Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

CUSTOMIZING BMW R 65: Genug simuliert …


Motorrad News - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 03.02.2020

Die BMW von Gordon Bese ist ein Unikat. Von der Optik mal abgesehen, gibt es da noch eine weitere Besonderheit: Sie war 30 Jahre lang festgeschraubt.


Artikelbild für den Artikel "CUSTOMIZING BMW R 65: Genug simuliert …" aus der Ausgabe 3/2020 von Motorrad News. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Motorrad News, Ausgabe 3/2020

1 Umbau samt Bauherr: Gordon Bese mit seiner BMW R 65.


Als Gordon die R 65 vor fünf Jahren übernahm, hatte die genau null Kilometer auf dem Tacho. Im Fahrzeugschein gab es keinen Vorbesitzer, nur eine Tageszulassung für die BMW AG von 1985 war dort zu finden. Danach ist der Boxer nie mehr bewegt worden. Des Rätsels Lösung: Die R 65 war 30 Jahre lang auf einem Fahrsimulator festgeschraubt, hatte nie auch nur einen Meter Asphalt gesehen. »Der Kabelbaum war in ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Motorrad News. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2020 von NACHRICHTEN: Marktbeobachtung. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NACHRICHTEN: Marktbeobachtung
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von NACHRICHTEN: Klassik-Enduro von Mash. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NACHRICHTEN: Klassik-Enduro von Mash
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von FAHRBERICHT TRIUMPH THRUXTON RS: British Beauty. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FAHRBERICHT TRIUMPH THRUXTON RS: British Beauty
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von FAHRBERICHT DUCATI PANIGALE V4 S: Flügelmonster. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FAHRBERICHT DUCATI PANIGALE V4 S: Flügelmonster
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von FAHRBERICHT BMW F 900 R/XR: Feines Doppel. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FAHRBERICHT BMW F 900 R/XR: Feines Doppel
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von FAHRBERICHT KAWASAKI Z650: Frischzellenkur für den Klassenprimus. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FAHRBERICHT KAWASAKI Z650: Frischzellenkur für den Klassenprimus
Vorheriger Artikel
VERGLEICH BMW S 1000 R/BMW S 1000 RR: Familien-Treffen
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel SECONDHAND KAWASAKI VERSYS 650 & ZUBEHÖR: Vielseitig fes…
aus dieser Ausgabe

... großen Teilen verschwunden und durch die Elektrik für den Simulator ersetzt worden. Der Luftfilter war ebenfalls weg, an dessen Stelle saß ein Elektromotor mit einer Unwucht, der das Bike standesgemäß schüttelte, so wie im Fahrbetrieb halt. Der Film auf dem Bildschirm lief schneller, wenn man am Gas drehte, wurde beim Bremsen entsprechend langsamer, und auch die Schaltvorgänge wurden dort angezeigt, doch gab es natürlich weder Gas-noch Bremszug, und auch der Schalthebel war nicht mehr mit dem Getriebe verbunden. Ich hab auch erst mal in den Motor geguckt, einfach um zu checken, ob das nicht auch nur ein Dummy war. War aber alles drin.«

Gordon erneuert alle wichtigen Dichtungen, sorgt für die nötigen Betriebsmittel und versorgt den Anlasser mit Strom: »Die ist sofort angesprungen, das war echt der Hammer. « Doch dann zerlegt er das Motorrad komplett. »Ich hatte mir die BMW ja nur zugelegt, um sie nach meinen Vorstellungen umzubauen, an der Originaloptik war ich nicht interessiert. Und weil ich mich mit BMWs noch nicht so auskannte, habe ich mich in einem Forum angemeldet und dort mein Projekt vorgestellt, natürlich in der Hoffnung, dass mir da weitergeholfen wird, wenn ich mal ein Problem habe. Aber da gab’s erst einmal Dresche.«

Manch eingefleischter BMW-Freund sah den Tatbestand der Blasphemie vollständig erfüllt – wie kann man nur einen dreißig Jahre alten, null Kilometer gelaufenen und auch optisch weitgehend makellosen Boxer auseinanderreißen, um ihn dann ganz anders wieder zusammenzubauen? »Einige konnten das echt nicht verstehen, von denen hatte ich auch keine Hilfe zu erwarten. Mit einer originalen R 90 S hätte ich das sicher nicht gemacht, aber eine R 65 in der 85er-Optik war mit ihren 27 PS ja nicht gerade ein Meilenstein. Aber es gab auch genug andere, die das Projekt geil fanden.«

