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DANY LAHAYE: OLIVEIRAS SCHÜLERIN


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 33/2019 vom 08.02.2019

Mitten in der Camargue züchtet Dany Lahaye Lusitanos. Ihre Pferde bildet sie nach akademischem Vorbild aus. Schon im Alter von fünf Jahren traf sie Nuno Oliveira das erste Mal persönlich. Er unterrichtete sie später 14 Jahre lang bis zu seinem Tod 1989. FEINE HILFEN traf Dany Lahaye, um mit ihr über die Reiterei in Frankreich zu sprechen.


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(Foto: Laurent Vilbert)

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In Frankreich scheint es so gut wie unmöglich, jemanden zu finden, der noch nach den Prinzipien der Schule von Versailles arbeitet. Es ist, als ob die Franzosen heute, wenn sie Reitkunst betreiben, eher im Sinne des Baucherismus arbeiten. Wie sehen Sie das?
Lahaye: Das ist fast schon ein Tabuthema. Über den Baucherismus wurde nie viel geredet, und ich habe auch nur ganz wenig gesehen. Nuno Oliveira war für michder Baucherist. Er hat Baucher studiert, analysiert und experimentiert. Meiner Ansicht nach hat er Baucher auch wirklich gut verstanden. Er sagte immer, dass man Baucher zwischen den Zeilen lesen muss. Es stimmt, dass die meisten Reitmeister einfach nicht alles aufschreiben. Man kann die Reiterei nicht nur mithilfe von Büchern verstehen. Das gilt auch für die Lehre von Baucher. Man benötigt immer auch die direkte mündliche Weitergabe und die Vermittlung durch gut ausgebildete Pferde. Wenn ich beispielsweise die Aufzeichnungen von Nuno Oliveira lese, wird mir klar, dass es einfach ganz viele Dinge gibt, die er uns Schülern mündlich weitergegeben hat, die aber nicht in den Büchern stehen. Eigentlich ist das ja auch ganz normal. Die meisten der Leute, die zu mir kommen, haben die Bücher von Nuno Oliveira gelesen. Ich stelle aber immer wieder fest, dass sie und ich von völlig unterschiedlichen Dingen reden, wenn wir darüber diskutieren oder wenn sie reiten. Ein Buch kann unterschiedlich interpretiert werden. Ich kann mir deshalb gut vorstellen, dass es mit Baucher ähnlich ist. Vielleicht ist es bei ihm noch schlimmer, weil Baucher sich eigentlich noch viel weniger konkret geäußert hat. Baucher hat seine Methode vor allem im Hinblick auf englische Vollblüter entwickelt. Es ist also sehr einfach, Baucher misszuverstehen. Heute behaupten sehr viele Menschen von sich, Baucheristen zu sein und Baucherismus zu betreiben. Was ich bei den von diesen Leuten gerittenen Pferden meist sehe, ist vor allem ein übertrieben aufgerichteter Hals, ein weggedrückter Rücken und eine inaktive Hinterhand. Die Pferde wirken zweigeteilt. Wenn man Baucher liest, dann beschreibt er zwar das Aufrichten des Halses – es handelt sich jedoch um eine Übung! Wenn man Bilder und Zeichnungen betrachtet, die Baucher auf dem Pferd zeigen, dann waren seine Pferde rund. Sie waren niemals in absoluter Aufrichtung zu sehen, außer das Bild illustrierte die obengenannte Übung „Relever l’encolure“. Dabei richtete er sie sehr hoch auf, um sie anschließend wieder rundzumachen. Ich kann Baucher aber nirgends auf einem Pferd mit durchgedrücktem Rücken und nach hinten herausgestellten Hinterbeinen sehen. Ich sehe tatsächlich mehr echten Baucher bei Nuno Oliveira als in allen sogenannten heutigen Baucheristen. Hinzu kommt, dass man Bauchers Lehren nur bei bestimmten Pferden einsetzen sollte. Das ist keine Lehre für alle Pferde. Die Reiterei nach französischer Tradition beschränkt sich aber nicht auf Baucher. Richtig ist, dass er einen wichtigen Beitrag geleistet hat und dass seine Methode es erlaubt, Probleme mit bestimmten Pferden, Vollblütern und Angloarabern vor allem, zu lösen. Dabei geht es vor allem um die Arbeit am Gleichgewicht. Davon hat Bunker, das letzte Pferd, das der Mestre ausgebildet hat, profitiert. Er war wirklich ein Pferd, das nicht für die Dressur bestimmt war: hinten höher als vorn, mit sehr steiler Hinterhand, kurzum, das letzte Pferd, das man für die Dressur auswählen würde. Hinzu kam, dass es steif war und tickte. Aber auch wenn das sicher eine große Herausforderung war für Oliveira, ging es ihm doch um viel mehr. Nuno Oliveira hatte für Bunker eine Art Handwerkszeug gefunden. Für Oliveira war jedes Pferd wie ein Laboratorium, das ihm ermöglichte, als eine Art Wissenschaftler Recherchen durchzuführen. Er wählte Bunker, um die Methode von Baucher mit diesem Pferd zu vertiefen. Er experimentierte, und in meinen Augen hatte er Baucher wirklich verstanden. Was ich heute sehe, ist überhaupt nicht dasselbe.

