bemerkt.

Heute geht es bis Darchan. Eine Stadt nördlich der Hauptstadt, die aber kaum etwas Aufregendes zu bieten hat. Sechs Stunden haben wir für die 350 Kilometer lange Strecke gebraucht und mit dem Restlicht des Tages erreichen wir ein Hotel. Auf den letzten Kilometer hat es die Kälte doch geschafft, unter die textilen Lagen zu kriechen. Jetzt, wo die Sonne verschwindet, zeigt das Thermometer an meinem Motorrad minus 33 Grad. Das Foyer des Hotels hat dann eine ähnliche Temperatur, nur dass diese im Plusbereich liegt. Der Unterschied von nahezu 60 Grad ist fast ein Knock-out.

Morgen wollen wir ordentlich Strecke machen. Die 350 Kilometer, die wir trotz des späten Aufbruchs geschafft haben, stimmen optimistisch. »Vielleicht erreichen wir sogar Morun«, hofft Rainer. Knapp 600 Kilometer sind es bis zu dieser Stadt, ein ordentliches Stück. Aber wir müssen Zeit aufholen, die Verspätung bei der Anreise, das Neujahrsfest sowie das Wochenende, das direkt nachTsagaan Sar folgte, haben eine ganze Woche verbraucht. Sollten wir es morgen bis nach Morun schaffen, dann hätten wir ein wenig Zeit wieder reingeholt.

Im Februar bereiten die Männer aus Khatgal die Skulpturen für das größte Eisfestival in der Mongolei vor (l.). Ab minus 30 Grad friert die Sturmhaube fest (u.).


Darum sitzen wir am nächsten Tag schon wieder früh auf den Motorrädern. Doch nach wenigen Kilometern liegt der Geruch von Benzin in der Luft. Über Kilometer schnüffle ich an der F 800 herum. Ein Leck kann ich nicht lokalisieren, doch der Benzingestank liegt weiter in der Nase. Dann fängt Rainers 200er an zu dampfen, wir schaffen es gerade noch bis zu einem kleinen Ort. Aus dem Tank der Dayun tropft der Brennstoff nicht heraus, der Sprit strömt geradezu. Die Ursache: ein langer Riss an der Innenseite. Reparieren? Unmöglich.

Unsere Panne ist nicht unbemerkt geblieben. Einige Männer aus dem Ort begutachten den Schaden und bemerken unsere Ratlosigkeit. Ugtaa und Tulgaa beratschlagen sich mit den Leuten, sie wollen von ihnen wissen, wo wir Ersatz bekommen können. Die Lösung liegt näher als gedacht, und zwar in Form eines alten Tanks, den einer der Männer noch in seinem Vorgarten herumliegen hat. Er überlässt Rainer das Ersatzteil, das zwar schon übel verbeult und voller Dreck ist, uns aber weiterbringt.

Wir müssen improvisieren. Rainer putzt, was das Zeug hält. Lehm und Wasser müssen aus dem alten Tank raus. Nach einer Stunde ist das rostige Ding halbwegs von innen gereinigt, so hoffen wir. Nur noch montieren und dann weiter. Mit Kabelbinder wird der Behälter fixiert. Dabei lernen wir, dass die kalten Temperaturen einen besonderen Umgang mit dem Material erfordern, vor allem Plastik hat eine ganz starrsinnige Einstellung zu Minusgraden. Zum Kürzen von Kabelbindern braucht es kein Werkzeug, weder Seitenschneider noch Messer. An der gewünschten Stelle einfach abknicken – fertig.

Die Panne hat ordentlich Zeit gekostet, endlich sind wir wieder auf der Straße. Doch der nächste Zwangsstopp lässt nicht lange auf sich warten. Keine 50 Kilometer weiter kommt der kleine Einzylinder ins Stottern, kurz darauf geht nichts mehr. Also Vergaser runter und reinigen. Dank der einfachen Bauweise ist dazu kaum Werkzeug nötig, ein Zehn-Millimeter -Maulschlüssel, Schraubendreher und Multitool, mehr braucht es nicht. Die Prozedur wiederholt sich im Gleichklang, circa alle 50 Kilometer bockt die Dayun und Rainer muss wieder Dreck aus dem Vergaser puhlen.

