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Crossover, so wie es sein soll


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blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 25.09.2018

»Carmen la Cubana« startet in Köln zur großen Deutschlandtour


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Wenn Carmen (Luna Manzanares Nardo, oben Mitte) auf der Bildfläche erscheint, ist es um die Männer (Ensemble) geschehen


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La Senora (Albita Rodríguez) ahnt bereits das tragische Ende der Geschichte


Fotos (2): Nilz Böhme

Zusammen mit »Aida« und »La Boheme« gehört Georges Bizets »Carmen« zum populären ABC eines jeden Opernhauses, das etwas auf sich hält. Volle Kassen und hoher Taschentuchverbrauch garantiert. Und so wundert es nicht, dass diese drei Klassiker längst auch ihren Weg auf die Musicalbühne gefunden haben. Sei es die von Elton John neu vertonte Geschichte der nubischen Prinzessin oder das von Jonathan Larson zu »Rent« umgedichtete Künstlerdrama. »Carmen la Cubana «, das nach seiner erfolgreichen Uraufführung in Paris nun endlich zur großen Deutschlandtour aufbricht, vertraut dagegen weiterhin auf die originalen Ohrwürmer – wenn auch mit einem neuen Twist.

Im Grunde genommen ist es ja ohnehin schon absurd genug, dass das, was vielen wahrscheinlich als die Spanischste aller Opern gilt, eigentlich aus der Feder eines französischen Komponisten stammt. Warum also nicht gleich noch einen Schritt weiter gehen? Das dachten sich offenbar die Macher von »Carmen la Cubana«, die dem Klassiker jetzt ein karibisches Musical-Make-Over verpasst haben, welches dem Stück überaus gut zu Gesicht steht. Denn die neuen Arrangements, mit denen »Hamilton«-Arrangeur Alex Lacamoire die ohrwurmträchtigen Melodien von Bizet nach Kuba transferiert, darf man ohne Übertreibung als genial bezeichnen: mit Samba-, Cha-Cha-Cha- und Rumba-Rhythmen, die das Lebensgefühl des kulturellen und musikalischen Schmelztiegels perfekt einfangen und bei denen man schon wirklich eine notorische Spaßbremse sein muss, um nicht unwillkürlich mit den Füßen mitzuwippen. Dafür sorgt allein schon die exzellente 14-köpfige Band, welche bei der vom Publikum gefeierten Deutschlandpremiere in der Kölner Philharmonie mit pulsierenden Trommeleinlagen, virtuosen Gitarrensoli und herrlich schmalzenden Trompeten-Höhenflügen für den ebenso druckvollen wie authentischen Sound der Produktion garantiert.

Die altbekannte Story um die von Männern umschwärmte Carmen und ihren krankhaft eifersüchtigen Liebhaber José bleibt auch in der neuen Verpackung weitgehend dieselbe. Von Regisseur Christopher Renshaw und seinen Mitstreitern nun allerdings angesiedelt im Jahre 1958, in den letzten Tagen der großen kubanischen Revolution, deren Kämpfe im Hintergrund stets präsent bleiben. Kenntnis des Originals ist dabei nicht zwingend erforderlich, zaubert den Opernfans im Saal aber doch so manches zusätzliche Schmunzeln ins Gesicht. Und ganz ehrlich, wenn man Nummern wie das verzwickt verschachtelte ›Schmuggler-Quintett‹ einmal so von Humor übersprudelnd gehört hat wie hier, möchte man sie so schnell eigentlich gar nicht mehr anders hören als in Lacamoires aufgepeppter Version. Mag Bizet nach dieser Behauptung auch noch so sehr in seinem Grab rotieren, sein landauf, landab fast schon totgespielter Klassiker bekommt hier eine ordentliche Frischzellenkur, die genügend Individualität mitbringt, um als etwas völlig Eigenes bestehen zu können. Das müssen selbst jene Opern-Puristen eingestehen, die sich sonst gerne aufregen, wenn findige Regisseure zuweilen Zeit und Ort der Handlung für ihr Inszenierungskonzept zurechtbiegen.

