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DAMPFMA SCHINEN IN BRAUEREIEN


Journal Dampf & Heißluft - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 19.07.2019
Artikelbild für den Artikel "DAMPFMA SCHINEN IN BRAUEREIEN" aus der Ausgabe 3/2019 von Journal Dampf & Heißluft. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Journal Dampf & Heißluft, Ausgabe 3/2019

Originale Instrumente „Maschinenfabrik Germaniaam Kältekompressor.


Barre-Bräu in Lübbecke – Pfungstädter Brauerei

Über ein Jahrhundert lang hat Dampfkraft die Industrialisierung nachhaltig geprägt. Dampfmaschinen sind uns als Antriebskraft aus dem Verkehrswesen, der Landwirtschaft und verschiedenen Industriezweigen durchaus vertraut. Weniger bekannt dürfte jedoch sein, dass sie auch in Bierbrauereien zum Einsatz kamen. Bereits 1784 lieferte James Watt eine Dampfmaschine an eine Bierbrauerei in London. In den Dampfbrauereien des 19. und 20. Jahrhunderts verwendete man Dampfmaschinen zum Antrieb von ...

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... Malzmühlen und Rührwerken. Außerdem leisteten sie zur Kühlung des kostbaren Gerstensaftes und zusätzlich zur Erzeugung von Elektrizität einen wichtigen Beitrag. Sie dienten zum Antrieb der Kältemaschinen und oft noch zusätzlich eines Generators. In der ganzen Bundesrepublik gibt es jedoch nur noch wenige Brauereien, in denen diese historische Technik erhalten geblieben ist und nach Voranmeldung besichtigt werden kann. Am Beispiel zweier Brauereien in Nordrhein-Westfalen und Hessen soll der frühe Einsatz der Dampfkraft vorgestellt werden.

Einzylinder-Dampfmaschine – Brauerei Barre in Lübbecke.


Einzylinder-Dampfmaschine in der Brauerei Hildebrand in Pfungstadt.


Antrieb der Dampfmaschine.


Betrieb in 6. Generation

Bereits im Jahre 1842 wurde in Lübbecke (Landkreis Minden- Lübbecke/Westfalen) von Ernst Johann Barre die Privatbrauerei Barre gegründet. Ausschlaggebend für diesen Brauerei-Standort war das ausgezeichnete Felsquellwasser aus dem nahen Wiehengebirge, das auch heute noch aus eigenen Brunnen verwendet wird. Inzwischen führt in sechster Generation Christoph Barre seit 1998 den mittelständischen Privatbetrieb, der sich als Familienunternehmen erfolgreich am Markt behauptet. Auf thermische Behandlung der Biere mit Kurzzeiterhitzung verzichtet Barre bewusst: „Wir sind der Meinung, dass eine Erhitzung den Geschmack unserer Biere negativ beeinflusst und setzen daher auf Naturbelassenheit und Frische”, begründet Christoph Barre diese Vorgehensweise.

Wasserpumpe und Körting-Motor im Gewölbekeller.


Brauerei-Maschinen im Gewölbekeller.


Bearbeitung von Holz-Bierfässern.


Holz-Bierfässer mit Abfüll-Anlage


Sudkessel in der Brauerei:


Barre-Bräu mit derzeit 100 Beschäftigten hat einen Ausstoß von 150.000 Hektolitern pro Jahr. Den Hauptanteil mit 68 Prozent bildet Flaschenbier, meist Pilsener. 32 Prozent des Ausstoßes werden als Fassbier vertrieben. Das Flaschenbier verteilt sich auf insgesamt 15 Sorten. Jedes Jahr werden limitierte Spezialitätenbiere kreiert, die in der Reihe „Barre-Edition” erscheinen. „PORTER Westfalica” ist die dritte Auflage. Benannt ist diese Sorte nach der Porta Westfalica, der Westfälischen Pforte, die vom Wiehen- und Wesergebirge gebildet wird und durch die die Weser bei Minden ins norddeutsche Tiefland fließt. Die exklusive Kreation „PORTER Westfalica”, Alkoholgehalt 6,7% Vol., wird in 0,75-l-Keramik-Bügelflaschen abgefüllt. Barre Eisbock ist eine weitere Spezialität in gleicher Edition.

