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„DA TREFFEN WELTEN AUFEINANDER“


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Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 02.05.2022

TREND

Artikelbild für den Artikel "„DA TREFFEN WELTEN AUFEINANDER“" aus der Ausgabe 5/2022 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Das transkulturelle Ensemble Colourage mit Musikern der Orientalischen Musikakademie Mannheim, der Popakademie Baden-Württemberg und der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz

Und wie hältst du es mit der Demokratie?“ Ach, antwortet das Stadttheater mit einem faustischen Ausweichmanöver, es sei ihr gut gesinnt, wolle niemandem sein Gefühl und seine Überzeugung rauben, der entsprechend hohe moralische Anspruch werde ja bereits mit den gespielten Stücken kommuniziert.

Von der ersten Regieidee bis zur letzten Feinjustierung der Lichtstimmung ist die Arbeit an einer Theaterproduktion meist nicht demokratisch: Mit offenen Strukturen, transparenten Abläufen und partizipativen Prozessen die Entscheidungshoheit über die Angebote auf den Bühnen teilen, also Macht abgeben – das wird vorsichtshalber erst mal nur an Nebenspielstätten probiert, oder es wird eine Bürgerbühne zur Begegnung und Teilhabe auf Augenhöhe gegründet. Dort kann politische Kunst als soziale Praxis entstehen. In den anderen Sparten realisieren Dramaturgie und Intendanz zumeist ihre künstlerischen Setzungen ...

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... und wollen nicht Dienstleister mehrheitlich akzeptierter Kompromisse mit einem Wünsch-dirwas-Programm sein. Auch viele Zuschauer wollen lieber als kontemplative Zeugen den schönen Schein genießen, als Mitgestalter:innen zu sein.

Aufgrund des demografischen Wandels und knapper werdender Finanzressourcen wird aber nicht nur in der Politik die Forderung nach verstärkter Bürgerbeteiligung lauter, um Subventionen weiter zu rechtfertigen. Sich in Form und Inhalt verstärkt den Bedürfnissen junger Erwachsener und des bisher ziemlich absenten Drittels der Bundesbürger mit Migrationserfahrung anzunähern – das wünschen sich inzwischen auch viele Bühnenbeschäftigte. Sie installieren Bürgerforen, -räte, -beiräte, -initiativen oder runde Tische, die nicht primär für Zwecke der Öffentlichkeitsarbeit, Zuschauerakquise und des Marketings instrumentalisiert werden sollen, sondern erst mal auch konfliktbereit Input geben dank anderer als der bisher von Theatermachern zelebrierten Ideen, Werte und Interessen. Einige exemplarische Beispiele wollen wir vorstellen. »

THEATERRAT SCHWERIN

Bewusst im Nachklang einstiger Räterepubliken ist das Gremium am Staatstheater Schwerin Theaterrat benannt und wird geleitet von Nina Gühlstorff, Hausregisseurin für Öffnungsprojekte. „Wir Theatermenschen denken viel zu viel darüber nach, was auf der Bühne ästhetisch stattfindet – und zu wenig, was die Stadtgesellschaft von uns fordert, welche Themen ihr wichtig sind“, benennt sie das Problem. „Bitte benutzt uns und unsere Ressourcen“, lautet ihr Appell an die Schweriner. Passend dazu gebe es im Bürgergremium die Meinung, „dass Theater nicht nur Kulturgut ist, sondern wieder zum Allgemeingut werden soll“, berichtet Gühlstorff. 14 bis 80 Jahre alt sind die 25 Mitglieder, die sich alle zwei Monate treffen. Während Theaterfreunde-Vereine meist mit konkreten Ansprüchen an den Spielplan aufwarteten, wolle der Rat erst mal über Strukturen reden, berichtet Gühlstorff. Erste Forderungen waren, mehr Angebote an die Mecklenburger jenseits des schmucken Hauptstadtzentrums zu machen und die Zugänglichkeit für Finanzschwache zu verbessern. Als erste Folgen werden Außenspielstätten genutzt und Beteiligungsprojekte initiiert, das schaffe Identifikation, so Gühlstorff. Zudem soll die Rabattkarte für Empfänger staatlicher Unterstützung als Förderinstrument stärker beworben werden, vor Corona seien damit noch 2000, anschließend nur noch 300 Menschen pro Saison ins Theater gekommen.

