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„COOLNESS IST KEINE FRAGE DES ALTERS“


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 7/2021 vom 10.06.2021

NOEL GALLAGHER

Artikelbild für den Artikel "„COOLNESS IST KEINE FRAGE DES ALTERS“" aus der Ausgabe 7/2021 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Am 28. August 2009 brachte der jahrzehntelange Zwist der Gallagher-Brüder die erfolgreichste britische Band der 90er-Jahre an ihr Ende. Nachdem Liam seinen großen Bruder Noel backstage beim Pariser „Rock en Seine“-Festival mit einer Pflaume beworfen hatte, verließ dieser die Band, die er zu Weltruhm gebracht hatte. Gute zwei Jahre darauf veröffentlichte er das Debüt seines Soloprojekts Noel Gallagher’s High Flying Birds, ein Album mit großen, erwartungsgemäßen Rocksongs im Midtempo-Bereich. Doch über die Jahre emanzipierte sich Gallagher vom Druck seiner Fans und seiner Vergangenheit und ließ 2017 mit WHO BUILT THE MOON? der Experimentierlaune, die auch das Schaffen von Oasis trotz aller Retroseligkeit stets durchzogen hatte, freien Lauf. Zuletzt erschienen von ihm drei EPs, auf denen er mit Disco und Funk spielte. 23 Jahre nach seinem donnernden Nr.-1-Hit mit den Chemical Brothers, ...

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... „Setting Sun“, war Noel Gallagher auf dem Dancefloor angekommen. Doch dann schlossen die Clubs, Corona bedeckte die Welt. Nur Noel Gallagher wollte sich nicht bedecken, sorgte mit maskenskeptischen Aussagen für Schlagzeilen. Die weltweite Pause nutzte er zur Zusammenstellung einer ersten Werkschau seiner Solojahre, BACK THE WAY WE CAME VOL. 1 (2011-2021). Grund genug für einen Anruf in London.

RAY MCCARVILLE, NOELS MANAGER: Hi Stephan, ich gebe dich an Noel weiter. (verschwindet aus dem Bild)

Hi Noel, sollte ich dich sehen können?

MCCARVILLE: Nein, wir haben leider ein Problem mit der Kamera. Aber wir können dich sehen!

Aber seid ihr im selben Zimmer?

NOEL: Wir sind in verschiedenen Ländern!

Wo erreiche ich dich also gerade?

Nein, nur Spaß, wir sind alle in meinem Studio in London. Aber du kannst mich nicht sehen. Aber ich sehe dich, in deinem prächtigen Adidas-Trainingsanzug!

Das erinnert mich an eine alte Oasis-Rarität: „Can Y’see It Now? (I Can See It Now!!)“

Oh ja, großartiger Song!

Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber: Herzlich willkommen in meinem Schlafzimmer, Noel Gallagher!

Ich hab’ mich schon gefragt, wo du bist – in einem Hotel, in einem Schlafzimmer?

Nein, hier schlafe und arbeite ich. Manche Lebensumstände hat die Pandemie auch erleichtert. Beim Thema: Trägst du jetzt eigentlich Maske? Vergangenen September hattest du dich noch geweigert und sie als „sinnlos“ bezeichnet.

Ich trage einen Helm und einen Umhang.

Es ist viel passiert, seit wir uns zum letzten Mal unterhalten haben: die Seuche, du hast die 50 überschritten – was fiel dir schwerer: 40 oder 50 zu werden?

Von all meinen Jahrzehnten machen mir meine 50er am wenigsten Spaß. Meine 40er waren am besten – mit 43 bin ich bei Oasis ausgestiegen, mit 45 habe ich die High Flying Birds gegründet. Körperlich war ich auf meinem Höhepunkt! Aber schon mit dem Morgen meines 50. Geburtstags ging’s los: Ich hatte Schulterschmerzen, dann welche im Ellenbogen, dann tat mir der Rücken weh, und dies und das und dann die Scheißpandemie, eins nach dem anderen. Schreckliche drei Jahre.

2015 meintest du, du würdest in zehn Jahren mit dem Touren aufhören wollen. Hat dich die Pandemie dazu gebracht, das zu überdenken? Alle lechzen ja nach Live-Shows.