Was aber müssen wir unter der Schule von Versailles verstehen? Häufig denken die Leute bei der Schule von Versailles an de la Guérinière. Das ist aber ist nicht alles. Die Schule von Versailles – das sind insbesondere auch die Brüder d’Abzac, die diese Lehre geprägt haben. Ich orientiere mich da natürlich auch wieder an Oliveira. Als ich ihn kennengelernt habe, war ich noch sehr jung. Er war um die 40 Jahre alt, und die Phase, in der er noch hauptsächlich nach der Schule von Versailles gearbeitet hat, neigte sich dem Ende zu. Auch Oliveira hatte verschiedene Phasen in seinem Leben. Er hat sich ständig weiterentwickelt. Dabei hat er, je nach Phase, immer mal mehr mal weniger Baucherismus praktiziert. Stets hat er alle Theorie praktisch ausprobiert. Es gibt wie gesagt nur noch wenige lebende Schüler von Nuno Oliveira. Die meisten sind tot. Henriquet zum Beispiel. Er hat hauptsächlich in der Versailles-Phase mit Oliveira gearbeitet und die baucheristische Phase nicht erlebt, weil er zu dem Zeitpunkt schon aufgehört hatte, mit dem Mestre zu arbeiten. Wer heute noch so reitet in Frankreich, kann ich tatsächlich nicht sagen.

Sie sind Trainer für französische und portugiesische Reiterei und haben in Frankreich dazu beigetragen, dass es bei der FFE Reitabzeichen für eine portugiesische Reitweise gibt. Was können wir uns darunter vorstellen? Wäre in Deutschland die Working Equitation die Entsprechung dieser Reitweise, oder handelt es sich eher um eine barocke Reiterei, die sich auf d’Andrade und andere portugiesische Meister beruft?
Lahaye: Eigentlich wollte ich damit ursprünglich alle portugiesischen klassischen beziehungsweise akademischen Disziplinen abdecken. Ein Portugiese namens Paulo Vidigal hatte eine ähnliche Prüfung in Portugal eingeführt. Das war eine Mischung aus Dressur und Stierkampfreiterei. Es gab zwei verschiedene Teilprüfungen. Die A-Prüfung beinhaltete schwere Lektionen wie Piaffe, Passage, fliegende Wechsel in Serie, den Quiebro, Pirouetten werden hier schneller geritten. Während die B-Prüfung einer Trailaufgabe gleicht und die Grundausbildung überprüft. Ich wollte, dass diese Reiterei auch in Frankreich Fuß fasst, und habe deshalb einen Verein gegründet. Gemeinsam mit Carlos Pereira war ich in Paris bei der französischen reiterlichen Vereinigung, und wir hatten auch schon angefangen, die dazugehörigen Reitabzeichen auszuarbeiten. Da wir bis zur Hohen Schule gehen wollten, war das eine sehr umfangreiche Arbeit. Ich habe dann die erste Turnierausschreibung gemacht. Tja, und als die Leute sich dann einschrieben, wurde klar, dass sie nur die Trailaufgaben machen wollten, nicht aber die Dressuraufgaben. Mein Ziel war Leichtigkeit, Präzision, einhändiges Reiten mit ganz leichter Anlehnung. Stattdessen wollten die Leute sich und ihr Pferd nicht weiterbilden, sondern einfach nur einen Geschicklichkeitsparcours absolvieren, um Spaß zu haben. Ich habe mich aus dieser Arbeit dann wieder zurückgezogen, weil es einfach nicht das war, was ich wollte. Heute hat sich diese Disziplin weiterentwickelt und nennt sich jetzt Arbeitsreiterei. Allerdings gibt es da auch ständig neue Entwicklungen. Ich wollte ursprünglich etwas völlig anderes erreichen und würde wirklich gern ein Diplom in akademischer Reiterei oder oliveiristischer Reiterei entwickeln. Leider beansprucht Saumur ja schon den Arbeitstitel „Reiterei nach französischer Tradition“. Das zeigt die Problematik, wenn eine Bezeichnung geprägt wird und dann etwas völlig anderes unter dieser Bezeichnung umgesetzt wird.

