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Corona in Afrika: Das Beispiel Senegal


WeltTrends - epaper ⋅ Ausgabe 164/2020 vom 01.06.2020

Afrika hat leidvolle Erfahrungen mit Epidemien wie Ebola und Cholera, Zika und Malaria gemacht. Man kennt die tödlichen Risiken und die Notwendigkeit, schnell und massiv deren Verbreitung einzudämmen, Auffällige mit Krankheitssymptomen zu testen und zu isolieren. Afrikas Gesundheitssysteme wurden in 30 Jahren neokolonialer Kreditpolitik nach dem Washingtoner Konsens kaputtgespart. So auch Senegals medizinische Infrastruktur. Heute kommen dort ein Krankenhaus, 842 Ärzte, 2.000 Krankenschwestern und 1.333 Hebammen auf über eine halbe Million Einwohner.1 Nichtsdestotrotz wurde das Budget des ...

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Bildquelle: WeltTrends, Ausgabe 164/2020

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... Gesundheitsministers im Vergleich zu 2019 um 7 Prozent gekürzt. Die Corona-Pandemie erreichte den Kontinent relativ spät, aber die Reaktionen erfolgten umgehend. Bereits am 7. Februar diskutierte der senegalesische Außenminister Amadou Ba mit seinem chinesischen Kollegen Wang Yi in einer Telefonkonferenz über „effektive Maßnahmen, um die Epidemie zu bekämpfen“. Am 20. März schloss Senegal die Landesgrenzen.

Wo wie im Senegal 54 Prozent der Bevölkerung nicht lesen und schreiben können, Wasser äußerst knapp und der Zugang dazu schwierig ist, sind Hygieneregeln kaum umzusetzen. Wo kinderreiche Familien auf engstem Raum zusammen wohnen und fast 90 Prozent der Bevölkerung in der informellen Wirtschaft tätig sind, werden social distancing, rigide Besuchsregelungen oder Ausgangsverbote rasch zu kontraproduktiven Jobkillern. Sie provozieren wie schon in Südafrika, Nigeria und Ägypten Aufstände. In Abidjan haben am 5. April zudem Einwohner das im Aufbau befindliche „Corona-Zentrum“ zerstört.

Karim Bendhaou, der Afrika-Chef der deutschen Pharmagruppe Merck, brachte es im Interview mit „Jeune Afrique“ am 14. April auf den Punkt: „99 Prozent werden den Virus überstehen, ein Prozent tötet er (…). Man braucht eine äußerst breite Testkampagne, um die positiv Getesteten in Quarantäne zu halten und die negativ Getesteten freizulassen.“ Im Senegal gilt seit der Erklärung des auf drei Monate beschränkten Ausnahmezustands am 23. März eine nächtliche Ausgangssperre; Schulen, Universitäten und Wochenmärkte wurden geschlossen. Außerdem hat die senegalesische Regierung in den letzten Wochen 145.000 Tonnen basic commodities, also Grundbedarfsmittel, an die Bevölkerung ausgegeben, was allerdings nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist.

In Afrika wie überall: Masken gehören zum Alltag


Foto: Diagne Roland Fodé

Auf eine bewährte Erfahrung kann sich auch der Senegal verlassen, die internationale Solidarität. Vom „strategischen Partner“ China erhielt man ebenso wie 27 andere afrikanische Länder 20.000 Test-Kits, 100.000 Masken und 1.000 Stück Schutzbekleidung geliefert. Zugleich erhielt man Unterstützung der Jack-Ma-Foundation des Alibaba-Gründers. Auch wenn dies nicht die Mängel im Gesundheitssystem ausgleichen kann, es hilft.

Erfahrungen aus vorherigen Epidemien nutzen

Die positiven Erfahrungen bei Malaria-Epidemien war nur ein Grund, das vorhandene, billige und mit anderen Mitteln kombinierte Medikament auf der Basis von Hydroxychloroquin zur klinischen Behandlung von Covid-19 einzusetzen. Den Empfehlungen des auch in Dakar tätigen Marseiller Professors Didier Raoult folgten nach Senegal auch Burkina Faso, Kamerun, Südafrika, Marokko und Tunesien. In Madagaskar wird zusätzlich gratis Tee mit einheimischen Artemisinin-Blättern, dem Grundstoff eines Malaria-Medikaments, an Schulkinder und Passanten ausgeschenkt.2

Im Senegal gab es bis April nur zwei Tote und 61 Prozent der getesteten Patienten wurden geheilt, so dass das Land in der afrikanischen Presse als „Ausnahme“ bewundert wurde. Dem Portal „Le Nouvel Afrique“ sagte Moussa Seydi, Chefarzt des Hôpital de Fann in Dakar: „Die Patienten gesunden schneller“. So wurden etwa in Algerien 30 Prozent geheilt, während 15 Prozent der Getesteten verstarben. Die auf Kliniken beschränkte Anwendung von Hydroxychloroquin solle auch den Handel mit gefälschten Medikamenten ausschließen, der nach WHO-Angaben einen Marktanteil von 60 Prozent umfasst.3 Allerdings warnte Ousmane Faye vom Institut Pasteur in Dakar: „Wir sind noch zu weit weg, um das Ende des Tunnels zu sehen“. Die Zahl der Neuinfektionen sei noch relativ stabil. So vermeldete „The Point“ am gleichen Tag 21 neue positive Fälle. Auf der anderen Seite seien allerdings 16 in New York lebende Senegalesen mit Covid-19 verstorben.