So stößt Gordon auch auf einen ähnlich tickenden Custom-Freak, der seinem eigenen Alt-BMW-Umbau bereits eine moderne Upside-down-Gabel samt moderner Bremsanlage anoperiert hat, »das war echt eine große Hilfe. Ich musste in diesem Bauabschnitt nicht mehr alles selber herausfinden und konnte mir das Herumprobieren sparen. Nur die ganzen Teile musste ich irgendwo auftreiben und mir ein paar Spacer drehen lassen.« So arbeitet in der R 65 heute die Gabel einer Kawasaki ZX-9R – »hab ich gebraucht ge-kauft, ist aber komplett überholt worden« –, auch die Bremsanlage stammt von dem japanischen Renner. Die Bremsscheiben kommen allerdings von Ducati, die Spacer aus einem Fachbetrieb, am Ende passt alles zusammen. Nur die vordere Bremse ist jetzt vielleicht etwas überdimensioniert, in unkundiger Hand hat die Tokico-Sechskolben-Anlage in etwa die Wirkung einer Wand.


Die Tokico-Sechskolben-Bremsanlage hat in etwa die Wirkung einer Wand


Die obere Gabelbrücke kommt von ABM und ist eigentlich für den Einsatz an Superbikes gedacht, der Lenker klemmte ursprünglich mal an einer R 100 Mystic, die Spiegel findet Gordon bei Highsider. Die gesamte Elektrik kommt von motogadget, von der Steuereinheit über die Blinker und Taster bis hin zum minimierten Tacho – Transponder, Keyless Go, Alarmanlage, alles inklusive. Die ohnehin reduzierten Kabelstränge verlegt Gordon durch den Lenker, die Lösung für die Lichtanlage dauert etwas länger. »Ich wollte vorn auf jeden Fall eine Maske für die Ellipsoid-Scheinwerfer haben, nur fand ich im Custom-Zubehör nichts, was mir wirklich gefiel. Ich habe dann doch mal so ein vorgefertigtes Kunststoffteil gekauft, aber da fand ich die Qualität nicht überzeugend. Da hab ich mir dann selber eine gebaut.«

In der Arbeit mit Metall hat Gordon durch seinen Beruf viel Erfahrung und so gibt er der BMW ein überaus prägnantes Gesicht, die kantige, leicht rechts schielende Maske aus zwei Millimeter dickem Stahlblech verleiht der Frontansicht im Zusammenspiel mit den grobstolligen Reifen den Charme eines Offroad-Trucks. »Ich hab den Entwurf mit einem entsprechenden Programm auf dem Rechner gemacht, mir das Teil auslasern und kanten lassen, zusammengeschweißt habe ich es dann selber. Auch die Scheinwerferaufnahme hab ich selber gebaut und dafür passende Rohre zerschnitten, war ein ziemliches Gebastel.« Am Ende passt Gordon noch die Scheinwerfer von Highsider ein und gibt die Maske dann zum Beschichten weg. »Das Ding ist total polarisierend, die Leute hassen es oder sie lieben es, ist halt Geschmackssache. Aber ich wollte es nun mal genau so haben.«

2 Steil: Den Endschalldämpfer fand Gordon im Zubehör.


3 Strenges Design: Die Maske sorgt für eine unverwechselbare Optik.


4 Behördlich genehmigt: Das Staufach im Tank bietet Platz für Krimskrams und ein Ladekabel fürs Smartphone.


5 Vorleben: Für die ersten dreißig Jahre ihres Daseins war die BMW auf einem Fahrsimulator festgeschraubt und wurde nie einen Meter bewegt.