Eigentlich nicht, denn meine Lebensplanung läuft völlig synchron zur Pandemie. Nach meiner letzten Tour wollte ich mir ohnehin eine Konzertpause bis 2023 gönnen. Das passt also ganz gut. Aber um die Welt zu reisen war vor der Pandemie schon schwer, danach wird es nur noch viel schwieriger werden. Ich weiß nicht, wie viel Enthusiasmus ich dann noch für eine Tour aufbringen kann. Ich kann mir vorstellen, irgendwann keine Lust mehr auf diese Strapazen zu haben. Aber ich werde niemals aufhören zu schreiben.

Du befändest dich dann wie die Beatles in deiner „blauen“ Phase.

Ja, vielleicht könnte ich mich noch zu Shows in England hinreißen lassen oder in Europa. Aber für sechs Wochen nach Südamerika oder für vier Wochen nach Australien oder für zwei Monate nach Nordamerika, das könnte mir zu viel werden.

Das ist erfrischend zu hören, denn der Konzertmarkt hat den Tonträgermarkt ja total überholt. Jede Band ist ständig unterwegs, spielt die alten Hits. Niemand löst sich mehr auf, jeder macht einfach weiter – und gibt so auch keinen Platz für Neues.

Wenn ich eines Tages auf meinem Totenbett an meine Jahre on the road zurückblicke, dann möchte ich das mit Freuden tun und mich nicht nur daran erinnern, wie anstrengend das alles war. Aber ich will mich da auch nicht festlegen: Wenn ich einst, einbeinig und im Rollstuhl, den besten Song aller Zeiten schreibe, dann drängt es mich womöglich doch noch mal hinaus, um ihn den Leuten vorzuspielen.

Seit 100 Jahren tourende Bands wie die Stones geben ihrer Sucht nach Applaus die „Schuld“ für ihre vielen Konzerte. Du scheinst also nicht sonderlich abhängig von externer Anerkennung zu sein?

Nein, ich verstehe das schon. Aber meine Sucht ist eher, Songs schreiben zu müssen, das ist meine Religion. Für einen reinen Sänger oder Bassisten mag das etwas anderes sein – der muss auf die Bühne, weil er nur dort Anerkennung erfährt. Aber ich bin in erster Linie Songwriter. Meine Bestätigung bekomme ich von den Leuten, denen meine Songs gefallen.

Du hattest nur einmal eine Schreibblockade – um die Jahrtausendwende, die Zeit von STANDING ON THE SHOUL- DER OF GIANTS.

Rückblickend würde ich sagen: Die Jahre von STANDING… waren generell keine gute Zeit für Musik. Wenn ich mich nicht von dem inspirieren lassen kann, was um mich herum geschieht, weiß ich nicht so recht, was ich anfangen soll. Oasis waren damals betriebsblind. Wir mussten bis zu den Libertines, den Strokes, Kasabian und den Arctic Monkeys warten. Das gab uns die Energie, denen zu zeigen, dass wir immer noch besser als sie waren.

Aber mit der heutigen Musik bist du auch unzufrieden und schreibst dennoch unablässig.

Ja, aber damals war ich in einer Band mit einer starken Identität unterwegs auf einem engen musikalischen Pfad. Aber heute habe ich die Freiheit zu tun, was immer ich will. Alles inspiriert mich – ich muss auch niemanden mehr überzeugen. Früher schrieb ich Songs für vier andere Typen und einer meinte dann immer: „Das singe ich nicht!“ oder so. Damit muss ich mich heute nicht mehr herumschlagen. Es muss mir nur selbst gefallen. Es gibt nichts Besseres im Leben.

Anlass unseres Gesprächs ist die Veröffentlichung des Best-of-Albums deiner ersten zehn Solojahre: BACK THE WAY WE CAME VOL. 1 (2011-2021) heißt es. Die erste Single daraus trägt den Namen „We’re On Our Way“. 2018 hast du ein Buch herausgebracht namens „Any Road Will Get Us There (If We Don’t Know Where We’re Going)“. Scheint so, als würdest du dich gerade mit Richtungen beschäftigen.

Eine der universellen Wahrheiten ist ja, dass das Leben eine Reise ist, vom Anfang bis zum Ende. Und ich stehe absolut für universelle Wahrheiten. Also Ja, das Leben ist ein Trip.

In welche Richtung gehst du gerade?

Momentan lege ich eine Pause ein, blicke auf meine Karriere zurück. Und wenn ich damit zu Ende bin, mache ich eine neue Platte.

Wofür es laut aktuellen Interviews schon einige Songs gibt, z.B. ein Duett mit Shaun Ryder.

