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COMEBACK DER PLATTE


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tip Berlin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 02.03.2022

Titel

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Die freundlichste Platte Berlins: Regenbogenhaus in Fennpfuhl

Wenn jeder Berliner Ortsteil ein Städtchen für sich ist, dann ist der Anton-Saefkow-Platz das Dorfzentrum des Fennpfuhls. Eine Agora aus Beton, Wochenmarkt mit Fischstand und Antiquitätenhändler. Hinter dem Rewe-Markt erheben sich luftig gruppierte Wohnblöcke. Blöcke, zwischen denen man sich so richtig klein fühlt in der großen Stadt, die einen aber hier und da doch warm anleuchten. Hier ein Bäcker, da ein Café mit Neonreklame an der verwitterten Front. Und gleich nebenan: der namensgebende Fennpfuhl, ein Weiher mit angeschlossenem Park, der inmitten dieser unwahrscheinlichen Gegend wie ein Relikt aus grünen Vorzeiten vor sich hinlümmelt.

Die Großsiedlung am Fennpfuhl, die nun 50 Jahre alt wird, war die erste zusammenhängende Plattenbau-Großsiedlung Ost-Berlins. Am 2. Dezember 1972 wurde der Grundstein gelegt. Den Stadtplaner:innen diente Fennpfuhl als Testballon für Marzahn und ...

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... Hohenschönhausen – für die Betonquartiere vor den Toren des Stadtzentrums, die vieles zugleich sind: ein bisschen Warnung, ein bisschen Verheißung.

Wohnhochhäuser im Einheitslook haben ein kompliziertes Image. In der Wahrnehmung vieler Menschen galt lange die Faustregel: Je Platte, desto „Problemviertel“. Für die einen sind die Betonriesen hausgewordene Albträume mit dunklen Fluren und dünnen Wänden. Skeptiker:innen denken an trostlose Quartiere, an ganze Satellitenstädte ohne Kultur und Grün. An die Horrorgeschichten, die einst Sido in seinem Song „Mein Block“ aus dem Märkischen Viertel erzählte, und an Christiane F.s Gropiusstadt.

Für andere hingegen bedeutet Platte Heimat und Nachbarschaftlichkeit. Und gerade ist das „serielle Bauen“, so die offizielle Bezeichnung für das Bauen mit vorgefertigten Modulen, mal wieder betonschwer in die aktuelle Wohnungsbau-Debatte gekracht.

Denn der rot-grün-rote Berliner Senat will bis 2030 rund 200.000 Wohnungen bauen. Zu Beginn des Jahres hat die neue Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) angekündigt, der Wohnungsnot wieder verstärkt mit „seriellem Bauen“ beikommen zu wollen. „Um den Prozess zu beschleunigen, werden wir Modelle für serielles Bauen starten“, sagte Geywitz im Interview mit dem Radiosender „Bayern 2“. Es ist ein ziemlich überraschendes Comeback. Noch ist es gar nicht lange her, dass einige Plattenbauten mangels Verwendung, wie es im Stadtplaner-Deutsch heißt, zurückgebaut wurden. Anders ausgedrückt: Man riss sie ab.

Hat die Platte nun doch eine Zukunft?

Um die Frage zu beantworten, muss man unterscheiden: zwischen den noch bestehenden Platten, und davon hat Berlin ja jede Menge. Und den neuen Großsiedlungen in serieller Ausführung, die als Phantomplatten durch die aktuelle Debatte geistern.

Gerade in Berlin ist schon aus der Historie einiges darüber abzulesen, wie die Zukunftsfähigkeit dieser Bauform sein könnte.

Erste Versuche des seriellen Bauens gab es schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und die Gründe dafür waren von Anfang an dieselben, die es bis heute sind: Man musste eine zunehmende Zahl von Menschen in großen Städten unterbringen, und das am besten schnell und günstig. Mit dem industriell hergestellten Beton kam eine neue Bautechnik gerade zum rechten Zeitpunkt: Immergleiche Bauteile konnten in Fabriken wetterunabhängig vorproduziert werden.

So richtig los ging es dann aber im Nachkriegsdeutschland. In den folgenden Jahrzehnten wuchsen in Berlin – in Ost wie West – sowohl Großkomplexe als auch kleinere Einheiten in dieser Fertigteilbauweise, die damals noch nicht Platte, sondern einfach Neubau hieß, in die Höhe.