1 Minimiert: motogadget-Tacho.


2 Sauber: Taster von motogadget, die Bremsflüssigkeitsbehälter sind von LSL.


Hinten ist jetzt ein längenverstellbares YSS-Federbein verbaut, das auch in Zugund Druckstufe verstellt werden kann. Den Heckrahmen schraubt Gordon ab und schafft sich mit Teilen von Sport-Evolution ein neues Hinterteil, die Sitzbankplatte baut er selber und lässt sich dann von einem Sattler das Polster samt Bezug fertigen. »Das Essener Stadtwappen auf der Bank konnte ich mir nicht verkneifen, bin halt ein Essener Jung.«

Die Beleuchtung hinten kommt wieder von motogadget, der Kennzeichenhalter aus dem Zubehör. Was neben der markanten Maske an Gordons R 65 ebenfalls sofort ins Auge sticht, ist das himmelwärts strebende Auspuffrohr auf der linken Seite.


Die neue Maske der BMW polarisiert: Leute hassen sie oder sie lieben sie


»Den Schalldämpfer hab ich bei Kickstarter gefunden, die Krümmer sind noch die originalen. Das Y-Rohr hab ich mir dann in der Auspuffschmiede bauen lassen, die Jungs da machen eine Superarbeit. Na ja, und dass das Rohr so steil ist – ich wollt’s halt so haben.« Zweifelsohne unverwechselbar.

»Ich hatte dann zunächst auch offene Luftfilter verbaut, aber damit war sie bei beim TÜV zu laut, also hab ich das rückgängig gemacht und den Original-Luftfilter wieder eingebaut, damit läuft sie auch definitiv besser. Mit den offenen Filtern hatte ich noch nicht die richtige Abstimmung gefunden.«

Zunächst zieht Gordon den in der Custom-Szene so beliebten TKC 80 auf die Original-felgen, viele mögen ihre Reifen ja gern grob gewürfelt, der Optik wegen. Aber da Gordon auch gern und oft mit der BMW unterwegs ist, lernt er schnell die Schattenseiten von Klötzchen-Gummis im dauerhaften Asphalteinsatz kennen. »Wurde doch irgendwann ziemlich holprig, auch die bissigen Scheiben setzen dem Vorderreifen zu. Der hintere war nach zweieinhalbtausend runter, der nächste Satz kam dann von Heidenau. Der K 60 Scout ist natürlich auch ein Grobstoller, nur nicht so extrem wie der Conti. Fährt sich deutlich besser, hat auch wirklich guten Grip in den Kurven.« Was Gordon unverändert ließ, ist der Tank. »Der gefiel mir von vornherein, zumal das auch noch die Behördenversion ist, mit dem kleinen Staufach obendrauf. Da habe ich jetzt auch einen schönen Platz für mein Smartphone und kann es direkt an ein Ladekabel anschließen.«

5 Atlantik-Trip: Gordons erste Reise führte nach Biarritz, Fotos am Strand sind da Pflichtprogramm.


3 Upside-down: Die Gabel arbeitete früher in einer Kawa ZX-9R, die Bremsscheiben in einer Ducati.


4 Breiter Buckel: neue Ansichten einer R 65.


Ein halbes Jahr gingen für den Umbau doch ziemlich viele Abende drauf


Wie viele Stunden Arbeit in dem Projekt stecken, kann Gordon heute nicht mehr sagen. »Den Umbau habe ich über den Jahreswechsel gemacht, irgendwann im Herbst 2017 hab ich angefangen, im März 2018 war dann die TÜV-Prüfung. Etwa ein halbes Jahr lang gingen da viele Abende drauf, ich hatte zum Glück auch noch Hilfe von meinem Freund Christian, ohne ihn hätte das alles viel länger gedauert. Christian wusste auch oft genug Rat, wenn ich mit meinem Latein mal am Ende war. Hat außerdem deutlich mehr Spaß gemacht, mit einem guten Freund gemeinsam zu schrauben, wir hatten tolle Abende. Natürlich auch immer wieder ein bisschen Frust, aber ich würde so ein Projekt mit ihm jederzeit wieder machen. Werd ich sicher auch demnächst mal, im Moment fahre ich lieber, als dass ich schraube. Aber das kommt wieder. Ganz sicher.«

6 Prägnant: Die kantige Maske ist ein selbst entworfenes Einzelstück.


7 Kompakt: Allen Muskeln zum Trotz hat die R 65 gerade mal 27 PS.