Dany Lahaye auf dem zu diesem Zeitpunkt 26jährigen Zuchthengst Duché in Saumur. Die Züchterin zeigt, dass ihre Reitweise Pferde bis ins hohe Alter fit hält.


(Foto: Silke A. Rottermann)

Was ist für Sie die Reiterei nach französischer Tradition? Wie stehen Sie dazu, dass die Unesco diese als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt hat?
Lahaye: Eigentlich kommt die Bezeichnung „Équitation de tradition française“ aus Portugal. De Bragance schrieb ein Buch, das sich so nennt. Als ich in Portugal anfing zu reiten, gab es neben Oliveira auch noch andere große Reitmeister so wie Athayde, d´Andrade, Borba, de Aragão, da Costa. All diese sehr guten Reiter waren entweder Schüler von Oliveira oder aber von dessen Lehrer Miranda. Oliveira las damals alle Abhandlungen über die Reitkunst und experimentierte viel. Die Bücher, die er las, stammten zu einem großen Teil von französischen Reitmeistern. Er hatte also ein sehr idealistisches Bild von der französischen Reiterei, und ich glaube, dass so die Bezeichnung „Équitation de tradition française“ entstand und dass De Bragance seinem Buch deswegen diesen Titel gab. Gleichzeitig hätte man aber auch von der italienischen Reiterei sprechen können, weil eigentlich alles in den Akademien von Neapel entstand. Von dort hat sich diese Reiterei über ganz Europa ausgebreitet. Aber tatsächlich sagt man ja, dass die Schule von Versailles als Glanzperiode der Reitkunst anzusehen ist. Und mit der Revolution fing das alles an, sich zu verlieren. Es gab auch in den anderen Ländern große Reitmeister: Newcastle in England, Steinbrecht und Ridinger in Deutschland. Aber es stimmt wahrscheinlich, dass wir in Frankreich die meisten hatten. Auf jeden Fall machten sie am meisten von sich reden. Damals sprach man jedenfalls von der „schönen Positur à la française“ oder der „schönen Reiterei à la française“. Frankreich wurde von allen anderen Ländern bewundert, und auch wenn diese Reiterei dabei ein bisschen deutsch, italienisch oder englisch ist, sagt man sicher deswegen „Équitation de tradition française“. Um auf die Geschichte und die Frage zur Unesco zurückzukommen: Mestre Oliveira las vor allem die Bücher der französischen Reitmeister, und er bewunderte die darin vermittelte französische Reiterei. Als er dann nach Frankreich kam und die Reiter und deren reiterliches Können mit eigenen Augen sah, war er richtig wütend auf die Franzosen. Er sagte, wir hätten unsere Tradition verloren. Dass die Reiterei französischer Tradition, getragen vom Cadre Noir von Saumur, von der Unesco als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt wurde, ist eine Ehre, aber ich glaube, dass die Unesco sich ein bisschen an der Nase hat herumführen lassen, eben weil die Reiterei nach französischer Tradition verloren ist. Das große Problem ist, dass es schon großartige Écuyers gab in der letzten Zeit, aber dass das heutzutage nicht mehr anerkannt wird, wenn man nicht im Sport mitreitet. Die Leute denken leider so. Und auch die Écuyers von Saumur möchten an Dressurturnieren teilnehmen und gewinnen. Aktuell ist es aber so – und ich hoffe sehr, dass sich das wieder ändern wird –, dass man nicht auf ein Turnier gehen und gewinnen kann, wenn man akademisch nach den Regeln der Kunst und nach klassischen Prinzipien reitet. Dressurturniere sind heute Prüfungen, in denen nahezu nur Pferdemodelle und Gangwerke beurteilt werden. Es gibt zwar Regeln, doch die Richter beurteilen genau den Regeln der akademischen Reiterei entgegengesetzt. Es gibt da tatsächlich einen Riesenunterschied. Das ist, als ob man die Oper mit Schlagern vergleicht. Das sind zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe. Man könnte auch die akademische Reiterei mit Pferderennen oder irgendeiner anderen Disziplin vergleichen. Es ist regelrecht eine andere Disziplin geworden. Die aktuellen Dressurturniere sind eine sportliche Disziplin mit Richterurteilen, die meiner Ansicht nach vollkommen dem guten Weg entgegenstehen. Ganz besonders bei den Prüfungen für junge Pferde. Das Schlimmste ist, dass die Leute ihre Pferde im Hinblick auf das Turnier ausbilden. Sie nutzen die Richterurteile, um ihr Pferd zu dressieren. Wie man so ein Pferd korrekt ausbilden soll, kann ich mir nicht vorstellen.