In jedem Ger (Jurte) befindet sich ein großer Ofen, denn die Mongolen mögen es gemütlich. Da wird es fast schon im T-Shirt zu warm.


Unterwegs auf dem See hören wir immer wieder ein dumpfes Grollen. »Das Eis erzählt«, erklärt uns Magnai


Morun rückt in weite Ferne und ist irgendwann an diesem Tag für uns nicht mehr erreichbar. Wir schaffen es noch bis Bulgan. Ein Hotel in der Stadt zu finden, ist nicht schwer – es gibt nur eine Unterkunft. Die Motorräder verbringen die Nacht in einem Autowaschsalon. Der nächste Morgen schmeckt nach Ruß und der Geruch von verbranntem Gummi zieht sich durch die Stadt. Bulgan macht sich warm für den Tag. Das Heizmaterial für die Fernwärme-Kraftwerke sind alte Autoreifen. Aus den Schloten der Öfen dringt pechschwarzer Rauch und über dem ganzen Ort liegt ein dunkelgrauer Wolkenschleier. Nein, an dieser Stadt haftet wahrlich nichts Schönes.

Mit knapper Mühe erreichen wir Morun. Zwischen den beiden Städten gab es immer wieder unfreiwillige Stopps. Ein halbes Dutzend Mal musste der Vergaser gereinigt werden. Immer noch befinden sich Dreck und Wasser im Tank und diese Kombination verstopft weiter im 50-Kilometer-Takt die Düsen. Wir benötigen Abhilfe und Morun ist ein guter Ort dafür. Bei einem Motorradhändler erhalten wir einen nagelneuen Tank inklusive Benzinhahn. Das Exemplar kostet umgerechnet kaum mehr als 30 Euro und bis auf die Farbe passt alles perfekt.

Tags darauf sind die knapp 100 Kilometer bis Khatgal schnell heruntergespult. In dem Ort am Südufer des Khovsgol wohnt Magnai. Rainer kennt den Mann von anderen Reisen und Magnai wird uns bei der Fahrt über das Eis begleiten. Er kennt die schwierigen Passagen und weiß, wie man sie umgeht. Eine Vorsichtsmaßnahme, denn auf dem Grund des Sees liegen einige Fahrzeuge, die in der Vergangenheit auf dem Eis eingebrochen sind. Magnai ist ein außergewöhnlicher Mann. Zusammen mit seiner Frau vermietet er im Sommer Hütten und Jurten an Touristen. Vor zwei Jahren verloren sie einen ihrer Söhne durch einen Unfall. Magnai und seine Frau bewältigten den Schicksalsschlag, indem sie ein kleines Mädchen adoptierten. Solongo wurde als Jüngste von fünf Kindern geboren. Ihre Eltern sind so arm, dass das kleine Mädchen in eine chancenlose Zukunft blickte, bis Magnai und seine Frau die kleine in ihre Obhut nahmen. Heute stellt Solongo die kleine Hütte auf den Kopf und sprüht vor Lebensfreude.

Östlich von Ulaan Baatar wacht Dschingis Khan über die Steppe. Das 30 Meter hohe Reiterstandbild gilt als das höchste der Welt (l.). Zum Denkmal gehören einige Steppenkrieger, die Gesichter der Statuen wirken erstaunlich echt (u.).


Wir quartieren uns für die kommende Nacht bei Magnai ein und unternehmen am späten Nachmittag noch einen kleinen Ausflug aufs Eis. Ugtaa und Tulgaa fühlen sich nicht wohl dabei. Auch sie wissen um die Fahrzeuge auf dem Grund des Sees und fürchten ein ähnliches Schicksal, wenn sie mit dem Auto auf die Eisfläche fahren. Doch Magnai kann sie beruhigen. Bei einer Dicke von fast drei Metern würde nichts passieren, sogar ein beladener Lkw könne gefahrlos auf dem Eis fahren.