Ich würde behaupten, dass ich sechs bis sieben richtig starke Songs beisammenhabe und damit meine ich: richtig, richtig starke Songs. Geht sich gut an!

Ist es dann nicht komisch, jetzt ein Best-of zu veröffentlichen, auf dem diese starken Songs fehlen?

Die neue Platte wird nicht vor 2023 erscheinen – je nachdem, in welchem Zustand die Musikindustrie sich dann befindet. Noch ist keiner dieser Songs aufgenommen, ich schreibe ja noch, mache Demos. Die neuen Songs sind eine Reaktion auf die drei EPs, die ich von 2019 bis 2020 veröffentlicht habe. Die neuen Songs werden viel organischer, akustischer, weniger tanzbar.

Back the way we came also?

Das kann sich natürlich jeden Tag ändern, ich könnte morgen eine Heavy-Metal-Hymne schreiben.

Welche Erfahrungen hast du mit diesen EPs gemacht – ist ja ein mittlerweile eher ungewöhnliches Format?

Das war auch den Umständen geschuldet – ich befand mich gerade im zweiten Jahr einer Welttour und hatte haufenweise Material. Ich dachte, es sei eine gute Idee, neue Songs zu spielen. Mein Management machte dann den Vorschlag, eine EP draus zu machen. Um sie zu erschrecken, entgegnete ich: „Wisst ihr was, wir machen drei!“ Damals haben wir vor allem Festivals gespielt – von Dienstag bis Donnerstag konnten wir also aufnehmen und dann ging’s auf die Bühne. Die Vorgabe war: Ganz egal, was wir aufnehmen, wir bringen es raus. Ich habe das meiste im Studio geschrieben, was sehr aufregend war, denn man wusste nie, womit man am Ende des Tages nach Hause gehen würde. So sind etwa „Black Star Dancing“ und „Blue Moon Rising“ entstanden. Als Nächstes wird aber wieder ein kompaktes Album erscheinen.

Dazwischen steht jetzt das Best-of an. Diese Compilations haben meistens keinen guten Ruf, gelten als pure Geldmache. Aber du warst immer schon ein Fan dieser Zusammenstellungen.

Als ich groß geworden bin, gab’s natürlich noch keine sozialen Medien, da gaben Musikmagazine den Ton an. Was machen Musik-magazine heute? Rufen ständig Bestenlisten aus, „Die 100 besten Blabla“ (siehe auch unser Special ab S. 35 – Anm.). Damals waren sie noch nicht so nostalgisch, aber über die Musik, die mir gefiel, schrieb keiner. Wenn Paul Weller, über den damals viel geschrieben wurde, dann mal in einem Interview die Beatles erwähnt hat, bin ich also los in meinen Plattenladen, um mich mit denen zu beschäftigen. Dann stehen da aber zehn Platten herum. Womit fängt man also an? Mit dem blauen und dem roten Album. Das sind bis heute meine liebsten Beatles-Platten. So entdeckte ich Musik: Morrissey, Johnny Marr oder Ian Brown erzählten in der Presse was von diesen 60s-Bands und ich ging los und holte mir die Best-ofs der Small Faces, von The Velvet Underground und so.

Ich habe einen Großteil meiner Schulzeit damit verbracht, unter dem Tisch die ideale Best-of von Oasis zu kompilieren, denn damals gab es noch keine. Mittlerweile stehen zwei im Laden, doch keine davon ist perfekt: Auf STOP THE CLOCKS fehlen unverzichtbare Songs wie „Whatever“ und TIME FLIES… ist eine Singles-Sammlung, die per definitionem keinen Platz für essenzielle Albumtracks wie „Rock ’N’ Roll Star“ hat. Wurmt dich das, dass es keine befriedigende Best-of deiner ersten Band gibt?

Der Trick besteht darin, nicht zu viel drüber nachzudenken. Du kannst es nicht jedem recht machen. Die Songs stellen sich irgendwie von allein auf. Bei der neuen Platte war es leicht: Das meiste sind Singles und das sind auch die besten Songs. Es macht mir jedenfalls großen Spaß, Playlists zu kompilieren. Ich liebe es, zu Freunden auf Hauspartys zu gehen und da läuft großartige Musik, die ich noch nicht kenne. So hält man doch die Kultur am Leben! Junge Leute wollen nur hören, was jetzt in den Charts ist. Nur leider ist dies keine besonders gute Zeit für Chartsmusik.

Vielleicht werden wir auch einfach alt?

