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Corona-Krise: »Nein, die Welt wird nicht untergehen.«


Sachwert Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 04.06.2020

Analyst Folker Hellmeyer im Interview zu den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie


Artikelbild für den Artikel "Corona-Krise: »Nein, die Welt wird nicht untergehen.«" aus der Ausgabe 3/2020 von Sachwert Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sachwert Magazin, Ausgabe 3/2020

Folker Hellmeyer ist Chefanalyst bei der Solvecon Invest GmbH. Zuvor war er Chefanalyst bei der Bremer Landesbank.


Bild: Hauke Dressler

Herr Hellmeyer, es herrschen wilde Zeiten – auch für Anleger. Welchen Eindruck haben Sie, wie gut oder schlecht die Leute vorbereitet waren?
Die Amplitude des Abverkaufs an den Aktienmärkten ist Ausdruck davon, dass die Marktteilnehmer grundsätzlich nicht vorbereitet waren. Das ist auch verständlich. Es hat noch nie zuvor eine administrativ verordnete Rezession, die weitgehend global ...

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... homogen verfügt wurde, gegeben. So etwas konnte im Vorwege mangels historischer Parallelen in dieser Form nicht antizipiert werden.

Wie bewerten Sie die Situation der letzten Monate konjunkturell und marktbezogen?
Ein derartiger „Lockdown“ führt zu einem historisch einmaligen Absturz der Konjunktur auf temporärer Basis. In der akuten Phase des Abverkaufs wurde der Moment des drohenden oder sich abzeichnenden weitgehenden Stillstands vieler Sektoren der Ökonomien als Zukunft an den Märkten diskontiert. Das war ambitioniert. Die zwischenzeitlich Raum greifende Erholung darf als Ausdruck einer sachlicheren Bewertung interpretiert werden, die nicht den Moment des weitgehenden Stillstands, sondern die Zukunft vor dem Hintergrund der verfügten Stabilisierungs- und Konjunkturmaßnahmen abbildet. Die Erholung der Konjunkturlage in China liefert diesbezüglich belastbare Evidenz.

Wie geht es mit der Konjunktur aus Ihrer Sicht weiter?
China gibt den Weg vor. Das Muster im Rest der Welt wird ähnlich, aber nicht genauso dynamisch verlaufen. Die jetzt verfügten Lockerungsmaßnahmen mit Augenmaß im Westen implizieren, dass der Tiefpunkt der negativen konjunkturellen Anpassung im 2. Quartal 2020 liegen wird. Im dritten Quartal beginnt dann eine leichte Erholung im Quartalsvergleich, die sich per Ende des vierten Quartals weiter verstetigt. Für das kommende Jahr bin ich sehr zuversichtlich. Es ist eine Rückkehr zum Grundrauschen des globalen Wachstumspfads bei circa 2,8 %. Zusätzlich werden in Teilen die Produktionsausfälle aus dem Jahr 2020 aufgeholt. Als weiterer Wachstumskatalysator wird temporär der Lagerzyklus wirken. Eine Erkenntnis dieser Krise ist, dass „just in time“ Lagerhaltung nicht länger opportun ist. Auch die Neujustierung der Globalisierung wird insbesondere im Westen Wachstumsakzente setzen. Produktionen in sensitiven Sektoren, beispielsweise im medizinischen Sektor, werden neu allokiert. Darüber hinaus wirken sich die auf die kommenden Jahre jetzt ins Auge gefassten Konjunkturprogramme neben den verfügten Stabilisierungsprogrammen positiv auf die Wirtschaftslage aus. Alle hier genannten Wirkkräfte müssen ultimativ durch Unternehmensaktivität dargestellt werden. Daraus ergeben sich die Skaleneffekte, aus denen Märkte ihren Nektar ziehen.

Das klingt beinahe nach einem „Goldlöckchen-Szenario“, wo liegen die Risiken für Ihre Annahmen?
Danke für Ihre Frage. Ja, es gibt Risiken. Sie liegen vornehmlich im Bereich der Medizin und Virologie. Wir Finanzmarktakteure sind keine Mediziner und Virologen. Die derzeit verfügbaren Informationen über das Virus, den Grad der erzielten Immunisierung (Ausbruch früher als bisher unterstellt), die Unterbrechung der Infektionsketten und die Regionalisierung der Maßnahmen ist Grundlage meiner Basiseinschätzung. Risiken für diese Bewertung liegen bei den Themen Mutation des Virus und weiterer aggressiver Wellen der Infektion. Dieses Risiko schätze ich derzeit bei 20 % ein. Anders ausgedrückt gibt es für das hier geschilderte Basisszenario eine Wahrscheinlichkeit von 80 %.