Außerhalb der Innenstadt entstanden so Hellersdorf im Osten, Gropiusstadt im Süden oder das Märkische Viertel im Norden, innerhalb der östlichen Kernstadt dann zum Beispiel die bis heute stark nachgefragten Wohnbauten in der Memhardstraße, in der Linienstraße oder entlang der Leipziger Straße. Die Wohnbaugesellschaft Mitte bewirbt ihren Bestand heute stolz mit „Jeder Quadratmeter Du“.

Obwohl Platten-oder Neubauten für viele ein Sinnbild des Ostens sind, griff man auch im Westen zu dieser Fertigteilbauweise, zu besichtigen etwa am Kreuzberger Franz-Mehring-Platz. Und eine interessante Mischung aus diesem Groß und Klein, aus dem Außerhalb und Innerhalb der Stadt ist eben der Fennpfuhl. Auch 50 Jahre, nachdem das Viertel aus dem Boden gestampft wurde, ist es sowas wie der Musterschüler unter den Berliner Plattenbauvierteln.

Günstig, aber monoton

Das hat einen Grund: Im Fennpfuhl wurde ab den 1960er-Jahren zunächst mit dem „Wohnbau P2“ experimentiert, der unterschiedliche Grundrisse und mehr individuelles Wohnen zugelassen hätte.

Gegen die zehn Jahre später entwickelte, radikal effiziente Serie „WBS 70“ aber hatte der keine Chance. Mit dieser Wohnungsbauserie, die heute als „die Platte schlechthin“ gilt, wurden die Großsiedlungen erst möglich – mit allen Vorteilen: schnell, günstig und mit modernster Ausstattung. Allein in Hellersdorf entstanden so 42.000 Wohnungen. Auch mit allen Nachteilen: Das starre System führte zu Monotonie, zu den heute gefürchteten Betonwüsten.

Der Berliner Bausenator Andreas Geisel, SPD, ist „durchaus“ ein Fan der Platte, wie er auf Anfrage bekennt. „Wenn man Platte sagt, schwingt dabei etwas Abwertendes mit. Das ist nicht gerecht“, sagt der gebürtige Ost-Berliner. Es gehe Bundesbauministerin Klara Geywitz aber nicht um „die Platte“, sondern um serielles Bauen.

Das Geraune um die Rückkehr des ganz klassischen geliebt-verhassten Plattenbaus, das mit Geywitz’ Statement begann, hat mit realen Plänen also nur bedingt zu tun. „Serielles Bauen kann große Qualitäten ermöglichen und Dynamik entfalten“, sagt Geisel. „Also, es beschreibt den richtigen Weg.“

Und diesen Weg geht man zum Beispiel mit dem Holzbau gerade auch bei Wohnformen, die als besonders ressourcenschonend und zukunftsfähig gelten. So wurde der neue Bundestags-Anbau „Luisenblock“ des Architekturbüros Sauerbruch Hutton fast vollständig aus bereits in einer Köpenicker Halle vorgefertigten Modulen gebaut – die vor Ort direkt an der Spree nur noch zusammengesetzt wurden.

Auch die aktuelle Schulbauoffensive in Berlin gründet sich auf Modulen, die vorgefertigt angeliefert und dann vor Ort zusammengesetzt werden. Die Bauzeit verringert sich dadurch um die Hälfte, was auch den Anwohner:innen zugute kommt. Dazu ist die Sache insgesamt besser planbar als bei der Massivbauweise. Insgesamt sollen so bis 2026 zehn neue Schulen und mehr als 30 Ergänzungsbauten entstehen.

Die Frage, ob serielles Bauen in Berlin im Wohnungsbau aber wirklich kostengünstiger ist als andere Bauarten – zumal im Ring, wo es wenig freie Flächen zum massenhaften Zubauen gibt –, lässt sich zur Zeit noch nicht abschließend beantworten: Das komme immer auf Projekt und Marktlage an, heißt es aus Politik und Stadtplanung. Geisel sagt: „Es gab auch Zeiten, da wurden seriell gefertigte Bauelemente zum Beispiel für die Fassaden teurer angeboten als konventionell vor Ort verarbeitete.“

Auch auf kleineren Flächen könne man serielle Bauprojekte entsprechend kalkulieren. Ein Beispiel seien eben die modularen Schulbauten: Hier gäbe es verschiedene Typenentwürfe, die nicht jedes Mal wieder neu geplant werden müssen. „Das spart am Ende auch wieder Kosten. Warum so etwas nicht auf den Wohnungsbau übertragen?“, fragt Geisel.