Die Nacht ist furchtbar kalt, alle zwei Stunden schaut Magnai vorbei, um in unserer Unterkunft Holz in den Ofen zu schieben, damit die Hütte nicht auskühlt. Am nächsten Morgen wird er uns sagen, dass die Temperaturen in der Nacht unter minus 40 Grad gesunken sind. Nach dem Frühstück brabbeln die beiden Bikes vor sich hin. Es kann losgehen. Eine 140 Kilometer lange Fahrt auf dem zugefrorenen Khovsgol liegt vor uns, das Ziel heißt Khankh, ein Ort am Nordufer des Sees. Magnai mahnt zur Vorsicht, die glatte Oberfläche sei trügerisch. Immer wieder gibt es Risse im Eis, mehr oder weniger breit. Es dauert nicht lange, bis die ersten »Schlaglöcher« auftauchen. Und prompt übersehe ich die erste Ritze. Das Gespann muss einen heftigen Schlag wegstecken. Es rumpelt ordentlich im Fahrwerk. Meine Augen hatten sich für einen längeren Moment in der Winterlandschaft verloren. Aber der Khovsgol verlangt Aufmerksamkeit, meine hat er fortan. Unterwegs hören wir immer dumpfes Grollen. Ein Geräusch, das sich über den ganzen See zieht. »Das Eis erzählt«, erklärt Magnai. Das laute Knacken sei gut, wenn der Khovsgol stumm bleibe, dann müssten wir uns Sorgen machen.

Zum Glück zeigt sich der Khovsgol gnädig und stellt uns nur wenige Hindernisse in den Weg. Gut so, denn die Landschaft lenkt uns immer wieder vom Eis ab. Wir fahren direkt auf das Burenhaan-Gebirge zu, an dessen Fuß Khankh liegt. Bis zu 3500 Meter erheben sich die Gipfel der Bergkette hinter dem Ort in den stahlblauen Himmel. Für die knapp 140 Kilometer brauchen wir den ganzen Tag. Erst am Abend erreichen wir Khankh und quartieren uns bei Dorjgotov ein. Der ältere Herr hat lange Zeit für sein Land im diplomatischen Dienst verbracht und spricht sehr gut Englisch. Eigentlich ist sein Camp noch nicht offiziell eröffnet, aber ein Ger (Jurte) einzuheizen und die Banja (Dampfbad) anzuschmeißen, ist für ihn kein großer Aufwand. Und dass sich auch irgendetwas Essbares auftreiben lässt, da ist sich Dorjgotov sicher.


In Khankh ist die Welt noch nicht zu Ende. Weiter draußen leben Nomaden und dort wollen wir hin


Seine Mitarbeiter sorgen in der Nacht für Wärme, und das ordentlich. Der Ofen im Ger glüht und wir in unseren dicken Schlafsäcken auch. Wir verzichten dankend auf die weitere Befeuerung und versuchen, mithilfe der geöffneten Tür die Temperaturen wieder auf ein erträgliches Maß zu bringen. Was Folgen hat. Am Morgen ist der Ofen komplett aus und eine frostige Kälte hat sich im Ger breitgemacht.

In Khankh ist die Welt noch nicht zu Ende. Weiter draußen verstreut im russisch-mongolischen Grenzgebiet leben Nomaden. Denen wollen wir einen Besuch abstatten. Wir fahren wieder raus auf den See, diesmal nach Westen. Nur wenige Spuren führen in diese Richtung. Schon vom Eis aus können wir die Hütten der Hirten sehen. Den Winter verbringen die meisten Nomaden in diesen festen Behausungen. Die Hütten sind klein, haben oft nur ein Zimmer, in dem die ganze Familie in den kalten Monaten lebt. Erst im Frühjahr geht es mit den Tieren und dem Ger zurück in die umliegenden Täler.

