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Darf man das?


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 3/2018 vom 24.05.2018

Österreichische Erstaufführung von »Attentäter« im Schauspielhaus Linz


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Die Verführung: Der kleine Lee Harvey Oswald (der spätere Mörder von US-Präsident John F. Kennedy [Elias Poschner, Mitte]) bekommt von der Menge (Ensemble) die Waffe in die Hand


Foto: Reinhard Winkler

Er gehört zu den begnadeten Komponisten der heu-tigen Zeit und hat ebenso eines der kontroversesten Musicals aller Zeiten verfasst. Die Rede ist von Stephen Sondheim. Seine Stücke wie »Into the Woods« oder »Sweeney Todd« gehören zu den Musical-Klassikern, wurden sogar verfilmt. Sondheims Musik gilt als über-aus anspruchsvoll und qualitativ ...

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... hochwertig, jedoch wenig melodiös.

Nachdem er eine besondere Idee von einem gewissen Charles Gilbert Jr. in die Hände bekam, ersuchte der gebürtige Amerikaner um dessen Erlaubnis, ein Musi-cal daraus zu kreieren. Für die Umgestaltung des Textes wählte er den Librettisten John Weidman aus. Bereits im Jahr 1990 wurde das Stück mit dem Titel »Assassins« in New York uraufgeführt und von den Kritikern ge-feiert. Zwei Jahre später kam es nach Europa (zunächst Großbritannien), wo es dann auch in Deutschland Halt machte. Ein geplantes Revival in New York wurde nach den Anschlägen des 11. September 2001 abgesagt. Als es 2004 schließlich doch endlich stattfand, erhielt »Assas-sins« ganze fünf Tony Awards

Die erste Aufführung in Österreich wurde dem Musiktheater Linz zugesprochen. Für die Inszenierung entschied man sich für den Russen Evgeny Titov als Regisseur, der mit »Attentäter« sein allererstes Musical inszenierte. Im Schauspielhaus präsentierte das Musical-Ensemble des Musiktheaters Linz eine weitgehend pola-risierende Geschichte.

Sondheim lässt neun verschiedene Attentäter von US-Präsidenten auf der Bühne erscheinen – manche mehr, manche weniger erfolgreich. Frei nach dem Prin-zip des Filmes »Inception« wird eine Geschichte in der Geschichte kreiert. (Im Original handelt es sich um eine Schießbude, hier um ein kleines Theater/Bar). Die Schauspieler mimen wiederum Schauspieler, die die At-tentäter darstellen. Zuschauer dieses Stückes im Stück sind in der Linzer Produktion: US-Präsident Donald Trump, seine Frau Melania und seine Leibwächter.

Als Balladensänger oder auch Erzähler führt Gernot Romic gekonnt, mit der gewissen Prise schwarzem Hu-mor und Schalk, durch den Abend. Er präsentiert unter anderem Christian Fröhlich, der wieder einmal mit sei-ner markanten Stimme überzeugt – diesmal in der Rolle des Präsidentenattentäters John Wilkes Booth, welcher als Mörder Abraham Lincolns gilt. Riccardo Greco mimt Guiseppe Zangara, ein italienischer Migrant und der Attentäter von Franklin D. Roosevelt, welcher den Angriff jedoch überlebt. Greco überzeugt auch in die-ser im Hintergrund agierenden Rolle. Einen emotiona-len Auftritt legt Peter Lewys Preston als Attentäter von William McKinley hin. Leon Czolgosz ist ein einfacher Arbeiter, Anarchist und Marxist, der für geringen Lohn schuftet und sich ›Gerechtigkeit‹ wünscht. Die Aspekte dieser gebrochenen Person bringt Preston in seine Dar-bietung ein und erweckt am Ende sogar Mitleid mit einem Mörder.

Als verbitterte Mutter von vier Kindern, Sara Jane Moore, bietet Ariana Schirasi-Fard eine fabelhafte Leistung – glaubhaft, authentisch und stimmlich her-vorragend. An ihrer Seite Ruth Fuchs in der Rolle der Squeaky Fromme, Mitglied der berüchtigten »Familie« von Charles Manson. Sie überzeugt im Duett mit ihrem Kollegen Wenzel Brücher alias John Hinckley jr. mit dem Song ›Ich bin nicht wert, dass du mich liebst‹. Eine obsessive, krankhafte Beziehung zweier Attentäter, die dennoch im Publikum einen Funken von Sympathie erzeugen.