Aber wir haben immer noch Geschmack. Ich mag alt geworden sein, aber ich weiß immer noch, was cool ist. Alles, was mit dem Alter abnimmt, ist deine Körperlichkeit. Du kommst vielleicht nicht mehr so schnell die Treppen hoch und runter, deine Haare könnten dir ausfallen …

Damit hast du ja kein Problem!

Das Beste an mir sind buchstäblich meine Haare!

Streaming hat Best-ofs überflüssig gemacht. Und dennoch veröffentlichten neulich auch die White Stripes ihre GREATEST HITS – mit der Begründung, dass sie eine solche Werkschau verdient haben. Ich nehme an, deine Compilation erscheint aus ähnlichen Beweggründen?

Nun, gäbe es die Pandemie nicht, wäre es wohl nie zu dieser Platte gekommen.

Wie das?

Wir waren alle gelangweilt, es gab nichts zu tun. Jeden Tag dieses Nichts, fürchterlich. Dieses Projekt gab mir und meinen Leuten einfach eine Beschäftigung. Und das Datum bot sich eben auch an – zehn Jahre, rundes Jubiläum.

Als ich dich vor zehn Jahren interviewt habe, warst du noch sehr im Zweifel, was deine Solokarriere betrifft. Du meintest, du fühlst dich nicht wohl als Frontmann, könntest deine eigene Stimme nicht so lange ertragen. Ist dieses Bestof jetzt auch Zeugnis dafür, diese Bedenken überwunden zu haben?

Was mich am meisten freut, ist, dass ich mir damals vorgenommen habe, erst mal ein Album mit dem ganzen angestauten Material zu veröffentlichen und dann eine Band aufzubauen, in der sich die Mitglieder ständig austauschen sollten. Und genau das ist mir gelungen! Zuerst waren wir fünf mittelalte, schlechtgelaunte Männer und jetzt haben wir drei exotische Französinnen in der Band, eine davon spielt auf einer Schere. Mal schauen, wer auf der nächsten Platte mitmacht: Manche wurden schwanger – ich nicht –, manche krank, das wird interessant.

FOTO: DAN CALLISTER/LIAISON/GETTY IMAGES

Die Best-of ist ähnlich aufgeteilt wie deine erste mit Oasis, STOP THE CLOCKS: 18 Songs auf zwei CDs.

Neun Songs pro Seite reichen, das sind jeweils 45 Minuten, sonst wird’s zu viel. Bei Best-ofs stelle ich mir einen Typen wie mich in 20 Jahren vor, zu dem einer sagt: „Wusstest du, dass der Oasis- Typ eine Solokarriere hatte?“ – „Nein, wie viele Alben hat er denn gemacht?“, „105!“ – „Und welche ist die beste?“, „Versuch’s mal mit der Best-of!“ Die Platte ist nicht fürs Hier und Jetzt gemacht, die ist für künftige Generationen.

Beim Thema Generationen: Wusstest du, dass TIME FLIES… 1994-2009, also eine Oasis-Platte von 2010, aktuell in den britischen Top 20 steht?

Tut sie das? Ah, ich glaube, ich weiß warum: „Stand By Me“ läuft hier im UK gerade in einer großen Werbung (für die britische „Halifax“-Bank – Anm.), das wird der Grund sein.

Die Platte ist nach Unterbrechungen seit Januar 2017 wieder permanent in den britischen Charts, mittlerweile seit 398 Wochen.

Echt? ECHT? Deswegen habe ich so viel Geld! Meine Frau öffnet zu Hause immer Schubladen und aus denen purzeln die Geldscheine. Ich hatte keine Ahnung, woher das alles kommt. Ich schaue mir keine Charts an. Aber glaube mir, dass ich heute nach Hause komme und meiner Frau serviere, dass ich seit 150 Jahren in den Charts bin.

Acht Plätze drunter steht (WHAT’S THE STORY) MORNING GLORY, aktuell also auch eine Top-30-Platte, mittlerweile seit 484 Wochen dabei. DEFINITELY MAYBE steht auf Platz 76.

Und genau deswegen müssen wir diesen Scheiß immer wieder neu herausbringen! Die werden bestimmt oft als Geschenke gekauft – Gott sei Dank nutzen sich CDs ab; die kann man alle zehn Jahre neu verschenken.