Masse alleine, da sind sich Bausenator, Stadtplaner:innen und Architekt:innen einig, wird es aber nicht richten. „Wir brauchen sozial ausgewogene Wohngebiete mit Schulen und Kitas und anderen Angeboten, die ein Viertel lebenswert machen“, sagt Geisel. Allerdings ist der Senatsverwaltung zurzeit noch kein Großprojekt bekannt, wo schon rein seriell durchgebaut wird.

»SERIELLES BAUEN KANN GROSSE QUALITÄTEN ERMÖGLICHEN UND DYNAMIK ENTFALTEN«

ANDREAS GEISEL, BAUSENATOR

Und das vielleicht aus gutem Grunde. Denn in seiner reinsten Form führt dieses Bauen eben vor allem zu ortloser Monotonie.

Auch hier hilft der Blick zurück.

Die Tücken beim Bauen im Akkord

Wer in der DDR vom Standard abweichen wollte, musste sich vor dem sogenannten Elemente-Gericht verantworten, einem Gremium, in dem nicht Architekt:innen, sondern Verwalter:innen saßen. Und da scheiterten dann doch viele ambitionierte Planungen und Vorschläge: Es gab auch einfach kaum Kapazitäten für außerplanmäßige Wünsche, weder materiell noch finanziell. Das alles galt allerdings nicht für die Prestigeprojekte der DDR, etwa die Berliner Mitte mit dem Nikolaiviertel oder den Friedrichstadtpalast: ein Neubau, den wohl viele nicht als „Platte“ erkennen würden.

Nicht nur in der Planwirtschaft aber hat das Bauen im Akkord seine Tücken. Gerade die Großwohnsiedlungen im Westteil Berlins, also Märkisches Viertel, Gropiusstadt, Falkenhagener Feld und die Thermometersiedlung waren Sinnbild für eine Fehlentwicklung in der Wohnungsbaupolitik – die man allerdings in den letzten Jahren, wenn auch nur mit viel Aufwand und Mühe, mittels Sanierung, besserer Verkehrsanbindung und Investitionen, zumindest teilweise korrigieren konnte.

Auch wenn wohl – trotz Wohnungsnot – keine Viertel in Marzahn-Manier mehr gebaut werden, bleiben die alten Quartiere bestehen. Betreut werden sie in Berlin meistens von kommunalen Unternehmen wie der Degewo oder WBM. Und gerade erleben die Betonriesen, nach jahrelang eher zweifelhaftem Image, seit einiger Zeit eine verblüffende Renaissance in der öffentlichen Wertschätzung. Nicht nur in Berlin.

Im vergangenen Jahr ging der Pritzker Preis, einer der renommiertesten Architekturauszeichnungen weltweit, an das Architekten-Büro von Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal. Die beiden Hochschullehrer:innen an der Berliner Universität der Künste (UdK) wurden damit berühmt, bestehende Wohnhochhäuser klimagerecht zu sanieren und zu erweitern, im Jahr 2017 etwa Wohnblöcke in Bordeaux – die französische Platte also für die Zukunft zu rüsten.

»ES SIND GEBAUTE ZEUGNISSE EINER ANDEREN SOZIALEN WOHNFORM, EINER UTOPIE«

SANDRA SIEWERT, ARCHITEKTIN

In Berlin selber lässt derzeit die Howoge einen DDR-Fünfgeschosser in Buch weiter in die Höhe wachsen: Um drei Etagen stockt die kommunale Wohnungsbaugesellschaft das Gebäude in WBS 70-Bauweise aktuell auf, schon Mitte des Jahres sollen die 22 neuen Wohnungen bezogen werden. In Lichtenberg wird an einem weiteren Pilotprojekt zur Platten-Aufstockung gearbeitet. Die Howoge hat schon angekündigt, den Kurs weiter verfolgen zu wollen.

Die lang gescholtene Platte wächst über sich hinaus. Und ist plötzlich, so scheint es, überall: Plattenbauten zieren Plattencover, immer mehr Instagram-und Twitterkanalbetreiber:innen feiern die grafische Anmut ansprechend fotografierter Betonmonolithen. Ganz so, wie vor einigen Jahren brutalistische Gebäude – lange als Bausünden verschrien – plötzlich wieder als schick galten, hat auch die Hipsterfication der Plattenbauästhetik seit den Nullerjahren stetig zugenommen.

