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„Damals hast du mich für einen Halbstarken sitzen lassen“


Bild am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 34/2021 vom 22.08.2021

Artikelbild für den Artikel "„Damals hast du mich für einen Halbstarken sitzen lassen“" aus der Ausgabe 34/2021 von Bild am Sonntag Gesamtausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Margot Käßmann (63) und Andreas Helm (62) in ihrem Garten auf Usedom

Deutschlands bekannteste Theologin Margot Käßmann (63) will Mut machen für die Liebe. Seit sieben Jahren ist sie wieder glücklich mit ihrer Jugendliebe Andreas Helm (62). Das Paar hat ein Buch über seine ungewöhnliche Liebesgeschichte geschrieben und spricht zum ersten Mal in BamS über Partnersuche im Alter, Treue und getrennte Wohnungen.

BILD am SONNTAG: Was ist Ihre Botschaft?

ANDREAS HELM: Den Mut haben, sich im fortgeschrittenen Alter noch einmal neu zu binden.

MARGOT KÄSSMANN: Wenn du über 50 bist, haben sich viele Gewohnheiten eingeschlichen. Sich ganz auf einen anderen Menschen und seine Marotten einzulassen, das braucht Gelassenheit.

Sie waren beide jeweils 26 Jahre verheiratet, dann haben Sie sich getrennt und einige Jahre nach der Scheidung wiedergetroffen.

ER: Da ist natürlich Angst da, dass auch diese Liebe auseinandergehen kann. Deshalb sind wir es vorsichtig ...

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... angegangen und kennen die Fallstricke.

Welche denn?

ER: Nicht miteinander zu reden. Wir haben in unseren Ehen beide vier Kinder bekommen. Wenn man in einer großen Familie lebt, redet man viel über die Kinder, die Organisation des Alltags und wenig über sich als Paar.

SIE: Dann schluckt man eine Menge Ärger runter, weil man meint, das Familienleben muss ja weitergehen. Aber der Konflikt setzt sich nach und nach fest. Unsere Generation hat das Reden über die eigenen Gefühle auch viel weniger gelernt.

ER: Ich möchte eigentlich immer, dass es harmonisch ist.

SIE: Dann muss ich sagen: „Andreas, das gehört jetzt aber ausdiskutiert.“

Sie haben drei Wohnungen in Gießen, Hannover und Usedom – sind aber nicht komplett zusammengezogen.

ER: Wir verbringen an allen drei Orten die meiste Zeit gemeinsam. Aber dann auch jeder mal wieder ein paar Tage für sich allein.

SIE: Das ist auch mal ganz schön, wenn ich in Hannover meine Zeit ganz für mich allein einteilen kann, mich mit Freundinnen treffe, für die Enkel da bin. Im Moment passt das so. Aber wenn einer von uns beispielsweise einen Herzinfarkt oder Schlaganfall bekommt, dann werden wir es ändern. Wir stehen auf jeden Fall füreinander ein.

ER: Treue und Vertrauen sind da ganz entscheidend.

SIE: In unserem Alter weiß man, wie wichtig das ist. Es gibt Dinge, die sind unteilbar.

Beide haben sich nach 26 Jahren Ehe scheiden lassen, lebten dann einige Zeit allein, bis sie einander wiederfanden. Andreas Helm besuchte 2014 einen Vortrag von Margot Käßmann in Gießen. Nach der Veranstaltung ging er zu ihr, sagte: „Hallo, ich bin Andreas.“ Sie tauschten Mail-Adressen aus, trafen sich zum Essen und Spazierengehen. Neun Monate nach dem Wiedersehen besuchte er sie für ein paar Tage auf Usedom – und blieb in ihrem Leben.

Sie waren ja schon mal als Teenager mit 14 und 15 ein Paar.

SIE: Andreas ist meine große Jugendliebe. Der erste Junge, den ich geküsst habe.

Und warum ist es damals auseinandergegangen?

ER: Schöne Geschichte. Nicht so ganz vorteilhaft für dich. Sie hat mich sitzen lassen. Da war so ein anderer Junge, meine Oma hätte gesagt: ein Halbstarker. Der hatte ein Moped, ich hatte noch nicht einmal ein Fahrrad. Da ist sie mit ihm weggefahren. Das Moped hat Margot sehr imponiert.

SIE: Mann, ich war 15. Und kurz danach bin ich als Austauschschülerin für ein Jahr nach Amerika. Als ich zurückkam, haben wir nicht wieder an unsere Beziehung angeknüpft. So haben wir uns aus den Augen verloren.

ER: Übrigens haben wir wegen dieser alten Geschichte heute einen Motorroller.

Hat die alte Geschichte die neue einfacher oder komplizierter gemacht?

