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COMA


FAZE - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 05.11.2019

Es hallt melancholisch im Kopf:Der Synthpop-Hit „Voyage, Voyage“ der französischen Sängerin Desireless bahnt sich seinen Weg aus der Erinnerung hervor ins Ohr. Die Assoziation bleibt nicht aus: Das Kölner Produzentenduo COMA begibt sich mit seinem neuen, insgesamt dritten und jetzt im November erscheinenden Album „Voyage Voyage“ nach dem LP-Debüt „In Technicolor“ (2013) und dem Folgealbum „This Side Of Paradise“ (2015) auf Reisen, musikalisch wie persönlich.


Auf Reisen

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Bildquelle: FAZE, Ausgabe 11/2019

„Wir haben kurz über den Titel diskutiert. Aber er war plötzlich da, er passte einfach und ist auch ein Augenzwinkern dazu, dass wir ...

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... soundästhetisch immer auch ein bisschen die Eighties in unserer Musik haben. Und klar, an sich lässt er auch Interpretationsspielraum“ , sinniert Georg Conrad und dreht sich auf seinem Stuhl im COMA-Studio, das sich im Keller eines Gebäudes mit getönter Glastür befindet, auf einem Gewerbeareal benachbart von Heizungstechnikunternehmen, Auto-Werkstätten und einer Kletterhalle, unter anderem. Hier produzieren Georg und Bandgefährte Marius Bubat seit zehn Jahren ihre Stücke zwischen elektronischem Pop und elektronischer Tanzmusik, die ihnen das Etikett „New Techno Sound of Cologne“ und internationale Aufmerksamkeit eingebracht hat. Die allererste EP „Coma“ erschien im Jahr 2008, noch in einem Köln-Mülheimer Proberaum ohne Studioboxen produziert, abgemischt auf einer alten Partyanlage. An den Wänden hängen Plakate von COMA-Gigs.

„In den Mittdreißigern ist man an einem Punkt im Leben, wo die Weichen gestellt werden, sinnbildlich gesprochen“ , sagt Georg. Die zehn neuen Tracks aus dem Hause COMA deuten also wohl auch in Richtung der einzelnen persönlichen und der gemeinsamen freundschaftlichen wie auch musikalischen Reise der beiden. Aber keineswegs sollte es bloß um eine Retrospektive der gemeinsamen 20 Jahre gehen, sondern um eine Weiterentwicklung:„Die Songs sind im Sinne des Songwritings nun mehr auf den Punkt gebracht, es sind eben nicht bloß Tracks, die einfach im Club laufen können.“ Mit dem dritten Album besinnen sich Marius und Georg auf ihre Wurzeln zurück und wollen sich freier von Clubanforderungen machen, aber tanzbar bleiben, wenn es sich ergibt:„Wir haben dieses Mal einfach nur das gemacht, worauf wir Lust hatten.“ Auf dem neuen Album haben sie„die meisten Vocals natürlicher belassen“ , im Gegensatz zu früheren Stücken, bei denen Marius und Georg relativ viel mit Effekten gearbeitet haben. Wer COMA schon einmal live gesehen hat, weiß um die Live-Qualität des Duos, das bei Gigs seit einigen Jahren in Bandbesetzung inklusive Schlagzeuger auftritt. Dieser, Niklas Schneider, steuert auch das erste Live-Schlagzeug auf einer COMA-Produktion bei.„Wir haben das Album live gedacht, als Musik für eine Band, wie auf der kommenden Tour“ , sagen Marius und Georg und fügen hinzu:„Wir waren immer etwas poppiger.“ Mit dieser logischen Fortentwicklung ihres Sounds sei es musikalisch nur ein konsequenter Schritt, dass das neue Album nun beim Berliner Label City Slang Records erscheint.

Marius und Georg kommen vom Niederrhein, aus verschiedenen Ortschaften zwar, sind aber seit der gemeinsamen Gymnasialzeit befreundet.„Wenn man bestimmte Interessen hat, wie Musik oder im weitesten Sinne etwas Kreatives, dann kennt man dort jeden“, sagen sie unisono. „Unisono“ hieß auch die Band, mit der sie in heimatlichen Jugendtagen der Neunziger gemeinsam die ersten musikalischen Schritte machten, allerdings mehr im Indierock als im elektronischen Bereich, motiviert von Blur, Pavement oder Radiohead. Heute ist Vinyl-Sammler Marius von Nick Caves „Ghosteen“ geflasht.