Es sind nur kleine Pfade, die vom Eis auf die Wiesen führen, auf denen Yaks nach Gras suchen. Diese Wege sind holprig und steinig, mit dem Gespann nur mühsam zu befahren. Die erste Hütte, der erste Stopp. Magnai will sich orientieren und den Bewohner fragen, ob einige Nomaden auch im Winter im Ger leben. Das Einholen der Informationen benötigt Zeit. Es wird ausführlich erzählt – wie sich das Wetter entwickelt, ob die Nächte noch kälter werden und was der Frühling so bringen wird. Zwischendurch gibt es immer wieder eine Prise Schnupftabak und das Probesitzen auf dem Gespann darf natürlich auch nicht fehlen. Es dauert bis zu 20 Minuten, bis man zum Kern der Frage vordringt. Der Mann kennt jemanden, der selbst im Winter in seinem Ger lebt. Das liege gleich dort hinter dem Hügel und es wären nur ein paar Minuten zu fahren. Und damit wir den Ort auch todsicher finden, fährt der Mann nebst Sohn gleich mit.

Unterwegs bekommen Rainer und ich langsam eine Ahnung vom mongolischen Zeitgefühl und dem Verhältnis der Nomaden zu Entfernungen. Acht Kilometer weiter und 45 Minuten später – unterwegs habe ich das Gespann in den steinigen Hinterlassenschaften einer Geröll-Lawine festgefahren – haben wir das Ger von Norovambuu erreicht. Er ist 90 Jahre alt und lebt auch im Winter in seinem Ger, er kennt es nicht anders. Der alte Mann sitzt Pfeife rauchend auf seinem Sofa und freut sich über den unerwarteten Besuch, denn den bekomme er hier draußen nicht so oft.

Norovambuus Pfeife macht die Runde, dazu werden Tee und Gebäck gereicht, ganz so, wie es die mongolische Gastfreundschaft will. Auch wir sind nicht mit leeren Händen gekommen. Schon in Khankh haben wir Mehl, Tee, Zucker und Reis gekauft, die wir an Norovambuus Familie, die gleich neben dem Ger in einer Hütte lebt, übergeben. So etwas bleibt nicht ohne Folgen. Die Revanche für unser Gastgeschenk gibt es in Form von Süßigkeiten,Buuz und Buttertee. Die Sonne hat sich schon hinter dem Horizont zurückgezogen, als wir uns auf den Weg zurück nach Khankh machen. Während wir über den Khovsgol fahren, ziehen die Sterne auf.

Am nächsten Tag sind wir bereits auf dem Rückweg. Aber Rainer und ich haben noch eine Mission: Gemeinsam wollen wir die Badesaison am Khovsgol eröffnen. Die wird aufgrund der frostigen Temperaturen nur symbolisch ausfallen. Also Badehose angezogen, Badekappe aufgesetzt und ab aufs Eis. Rainer und ich hatten dieses Bild schon lange vor der Reise im Kopf und nun soll es endlich Realität werden. Ugtaa, Tulgaa und Magnai schütteln nur ihre Köpfe. Minus 14 Grad – da muss alles schnell gehen. Der Spaß dauert nur ein paar Minuten und trotzdem zeigen sich schon die ersten Erfrierungen an meinen Fußsohlen. Doch für ein gutes Foto muss auch mal ein Opfer gebracht werden!

Wir setzen Magnai wieder bei seiner Familie in Khatgal ab und machen uns auf den Weg zurück nach Ulaan Baatar. In drei Tagen geht der Flieger zurück nach Frankfurt. Auf der Rückfahrt erreicht der Frost weitere Tiefstwerte. Minus 30 Grad sollen es in den nächsten Tagen werden. Aus Neugier schaut sich Rainer an unserem letzten Abend in der Mongolei die Wettervorhersage für Deutschland an. Die Metrologen prophezeien Temperaturen von um die 20 Grad – plus!

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Anreise

Der Flug in die Mongolei kostet ab ca. 700 Euro und wird u. a. von der mongo lischen Fluglinie MIAT und von Aeroflot ab Berlin bzw. Frankfurt a. M. angeboten (teils Stopp in Moskau). Da für eine Tour im Winter durch die umfangreichere Ausrüstung mehr an Gepäck benötigt wird, sollte schon bei der Buchung ein weiteres Gepäckstück dazugebucht werden. Die Kosten dafür liegen zwischen 50 und 100 Euro pro Strecke. Das maximale Gewicht pro Gepäckstück liegt bei 23 kg pro Gepäckstück (z. B. MIAT, Aeroflot, Korean Air).