Dany Lahaye im Unterricht bei Nuno Oliveira.


(Foto: Dany-Lahaye-Privatarchiv)

Welche Rolle spielte für Sie und die französische Reiterei Nuno Oliveira? Was denken Sie, warum es geschichtlich dazu kam, dass ein Portugiese die französische Reiterei nach Frankreich zurückbringen musste?

Lahaye: Das erinnert mich an einen Freund aus Italien, der mir erzählte, dass ein Schüler Caprillis Amerikaner sei und nun regelmäßig nach Italien fliege, um den Italienern die Methode Caprillis beizubringen. Er hat den Italienern gesagt, dass sie ihr eigenes Know-how verloren hätten. Das gilt auch für die Akademien. Schließlich war die erste Reitakademie in Italien. Diese Reiterei ist dort vollständig verlorengegangen, und das, obwohl die Italiener damals Vorreiter waren. Mestre Oliveira war ein Schüler von Joaquim Gonçalves de Miranda (1870–1940), der wiederum der letzte Reitmeister des portugiesischen Königshauses war. Die Gemeinsamkeit aller Europäer ist, dass die akademische Reiterei ihren Ursprung in Neapel hatte. Von dort kam sie bis nach Frankreich, wo sie bis zur Schule von Versailles weiterentwickelt wurde. In Portugal gab es ähnliche Entwicklungen wie in Frankreich mit den Reitern d’Andrade, Dom Duarte, Marialva etc. In Portugal hat sich diese Tradition bis zum Mestre Oliveira gehalten, während sie in Frankreich vor allem durch die Anglomanie, mit der Revolution und mit d’Aure verlorenging. Der Herzog d´ Aure war ein Schüler der Brüder d’Abzac, die zuletzt die Schule von Versailles geprägt haben, und er hatte alles dort gelernt. Er hatte das Wissen, hat es aber nicht weitergegeben, weil er der Ansicht war, dass das Reiten in einer Reitbahn keinen Sinn mache. Er praktizierte das Geländereiten und war selbst ein sehr guter Reiter, da er ja noch die Grundlagen erlernt hatte. Baucher als Nichtadeliger hat Versailles eher durchs Schlüsselloch betrachten müssen. Er entwickelte seine Methode auch ein bisschen mit dem Gedanken, sich zu rächen. Er durfte nie Teil sein der Reitgesellschaft von Versailles und wollte sich von den anderen Reitern seiner Zeit absetzen. Dennoch hat er Dinge weitergegeben, die ohne ihn verloren gewesen wären. In Portugal hingegen setzte sich mit Miranda und dann mit Oliveira die Tradition fort. Oliveira hat dem noch Ideen anderer großer Meister hinzugefügt, die er ausgetestet hatte. Er hat eine Art Synthese entwickelt. Er schaffte es, einzelne Bausteine von Steinbrecht, de la Guérinière, Baucher oder anderen passend für das jeweilige Pferd anzuwenden. Er hatte sozusagen einen Werkzeugkasten mit vielen verschiedenen Werkzeugen, die er im richtigen Moment anzuwenden wusste. Das war fantastisch, weil er so nicht nur diese Form der Reiterei bewahrte, sondern sie perfektionierte. Leider hatte er sehr wenige Schüler, die professionell mit Pferden arbeiteten. Viele seiner Schüler waren Amateure – Mediziner, Anwälte –, deren Hobby das Reiten war. Das war einerseits sehr gut, viele ritten hervorragend, andererseits wurde die Ausbildung so nicht weitergetragen. Später wollte Saumur diese Reiterei fortführen. Aber man hatte keine passenden ausreichend versammlungsfähigen Pferde mehr dafür. Vollblüter, Angloaraber und Selles Français eigneten sich weniger für diese Form der Reiterei, und so kam es, dass Saumur trotz Bemühungen auch den Faden verlor. Mestre Oliveira war auch in Saumur. Es blieb dort aber bei der Militärreiterei. Ein weiteres großes Problem ist die Ausbildung in Frankreich. Die Trainer sind heute vielmehr Animateure. Wirklich Reiten lernen die Leute da nicht mehr. Mestre Oliveira sagte, nachdem er die Ausbilder der Trainer gesehen hatte, dass er nun auch das Niveau der Trainer verstehen würde. In Saumur werden heute Seminare in „Reiten nach französischer Tradition“ gegeben, ich weiß aber nicht, was diese wert sind. Trotzdem scheint das Interesse der Leute ja zu bestehen. Der rote Faden in alledem fehlt allerdings. Das ist aber auch eine Frage der Einstellung. Heute gibt es eigentlich keine Reitmeister mehr, bei denen man immer weiter lernt. Früher kaufte man sich auch kein Pferd, bevor man nicht ordentlich reiten konnte, heute kaufen die Leute ein Pferd wie ein Fahrrad. Sie lesen auch keine alten Bücher. Mir hat der Mestre noch gesagt, dass Bücher keinen Staub ansetzen dürfen. Und die Leute suchen sich keinen Meister, reiten keine Schulpferde und begeben sich nicht auf die Suche. Aber richtiges Reiten fällt nicht einfach so vom Himmel!