Es gibt bestimmt zahlreiche Fans, die sich jedwede Wiederveröffentlichung zulegen. Aber diese Zahlen bedeuten doch auch, dass junge Menschen diese Platten kaufen müssen. Beim jedem über 30, der auch nur irgendeine Affinität für Oasis hat, stehen diese Platten doch längst im Regal. Dazu kommt, dass keine andere Band aus eurer Ära, wie Blur oder Pulp, die Charts seit Jahren von innen gesehen haben.

Blur und Pulp waren zweifellos großartige Bands, aber Oasis waren anders. Allein schon, weil wir eine große Story mitbrachten. Jungs aus der Arbeiterschicht, die’s nach oben schaffen, zwei Brüder, die Drogen, die Frauengeschichten … wir haben alles angeboten.

Man darf auch nie die Wichtigkeit von Boneheads schütterem Haar unterschätzen – ein Typ in der größten Rockband der Welt, der so auch in jedem Pub hätte herumsitzen können. Absolut anschlussfähig.

Und der Typ hat die Scheißband ja gegründet! Wir hatten einfach eine Verbindung zu den Leuten. Was aber faszinierend ist, dass diese Verbindung über die Generationen vererbt wird. Und dann natürlich die Songs, nehmen wir nur mal „Don’t Look Back In Anger“ – ich meine, den habe ich geschrieben und selbst ich kann nicht fassen, wie gut er ist. Letztes Jahr bin ich anlässlich des 25. Jubiläums von MORNING GLORY in die Studios zurückgereist, wo wir die Platte aufgenommen haben. Ich hatte mir das Album nicht mehr angehört, seit es herausgekommen ist, aber auf der Anreise habe ich es mir noch mal reingezogen und ich habe ver-standen, warum es den Leuten so viel bedeutet. Es ist unglaublich! Die Texte sind gut genug, um dir etwas zu sagen, aber es geht um die Melodien, die machen’s aus.

„Wonderwall“ ist mit 1,1 Milliarden Streams euer erfolgreichster Song bei Spotify, einem Portal, von dem es immer heißt, es würde ein Rock-Publikum nicht erreichen. Der meistgeklickte Song der Beatles, überraschenderweise „Here Comes The Sun“, steht dort nur halb so gut da wie euer Spitzenreiter.

Das muss ich Paul McCartney beim nächsten Mal erzählen! Das wirst du wirklich tun, oder?

„Wenn ich der Mensch wäre, für den mich alle halten, wäre ich ein Arschloch.“

Auf jeden Fall!

Das heißt doch aber auch, dass der Song auch bei der Jugend ankommt.

Wahrscheinlich. Ich würde dir jetzt gerne weismachen, dass das alles von langer Hand geplant war. Aber dem ist nicht so.

Obwohl es so wirkt: Ihr habt damals immer behauptet, dass ihr die größte Band der Welt werdet und seid es dann tatsächlich geworden.

Als wir unseren ersten Plattenvertrag bei Alan McGee (damals, 1993, Kopf des britischen Indie-Labels Creation – Anm.) unterschrieben haben, habe ich jedem erzählt, dass wir in die Geschichte eingehen würden. Alle haben genickt und gelacht. Aber ich habe wirklich daran geglaubt. Ich wusste, dass wir etwas ganz Besonderes haben. Weil ich eben selbst Fan bin – ich weiß, wann etwas gut ist. Wenn ich nicht bei Oasis gewesen wäre, wäre ich unser größter Fan geworden. Die Songs kamen einfach so aus mir heraus – und das, obwohl ich meistens high wie ein Affe war. Wir haben da etwas ganz, ganz Spezielles hinbekommen und bis heute wissen wir nicht, was es ist.

Das ist ja das Verrückte: Deine Texte bedeuten so vielen Leuten so viel, obwohl sie keinen direkten Sinn ergeben. Jeder zieht eben daraus, was er versteht. „Don’t Look Back In Anger“, worum soll es denn da bitte schön gehen?

Ich habe nicht die geringste Ahnung. „Champagne Supernova“ – „slowly walking down the hall, faster than a cannon ball“, was soll das bedeuten? Aber das ist aktuell in den Top 20 – und genau das bedeutet es.

Nach dem Terroranschlag in Manchester im Mai 2017 bekam „Don’t Look Back In Anger“ ein neues Leben, als Hymne des Friedens und des Weitermachens. Der Song wurde sogar noch größer als je zuvor. Gab es da Momente, in denen dir das zu viel wurde? Verantwortlich zu sein für einen Song, der eine Nation tröstet?

