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„DA UNTEN IST ETWAS!“


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Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 31.10.2022
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Die drei Überlebenden waren am Ende ihrer Kräfte. Um sie herum lagen 22 Erwachsene und zwei Kinder – alle tot. Bis zum Schluss hatten sie um Wasser gefleht. 32 Menschen waren bereits vorher gestorben: an Kälte, Hunger, Krankheiten und Durst. Einige wurden von ihren Mitreisenden ins Wasser geworfen. Andere, von Halluzinationen in den Wahn getrieben, sprangen selbst über Bord.

Die drei noch Lebenden waren zwei junge Männer aus Mali und eine 23-jährige Frau namens Aicha Koné. Sie stammte aus Boundiali*, einer Gemeinde von Baumwollbauern im Norden der Elfenbeinküste, nicht weit von der Grenze zu Mali. Die Stadt mit 60 000 Einwohnern liegt am Fuß zweier Berge am Fluss Bagoue.

Am 26. Oktober 2020 verließ Aicha – wie viele andere, die von einer besseren Zukunft in Europa träumen – ihre Heimat und überquerte die Grenze nach Mali. Nur ihre Schwester wusste von ihrem Plan. Per Bus, Motorrad und Taxi erreichte ...

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... sie Mauretanien.

Doch die mauretanische Grenze war wegen der Pandemie geschlossen. Die folgenden Monate zogen sich dahin – in manchen Nächten schlief Aicha in Bahnhöfen, an manchen Tagen putzte sie, um sich Geld für die erhoffte Weiterreise zu verdienen.

Schließlich ergatterte sie einen Platz in einem Cayuco, einem typischen Fischerboot aus Holz, mit dem Migranten häufig aus Afrika flüchten. Sie musste dem Kapitän den Gegenwert von rund 500 Euro versprechen, wenn sie an ihrem Ziel angekommen war: den Kanarischen Inseln.

Nun suchten sie die Bilder des Grauens heim, das sie durchlebt hatte, seit sie eines frühen Morgens an einem Strand in Mauretanien zusammen mit weiteren 58 verängstigten Menschen an Bord gegangen war.

Szenen wie aus einem Horrorfilm schossen ihr durch den Kopf: Von dem Tag, an dem einer der Motoren ausfiel und sie beschlossen, ihn als Anker einzusetzen, damit das Boot nicht von Strömung und Wind von der Seeroute abgetrieben wurde. Von dem Tag, an dem ihnen Verpflegung und Wasser ausgingen, und von dem Tag, an dem klar war, dass niemand kommen würde, um sie zu retten – und sie größere Überlebenschancen hätten, wenn sie das Seil des „Ankers“ kappten. Von dem Sterbenden, der um Wasser flehte, und wie sie ihren Schuh auszog und damit Meerwasser für ihn schöpfte. Von dem Geräusch, mit dem die Leichen nach einem kurzen Gebet auf dem Wasser aufklatschten. Von der ewigen Sonne, die tagsüber erbarmungslos auf sie niederbrannte. Und von der Kälte in der Nacht.

Nach etwa zwei Wochen war das Boot weit von der gängigen Seeroute abgekommen. Es trieb hinaus in die Weite des Ozeans.

Zu hause in der Stadt Telde auf Gran Canaria stellte Juan Carlos Serrano morgens um sechs Uhr den Wecker aus. Es war der 26. April 2021. Der Duft von frischem Kaffee, den seine Frau Lidia in der Küche bereitete, stieg dem 52-Jährigen in die Nase. Seine Töchter Maider, 17, und Nahia, 19, stritten sich im Flur, wer als Erste ins Bad durfte.