Welche Rolle spielt für Sie in der Reiterei der Sitz des Reiters?
Lahaye: Der Sitz ist essenziell. Wenn Reiter zu mir kommen für eine etwas längere Zeit, dann nehme ich sie für gewöhnlich an die Longe, ohne Steigbügel. Dann trainieren wir den Reitersitz, denn der ist das Wichtigste. Und das nicht nur im Hinblick auf das „Oben bleiben“, sondern auch auf die Leichtigkeit zu Pferde, dass man das Pferd nicht behindert. Ein guter Reitersitz ist nicht nur schön anzusehen, sondern bestimmt auch das Gleichgewicht – unseres und das des Pferdes. Wir agieren im Schwerpunkt des Pferdes und müssen es in der Bewegung schaffen, das Pferd zu unterstützen.
Die Positur des Reiters ist in meinen Augen etwas Aktives. Statt mit Händen oder Beinen zu reagieren, sollte man mit der Positur reagieren, dann funktionieren Dinge plötzlich ganz von alleine. Das ist immerhin ein aktives Vorgehen, und dieses zu erlernen gehört eigentlich zur Grundausbildung des Reiters. Einem jungen Pferd bringe ich nach dem Anreiten zuerst bei, auf den Sitz zu reagieren. Allerdings reagieren die meisten Pferde schon ganz natürlich auf diese Hilfen, weil wir damit direkt auf den Rücken und die Bewegung einwirken. Zügel- und Schenkelhilfen hingegen muss man dem jungen Pferd erst einmal erklären, sonst würde es sich wehren.

DANY LAHAYE

… bekommt von ihrem Großvater schon im Alter von zwei Jahren ein Pony geschenkt. Er gibt ihr auch die ersten Reitstunden. Mit fünf Jahren trifft sie das erste Mal auf Nuno Oliveira, bei dem sie ab dem Alter von 13 Jahren bis zu seinem Tod 14 Jahre später Unterricht nimmt. Während ihres ersten Aufenthaltes bei Nuno Oliveira auf der Quinta do Brejo entdeckt sie die Zucht von Doktor José Menezes. Sie reitet Jabute und Levante, zwei außergewöhnliche und hervorragend ausgebildete Pferde. Als die Zucht eingestellt wird, unternimmt sie einen Rettungsversuch und beginnt ihre eigene Lusitano-Zucht, mit der sie etliche Preise gewinnt. Nach dem Tod sowohl von Nuno Oliveira als auch von seinem Sohn João versucht Dany Lahaye das Erbe des Meisters weiterzutragen.

Weitere Infos:
www.dany-lahaye-lusitano.com