Den Anfang machten spielerische Annäherungen wie das Partyspiel „Plattenbauquartett“. Zeitgleich haben Architekt:innen wie Sandra Siewert von S-Wert-Design begonnen, die formale Strenge der serielle Fassaden erfolgreich in Grafiken zu überführen und auf Alltagsgegenstände zu drucken. „Erstmal wollten wir damit ein Berlin sichtbar machen, das in der offiziellen Darstellung gar nicht vorkam, auch in keinem Architekturführer. Das aber Lebensrealität für Zehntausende Menschen in diesen Vierteln ist“, sagt Sandra Siewert.

Die Fassaden haben zudem in ihrer Massivität und Radikalität auch einen großen ästhetischen Reiz, gerade auf aus Westdeutschland oder Westeuropa stammende Kreative: „Es sind ja gebaute Zeugnisse einer anderen sozialen Wohnform, einer Utopie“, so Siewert.

Der britische Schriftsteller und Fotograf Jesse Simon, der seit 2012 in Berlin lebt, betreibt einen der besagten Twitter-Kanäle: „@plattenbauBLN“. Aus den Fotos, die er dort postet, ist nun der Bild-und Essayband „Plattenbau Berlin“ geworden. „Plattenbauten haben eine formale Schönheit“, sagt er. „Die einzelne, sich wiederholende Block-Einheit ist der Ausgangspunkt für ein wirklich elegantes Design.“

Für Simon gibt es in Berlin wenige Dinge, die beeindruckender sind, als mit der S-Bahn nach Marzahn zu fahren und zu sehen, wie sich die Hochhäuser in den Himmel erheben. Wohnen wollen dort, in Neubauwohnungen am Ostrand der Stadt, viele junge, kunstaffine Fans seiner Fotos aber vermutlich nicht. Warum also lieben sie die Betonquader, romantisieren sie sogar? „Ich denke, das Ganze funktioniert ähnlich wie die Brutalismus-Renaissance“, sagt Simon.

Junge Fans der Platte

Menschen, die mit brutalistischen Gebäuden aufgewachsen sind, würden sie noch immer furchtbar finden. Erst die nächste Generation hätte einen Sinn dafür, sich mit ihren guten Seiten zu befassen. „Jeder Trend, jede Architekturbewegung erreicht irgendwann eine Phase, in der sie alle hassen“, sagt Simon. Im Falle der Plattenbau-Architektur ist der Nullpunkt in den 90ern erreicht gewesen, nach der Wiedervereinigung, als die gerade noch heißbegehrten Wohnungen plötzlich der Muff des Systemscheiterns anhaftete. Nun folge die neue Wertschätzung.

Eines von Jesse Simons liebsten Ensembles sind die Hochhäuser am Ernst-Thälmann-Park in Prenzlauer Berg, allerdings einem Prenzl’berg jenseits der Büllerbü-Behaglichkeit des Kollwitzkiezes. Während der wenige Kilometer entfernte Fennpfuhl Ost-Berlins erste Großsiedlung war, gilt der Thälmann-Park als letztes DDR-Prestigeprojekt vor der Staatsdämmerung: Noch 1984 wurde hier ein alter Gasometer gesprengt, um einen 25-Hektar-Park mit einem üppig dimensionierten Denkmal für die KPD-Ikone Thälmann mit angeschlossenem Wohngebiet aus dem Boden zu stampfen.

»PLATTENBAUTEN HABEN EINE FORMALE SCHÖNHEIT«

JESSE SIMON, AUTOR UND FOTOGRAF

Wie stolze Wächter schauen die Hochhäuser über den Platz. In einem von ihnen sitzt Kristoffer Cornils in seiner Wohnung im 14. Stock. „Eigentlich habe ich ja Höhenangst“, sagt er. Als ihm eine Nachbarin erzählt habe, dass der Wind nicht nur durch das Gebäude zischt wie zehn Orgelpfeifen, sondern den Turm sogar leicht ins Wanken bringen kann, habe er kurz an seinem Einzug gezweifelt. Mittlerweile kann er den „besten Ausblick über Berlin“, wie er sagt, richtig genießen.