(zögert) Wenn du Songs spielst, die Leute mitsingen oder bei denen sie weinen, obwohl sie noch gar nicht geboren waren, als der Song herauskam, das kann einen schon überwältigen. Aber du musst dich davon distanzieren. Diese Songs haben ein Eigenleben entwickelt. Die Leute haben ihnen diese Bedeutung gegeben. Ich denke da aber auch nicht viel drüber nach, ich bin immer beschäftigt, ich schreibe ständig neue Lieder. Vielleicht schreibe ich aber auch ständig neue Lieder, um keine Zeit zu haben, mir solche Gedanken zu machen.

Kreative Arbeit als eine Art Schutzschild?

Wenn ich wirklich der Mensch wäre, für den mich alle halten, wäre ich ein ziemliches Arschloch. Ich werde dieses Jahr 54 (Noel Gallagher hat dieses Alter in der Zwischenzeit, am 29. Mai, erreicht – Anm.), die Leute wollen aber, dass ich mich wie mit 24 Jahren benehme. Aber ich habe mich weiterentwickelt. Wer sich nicht weiterentwickelt, ist ein totaler Idiot. Ich bin eine komplett andere Person als damals, ich habe drei Kinder von zwei Ehefrauen, diverse Haustiere. Ich war ein Junge, jetzt bin ich ein Mann, ein Vater. Ich verfüge über ein sensationelles Erbe, aber ich habe hart dafür gearbeitet. Ich nehme mir selten frei. Aber ich genieße es auch, zu arbeiten. Ich habe dieses besondere Geschenk bekommen und ich bin jeden Tag dankbar dafür.

Eine fast religiöse Frage: Wer hat dir dieses Geschenk gegeben?

Ich bin da nicht sonderlich spirituell. Ich habe einfach lange geübt: Meinen ersten ordentlichen Song habe ich mit 22 Jahren geschrieben. Meinen ersten großen Song habe ich mit 26 geschrieben.

Welcher ist das?

„Live Forever“, absolut. Obwohl ich „Rock ’N’ Roll Star“, „Bring It On Down“ und „Columbia“ davor geschrieben habe – und „Whatever“ und sogar „All Around The World“. Die hielt ich schon alle für großartig, aber bei „Live Forever“ wusste ich, dass ich gut bin. Und alles, was ich in den fünf, sechs Jahren danach geschrieben habe, war unglaublich. Alles Songs, die zu Klassikern wurden. Damals dachte ich, ich sei das Allergrößte. Aber ich wurde nicht geboren und habe „Stairway To Heaven“ komponiert. Zugegeben, ich habe ein Händchen für Melodien, aber der Rest ist hart erarbeitet.

Was verbirgt sich eigentlich hinter „Kosmic Kyte“, der Filmfirma, die Liam und du gegründet habt?

Im August jähren sich unsere Knebworth-Shows zum 25. Mal (am 10. und 11. August spielten Oasis zwei rekordbrechende Konzerte vor je 125 000 Menschen im britischen Knebworth; mehr als 2,5 Millionen Fans hatten sich um Tickets beworben – Anm.). Wir haben die damals mitgefilmt, aber der Film kam nie heraus. Bis jetzt. Die Firma wurde nur ins Leben gerufen, um endlich diesen Film zu veröffentlichen. Die Fans warten seit 25 Jahren darauf.

Beim Thema Fans: Ich habe dich noch nie über die Smashing Pumpkins reden hören und war einigermaßen erstaunt, dass ihr im Sommer 2019 gemeinsam auf US-Tour wart.

In den USA macht man das im Sommer gerne – zwei Bands aus derselben Ära zusammenwerfen und losschicken. War auch sehr gut bezahlt. Ich bin kein großer Fan der Smashing Pumpkins, aber ich kenne Billy Corgan seit 20 Jahren. Das ist ein Supertyp.

Echt? Auf mich wirkt er zunehmend irre. .

Er ist halt auch Amerikaner. Aber ich verstehe mich gut mit ihm. Ich kapiere meistens gar nicht, was er sagt.

Ich auch nicht, aber ich stimme ihm in der Regel zu.

Er taucht in Shows von diesem Verschwörungstheoretiker Alex Jones auf und gibt Sachen von sich, deren Sinnhaftigkeit sich mir entzieht.

Verschwörungstheoretiker sind verdammte Idioten.

Gutes Schlusswort. Danke fürs Gespräch!

Albumkritik S. 97