Der Gefreite der spanischen Luftwaffe hatte sein Handy griffbereit, denn er konnte jederzeit zu einer Rettungsmission gerufen werden. Er ging in die Küche, um zu frühstücken. „Ich habe heute Bereitschaftsdienst“, sagte er zwischen zwei Bissen. „Kannst du die Mädchen zum Französischunterricht bringen? Ich weiß nicht, wann ich nach Hause komme.“

„Klar, mache ich“, antwortete seine Frau, die als Schulsekretärin arbeitete. „Ich hole sie auch wieder ab.“

Wenig später verabschiedete sich Juan Carlos mit einem Kuss von seiner Frau und seinen Töchtern und fuhr zum nahe gelegenen Luftwaffenstützpunkt Gando. Wenn das Flugzeug der Seeverkehrskontrolle keine Flüchtlingsboote entdeckte, würde er seinen Tag mit intensivem Training wie Gewichtheben, Schwimmen und Jogging verbringen.

Alle sechs Monate mussten die Mitglieder seiner Einheit zwölf anspruchsvolle Sportprüfungen bestehen, die sicherstellten, dass sie jederzeit körperlich und geistig fit waren, um Rettungsaktionen durchzuführen. Juan Carlos war im Alter von 39 Jahren zum Such- und Rettungsdienst (SAR, Search And Rescue) der spanischen Streitkräfte gekommen und hatte seit-dem an mindestens 20 Einsätzen teilgenommen. Davor war er als Fallschirmjäger in mehreren internationalen Konflikten eingesetzt worden, darunter 2012 in Afghanistan. Und er war als Freiwilliger beim Roten Kreuz.

* Aicha Koné wollte keine Einzelheiten von ihrem Leben in Boundiali preisgeben

Juan Carlos hatte stets den starken Wunsch verspürt, anderen zu helfen und etwas Sinnvolles zu tun. Dem SAR-Team hatte er sich angeschlossen, weil er sich Flüchtlingen gegenüber besonders verpflichtet fühlte. Seine Eltern waren nach dem Spanischen Bürgerkrieg auf der Suche nach einem besseren Leben in den 1940er-Jahren aus ihrem kleinen Dorf im Nordwesten Spaniens nach Bilbao gezogen.

Aus seiner Zeit als Fallschirmjäger wusste der 39-Jährige nur allzu gut, dass die Armen im Krieg am meisten leiden. Denn sie haben nicht die Mittel, um ins Exil zu gehen und werden von skrupellosen Profiteuren schamlos ausgebeutet. Als er zur Arbeit fuhr, ahnte er nicht, dass dieser Tag anders werden würde als alle bisherigen.

Suche – und Rettung

An jenem Morgen steuerte Hauptmann Alex Gómez von der Staffel 802 des 46. Geschwaders der spanischen Luftwaffe gegen 10.15 Uhr eine Delta 4 zu einem Aufklärungsflug über dem Atlantik. Rund 500 Kilometer südwestlich der Kanaren auf 700 Metern Höhe sichtete Besatzungsmitglied Serafín Santana, der rechts vom Piloten saß, einen schwarzen Punkt unter sich. Er war rund zehn Kilometer entfernt. Serafín fixierte den Punkt durchs Cockpitfenster und erkannte ein Boot, das auf dem ruhigen Wasser trieb. Es war so winzig, dass er es beinahe übersehen hätte. Er stutzte, denn sie befanden sich weit entfernt von allen Schifffahrtsrouten.

„Hauptmann, da unten ist etwas“, meldete er seinem Chef über das Mikrofon am Headset, ohne das Boot aus den Augen zu lassen.

„Das schauen wir uns an“, sagte Alex Gómez.

JUAN CARLOS VERSPÜRTE SCHON IMMER DEN STARKEN WUNSCH, ANDEREN ZU HELFEN

Als sie auf rund 300 Meter hinuntergegangen waren, erkannten sie ein Cayuco. Es war voller Leichen. Mehrere Male flogen sie über das Boot, während Santana Fotos machte. Diese übergab er dem Piloten auf einem USB-Stick, der sie auf dem Bildschirm seines Bordcomputers anschauen und vergrößern konnte. Die beiden Männer zählten 17 eng aneinanderliegende, reglose Körper. Erst später sollten sie erfahren, wie viele Tote es wirklich waren.

