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DAS 2. LEBEN


digit! - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 26.06.2020

Asja Caspari hatte einen gut bezahlten und spannenden Job. Trotzdem wagte sie mit Mitte 30 den Sprung in die professionelle Fotografie - und landete weich. Wir haben mit der frisch gebackenen „BFF Professional“ über die Lebensvolte, ihre fotografische Motivation und ihr Bildverständnis gesprochen.


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Bildquelle: digit!, Ausgabe 4/2020

Doppelseite: Aus der Serie „I see you and I will be there for you“. Muse (oben): Luzie (vertreten durch Modelwerk). Styling und Hut-Design: Ioanna Auschra, Haare/Make-up: Angela Ohde.


Freie Arbeit aus der Serie „Gemstone“. Muse: Karoline (vertreten in Deutschland durch MD Management und in Paris durch IMG ...

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... Models). Haare/Make-up: Angela Ohde. Karoline ist eine norwegische Sportlerin und ein Model.


Casparis Bilder wirken neu und klassisch zugleich - auf eine nonchalante Weise natürlich.


Caspari fängt nach eigenen Angaben im Kindergartenalter an, zu fotografieren, sie verbringt viel Zeit in ihrer Jugend in der Dunkelkammer, entscheidet sich „aus Vernunftgründen“ aber zunächst für eine andere Laufbahn. Sie besteht auf einer Vier-Tage-Woche, um in den verbleibenden drei Tagen ihrer Leidenschaft folgen zu können. Schon seit ihrem Studium der Psychologie und parallel zu ihrer Arbeit besucht sie Studiengänge für Fotografie und Set-Bau in Argentinien. Ihre Sehnsucht, Bilder zu machen, wächst weiter, und als sie auch am Wochenende kaum noch zum Schlafen kommt, bittet sie ihren Chef um ein halbjähriges Sabbatical. Als der ablehnt, steht ihr Entschluss fest. Caspari kündigt, sie kehrt nach Argentinien zurück, schließt ihr Studium ab. Zurück in Hamburg beantragt sie einen Gründungszuschuss, absolviert Seminare zu Themen wie SEO-Optimierung, Gründerpersönlichkeit und Business-Plan-Erstellung, baut sich eine Website und lässt sich von der Fotografen-Beraterin Silke Güldner (s. digit! 3-2020) in Sachen Positionierungs- und Akquisestrategie coachen.

Gelungener Start in der Profiliga

Anfang 2016 macht sie sich selbstständig, bereits ein halbes Jahr später kann sie von ihrer Arbeit leben. Die ersten Aufträge kommen über Empfehlungen: Portraits von Künstlern, Musikern, Jungunternehmern und Politikern. Kurz darauf wird sie als Juniorin in den BFF aufgenommen. Parallel dazu stellt sie sich bei Agenturen und in Redaktionen vor. „Die Termine bei den Agenturen verliefen ergebnisoffen. 2018 habe ich mich dann bei der Brigitte vorgestellt, und die haben sofort Interesse an einer Zusammenarbeit signalisiert“, erinnert sich Caspari.

Wie ungewöhnlich schnell dieser Einstieg in die Profiliga war, war ihr gar nicht bewusst. „Das ist mir erst durch das Coaching bei Silke Güldner klar geworden. Die sagte mir, dass ich zu den vielleicht fünf Prozent Berufseinsteigern zähle, die so schnell Fuß fassen“, sagt Caspari. „Woran das genau liegt, kann ich auch nur mutmaßen.“