STAATSPHILHARMONIE RHEINLAND-PFALZ

Die Staatsphilharmonie Rheinland- Pfalz ist das einzige Orchester Deutschlands mit einem von der Bundeskulturstiftung geförderten 360-Grad-Agenten: André Uelner. Er etablierte ein Beratungsgremium, das gegen die Ausgrenzung von Menschen aufgrund ethnischer oder kultureller Herkunft ins Handeln kommen soll. Zur Vorbereitung hat Uelner die Bevölkerungsstruktur in Ludwigshafen und Mannheim mit der Besetzung der Staatsphilharmonie, des Nationaltheater-Orchesters in Mannheim und der Kurpfälzischen Kammerorchester verglichen. Ergebnis: Knapp zehn Prozent der Bevölkerung haben türkische Wurzeln, viele weitere kommen aus primär muslimisch geprägten Ländern. Sie alle sind in den drei international, aber nicht divers besetzten Orchestern nicht repräsentiert. Uelner weitete seine Recherche zu einer Studie über die 129 Berufsorchester in öffentlicher Förderung mit 9766 Planstellen in Deutschland aus und stellte fest: Lediglich 62 Musiker mit Wurzeln in einem Land des Nahen oder Mittleren Ostens arbeiten dort in Festanstellung.

Um das zu ändern, rief Uelner Stadtgesellschaftsakteure mit asiatischer, afrikanischer, türkischer Familiengeschichte sowie einen Rom aus Bulgarien in den Beirat der kulturellen Teilhabe, der sich seit 2020 alle zwei, drei Wochen trifft. Niemand von den Mitgliedern war zuvor in einem Sinfoniekonzert. Uelner: „Die Aufmerksamkeit ist groß, wenn wir jetzt als Gruppe mit einer jungen Muslima mit Kopftuch oder einer schwarzen Person ins klassische Konzert gehen. Es wird ja unausgesprochen für eher bildungsnahe Menschen der Mehrheitsgesellschaft gedacht, läuft ritualisiert ab und setzt Insiderwissen voraus. Deswegen arbeiten wir mit dem Beirat an Settings, die diese Ausschlüsse nicht mehr produzieren.“ Das Orchester hat daraufhin natürlich nicht gleich sein Verständnis von zeitgenössischer Kunstmusik grundsätzlich verändert und ihren Klangkörper etwa um Oud- Spieler erweitert. Aber einige Philharmoniker wurden auf Beiratsinitiative mit anders sozialisierten Musikern für Konzerte zusammengebracht oder zu Stadtrundgängen geladen, um sich gegenseitig ihr Ludwigshafen zu zeigen. Zukünftig sind regelmäßige Auftritte des transkulturellen Orchesters Ensemble Colourage geplant, auch um neue Rezeptionsräume zu schaffen. Denn klar wurde laut Uelner im Beirat formuliert, Musik nicht nur still am Platz sitzend, sondern auch mobil im Publikumsraum – beispielsweise tanzend und interaktiv – erleben zu wollen.

„Da treffen Welten aufeinander, denn unsere Philharmoniker machen sich ja Gedanken über jede einzelne Phrasierung und möchten beim Spielen möglichst nicht gestört werden. Deswegen können einige mit den Beiratsideen nichts anfangen, andere begrüßen sie und sind begeistert dabei“, resümiert Uelner.

CRITICAL FRIENDS IN DARMSTADT

„Wir wollen die Grenzen der Wahrnehmung in unserer Theaterwelt weiten durch Zuhören“, betont der Darmstädter Dramaturg Maximilian Löwenstein. Das Staatstheater startet auf Initiative der Schauspielsparte eine Großoffensive gegen bildungshuberische Barrieren mit dem dreijährigen „Auftritt/Enter Darmstadt“- Projekt, dessen 800 000-Euro-Budget zu zwei Dritteln aus Bordmitteln getragen wird. Als alternativer Programmbeirat fungieren die Critical Friends, 20 multiplikatorische Privatleute und Politaktivistinnen aus Queer-, Migranten-und Behindertenorganisationen. Sie treffen sich einmal im Monat, laden zu Veranstaltungen ein, besuchen Proben und Aufführungen. Die Motivation? Laura Guntrum (Fem*Streik) möchte „andere Perspektiven kennenlernen“ und selbst ihre feministische Sichtweise einbringen.

Dem Beirat geht es erst mal um Bestandsaufnahme und Diskussion des bestehenden Theaterangebots. Das erste Votum der Friends gilt dem Einsatz leichter und einfacher Sprache in der Vermittlungsarbeit, unterstützt wurde zudem die Idee, „Identitti“ von Mithu Sanyal inszenieren zu lassen. Thema ist auch der Abbau von Barrieren etwa durch den Einsatz von Gebärdendolmetschern. Und da im „Bunbury“-Abend, nach Oscar Wilde, ein abgeschlagener Kopf hochgehalten wird und Blut fließt, fragt Guntrum, wie das wohl auf Menschen mit Gewalt-und Kriegserfahrungen wirke – sie argumentiert für eine Triggerwarnung.