Gómez erschauderte und blickte aus dem Fenster. Plötzlich nahm er wahr, wie eine junge Frau kraftlos einen Arm hob, als wolle sie winken. Ein junger Mann versuchte, eine Hand mithilfe der anderen zu heben. Eine dritte Person, ebenfalls ein junger Mann, versuchte vergebens aufzustehen. „Mein Gott“, dachte Gómez. „Wir müssen Hilfe holen.“

Es war 10.25 Uhr. Der Hauptmann informierte das Marinekommando, bevor er der Rettungsleitstelle auf Gran Canaria die genauen Koordinaten des Boots durchgab. Mit einem Hubschrauber würden sie versuchen, die Überlebenden zu retten, ein Schiff der Marine würde hinausfahren, um das Boot an Land zu schleppen.

Innerhalb weniger Stunden hatte ein zweimotoriger Hubschrauber von der Rettungsleitstelle abgehoben. Der Luftwaffen-Kommandant und Pilot Ignacio Crespo steuerte auf die Insel El Hierro zu, der nächstgelegene Tankstopp vor dem treibenden Boot. Im Heck saßen Juan Carlos Serrano und Stabsfeldwebel Fernando Rodríguez. Beide trugen einen Fliegerkombi mit dem Abzeichen ihrer Division: ein Engel, der einen Rettungsring vom Himmel wirft.

Nach dem Tanken hob Crespo nach Südwesten ab. Das Aufklärungsflugzeug flog vor und wies dem Helikopter den Weg. Die Wetterbedingungen waren gut: Es war windstill und der Himmel klar.

Endlich kam das Cayuco in Sicht. Crespo sah auf die Uhr: 16 Uhr. Während er den Hubschrauber über dem Boot schweben ließ, berechnete er den Treibstoff: Es blieben ihnen 30 Minuten, dann mussten sie zurück nach El Hierro.

Juan Carlos und Fernando zogen ihre Neoprenanzüge über, während Leutnantin Cristina Justo, die Krankenschwester an Bord, die Erste-Hilfe-Ausrüstung bereitlegte.

Juan Carlos stellte den Alarm auf seiner Uhr auf 30 Minuten. Wie vor jedem Einsatz schaltete er seine Gefühle aus und konzentrierte sich auf seine Mission, Leben zu retten.

„Es wird nicht einfach werden, an Bord zu gehen“, rief Stabsfeldwebel David Rodríguez, der die Winde bediente, seinen Kollegen zu, wobei er gegen das donnernde Geräusch der Rotorblätter und das Dröhnen des

Motors anschreien musste. Denn ein Nachteil des ruhigen Wetters war, dass die Rotorblätter das kleine Boot wie einen Kreisel herumwirbeln würden.

Die Krankenschwester wies auf ein weiteres Problem hin: „Die Überlebenden werden sehr schwach und unterkühlt sein.“

„Wir sparen Zeit, wenn wir den Hebegurt anstelle der Trage benutzen“, meinte Juan Carlos. In einem so kleinen Boot lässt es sich damit leichter hantieren.

David Rodríguez half seinen beiden Kollegen, ihr Geschirr anzulegen. An einem 75 Meter langen Stahlkabel befestigt, würde er sie durch die offene Luke hinunterlassen.

Durch die Heckklappe sah Juan Carlos, wie das Cayuco 30 Meter unter ihnen vom Wind der Rotorblätter wie ein Korken auf und ab hüpfte.

In dieser Phase der Rettungsaktion gab es normalerweise Menschen, die ihm stehend wie einem Schutzengel zuwinkten. Retter, die das erleben, empfinden ein starkes Glücksgefühl. In diesem Moment wissen sie, wofür sie ihr Leben riskieren. Doch hier blieb alles still, obwohl die Mannschaft des Aufklärungsflugzeugs wenige Stunden zuvor Überlebende entdeckt hatte. „Seltsam“, dachte er.