Komplett neu hinzugekommen ist in dieser spanischsprachigen (und für Nicht-Muttersprachler zum Glück deutsch übertitelten) Adaption die charismatische Albita Rodríguez als La Senora. Die kubanische Grammy-Preisträgerin führt hier mit wettergegerbter Stimme und dem stets durchschimmernden Erfahrungsschatz einer bald vier Jahrzehnte dauernden Karriere als Erzählerin durch den Abend. Wobei sie sich auch musikalisch immer wieder effektvoll einbringen darf und mit der geheimnisvollen Aura, die sie umweht, beinahe der Titelheldin die Show stiehlt. Wohlgemerkt aber nur beinahe, denn auch Luna Manzanares Nardo bringt mit ihrer einnehmenden Bühnenerscheinung und rauchigen Stimme fast alles mit, was man sich von einer Carmen eben erwartet. Diese heißt nun übrigens, genau wie im ersten Musical-Update durch Oscar Hammerstein II, ebenfalls mit Nachnamen Jones und hat einen amerikanischen Soldaten zum Vater, was sie auf der kommunistisch neu organisierten Insel zur Außenseiterin stempelt. Manzanares tappt dabei zum Glück nicht in die Falle, permanent auf Teufel komm raus die laszive Femme fatale geben zu wollen, sondern zieht ihre Kraft oft eher aus der vornehmen Zurückhaltung. Wodurch sie am Ende nur noch geheimnisvoller wirkt. Und die Männer fallen ihr auch so scharenweise zu Füßen.

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Wenn sich Carmen (Luna Manzanares Nardo, 2.v.l.) etwas in den Kopf setzt, hat auch El Nino (Joaquín Garcia Mejías, l.) nicht viel zu melden


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Während El Nino in den Ring steigt, kommt es auch zwischen José (Saeed Mohamed Valdés, hinten Mitte) und Carmen (Luna Manzanares Nardo, vorne Mitte) zum Showdown


Fotos (2): Nilz Böhme

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Ob Marilu (Cristina Rodríguez Pino) ihren José (Saeed Mohamed Valdés) noch einmal auf den rechten Weg zurückbringen kann?


Foto: Nilz Böhme

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Allen voran der junge Soldat José, den Saeed Mohamed Valdés zunächst als geschmeidigen Latino Crooner anlegt, dabei aber dennoch über die nötige Power für die dramatischen Ausbrüche verfügt, mit denen sich das Finale dann doch wieder schwer dem opernhaften Pathos annähert. Denn soviel gute Laune die Produktion auch verbreiten mag, am Ende bleibt der Titelheldin natürlich auch hier das tragische Schicksal nicht erspart, das in den Szenen der Senora immer wieder seine Schatten vorauswirft.

Dass das Konzept der kubanischen »Carmen« am Ende so wunderbar aufgeht, liegt aber nicht nur an diesem sympathischen Trio, sondern an einer durchweg homogenen Ensembleleistung, bei der selbst die Nebenrollen einfach alle auf den Punkt genau besetzt sind. So etwa Carmens redselige Freundinnen Paquita und Cuqui oder die beiden Sidekicks von Toreador Escamillo, der hier zum gefeierten Boxer El Nino mutiert. Joaquín Garcia Mejías kann da als Carmens neuer Liebhaber noch so sehr vokal die Muskeln spielen lassen, am Ende muss er sich diesem spielfreudigen Quartett in der Gunst des Publikums leider ebenso geschlagen geben wie Cristina Rodríguez Pino, die mit leichtgewichtigem Sopran Josés bibelfeste Jugendliebe Marilu verkörpert.

Als Tüpfelchen auf dem I wirbelt um sie herum schließlich auch noch ein ungemein energiegeladenes Ensemble, welches sich mit Leib und Seele in die erdverbundenen Choreographien hineinwirft, die Roclan González Chávez erdacht hat. Da fegt man barfuß über die Bühne, als gäbe es kein Morgen. Wodurch der Funke vom ersten Moment an sofort in den Saal überspringt und das Stimmungsbarometer des Publikums im Laufe des Abends immer weiter nach oben getrieben wird. So lässt man sich Crossover gerne gefallen. Denn egal, ob man sonst eher in der Oper, im Musical oder im Tanz heimisch ist: Enttäuscht geht hier sicher niemand nach Hause.

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Ein tiefer Blick in die Augen genügt, schon hat Carmen (Luna Manzanares Nardo) leichtes Spiel bei José (Saeed Mohamed Valdés)


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Für das sprunggewaltige Ensemble scheint es keine Schwerkraft zu geben


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El Nino (Joaquín Garcia Mejías) genießt die Bewunderung seiner Fans (Ensemble)


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(v.l.:) Rico (Jorge Enrique Caballero), Paquita (Rachel Pastor Pérez), Tato (Maikel Lirio Bravo) und Cuqui (Laritza Pulido García) versuchen, Carmen (Luna Manzanares Nardo, 2.v.l.) für ihre krummen Geschäfte zu begeistern


Fotos (4): Nilz Böhme

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