KONNEKTIV* IN MANNHEIM

Diese Form der Partizipation zielt generell auf Ausschlusstendenzen in unserer Gesellschaft und zukünftig auch auf die Demokratisierung der Künste, doch die Praxis steht noch am Anfang. Sich so richtig zu öffnen, das wagen bisher nur Kinderund Jugendtheatersparten. Am Nationaltheater Mannheim ist seit September 2011 das Konnektiv* als Jugendvertretung aktiv. Das sind elf Theaterfans zwischen 14 und 21 Jahren, die bereits seit Kindertagen über die Bühnen des Hauses toben und sich heute als Künstlerkollektiv verstehen. „Eine typische Erfahrung mit Jugendlichen: Spielplangestaltung und -beratung ist erst mal nicht im Fokus, sie wollen lieber selbst was machen und spielen“, so Inga Schwörer, eine der Leiterinnen der Jungen Bürgerbühne. Also regt sie zum Machen an und lädt die Konnektiv*ler ein, dieses Jahr erstmals das Delta-Festival der Spielclubs aus Mannheim, Heidelberg, Ludwigshafen und Speyer, also ihre Vision des Veranstaltungsreigens zu organisieren. Es gilt, Produktionen einzuladen, das Rahmenprogramm zu gestalten, Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. „Partizipation ist anstrengend, aber lohnend, weil der Blick der Jugendlichen viel visionärer ist als meiner, die haben einfach nicht meine Schranken im Kopf“, erklärt Schwörer.

DRAMA CONTROL IN BOCHUM

Noch viel weiter ins Offene wagt sich der Jugendaufsichtsrat Drama Control des Jungen Schauspielhauses Bochum. 15 Mitglieder gibt es, 3 bis 21 Jahre alt, zumeist ehemalige Projektteilnehmer. „Sie sollen in zwei, drei Jahren das Theater für ihresgleichen gestalten und meine künstlerische Leitungsarbeit überflüssig machen“, sagt die dafür derzeit noch engagierte Spartenleiterin Cathrin Rose. Will sie ihre Stelle abschaffen? „Ja, mir bleibt dann ja noch die Budgetverwaltung.“ Derzeit hätten die Kinder und Jugendlichen nur die Expertise über die ihnen wichtigen Themen und die Theaterprofis über die ästhetische Umsetzung. Folglich schlägt derzeit noch der Rat die Sujets vor, Rose vergibt dazu dann einen Stückauftrag und engagiert den Regisseur oder holt einen Projektleiter zur Stückentwicklung. Nebenher geschieht die Ausbildung zur Machtübernahme. Den Jugendlichen werden Workshops angeboten und immer neue Seherfahrungen ermöglicht.

Sie gucken bundesweit Theater, diskutieren darüber mit den beteiligten Künstlern und Kollegen aller Bühnenbereiche. In Bochum sind die Drama-Controller auf allen Ebenen in die Produktionsprozesse involviert. „Bald sollen sie selbst Regisseure engagieren und anleiten. Ich bin da optimistisch dank der radikalen, machtsensiblen Offenheit der Jugendlichen, die wissen, in welcher Welt sie leben und dass sie Spaß haben wollen im Theater“, so Rose.

Zumeist aber sind Beiräte-Rückmeldungen und -Einflüsterungen vorerst mal Anregungen, damit Theatermacher nicht den Kontakt zur Welt außerhalb der bürgerlichen Kulturblase verlieren. Dass Angebote für eine diverse Stadtgesellschaft auch ohne Beiräte möglich sind, ist etwa im Berliner Gorki-Theater bereits zu erleben. Abzuwarten bleibt, ob es sich bei den Partizipationsforen um politisch gerade opportunen Aktionismus handelt, als Feigenblatt fürs interne „Weiter so“, oder ob sich Theater dank Mitbestimmung wirklich stärker an Interessen und ästhetischen Vorstellungen unterschiedlicher Zielgruppen orientieren möchten, um Aufmerksamkeit, Relevanz und Publikum zu generieren. Dass Beiräte fix mal Theaterstrukturen nachhaltig verändern und direkte oder repräsentative Demokratie verwirklichen, scheint derzeit eher unwahrscheinlich.