Brauerei-Museum

Eine Besonderheit der Firma Barre ist das reichhaltig ausgestattete Brauerei-Museum. Im Oktober 2001 wurde in den Gewölben des ehemaligen Gär- und Lagerkellers mit denkmalgeschützter Fassade aus der Gründerzeit „Barres Brauwelt” eröffnet. Gezeigt werden Brauereimaschinen und -werkzeuge aus verschiedenen Epochen in seltener Vielfalt und stilvollem Ambiente. Zu den brauhistorischen Ausstellungsstücken gehören auch ein Opel-Pkw von 1927 und ein Dreirad-Kleinlieferwagen Marke „Standard”, mit dem Barre-Bräu früher zu den Kunden gebracht wurde.
Wer sich für Dampftechnik interessiert, wird sich die Dampfmaschine ansehen, die früher zur Krafterzeugung diente. Die liegende Einzylinder-Maschine wurde 1873 von der Firma Scharrer & Gross (gegründet 1866) in Nürnberg gebaut. Ihre technischen Daten: Schwungrad-Durchmesser 1.700 mm, Hub 480 mm, Zylinder-Durchmesser 190 mm, Leistung ca. 12–15 PS. Neben der Dampfmaschine ist ein Dieselmotor ausgestellt. Er wurde von der Firma Gebrüder Körting in Körtingsdorf bei Hannover gebaut und leistete 35 PS. Zum weiteren Gerätebestand gehören zwei Sterilluft-Kompressoren für die Fass- und Flaschenabfüllung.

Historische Gewölbekeller

Barres Brauwelt in Lübbecke zählt zu den größten Brauereimuseen in Deutschland. In den historischen Gewölbekellern werden zahlreiche Veranstaltungen rund um den Biergenuss angeboten. Dazu gehören Erlebnistouren mit oder ohne Sommelier-Events. Auch der Dampfstammtisch Ostwestfalen- Lippe meldet Zusammenkünfte an jedem ersten Dienstag eines Quartals im Brauereimuseum Barres Brauwelt. Um die Bierherstellung von den Jahreszeiten unabhängig zu machen, führte die Firma Barre bereits 1881 die Kältemaschine System „Linde” ein. Zum Antrieb der Ammoniak-Kältemaschine wurde 1893 eine Einzylinder-Dampfmaschine mit Sulzer-Ventilsteuerung installiert. Die noch betriebsfähige Maschine versah bis in die 1980er Jahre zuverlässig ihren Dienst. Sie präsentiert sich den Besuchern der Brauerei top gepflegt und sehr eindrucksvoll an ihrem ursprünglichen Standort. Bei einer Führung durch den Betrieb auf der Straßenseite gegenüber dem Museum Barres Brauwelt bildet sie zweifellos das Highlight. Hergestellt wurde die Maschine von der Firma J. S. Schwalbe in Chemnitz, die 1811 von Johann Samuel Schwalbe gegründet wurde und ab 1873 als Maschinenfabrik Germania bis 1940 Dampfmaschinen baute. Nach 1945 bestand die Firma als VEB Germania-Chemieanlagen weiter.

In Pfungstadt pfungt’s

Justus Hildebrand, gelernter Braumeister, war 29 Jahre, als er nach jahrelanger Wanderschaft in seinen Heimatort Hahn bei Pfungstadt zurückkehrte, um dort sein eigenes, gutes Bier zu brauen. 1831 eröffnete er eine Gastwirtschaft mit eigener Hausbrauerei und -brennerei. Sein erster Sudkessel hatte ein Fassungsvermögen von 15 Hektolitern. Damit konnte Hildebrand rund 200 Hektoliter obergäriges Bier pro Jahr herstellen. Im Jahre 1833 zog Hildebrand nach Pfungstadt um, um untergäriges Lagerbier zu brauen. Dafür brauchte er kühle Lagerkeller, die er in Hahn wegen des dortigen hohen Grundwasserspiegels nicht anlegen konnte. Eine wichtige Stütze im Betrieb wurde der Braumeister Justus Ulrich, der sich 1857 mit Hildebrands Tochter Käthchen verlobte und später Teilhaber der Brauerei wurde. 1869 gab Ulrich den Bau eines Kesselhauses in Auftrag und ließ eine 175-PS-Dampfmaschine installieren. Diese trieb eine Eismaschine an, die in der Lage war, 3.000 Kubikmeter Luft zu kühlen und in die Lagerkeller zu blasen. Damit erübrigte sich das unwirtschaftliche Schlagen von Natureis im Pfungstädter Moor. Mit dem Dampf der Dampfmaschine wurde Wasser für die Reinigung der Bierfässer erhitzt.

