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COMBO INTERVIEW:MIT 66 JAHREN DA FANGT DAS BEBEN AN


combo - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 15.11.2019

Austropop-Haudegen Thomas Spitzer (66) hat sich nach 42 Jahren von seiner Langzeit-Liebe, der EAV, getrennt. Er selbst denkt nicht daran, in Pension zu gehen. combo hat den Musiker, Texter, Maler, Jung- und Altvater beim vorletzten EAV-Konzert in der Linzer TipsArena getroffen. Der Erfolg ist dem Steirer und Wahl-Kenianer nicht zu Kopf gestiegen. Ganz unkompliziert sitzt er während des Interviews auf den Betonstufen des Linzer Stadions, raucht eine Zigarette, genießt die Sonne und plaudert über die EAV und die Welt. Was dem studierten Grafiker sofort ins Auge sticht, ist die Aufmachung von combo. „Das ...

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Bildquelle: combo, Ausgabe 3/2019

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... ist ein hochwertiges Produkt, gefällt mir gut, auch der matte Druck.“ Vor dem Auftritt ist Spitzer tiefenentspannt, verkörpert ein ganz anderes Bild als jenes des Bühnenkaspers. Der Gitarrist und Mastermind der EAV ist ein Vielseitiger, der sich in der zweiten Reihe wohler fühlt als ganz vorne.

COMBO : Tom, korrekterweise bist du ja seit heuer mit Herr Professor anzusprechen…

THOMAS SPITZER : Schau, ich hab’ mein Leben lang keine Visitenkarte besessen und werde auch nie eine haben, wo soll ich das also drauf schreiben? Es wäre aber gelogen, würde ich sagen – das ist mir komplett wurscht. Das ist eine Art Respektbezeugung und Ausdruck dafür, dass man zumindest irgendetwas richtig gemacht hat. Schade, dass meine Frau Mama schon gestorben ist, ihr wäre dieser Professorentitel wichtig gewesen. Sie hat immer zu mir gesagt – Bua aus dir wird nie was Gscheid’s. Es gibt da ein schönes Lied namens „Das letzte Hemd hat keine Taschen“ (Anm.: Hans Albers/EAV). Da gefällt mir die Botschaft: Du kannst dir weder irgendwelche irdischen Güter mitnehmen noch einen Titel. Wer also mein Freund bleiben möchte, der sagt „Tom Spritzer“ zu mir, nicht Herr Professor…

COMBO : In mehr als vier Jahrzehnten EAV ist bestimmt auch hinter der Bühne vieles passiert. Um den Abschiedsschmerz bei den Fans etwas zu lindern, bringt die EAV vor der letzten Ölung eine Live-CD und ein Buch voll mit Comics und Geschichten heraus. Was ist denn eine deiner Lieblingsgeschichten aus einem halben Jahrhundert Showgeschäft?

THOMAS SPITZER : Da gibt es eine leicht anzügliche Anekdote, die gefällt mir, die muss ein Zeichen des Himmels gewesen sein und spielt im Jahr 1979 oder 1980. EAV und S.T.S waren damals noch eine Band. Günter Timischl werkte am Licht- und Ton-Mischpult, das damals noch sehr klein und überschaubar war. Nach einem Auftritt in einem Club ist er mit unserem Tourbus, einem uralten Reisebus Baujahr 1960 der Marke Büssing, zu einem Friedhof gefahren, um dort einer Dame näher zu kommen. Am nächsten Tag sah ich in unserem Bus den größten BH, der mir je in meinem Leben untergekommen ist. Da hat jede Seite ausgeschaut wie ein 5.000-Mann-Zelt. Damals war schon klar, dass Gert Steinbäcker mit S.T.S weitermacht und ich mit neuem Sänger bei der EAV bleibe. Daher habe ich gesagt: Es wird eine Zeit kommen, da wird in der einen BH-Hälfte, in dem einen 5.000-Mann-Zelt, die EAV und in der anderen S.T.S spielen. Niemand konnte ahnen, dass sich das eines Tages bewahrheiten und S.T.S und die EAV so erfolgreich werden würden. Also dieser BH war derart monströs, dafür genießt der Timischl bis heute uneingeschränkte Bewunderung.

COMBO : Weil du S.T.S angesprochen hast: Mit Gert Steinbäcker bist du praktisch groß geworden, er hat dir auch als Allererster ein Bild abgekauft. Bei eurem letzten Konzert in der Wiener Stadthalle wird er dabei sein – wie geht’s dir nach gefühlten 1.000 Jahren EAV?