»Für den Weltuntergang ist noch keine Zeit, es sei denn, verantwortungslose Menschen drücken auf falsche Knöpfe.«


Sehen sie noch weitere Katalysatoren für Marktbewegungen insbesondere an Aktienmärkten?
Zusätzlich implizieren die global verfügten Zinssenkungen und quantitativen Maßnahmen perspektivisch einen verschärften Anlagenotstand, der die Attraktivitäten der Aktien losgelöst von dem temporären Gewinneinbruch, aber auch die der Edelmetalle und die der Immobilien in den Fokus rücken, denn schlussendlich müssen 7,8 Milliarden Menschen grundversorgt werden. Es müssen Chancen aufgezeigt und genutzt werden. Covid-19 bringt die Welt temporär in eine akute Bremsung, Covid-19 wird die Welt und die globale Wirtschaft nicht in eine dauerhafte Lähmung versetzen. Die Pandemie darf auch als Chance einer Neuausrichtung in Richtung höherer Nachhaltigkeit verstanden werden. Ein Großteil der geplanten Wirtschaftsprogramme wird den Strukturwandel der Weltwirtschaft beschleunigen. Marktteilnehmer haben sich sehr auf den Aspekt Risiko fokussiert und dabei die in der Krise innewohnenden Chancen lange ausgeblendet.

Hat der Corona-Crash alle Marktteilnehmer kalt erwischt? Oder gab es Ausnahmen, die die Zeichen aus China gesehen hatten?
Es gibt immer Ausnahmen. Das war auch jetzt der Fall. Manche mögen das Risiko, dass die Epidemie sich zur Pandemie wandelt, frühzeitig in ihrer Positionierung berücksichtigt haben. Darüber hinaus gibt es Fondsmodelle, die auf Krisen ausgerichtet sind. Diese Modelle profitieren dann stark, um aber zumeist in den überwiegenden Phasen des Aufschwungs unterproportional zu reüssieren. Es gab jetzt auch Fondsmanager, die hinsichtlich der Markttechnik eine defensive Haltung eingenommen hatten und daher weniger stark betroffen waren. Die Mehrheit war von dieser historisch einmaligen Entwicklung beeinträchtigt.

Welche Assets sind für die kommenden Monate und Jahre die richtigen?
Diese Krise mahnt investiv agierende Anleger, sich in Realwerten, ob Edelmetalle, Aktien zukunftsfähiger Branchen und Immobilien zu bewegen. Das Geld wird nahezu systematisch debasiert durch Negativ-, Null oder Niedrigzinspolitik und quantitativer Mehrung. Wir haben heute die meisten Leitzinssätze der bedeutenden Wirtschaftsräume an oder unter den Niveaus von 2009, als wir mit einer Krise aus der Finanzwirtschaft, also einer Krise endogener Natur (jetzt exogener Faktor Covid-19) konfrontiert waren. Mit den Reduktionen der Zinsniveaus erhöht sich grundsätzlich die Schuldentragfähigkeit des Systems losgelöst von der Erhöhung der Bruttoschulden. Japan bietet das beste Beispiel. In den letzten Jahren war der JPY an Devisenmärkten in Krisen überwiegend Fluchtwährung trotz 240 % des BIP Staatsverschuldung eben dank des Nullzinsregimes. Debasierung des Geldes und Systemimmanenz müssen also keine Widersprüche in sich sein, zudem wenn es keine erkennbaren Alternativen im systemischen Kontext gibt (Marktbreite, Markttiefe, staatliche Akzeptanz, Implementierung in nationalen und supranationalen Instanzen).

Die wichtigste Frage an den ständigen Optimisten Hellmeyer: Wird die Welt untergehen?
Danke für den Optimisten – nein, sie wird nicht untergehen. Sie wird sich, so wie in der Vergangenheit auch, weiter latent und bedingt durch die Krise voraussichtlich etwas dynamischer strukturell verändern. So wie Viren sich anpassen, passen sich auch Strukturen an. Regionen, die den Strukturwandel verneinen, werden Preise dafür zu zahlen haben. Wer Evolution ablehnt, ist bisweilen mit Revolution als Anpassungsmodus konfrontiert. Für den Weltuntergang ist noch keine Zeit, es sei denn, verantwortungslose Menschen drücken auf falsche Knöpfe.