Darstellung des Brauereianwesens Justus Hildebrand um 1900.


Einzylinder-Dampfmaschine in der Brauerei Hildebrand in Pfungstadt.


Schwungrad-Achse mit Laternenölern.


Zylinder und Kolben mit Laternenölern.


Zylindergehäuse, rechts: Lederriemen zum Schwungrad.


Historischer Pferdewagen zum Eisblock-Transport.


Kältekompressor in der Dampfmaschinenhalle.


1896: neue Dampfmaschine

Im Oktober 1896 feierte die Brauerei Justus Hildebrand ihr 50-jähriges Bestehen. Im Jubiläumsjahr wurde in eine neue Kraftzentrale investiert. Eine neue Dampfmaschine wurde von der Maschinenfabrik Augsburg für die Brauerei konstruiert und in Pfungstadt aufgestellt. Die Firma in Augsburg wurde 1840 von dem Mechaniker und Kaufmann Carl August Reichenbach, dem Erfi nder der Schnelldruckpresse, gegründet und stellte später Dampfmaschinen, Dampfkessel und Wasserturbinen her. In Nürnberg errichtete der Kaufmann Friedrich Klett 1841 eine Schwermaschinen-, Brückenbau- und Waggonfabrik. Im Jahre 1898 verschmolzen beide Unternehmen zur Vereinigten Maschinenfabrik Augsburg und Maschinenbaugesellschaft Nürnberg AG. Den heute noch geführten und allseits bekannten Namen MAN erhielt das Unternehmen 1908. Noch bis 1960 wurden von MAN Dampfmaschinen hergestellt. Die Pfungstädter Dampfmaschine ist vor der Fusion der Betriebe gebaut und daher streng genommen noch kein MAN-Produkt.
Mit 300 PS Leistung war diese Maschine fast doppelt so stark wie ihre Vorgängerin. Über ein halbes Jahrhundert lang trieb diese Tandem-Verbund-Dampfmaschine mit Ventilsteuerung und stehendem Fliehkraftregler einen Kältekompressor zur Kellerkühlung an und eine Turbine, die 110 Volt Gleichstrom erzeugte. Außerdem diente sie als Antrieb für die Sudwalze und für viele Geräte in den Werkstätten. Bis heute steht die Maschine an ihrem ursprünglichen Standort und ist ein besonderes Denkmal der Industriegeschichte. Um 1900 stellte die Pfungstädter Brauerei rund 70.000 Hektoliter Bier her, was etwa einem Prozent der gesamten Bierproduktion im Reichsgebiet entsprach. Derzeit liegt der Jahresausstoß bei 240.000 Hektolitern.

Maschinenraum als Festsaal

Beim Besuch der Brauerei in Pfungstadt Anfang November 2016 empfi ng mich die Seniorchefi n Frau Dr. Gisela Crössmann. Braumeister Schmitzer zeigte mir die eindrucksvolle Dampfmaschine, die sich auch heute noch an ihrem ursprünglichen Platz befi ndet, was auch an den historischen Bodenfliesen deutlich wird. Mit einem Elektromotor können Kolben und Schwungrad in Bewegung gesetzt werden, wobei auch leise Zischgeräusche aus dem Dampfzylinder hörbar sind. Der Maschinenraum bildet einen geräumigen Saal für festliche Anlässe mit Bierverkostung und Essen. An Wänden und Stelltafeln wird die Geschichte der Brauerei Hildebrand dargestellt. Zwei Kältekompressoren sind auch noch vorhanden. Frau Dr. Crössmann war Veterinärmedizinerin. Daher erinnert sie sich noch genau daran, dass bis in die 1960er Jahre ungefähr 30 starke Zugpferde zum Transport der Blockeis- und Fassbierwagen zur Brauerei gehörten. Ein Blockeiswagen ist auf dem Firmengelände zu besichtigen. Früher erfolgten auch Lieferungen per Eisenbahn. Auch heute noch hat Pfungstadt Bahnanschluss in Richtung Darmstadt. Da die Brauerei aber ihre Kundschaft in der näheren Umgebung im südlichen Hessen hat, wird Pfungstädter Bier mit Brauerei-Fahrzeugen ausgeliefert. Im Mai 2016 hat die Firma die Michelstädter Privatbrauerei im Odenwald in ihr Markenportfolio integriert.