THOMAS SPITZER : Ja, der Gert ist mein lieber Lebensfreund und wird den Sandlerkönig Eberhard zum Besten geben. Die ganze Show wird schon noch einmal ganz speziell. Ich bin jetzt 42 Jahre EAVler und da wird mir schon ein bisschen wehmütig ums Herz. Aber wie heißt es so schön? Geht eine Türe zu, geht eine andere auf. Und es gibt ja auch den anderen Spitzer, den lyrischen und besinnlichen. Das war bei der EAV schwer oder gar nicht unterzubringen. Ich freue mich auf die Zeit danach. Ich befinde mich auf der Zielgeraden, die Minimum noch 50 Jahre lang dauern wird… Jetzt heißt es die Werteskala neu ausrichten – Zeit nehmen für Familie und für Dinge, die früher zu kurz gekommen sind. Schließlich ist es nie zu spät ein besserer Mensch zu werden.

COMBO : Oder anders gesagt, frei nach Udo Jürgens, für den du auch Lieder gemacht hast: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an…

THOMAS SPITZER : Mit 66 Jahren, da fängt das Beben an – besonders nach der einen oder anderen harten Nacht. Aber das ist das Gute an meinem Dasein als Jungvater. Wenn die Leute mich sehen, wie ich munter den Kinderwagen durch die Gegend schiebe, denken sie sich: „Mah! Der ist aber noch gut drauf.“ In Wahrheit ersetzt so ein Kinderwagen den Rollator und ist eine gute Möglichkeiten sich abzustützen und die zitternden Hände zu kaschieren… Ich habe sehr intensiv gelebt. In Wahrheit bin ich eh schon 350 Jahre alt. Ich habe keine Angst vor dem Ende, das irgendwann einmal kommt. Es geht doch vielmehr um jeden Tag. Jeden Tag friedlich leben, ohne Hass, ohne Neid, ohne Gier – mit einer positiven Lebenshaltung. In diese Fußstapfen tritt hoffentlich auch mein Sohn Gino. Wenn er später einmal Musik vom Vater hören will, dann spiele ich ihm nur Nummern vor, die mir wichtig sind, keine Hits, nix was im Radio rauf und runter gelaufen ist.

COMBO : Welche Musik hört Vater Tom dann gemeinsam mit Sohn Gino?

THOMAS SPITZER : Ein Geburtshelfer war für mich Frank Zappa. Da war ich ein höriger Fan. Der war für mich das Nonplusultra. Ich bin zu jedem Konzert im In- und Ausland gefahren. Nicht nur weil er Bürgerschreck und ein schräger Vogel war, sondern auch musikalisch grenzgenial. Ob das eine Kost für einen heutigen Jugendlichen ist, weiß ich nicht. Ich kann jeder Musikrichtung etwas abgewinnen. Es gibt überall gute und schlechte Vertreter eines Genres.

COMBO : Die EAV ist Geschichte. Wer tritt denn nun in eure Fußstapfen? Wie geht es dir mit jungen österreichischen Sängern und Künstlern?

THOMAS SPITZER : Ich bin da wirklich sehr interessiert und es ist absolut einiges in Bewegung in die richtige Richtung. Ich bin gut bekannt mit Paul Pizzera, der selbst sagt, ohne die EAV gäbe es ihn so nicht. Viele junge österreichische Künstler haben echt Power. Ich liebe Lemo für seine Art des Textens und des Singens. Bilderbuch ist für mich seit dem Ableben Falcos der Silberstreif am Horizont. Davor verbeuge ich mich. Die scheißen auf Mainstream, machen ihr Ding. Die haben einen hohen Kunstanspruch, arbeiten konsequent und erfinden sich neu. Dazu gibt es viele junge Frauen, die richtig was drauf haben, und das ist wirklich toll. Ich bin wirklich erfreut angesichts der Fülle an guten Leuten. Und wenn ein alter Dinosaurier des Geschäfts einen Rat geben darf: Es geht darum, immer sich selbst treu zu bleiben, nicht dem Mainstream hinterher zu jagen. Sein Ding durchziehen, sich nicht verbiegen lassen. Wenn man auf die Pappn fällt, wieder aufstehen. Ich glaube, viele Bands und Sänger in Österreich machen das momentan genau so. Es gibt da jedenfalls eine lange Liste an Künstlern, vor denen ich großen Respekt habe.

COMBO : Dieser Respekt ist wohl auch bei vielen jungen Wilden dir gegenüber vorhanden. Wie wirst du dein weiteres künstlerisches Schaffen anlegen?

THOMAS SPITZER : Es gibt drei Dinge, die mein Leben bestimmt haben: Zeichnen, Texten und Komponieren. Das wird nie aufhören. Ich habe in Kenia mein Studio – fad wird’s mir nicht, nehme ich einmal an. Die Mutter meines Sohnes, Nora, hat kürzlich meine Computerdateien gecheckt und stieß auf 8.000 unveröffentlichte Texte, 250 nicht veröffentlichte Lieder – das wird sie nach meinem Ableben unter die Leute bringen – hoffentlich.