„Was anderes blieb einem auf dem Dorf ja auch nicht übrig: entweder Musik machen oder drogenabhängig werden“ , scherzen Marius Bubat und Georg,„… oder halt beides“ . Lachen. Die Wahl fiel auf die Musik. Und auf Köln. Mit dem Wechsel in die Rheinmetropole folgte auch ein Stilwechsel. Der Kölner Vibe Anfang der Nullerjahre gab der Musik der beiden den elektronischen Shift. Nicht unschuldig daran war auch Produzent Tobias Thomas aus dem engsten Kreis des Elektronik-Labels Kompakt, auf dem auch die meisten Releases bis 2015 von COMA erschienen.„Köln war zu der Zeit ziemlich spannend. Berlin war weniger eindeutig als heute die Kulturhauptstadt. Und in Köln gab es eine lokale Szene mit ihrer eigenen Art, die auch international anerkannt und beliebt war, so eine Art Sound of Cologne. Das c/o Pop Festival war noch undergroundig, es war in einem riesigen Gebäude am Rhein, das ohne Strom und Wasser wie eine Ruine anmutete“ , erinnern sich Georg und Marius. Besonders im Kopf geblieben ist ihnen auch noch das S.O.M.A. Festival, das 2005 im Jugendpark mit einem Line-up aufwartete, nach dem man sich auch heute die Finger lecken würde – und für das man deutlich mehr bezahlen würde: Neben anderen spielten LCD Soundsystem, Feist, Jamie Lidell, abends im Bootshaus legten James Murphy und 2ManyDJs auf.„Das Ganze gab es für 20 Euro und irgendwie war nur eine Handvoll Leute da“ , wundern sie sich immer noch.„Dieser ganze Mischmasch der damaligen Zeit hat uns stark beeinflusst, ob es nun LCD Soundsystem war oder Justus Köhncke, gepaart mit dem, was wir in den Neunzigern gehört haben. Das hat sich dann mit dem elektronischen Sound der spannendsten Lebensphase in den Zwanzigern gepaart.“ Viele Ideen, die sich seither angesammelt haben, Erinnerungen, Erlebnisse, Erfahrungen und neue Impulse kumulieren auf „Voyage Voyage“. Kurzum:„Wir haben alles auf dieses Album gepackt, was uns seit 20 Jahren begleitet hat“ , sagt Marius.„Wir haben inhaltlich einen Step gemacht, indem wir dieses Mal sehr viel Emotionales in das Album haben einfließen lassen, ob über die subtile Melancholie der Vocals oder die mal mehr oder weniger konkreten Texte, die eine relativ stringente Stimmung transportieren. Das Album ist in einer Phase entstanden, die in vielerlei Hinsicht herausfordernd für uns war“ , erzählt Marius. Dazu zählen auch private Veränderungen wie Verluste in der Familie.„Unterbewusst fließt sicherlich einiges in die Musik ein“ , sagt Georg. Die Konfrontation mit Themen, die in ihren Zwanzigern kein Thema waren, habe die beiden auch persönlich reifen lassen:„Damals dachte man noch, man sei unbesiegbar“ , sagt Marius, zwar nachdenklich, aber mit einer gewissen Verschmitztheit, die sich mit weiterem Erzählen noch steigert. Denn: Geplant war ein neuer Langspieler eigentlich nicht, wie er berichtet.„Aber nach einigen Sessions im Studio merkten wir: Es könnte ein Album werden.“


„Die Songs sind im Sinne des Songwritings nun mehr auf den Punkt gebracht, es sind eben nicht bloß Tracks, die einfach im Club laufen können.“ – Georg


Mit den ersten Stücken steckten die beiden erst einmal den Rahmen ab: „Wir wollten dann schon mehr machen, als den Leuten vier Lieder zuzuwerfen.“ Nachdem sich während einer Produktionspause zwischen 2015 und 2017„einiges kreativ angestaut hatte“ , tobten sich Marius und Georg zwischen Ende 2017 und Ende 2018 kreativ aus. Zweimal verbunkerten sich die Jungs für je eine Woche im Studio, zwischendurch arbeiteten sie auch separat an Ideen.„Immer wenn es sinnvolle Schritte gab, sind wir wieder zusammen ins Studio gegangen. Ob für Vocals oder Lyrics, der Austausch ist da ganz wichtig.“ Auch privat, wobei sich das Gespann außerhalb des Studios nicht mehr so häufig sieht wie früher. Nicht, weil sie sich auf die Nerven gingen, auch wenn das natürlich manchmal vorkomme nach so einer langen gemeinsamen Zeit – beide lachen –, sondern weil auch ihr Alltag unterschiedlich sei. Marius ist nicht nur für das gemeinsame Projekt verantwortlich, sondern auch als Sound-Engineer für andere Künstler unterwegs, Georg ist seit Kurzem Vater eines kleinen Sohnes.„Beim jetzigen Album war das Schöne, dass wir gar keinen Druck hatten. Wir sind einfach dem Reiz und dem Spaß nachgegangen, Songs zu machen.“ Marius blickt entspannt zurück:„Es war uns völlig egal, was damit passiert, ob es rauskommt oder nicht. Aber jetzt freuen wir uns umso mehr.“


Foto: Frederike Wetzels www.coma-music.de