Klima

Ulaan Baatar gilt als kälteste Hauptstadt der Welt. Im Winter liegen die durchschnittlichen Temperaturen tagsüber bei –22 bis –26° C. Nachts fällt das Thermometer bis zu –40° C. Dank des kontinentalen Klimas gibt es im Winter nur selten heftige Schneefälle. Es kann aber zu extremen Kaltwetterlagen – wie Anfang 2018 – mit extremen Frostperioden kommen. DemDsud , wie die Mongolen dieses Phänomen nennen, fallen Millio nen Tiere zum Opfer, die in der Kälte verhungern oder erfrieren.

Papiere / Geld

Wer per Flieger in die Mongolei einreist, erhält am Flughafen ein 30-tägiges Touristenvisum, das in den Reisepass eingestempelt wird. In Ulaan Baatar ist es kein Problem, Bargeld am Automaten abzuheben. Auf dem Land sind die Möglichkeiten wesentlich begrenzter, man sollte deshalb unterwegs immer eine entsprechende Bargeldsumme mit sich führen. 1 Euro entspricht ca. 2973 Mongolischen Tugrik.

Motorradtransport

Der Experte für den Motorradtransport in die Mongolei ist die Spedition »Loxx Pan Europa«. Der Weg von Deutschland nach Ulaan Baatar kostet für eine Maschine von der Größe einer KTM 690 oder Yamaha Ténéré 700 einschließlich Verzollung und Kiste ca. 895 Euro (ohne Kiste ca. 615 Euro), Für ein Motorrad von der Größe einer BMW R 1250 GS liegt der Preis für den Transport bei ca. 915 Euro (inkl. Zoll). Für die Kiste kommen noch einmal 280 Euro hinzu. Die Kosten für den Rücktransport sind etwas teurer. Das Motorrad sollte 30 Tage vor dem Starttermin versandfertig bereitstehen.

Für den Transport in die Mongolei ist ein Carnet de Passage oder Carnet ATA notwendig, das von den Industrie- und Handelskammern ausgestellt wird.

Motorradfahren im Winter

Damit die Fahrt bei Temperaturen um die –30° C nicht zum Alptraum wird, muss die Tour bekleidungstechnisch gut vorbereitet werden. Eine hochwertige Thermokombi (siehe TF 12/2019), Stulpen für den Lenker, Heizhandschuhe, gute Thermounterwäsche (evtl. auch heizbar), Helm mit Heizvisier und Spikes für die Reifen sind ein absolutes Muss. In das BMW-Gespann wurde eine Autobatterie mit 45 Ah verbaut, die den Motor auch nach extrem kalten Nächten (unter –35° C) zum Laufen brachte. Das Motoröl hatte eine Viskosität von 0W-40.

Unterkünfte

In den größeren Städten wie Darchan, Erdenet oder Morun findet sich auch im Winter immer ein Hotel. Die Kosten für eine Übernachtung im Doppelzimmer liegen bei ca. 30 bis 40 Euro. Auch einige Ger-Camps bieten im Winter Übernachtungsmöglichkeiten an. Allerdings ist der Komfort meistens überschaubar, es gibt Plumpsklos und eventuell eine Banja (russische Sauna). Eine Nacht im Ger kostet um die 15 bis 20 Euro.

Literatur / Karten

Sarah Fischer / Nicole Funck: Mongolei, Reise Know-How, 1. Auflage (2015), ISBN: 978-3-8317-2544-1, 22,50 Euro.
Marion Wisotzki / Ernst von Waldenfels / Erna Käppeli: Mongolei. Unterwegs im Land der Nomaden, Trescher Verlag, 4. Auflage (2018), ISBN: 978-3-89794-426-8, 19,95 Euro.
Landkarte Mongolei, GPS-tauglich, reißund wasserfest, M.: 1:1.600.000, Reise Know-How, 8. Auflage (2018), ISBN: 978-3-8317-7303-9, 9,95 Euro.
Landkarte Mongolia (Englisch), wasserfest, ITM.1970 (International Travel Maps), M.: 1:1.800.000, 7. Auflage (2017), ISBN: 978-1-77129-461-4, 11,99 Euro.