Interessant ist die 2018 gegründete senegalesische Statistikbehörde Bureau de prospective économique (BPE), die der „Fliegenbeinzählerei“ der privaten Johns-Hopkins-Universität in Baltimore mit einem globalen Barometer fundierte Konkurrenz macht. In dem Indice de sévérité du Covid-19 sind drei Elemente integriert: die Übertragbarkeit des Virus, die Schwere der Krankheit und ihre sozioökonomischen Auswirkungen. Wen wundert es, dass Großbritannien (Platz 132) und die USA (128) am Schluss sind, Vietnam auf Platz 4 vor China (Platz 14) liegt und Deutschland Platz 25 einnimmt? Wir dürften noch vom BPE hören.

Schuldenerlass notwendig

Die afrikanischen Finanzminister forderten bereits im März 100 Milliarden US-Dollar vom Internationalen Währungsfonds bzw.der Weltbank, um 44 Milliarden an Zinsen für insgesamt 700 Milliarden Kreditbelastung bezahlen zu können. 18 afrikanische und europäische Staats- und Regierungschefs sowie Vertreter der Europäischen und Afrikanischen Union plädierten für eine solche multilaterale Antwort für Afrika, nachdem UNO-Generalsekretär António Guterres bereits ein Zinsmoratorium gefordert hatte. Der Internationale Währungsfonds konnte sich dem Druck nicht länger entziehen und erließ nunmehr den 25 ärmsten Ländern Afrikas den Schuldendienst in Höhe von 500 Millionen US-Dollar für das kommende halbe Jahr, um die „schwachen finanziellen Mittel dem Gesundheitsdienst zu widmen“. Allerdings ist der Senegal nicht auf der Liste: Der Internationale Währungsfonds hatte dem Senegal bereits zuvor 442 Millionen US-Dollar zur „Deckung des dringenden Zahlungsbilanzbedarfs im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie“ freigegeben. Ökonomen wie Romuald Wadagni, Wirtschafts- und Finanzminister von Benin, fordern weniger einen Schuldenerlass, sondern vielmehr frisches Geld, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu schultern, etwa konzessionelle Kredite und nationale Corona-Fonds wie in Nigeria, in dem bereits aus dem privaten Sektor 66 Millionen US-Dollar liegen. Im vergangenen Jahr hat Senegal zwei Eurobonds jeweils in Höhe von 1 Milliarde Euro zu 6 und 4,75 Prozent Zinsbelastung bei einer Laufzeit von 10 Jahren aufgelegt. Angesichts des europäischen Minuszins-Niveaus hatte der senegalesische Präsident im Dezember 2019 auf einem internationalen Kolloquium zusammen mit westafrikanischen Staatspräsidenten dem Washingtoner Konsens den „Dakar Consensus“ entgegengesetzt.4 Die in den internationalen Medien aufgeworfene Frage, wo ein Schuldenerlass der Volksrepublik China bleibe, beantwortete das chinesische Außenministerium, indem es mitteilen ließ, dies werde bilateral im Gespräch entschieden. Den Raum dafür dürfte nächstes Jahr das chinesischafrikanische Forum (FOCAC) bieten, das Anfang März 2021 in Dakar stattfinden wird. Dann werden nicht nur die insgesamt 60 Milliarden USDollar Kredite aus den vergangenen drei Jahren ausgewertet, sondern neben der industriellen Entwicklung auch der intraafrikanische Handel, der seit Jahren bei 14 Prozent stagniert, im Fokus stehen.

Die Eliten Afrikas, Wirtschaftsbosse wie Politiker, mussten derweil zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit eine neue Erfahrung machen: Der lockdown verhinderte den Medizintourismus. Das Hôpital Américain in Neuilly-sur-Seine oder das Hospital Quirón de Marbella waren ihnen versperrt. So musste, um nur einen Prominenten anzuführen, auch die rechte Hand des nigerianischen Präsidenten Muhammadu Buhari, der Chef der Staatskanzlei Abba Kyari, in Quarantäne verbleiben. „France 24“ vermeldete am 18. April sein Ableben.

Georges Hallermayer

geb. 1946, Historiker. Dozent und stellvertretender Centrumsleiter bei den Carl-Duisberg-Centren. Viele Jahre Betriebsrat und Mitglied im GEW-Landesvorstand Saar

Blog: weltsolidaritaet.blogspot.com