Cornils ist 34 Jahre alt und arbeitet als Kulturjournalist, manchmal auch für den tipBerlin. Die kleine, helle Wohnung mit Küchen-Durchreiche ist vollgestopft mit Vinylplatten, Büchern und Kassetten. Seit Ende 2020 wohnt Cornils am Thälmann-Platz, bei der Gewobag, einer städtischen Vermieterin. Er zahlt weniger als zehn Euro pro Quadratmeter. Der Mietspiegel in Prenzlauer Berg liegt gerade bei 18,03 Euro kalt.

Groß geworden ist Cornils in Buxtehude, im Hamburger Speckgürtel. Mittelschicht. Reihenhausträume. Das habe er immer beengend gefunden, den Plattenbau hingegen viel interessanter. „Ich mag die Ästhetik sehr gern, ich weiß aber, dass diese Gebäude für viele Leute sehr generisch wirken“, sagt er. „In manchen chinesischen Großstädten sehen Plattenbaugebiete ja wirklich aus wie eine Cyberpunk-Version der Realität. Und auch in Berlin gibt es wahnsinnig hässliche und beklemmende Platten.“

Dass es aber hier, in seinem Turm am Thälmann-Platz, nichts Individuelles gäbe, stimme nicht. In seinem alten Wohnhaus habe er nie so viele unterschiedliche Leute wie hier getroffen, sagt er. Seine direkte Nachbarin wohne seit 1985 hier, seit Fertigstellung des Hauses.

Die Tendenz junger Berliner:innen, die Platten-Ästhetik abzufeiern, erklärt sich Cornils auch mit Nostalgie. „Plattenbauten stehen für günstigen Wohnraum“, sagt er. „Was da ästhetisch aufgeladen wird, ist das Versprechen: Wir können uns Wohnraum dort leisten, wo wir möchten.“ Die Gestaltung seines Wohngebiets sei für ihn nicht nur ästhetisch spannend. „Wenn man sich hier im Park umschaut, gibt es kaum Bänke, die vereinzelt stehen, sondern Bankkreise. Dazu ein Planetarium, eine Schule, eine Schwimmhalle und Cafés“, sagt er. „Alles ist auf soziales Miteinander ausgerichtet, gleichzeitig sehr offen. Ich finde das schön, weil es ein Gegengewicht zu den Gated Communitys bildet, die im Zentrum zunehmend entstehen. Und eine Vision von Wohnen formuliert, mit der ich nicht aufgewachsen bin.“

Wer mit Menschen drüben im Fennpfuhl, der Muster-Siedlung Ost-Berlins, darüber spricht, wie es sich heute hier wohnt, bekommt die unterschiedlichsten Antworten. Viele vorgetragen mit starkem Berliner Dialekt, manchmal auch mit russischem Akzent. Wir treffen eine Frau in pinkfarbenen Leggings, die nicht viel zu den Vorzügen des Viertels erzählen will, auch ihren Namen nicht hier lesen mag. „Da fragen Sie die ganz Falsche”, sagt sie. „Ich bin nur hier, weil’s billig ist, sonst wär ich schon lange woanders.“

Wir treffen aber auch Hannelore und Emil Kunte, beide Rentner:innen, die seit 1974 in ihrer Wohnung im Fennpfuhl leben. „Besser als hier kann man gar nicht wohnen“, sagt Hannelore Kunte. Sie hätten hier ihre Geschäfte, den Park, drüben den „Mont Klamott“, wie der Trümmerberg im Volkspark Friedrichshain genannt wird. Ein Späti-Verkäufer erzählt von Stammkunden aus einer Einrichtung für betreutes Wohnen, die sich aus Frust besaufen würden, weil sie keine Wohnung im Quartier finden. Menschen aus den umliegenden Stadtteilen hingegen sagen uns, dass sie gern in den Fennpfuhl zum Spazieren oder Einkaufen kommen.

Es ist kein trister Mikrokosmos, keine Betonhölle, sondern ein Quartier mit jenen Problemen, wie sie viele Berliner Kieze haben, zugleich eine „Stadt in der Stadt“, die in sich funktioniert, im Sinne der Erfinder:innen.

Wenn man das eines Tages auch von den in Zukunft neu entstehenden Quartieren sagen kann, wäre einiges gewonnen für Berlin.

Zum Weiterlesen Leben in der Westplatte: ein Kneipenbesuch in der Gropiusstadt www.tip-berlin.de/gropiusstadt