Plötzlich sah er eine Bewegung hinten im Boot, vielleicht von einer jungen Frau. Aber er war sich nicht sicher.

Der ohrenbetäubende Lärm des Hubschraubers hatte Aicha aus ihrem lethargischen Zustand wachgerüttelt. Langsam öffnete sie die Augen und blickte in den blauen Himmel. Sie war so dehydriert und benommen, dass sie sich kaum bewegen konnte. Irgendwie schaffte sie es dennoch, sich aufzusetzen. Sie hatte nicht mehr daran geglaubt, noch gerettet zu werden. Daher fragte sie sich, ob sie sich das vielleicht alles einbildete. Als sie aber begriff, dass es wirklich ein Hubschrauber war, begann sie zu weinen. „Sie haben mich gefunden.“

Ein Massengrab

Fernando Rodríguez wurde als Erster hinuntergelassen. Der Stabsfeldwebel brauchte mehrere Anläufe, um Fernando so nahe ans Boot zu bringen, dass er einen Fuß darauf setzen konnte. Dabei wäre er beinahe ins Wasser gefallen.

Danach war Juan Carlos an der Reihe. Er sah auf die Uhr: 14 von 30 Minuten waren bereits verstrichen. Ihnen blieben gerade einmal 16 Minuten, um eventuelle Überlebende zu retten.

Während Juan Carlos hinuntergelassen wurde, schlug ihm der strenge Geruch verwesender Leichen entgegen. Sie lagen überall. Die meisten waren nach vielen Tagen auf dem Meer aufgedunsen – 27 Menschen waren an Bord, 24 davon tot. Als er unten aufkam, trat er versehentlich auf leblose Körper. Noch nie hatte er so viele Tote auf einmal gesehen. Doch er durfte sich von diesem Anblick jetzt nicht lähmen lassen. Sie mussten alle noch Lebenden aus diesem Boot retten.

Die beiden Männer kämpften gegen heftige Übelkeit an. Schnell entdeckten sie die Überlebenden: Zwei im Heck und einer in der Mitte des Bootes. Mit weit geöffneten Augen starrten sie die Retter an. Sie mussten ihnen wie zwei Engel erscheinen, die vom Himmel herabgestiegen waren.

Die drei Überlebenden waren zu schwach zum Sprechen, sie schwebten zwischen Leben und Tod. Aicha kauerte in einem blassroten Anorak und einer grauen Jogginghose neben einem Jugendlichen in zerrissenen Jeans und T-Shirt. Der dritte Überlebende war ein junger Mann in einer wasserfesten Jacke und Jeans. Er schien in etwas besserer körperlichen Verfassung zu sein.

Juan Carlos und Fernando durften keine Zeit verlieren. Sie halfen Aicha und dem jungen Mann sich aufzurichten und legten ihnen den Hebegurt um. David zog sie mit der Winde in den Hubschrauber. Um den Dritten zu erreichen, musste Juan Carlos über Leichen steigen, wobei er einige Male stolperte. Als er bei dem Jugendlichen angelangt war, hob er ihn hoch und trug ihn zu Fernando, damit auch er nach oben gezogen werden konnte.

Während die Geretteten im Hubschrauber von Cristina versorgt wurden, prüften die beiden Männer unten im Boot, ob es weitere Lebende gab. Juan Carlos zog ein Pulsoximeter aus der Tasche, ein Gerät, das man an den Zeigefinger der Person klemmt, um Lebenszeichen festzustellen. Aber es gab keine weiteren Überlebenden. In einigen Stunden würde ein Schiff der spanischen Seenotrettungsorganisation eintreffen, um das Boot an Land zu schleppen.

Nun warteten die beiden Retter darauf, selbst hochgezogen zu werden.