ER: Viel einfacher. Sehr schnell war die Vertrautheit von früher wieder da.

SIE: Ich hätte mich gar nicht so schnell auf dich eingelassen, wenn ich dich nicht gekannt hätte. Ich hätte mich immer gefragt, was du von mir willst.

ER: Ob ich eine Promi-Frau will? Nee, wir waren von Anfang an auf Augenhöhe.

SIE: Andreas und ich haben uns die letzten sieben Jahre nicht versteckt. Er war ganz oft bei Veranstaltungen mit dabei. Aber es hat ihn nie jemand beachtet, weil die meisten einen bekannten Mann erwartet hätten. Das fanden wir immer sehr lustig. Einmal hat dich jemand gefragt, ob du mein persönlicher Referent wärst.

ER: „Ungefähr so was“, habe ich geantwortet.

SIE: Für Andreas bin ich die Margot aus seiner Heimatstadt, nicht die Bischöfin oder EKD-Ratsvorsitzende. Das macht es alles sehr unkompliziert. Als wir seine Mutter besucht haben, sagte die: „Hallo, Margot. Lange nicht gesehen.“ Uns verbindet sehr viel. In unserer Jugend wurden wir beide stark durch die Kirche geprägt, wir waren beide in der Friedensbewegung aktiv.

ER: Bei den Kirchentagen saß Margot auf dem Podium, ich auf dem Pappkarton im Publikum. Selbst in der Zeit, in der wir keinen Kontakt hatten, gab es Gemeinsamkeiten.

Frau Käßmann, könnten Sie überhaupt mit jemandem zusammen sein, der gar nicht an Gott glaubt?

SIE: Damit hätte ich Mühe. Wir diskutieren oft über Glauben. Andreas sind viele Bibelstellen genauso vertraut wie mir. Wenn jemand dazu gar keinen Bezug hätte, dann wäre es schwierig, weil da einfach Gemeinsamkeit fehlen würde. Wir können aber bei all diesen Gesprächen gut miteinander streiten. Nur bei gendergerechter Sprache reagierst du immer sehr genervt (lacht).

ER: Margot hat dafür Verständnis. Ich finde diese Sternchen und Striche albern.

Ist Liebe im Alter anders?

ER: Mit 14 toleriert man im Rausch der Gefühle alles beim anderen. Wenn man sich mit über 50 noch mal verliebt, muss man sich eher disziplinieren, die Macken zu tolerieren. Angefangen beim Thema: Wie hänge ich Wäsche auf?

SIE: In der Jugend sagst du dir: Liebe ist, wenn du Platten mithörst, die du nicht magst, wenn du Filme mitguckst, die du doof findest. Im Alter weißt du: Das geht auf Dauer nicht gut, wenn man sich total anpasst aus lauter Verliebtheit. Andreas und ich gehen gern ins Kino und Theater, sind aber keine Opernfans. Das macht die Freizeitplanung schon einfacher.

Die Zahl der Singles steigt und steigt. Warum ist Partnersuche so kompliziert geworden?

ER: Weil die Auswahl so groß geworden ist.

SIE: Na ja, das wird suggeriert.

ER: Ich habe mich vor 10 Jahren auch auf diesen Datingportalen getummelt. Man hat den Eindruck, man blättert wie im Otto-Katalog. Da wollen sich viele nicht festlegen, weil sie das Gefühl haben, es könnte woanders noch was Besseres geben.

SIE: Ich halte von diesen Datingportalen wenig. Ich würde die Menschen gern ermutigen, im realen Leben einen mutigen Schritt zu gehen, den Nachbarn auf einen Kaffee einladen oder im Verein Freundschaft knüpfen, aus der dann vielleicht Liebe wird. Andreas hat beim Vortrag ja auch diesen Schritt gemacht.

ER: Und obwohl ich es hasse, in Schlangen zu stehen, habe ich mich in die Reihe der Leute gestellt, die dein Buch signiert haben wollten. Da habe ich auf meine innere Stimme gehört.

Haben Sie einen Ratschlag für eine glückliche Beziehung?

SIE: Ich genieße einfach unsere Zeit miteinander. Das Leben ist verletzbar, das weiß man in unserem Alter. Ich habe selbst zweimal Brustkrebs gehabt. Keiner weiß, was kommt. Also bin ich einfach dankbar für das, was jetzt möglich ist.

Wollen Sie noch mal heiraten?

SIE: Für mich ist es so gut, wie es jetzt ist. Ich finde es wunderbar, wenn junge Leute heiraten. Aber in meinem Alter ist mir das nicht mehr wichtig.

ER: Ich muss nicht heiraten, um zusammenleben zu können. Ich brauche keinen Trauschein für Vertrauen und Verlässlichkeit.