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„DANN IST ES IHNEN NICHT WICHTIG GENUG“


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 11.03.2020

Die Zeit für sich selbst muss man sich nehmen. Wie schaffen wir es, Muße in unseren Alltag einzubauen? Ein Gespräch mit der Meditationslehrerin und Unternehmensberaterin Nicole Stern


Artikelbild für den Artikel "„DANN IST ES IHNEN NICHT WICHTIG GENUG“" aus der Ausgabe 4/2020 von Psychologie Heute. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 4/2020

Immer wieder nehmen wir uns vor, nicht mehr so durch unser Leben zu hetzen und mit mehr Muße zu leben, aber es gelingt uns nicht. Warum fällt es uns so schwer?
Viele haben unbewusst ein Mußeverbot verinnerlicht und tragen Glaubenssätze wie „Ich darf nicht rasten“, „Ich muss immer in Aktion sein“ mit sich herum, ohne sie jemals zu hinterfragen. Diese Kindheitsmuster sind so stark, dass sie, selbst wenn sie krank werden und ...

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Immer wieder nehmen wir uns vor, nicht mehr so durch unser Leben zu hetzen und mit mehr Muße zu leben, aber es gelingt uns nicht. Warum fällt es uns so schwer?
Viele haben unbewusst ein Mußeverbot verinnerlicht und tragen Glaubenssätze wie „Ich darf nicht rasten“, „Ich muss immer in Aktion sein“ mit sich herum, ohne sie jemals zu hinterfragen. Diese Kindheitsmuster sind so stark, dass sie, selbst wenn sie krank werden und der Körper eindeutig Ruhe braucht, noch ein schlechtes Gewissen haben. Für mich war der frühe Krebstod meiner Mutter ein Weckruf, mich intensiv mit dem Thema Muße zu beschäftigen. Vor ihrer Krankheit konnte meine Mutter sich keine Pause gönnen. Doch irgendwann, unterstützt durch eine Freundin, legte sie den inneren Schalter um. Sie saß manchmal einfach im Garten und freute sich über das Grün des Rasens oder sah den herumtollenden Hunden beim Spielen zu. Sie nahm Reitstunden und fing an zu meditieren. Das wäre vorher undenkbar gewesen. So hatte sie in den letzten Monaten noch ein erfülltes Leben. Ich habe mir damals fest vorgenommen, es nicht so weit kommen zu lassen und schon vorher ein mußevolles Leben zu leben.

Der erste Schritt ist also die innere Erlaubnis. Wie gelingt eine andere innere Haltung?
Zunächst ist es hilfreich, die eigene Haltung fragend zu erforschen. Lasse ich mich unbewusst von alten Bewertungen leiten, die ich in der Kindheit gehört habe, wie „Schau nicht in die Luft“, „Lass dich nicht so treiben, sondern tue endlich was“? War Nichtstun in meiner Familie erlaubt oder unerwünscht? Spüre ich subtile Widerstände beim Nichtstun? Meine eigene Suche nach einem gelassenen, mußevollen Leben hat mich zur Meditation geführt. Erst durch eine intensive Meditationspraxis konnte ich innere Ruhe und gelassenes, gelöstes Sein erfahren. Leider gönnen wir uns Ruhe meist nur, wenn es nicht mehr anders geht. Fühlen wir uns gesund und fit, gestehen wir uns nicht zu, mal nichts zu tun und einfach nur zu sein. In meinen Meditationsretreats nehme ich diese Erfahrung als Aufhänger und sage: Ergreife jetzt die Chance zu entschleunigen, gönne dir jetzt, wo du gesund bist, diese Mußezeit.

Muße als Prävention?

Und als ein Erfahrungsraum, in dem wir andere Facetten von uns kennenlernen, die in der Hektik untergehen. Die Herausforderung ist, schon in guten Zeiten Bilanz zu ziehen und sich zu fragen: Habe ich noch unverplante Zeiten in meinem Leben, in meiner Woche, in meinem Tagesablauf? Gibt es jenseits vom Urlaub, der ja auch schon oft verplant ist, Zeiten, in denen ich weder für mich selbst noch für andere eine Leistung erbringen muss? Das bedeutet nicht zwangsläufig, in der Hängematte zu liegen. Dieses verbreitete Sinnbild für Muße greift viel zu kurz. Es geht um erfülltes, gelassenes Sein, auch im Tun. Die Zeitung in Ruhe lesen, das Mittagessen voll auskosten, einen genussvollen Spaziergang machen.

Viele beklagen, dass sie innerlich zu unruhig sind, um freie Zeiten genießen zu können. Der innere Antreiber ist so stark, dass sie nicht mehr wissen, wie das geht, einfach zu sein.
Für mich ist Meditation der beste Weg, dieses Hindernis zu überwinden. Wenn es uns gelingt, täglich eine Weile in Stille zu sitzen, schaffen wir uns auf diese Weise einen Freiraum. Muße bedeutet für mich erfülltes, gelassenes Sein in einem Zustand von innerer Freiheit, das ist auch eine Absicht in der Meditation. Wir beruhigen den Atem, lassen den Körper zur Ruhe kommen, dann kann der Geist folgen und wir können unsere Verhaltensmuster klar sehen. Meditation ist nicht gleichbedeutend mit Muße. In der Meditation kultivieren wir einen Zustand von Präsenz und Wachheit, das ist auch mit Anstrengung verbunden, doch die Anstrengung lässt irgendwann nach, es wird leichter. So kommen wir in einen Zustand, der Muße erst möglich macht.