MIT 66 JAHREN DA FANGT DAS BEBEN AN̋


COMBO : Du hast deinen Sohn Gino bereits erwähnt. Noch ein Satz zur Familie – du bist bekanntlich Jungund Altvater. Deine Tochter Anna ist 40. Dein Sohn Gino ein halbes Jahr alt. Was willst du ihm mitgeben, was ist dir wichtig?

THOMAS SPITZER : Das Wichtigste: Er muss keinesfalls ein Wunderkind werden. Es ist im Leben eines Menschen ohnehin sehr schwierig, sein Glück zu finden. Also ob Dachdecker oder sonst etwas – so gut es geht in dieser kranken Welt glücklich sein. Wenn er vernünftig ist, entscheidet er sich nicht für einen künstlerischen Beruf, sondern wird etwas Anständiges, wie es meine Mutter schon immer gesagt hat. Andererseits war Gino bereits am elften Tag seines irdischen Daseins das erste Mal auf der Bühne. Das war keine Einstimmung auf einen möglichen späteren Arbeitsplatz, sondern mir ist es schlicht wichtig, den Gino an meiner Seite zu haben. Es gibt zwei Dinge, die hab’ ich richtig gemacht in meinem Leben. Die Anna und den Gino. Und der Rest war auch nicht so schlecht.

COMBO : Tom, du bist seit 30 Jahren regelmäßig in Afrika, hast in Kenia eine zweite Heimat gefunden. Bei uns ist dieser Teil der Erde in den Köpfen und am Stammtisch häufig immer noch der schwarze Kontinent, der in allem weit hinter Europa zurückliegt. Dabei gibt es bestimmt Dinge, die wir lernen könnten?

THOMAS SPITZER : Absolut. Es gibt bei uns den beinahe zynischen Begriff des Humankapitals. Wenn das erschöpft ist, also wenn du mit Vierzig nicht mehr Vollgas bringst, dann gehörst du eigentlich entsorgt. In der sogenannten Dritten Welt, ohne Pensionsversicherung, ohne ordentliche öffentliche Schulen und mit einem Gesundheitssystem, in dem jede Leistung kostet, halten die Familien ganz anders zusammen. Je älter dort ein Mensch wird, desto wertvoller ist er. Es gibt auch in den ganz kleinen Dingen große Unterschiede: Wenn du in Kenia jemanden fragst, der kurz vorm Abnippeln ist, wie es ihm geht, dann wird er im schlechtesten Fall antworten: nusu nusu. Das bedeutet halb-halb, es geht so – das Wort „schlecht“ gibt es nämlich nicht. Es geht mir schlecht, gibt es nur dort, wo es uns gut geht. Eines meiner Lieblingslieder vom Album „Alles ist erlaubt“ heißt „Am rechten Ort zur rechten Zeit“. Wir sind uns in Mitteleuropa oft gar nicht bewusst, welches Glück wir haben, hier leben zu dürfen.

COMBO : Gehörst du in Kenia richtig zur Gemeinschaft, oder bist du der Weiße, der schon seit vielen Jahren immer wieder mal zu Besuch kommt?

THOMAS SPITZER : Jeder, der Musik macht, ist dort sehr willkommen. Musik ist Bestandteil des Alltags. Ich habe in Kenia einige Angestellte und die und deren Familien sind Freunde. Prinzipiell gibt es in jedem Kulturkreis gute Menschen und Arschlöcher. Was auch klar ist – wenn man einen Kontinent 400 Jahre lang ausraubt, darf man nicht glauben, dass man als Weißer a priori, nur weil man Geld hat, geliebt wird. Respekt muss man sich verdienen. Den verdient man, indem man den Menschen nicht nur etwas anschafft und sich wie der weiße Massa verhält, sondern indem man mit anpackt – zum Beispiel beim Häuslbauen. Das dauert einige Zeit, aber dann erreicht man den Status: Er ist zwar ein Weißer, aber trotzdem ein guter Mensch…

COMBO : Von Kenia nach Ibiza. Als das alles publik geworden ist, hat es dich da in den Fingern gejuckt, wollest du das in einer Nummer verarbeiten?

THOMAS SPITZER : Nein, wir haben ja zuvor die Nummer „Rechts 2/3“ gemacht. Da ist alles gesagt, da war Ibiza nur noch die Bestätigung. Wir waren immer auch eine politische Band. Auf der anderen Seite hat man es heute wirklich schwer als Kabarettist. Menschen wie Orban, Trump und Co., die kann man nicht mehr karikieren.


Fotos: PHILIPP GREINDL