„So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagte Fernando zu Juan Carlos, während er versuchte, auf dem schaukelnden Boot das Gleichgewicht zu halten.

„Es ist der reinste Horror“, bestätigte Juan Carlos leise. Er blickte auf seine Uhr: Es waren bereits 34 Minuten vergangen. Sie hatten die Frist überschritten. „Am besten fliegen sie ohne uns zurück. Die drei müssen ins Krankenhaus.“

Auf El Hierro war ein Ersatzhubschrauber stationiert. Fernando und Juan Carlos waren bereit, ein paar Stunden mit den Toten auf dem Meer auszuharren.

Oben im Cockpit des Hubschraubers hatte der Pilot den Kraftstoff neu berechnet und festgestellt, dass sie noch einige Minuten übrig hatten. Daraufhin gab er das Zeichen, Fernando und Juan Carlos hochzuziehen. Auf dem Weg nach oben musste sich Fernando übergeben. Als die beiden wieder im Hubschrauber waren, umarmten sie sich und fingen an zu weinen. Dieser Einsatz forderte seinen Tribut.

ALS SIE WIEDER IM HUBSCHRAUBER SIND, UMARMEN SICH DIE BEIDEN RETTER UND WEINEN

Bewegendes Wiedersehen

Die drei jungen Leute verbrachten mehrere Tage in der Universitätsklinik auf Teneriffa, wo sie sich von dem Albtraum erholten. Aicha blieb fast eine Woche im Krankenhaus, bevor sie in eine Betreuungseinrichtung kam. Der jüngere der beiden Männer kam ebenfalls in eine solche Einrichtung, der ältere in ein Aufnahmezentrum für Migranten, wo sein Fall bearbeitet wurde. Juan Carlos hat versucht herauszufinden, ob die beiden Männer in Sie sahen nach den Geretteten, die Erste Hilfe erhielten sowie Wasser und Obstsaft. Von den dreien war der junge Mann in der besten Verfassung, dem Jugendlichen ging es schlecht. Aicha war wach, brachte aber keinen Ton heraus. „Sie muss frieren“, dachte Juan Carlos, als er ihre nackten Füße sah. Er nahm ein Paar Socken aus seinem Gepäck und zog sie ihr an.

Als der Pilot abdrehte und Kurs nahm auf El Hierro, wo auf die drei Geretteten das Leben und eine Zukunft warteten, ging hinter dem Hubschrauber die Sonne am Horizont unter. Das Boot und die Toten blieben im Schatten zurück.

Spanien geblieben sind. Bislang blieb seine Suche allerdings ohne Erfolg.

In den Tagen nach der Rettung musste Juan Carlos immer wieder an Aicha denken. Sie war im Alter seiner eigenen Töchter, in einem fremden Land, ohne Verwandte oder Freunde. „Sie muss total verängstigt sein“, dachte er. Nach all dem Unglück hatte sie eine zweite Chance verdient.

Er besprach sich mit Lidia und seinen beiden Töchtern. Sie waren sich einig und wollten Aicha ein Zuhause bieten. Die Serranos wollten sie nicht nur eine Zeit lang bei sich aufnehmen, sondern die längerfristige Betreuung beantragen.

An einem Samstag Anfang Mai besuchten sie Aicha. Es gab ein be-wegendes Wiedersehen. Aicha hatte Juan Carlos seit dem Tag ihrer Rettung nicht mehr gesehen, erkannte ihn aber sofort wieder. Sie umarmte ihn und weinte untröstlich.

Die Familie hatte Aicha Geschenke mitgebracht, Kleidung, einen Rucksack und ein kleines Notizbuch für Telefonnummern. Mithilfe eines Dolmetschers – Aicha spricht Französisch – und den beiden Töchtern, die Französisch lernen, erzählte Aicha, dass sie bei Verwandten in Paris leben wolle. „Aber ich bin Ihnen für Ihr Angebot sehr dankbar“, sagte sie leise.