»Attentäter« erweist sich von Beginn an als komple-xes Werk, bei dem man es sich nicht erlauben darf, auch nur eine Sekunde abzuschweifen. Es scheint, in jedem Satz steckt ein Hintergedanke, alles hat einen tieferen Sinn. Welcher das ist, bleibt wohl im Endeffekt jedem selbst überlassen. Klar ist jedoch, es handelt sich um ein Plädoyer gegen Waffen und ein Bewusstmachen, dass keiner der Anschläge das Leben der Attentäter auch nur annähernd gebessert hat. So wie am Ende besungen wird: »Und es war nicht von Bedeutung, eure Tat hat nichts bewegt. Es rann Blut, es rannen Tränen, und das war’s. Eure Tat kam in die Zeitung, hat die Leute aufge-regt, doch das Bauchweh nicht gebessert und den Streit nicht beigelegt, hat den Armen nicht geholfen, hat die Einheit nicht begründet, hat das Zuhör’n nicht erzwun-gen und die Liebe nicht entzündet.« (Balladensänger) Es werden die Taten und vor allem die Hintergründe der Attentate dargestellt, jedoch stets mit dem unterschwel-ligen Verweis darauf, dass sich die gewünschte Situation nach der Tat nicht besserte

Sondheims skurriles Werk über die Präsidenten-At-tentäter ist wohl nicht nur sein kontroversestes, sondern auch sein melodiösestes Werk. Mit eingehenden, ange-nehmen Melodien erzählt er Geschichten, die eigentlich genau das Gegenteil beinhalten und an denen selbst jene, die mit Sondheim grundsätzlich nicht viel anfan-gen können, Gefallen finden könnten. Der Musikstil ei-nes jeden Songs ist in gewisser Weise mit der zeitlichen Epoche verbunden und dementsprechend schwer auch die stete Umstellung für die Sänger. Eine Herausforde-rung, die jedoch beim Publikum gut ankommt. Die musikalische Leitung führt souverän Borys Sitarski.

Handlungsräume gibt es nur zwei – das Theater und einen fiktiven, kühlen, weißen Raum, den man wohl als »Himmel« interpretieren könnte, in dem sich die ver-storbenen Attentäter am Ende des Stückes wiedertref-fen. Das Theater, welches statt der Schießbude gewählt wurde, ist von Eva Musil detailliert gestaltet und über-mittelt die Stimmung der Geschichte treffend. An der Wand hängen beispielsweise statt Gemälden aller Art Waffen, die Kellner könnten optisch aus »The Addams Family« stammen. Besonders sind die stets passend ge-stalteten Projektionen auf der »Bühne auf der Bühne«, die von der Meisterschule für Kommunikationsdesign 2018 kreiert wurden, gekonnt entworfen, was die Moti-ve betrifft. Allerdings sollte hier zeitweise gelten: Weni-ger ist mehr. Ob ein nacktes Hinterteil beim Toilettengang oder verzerrte Fratzen zur Produktion passen be-ziehungsweise unbedingt notwendig sind, um die Inten-tion der Geschichte zu begreifen, ist sehr fraglich.

Die Choreographie steht in diesem Stück nicht im Vordergrund. Hier finden sich kurze, aber gekonnt in die Handlung eingefädelte und passende Tanz-Sequen-zen des Choreographen Wei-Ken Liao. Vor allem zum Ende hin, wenn sich alle Darsteller in der fiktiven, grel-len weißen Welt treffen, sind die Bewegungen und For-mationen durchaus gut gewählt.

Zentral im Stück ist jedoch einer, der zu Beginn gar nicht vorkommt: Lee Harvey Oswald, gespielt von Johan-nes Herndler (abwechselnd mit Elias Poschner). Oswald, der Mörder von John F. Kennedy, ist im Stück jedoch noch ein Kind. Gezeigt wird ein ganz normaler Junge, der Schritt für Schritt immer mehr von seinem Umfeld aufgehetzt wird, sogar die Waffe wird ihm letztlich in die Hand gedrückt, bevor es zu einem tragischen und alter-nativen Ende kommt (welches hier nicht verraten wird).

Eine gelungene Inszenierung eines Sondheim-Stü-ckes im Schauspielhaus Linz, die jedoch in einigen Tei-len etwas klarer hätte sein dürfen. Bei darstellerischer Leistung auf höchstem Niveau, sind manche Hand-lungsstränge hingegen nicht immer nachzuvollziehen. Nichtsdestotrotz eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt (und anregen soll). Denn im Grunde genom-men geht es darum, zu zeigen: Ungerechtigkeiten und schreckliche Erfahrungen im Leben mit einer ähnlichen Gegenreaktion zu lösen, führt zu keiner Verbesserung der Umstände.

1. Der Balladensänger (Gernot Romic) fungiert als Barkeeper vor der mit Waffen dekorierten Wand und erzählt die Ge-schichte der Präsidenten-Attentäter


2. Giuseppe Zangara (Riccardo Greco mit Ensemble) wollte als italienischer Einwanderer ein besseres Leben haben. Der elektrische Stuhl beendet dieses jedoch nach dem Attentat auf Präsident Garfield


3. Sara Jane Moore (Ariana Schirasi-Farid) ist Mutter von vier Kindern, fünf Mal geschieden und mit der Situation überfordert. Sie begeht eine folgen-schwere Tat


4. Charles Guiteau (Rob Pelzer) will französischer Botschafter werden. Als ihm dieser Wunsch nicht erfüllt wird, rächt er sich


Fotos (4): Reinhard Winkler