Anschriften

Firma Barre-Bräu, Berliner Str. 121 u. 123 32312 Lübbecke, Tel. +49(0)5741/2701-0 Pfungstädter Brauerei Hildebrand GmbH & Co. KG, Eberstädter Straße 89, 64319 Pfungstadt Tel. +49(0)6157/802-0

Beispielhafte Traditionspflege: Dampfmaschinen in deutschen Brauereien

Das Dampfmaschinenregister des Fördervereins Dampfmaschinenmuseum Hanau-Großauheim (FDM) (Stand: August 2006) listet für Deutschland insgesamt 31 noch erhaltene MAN-Dampfmaschinen auf. Davon sind 5 Zweizylindermaschinen. Außer der Pfungstädter sind das folgende

Fotos: Klaus-Uwe Hölscher †

– Dahlerau/Radevormwald (NRW): Tuchfabrik Wülfi ng- Museum, Baujahr 1891
– Ulm-Söflingen: ehemalige Ulmer Münster-Brauerei, Baujahr 1907
– Nürnberg: Centrum Industriekultur, Baujahr 1907
– Hanau-Großauheim (FDM): früher Brauerei Tucher, Baujahr 1910

Von den 26 MAN-Einzylinder-Dampfmaschinen trieben 11 in Brauereien Kältemaschinen bzw. Generatoren an. Dazu folgende Beispiele:

Schloßbrauerei in Dessow/Kyritz (Brandenburg) Brauerei Rolinck in Steinfurt (NRW) Brauerei in Warstein (NRW) ex Brauerei Kipper, Remscheid Dietzenbach: Ing. Büro Schindler ex Brauerei Thurn & Taxis

Hanau-Großauheim (FDM): ex Burgbrauerei Lauterbach Brauerei Aschau/Chiemgau (BY) Malteser Brauerei in Amberg/Oberpfalz (BY) Brauerei Scherdel in Hof (BY) Museum in der alten Brauerei Maisel in Bayreuth (BY) Die MAN-Einzylindermaschine der Privatbrauerei Härke in Peine (NS) ist nicht mehr erhalten geblieben.

Hier einige Beispiele, wo statt MAN andere Fabrikate eingesetzt waren:
Brauerei Barre in Lübbecke (NRW): Museum Barres Brauwelt Riegeler Brauerei in Riegel am Kaiserstuhl (BW) Giessener Brauhaus in Gießen Brauerei Euler in Wetzlar Alsfelder Brauerei in Alsfeld Pott’s Brauerei in Oelde (NRW) Bayerische Brauerei in Kaiserslautern Brauerei Pflug in Rottweil (BW) Brauhaus in Neustadt/Aisch (BY) Privatbrauerei Eck in Böbrach (BY) Brauerei Schmitt in Singen bei Arnstadt (TH) Brauerei Blechschmidt in Treuen/Vogtland Insgesamt gesehen sind Brauereien also durchaus traditionsbewusst, da sie ihre Dampfmaschinen erhalten und teilweise als Museum präsentieren. Auch in einigen Kornbrennereien sind heute noch Dampfmaschinen erhalten und zu besichtigen. Hier stellvertretend drei Beispiele:
Ehemalige Kornbrennerei Meyer in Hille (NRW) Museumsbrennerei Kolloge in Wildeshausen (NS) Kloster-Kornbrennerei Wöltingerode in Vienenburg (NS)