Viele sagen: Ich habe keine Zeit dafür, das geht in meinem Alltag nicht.
Dann ist es ihnen nicht wichtig genug. Einen täglichen Raum für Stille und nicht verplante Zeit können wir nur schaffen, wenn wir uns fragen: Wie wichtig ist es mir, Raum in meinem Leben zu haben für etwas, was mir am Herzen liegt? Die meisten Menschen, die sich auf eine tiefe Reflexion einlassen, was ihnen wirklich wichtig ist, erkennen, dass sie sich nach Gelassenheit und innerer Ruhe sehnen und danach, Raum und Zeit für sich selbst zu haben. Wenn man diese Reflexion auslässt und den Stellenwert von Meditation und Muße nicht erkennt, wird der Raum dafür immer auf der Strecke bleiben. Wollen wir wirklich ein gelassenes, glückliches Leben führen, braucht diese Priorität einen Anker. Ich muss wissen, wofür ich das tue. Wenn das klar ist, geht es darum, Formen dafür zu finden.

Und was ist mit denen, die nichts mit Meditation anfangen können?
Es gibt noch andere Zugänge. Ein Musikstück hören und in den Klängen schwelgen, im Museum tief in ein Bild eintauchen und Raum und Zeit vergessen, auf einen Gipfel wandern und die grandiose Aussicht genießen. Für viele ist die Natur ein Tor zur Muße, das sich wie von selbst öffnet. Im Wald, an einem See oder auf einer Parkbank finden sie von ganz allein in einen Zustand, in dem die Belastungen des Alltags abfallen. Natürlich kommt es auch hier auf die innere Haltung an. Ich kann mit gesenktem Kopf durch den Wald rennen und über meine Probleme grübeln oder langsam mit offenem Herzen gehen, den Waldboden unter den Füßen spüren und die würzige Luft riechen.

Sie sprechen von innerer und äußerer Muße. Was bedeutet das für Sie?
Die meisten Menschen verbinden Muße mit einem freien Zeitraum, den sie ihrem durchgetakteten Leben abtrotzen. Sie glauben, wenn sie sich einen freien Sonntagnachmittag ohne Pflichtbesuche schaffen, sind sie schon in der Muße. Doch das ist zunächst nur ein äußerer Raum. Die innere Muße ist für mich verbunden mit einer Haltung von Offenheit und Gelassenheit, in der wir an nichts festhalten. Sie kann sich auch einstellen, wenn wir etwas tun. Ich kann meine Wohnung widerstrebend putzen und innerlich schimpfen oder innerlich umschalten und jede Wischbewegung mit Freude und Gelassenheit ausführen, meinen Atem wahrnehmen, spüren, wie ich den Stiel anfasse, und so in einen Flow kommen.

Was ist Ihre größte Herausforderung beim Versuch, ein mußevolles Leben zu leben?
Dass ich mich vom Leben überrollen lasse und es wieder vergesse. Wir brauchen immer wieder eine Erinnerung oder ein Aufmerken: Ich bin gerade wieder dabei, etwas zu schnell oder unbewusst zu tun. Ich schütte den Tee in mich hinein, ohne ihn zu schmecken. Ich sitze im Auto und bin im Geiste schon bei meiner To-do-Liste im Büro und verpasse den Sonnenaufgang. Deshalb ist es wertvoll, immer wieder innezuhalten. Erst dann haben wir die Chance zu merken: Bin ich verrückt, so durch mein Leben zu hetzen? Wofür eigentlich?

Und wie geht das in einem Hochdruckumfeld, wo alles schnell gehen muss und man schräg angeschaut wird, wenn man mal zwei Minuten Löcher in die Luft starrt?
Ich empfehle, genau hinzuschauen und zu prüfen: Würde mir diese neue Aufgabe jetzt schneller gelingen, wenn ich viel Druck hineingebe? Oder bin ich vielleicht sogar effektiver, wenn ich mir in Ruhe einen Kaffee mache, dreimal tief durchatme und mich dann konzentriert an die Aufgabe setze? Die meisten kommen zu dem Schluss, dass die zweite Variante mehr Erfolg verspricht. Wenn wir gewohnheitsmäßig im Modus des Getriebenseins bleiben, haben wir fünf unerledigte Aufgaben auf dem Tisch, sind innerlich zerrissen und werden mit keiner Sache fertig. Gerade in Hochleistungskulturen sind Mußemomente und Minipausen wichtig, damit sich unser System wieder regenerieren kann.

PH

Nicole Stern ist Meditationslehrerin und Führungskraft in einer Unternehmensberatung. Ihr Buch Das Muße-Prinzip. Wie wir wirklich im Jetzt ankommen ist bei Arkana erschienen