Im August 2021 flog Aicha nach Paris, wo sie auf ihre Aufenthaltsgenehmigung wartete. Inzwischen ist sie 25 Jahre alt. Sie möchte Englisch und Spanisch lernen und eine Ausbildung zur Krankenschwester machen. Ein Wunsch, der langsam Form annahm, nachdem sie sich mit ihrem Betreuer auf Teneriffa angefreundet hatte. Die 25-Jährige kann sich sogar vorstellen, eines Tages in Spanien zu leben.

Juan Carlos und seine Familie haben weiterhin Kontakt zu ihr. Zu Weihnachten schickten sie ihr ein Geschenk, und sie planen, Aicha in Paris zu besuchen. Regelmäßig sprechen sie mit ihr über WhatsApp. Lidia und Juan Carlos sind für Aicha „Maman“ und „Papa“. Sie weiß, dass sie sich immer auf die beiden verlassen kann.

Für Juan Carlos Serrano war diese Mission eine der schwierigsten, die er durchgemacht hat. Auf die Frage, ob er sich wie ein Held fühle, antwortet er: „Ich mache die Arbeit, für die ich ausgebildet bin.“ Aufgrund seiner Erfahrung ist er sich einer Sache ganz sicher: „Diese Menschen steigen nicht leichtfertig in ein Boot und riskieren alles. Sie tun es, weil sie sich für sich und ihre Familie ein besseres Leben erhoffen. Doch fast immer werden sie enttäuscht.“

Juan Carlos und Fernando geben Überlebenskurse. Dennoch fragen sie sich, wie Aicha und die beiden jungen Männer so lange ohne Wasser durchhalten konnten – aber sie erleben nicht zum ersten Mal, dass Menschen extreme Situationen überstehen.

„Es sind fast immer die Jungen und Gesunden, die es schaffen“, berichtet Fernando. „Die Fähigkeit des menschlichen Körpers, extreme Bedingungen auszuhalten, ist verblüffend. Doch am beeindruckendsten sind die Überlebensgeschichten von Menschen, die den unbedingten Willen zu leben haben.“

Heute sagt Aicha Koné: „Als ich auf Teneriffa angekommen war, bereute ich, meine Heimat verlassen und mein Leben riskiert zu haben. Ich war dem Tod so nah. Heute denke ich anders.

Jetzt konzentriere ich mich darauf, meine Zukunft zu planen.“

Nach Informationen der Internationalen Organisation für Migration sind im vergangenen Jahr 1109 Migranten im Atlantischen Ozean bei dem Versuch umgekommen, die Kanarischen Inseln zu erreichen. Die tatsächliche Zahl wird um einiges höher liegen, denn manche Boote gehen unter, ohne dass jemand davon erfährt.

Sie hofften auf ein besseres Leben, waren auf der Flucht vor Krieg, Hunger und Armut in ihren Heimatländern. Seit Beginn der Datenerhebung durch die UN 2014 sind noch nie so viele Flüchtlinge in einem Jahr umgekommen.

Im Januar 2022 stattete Spaniens Verteidigungsministerin Margarita Robles dem Luftwaffenstützpunkt Gando einen Besuch ab und dankte der Spanischen Luftwaffe für ihre tägliche Arbeit auf dem Atlantik. Dabei erwähnte sie ausdrücklich die Rettung der drei Migranten im April 2021 und sagte: „Diesen Akt der Menschlichkeit werde ich nie vergessen.“

Weisheit

Es geht nicht darum, den Gütern, die dem Menschen zustehen, Grenzen zu ziehen, sondern es geht um die Rettung der Kraftfelder, die seinen Wert bestimmen, und der Gesichter, die allein zu seinem Geist und seinem Herzen sprechen.

ANTOINE DE SAINT-EXUPÉRY, FRANZ. SCHRIFTSTELLER (1900–1944)