Wir selbst haben eine Vermutung: Caspari trifft mit ihrer Art der Fotografie einen Zeitnerv. Ihre Bilder wirken frisch, neu und zu gleich klassisch und - obwohl sie weitgehend inszeniert sind - auf eine nonchalante Weise natürlich. Das liegt zum einen an der Natürlichkeit, die sich in den Gesichtern und Gesten der Models manifestiert, zum anderen an der Bildsprache, die ganz unaufgeregt daherkommt und trotzdem Hinguckerqualitäten entfaltet. Der Look ist durch den Einsatz von Tages- oder Dauerlicht bestimmt und durch eine zurückhaltende Farbwahl, in der Blautöne meist die Oberhand haben. In ihren kommerziellen Arbeiten, die sie für Medien wie Brigitte, DB Mobil, Die Zeit, Bunte, Stern oder die taz und Kunden wie Audi, Ecco, Google, Procter & Gamble, Rowohlt, Gruner & Jahr, 3sat/ZDF oder das Umweltministerium NRW erstellt, sucht sie erklärtermaßen „die Fusion von Mode- und Portraitfotografie“. „Ich mag das Unperfekte, das ungeschönt Schöne, die Poesie des Alltäglichen und wenn die Grenzen zwischen Fotografie und Malerei verschwimmen“, sagt sie. In ihren freien Arbeiten, die überwiegend auf analogem Ektar-100- oder Portra-400-Film entstehen, stehen leise Landschafts- und Naturaufnahmen neben tagebuchartigen Reise-Essays und experimentellen Stills.

Aus der Serie„Daughter of Grace“. Das aufstrebende Top-Model Aketch Joy Winnie aus Uganda wird in Deutschland durch die Agentur M4 Models vertreten.


Oben: Aus der Serie „Now that I know“. Muse: Samira (in Deutschland vertreten durch Louisa Models), Art Direktion & Styling: Julia Otto, Haare/Make-up: Daniela Pulina. Rechts: „Daughter of Grace“. Muse: Aketch Joy Winnie (in Deutschland vertreten durch die Agentur M4 Models), Styling: Ioanna Auschra, Haare/Make-up: Angela Ohde.



„Ich mag das Unperfekte, das ungeschönt Schöne, die Poesie des Alltäglichen, wenn die Grenzen zwischen Fotografie und Malerei verschwimmen.“


Frische Bildwelten

Ihre Bilder erinnern an die von Sarah Moon, sagen manche. Andererseits ist Casparis Art der Fotografie in unseren Augen weniger piktoralistisch, klarer im Look und mehr im Hier und Jetzt verwurzelt. Sie selbst habe nur ein echtes Vorbild, nämlich den Italiener Paolo Roversi, sagt sie, nennt aber eine Reihe von Fotografinnen und Fotografen, die sie begeistern: den Chinesen Ren Hang, die Klassiker Avedon und Penn, Altmeister Walter Schels, die Hamburger Fotografin Charlotte Schreiber. Sowie: die Modefotografin Elizaveta Porodina, die wir in digit! 5-2016 vorgestellt haben und die wie Caspari Psychologie studiert hat. Auch dieser biografische Hintergrund spielt in ihren Bildwelten zweifellos eine Rolle, insbesondere was die Interaktion mit den Models angeht. „Ich liebe die Zusammenarbeit mit Menschen, den Moment, in dem man gemeinsam in diesen Flow kommt, das ist wirklich ein tolles Gefühl“, sagt sie. So wie bei einem ihrer jüngsten Aufträge, Fashion-Aufnahmen, die sie für die Kreativagentur Scholz & Friends mit einem großen Team umgesetzt hat. Für Caspari, die zeitgleich zur Recherche unserer Geschichte den Status „BFF Professional“ bekam, läuft gerade alles rund. „Es war trotz aller Risiken die absolut richtige Entscheidung“, sagt sie. „Ich will auf keinen Fall mit 80 Jahren auf mein Leben zurückschauen und mir eingestehen, dass ich nicht einmal versucht habe, meinen Lebenstraum zu verwirklichen. Reich bin ich durch meine Arbeit bislang noch nicht geworden, aber das kommt noch.“

Links: Mit diesem Bild aus der Serie „I see you and I will be there for you“ holte Caspari 2019 Gold in der Kategorie Junior beim BFF Aufschlag Award. Muse: Luzie (vertreten durch Modelwerk), Styling: Ioanna Auschra, Make-up: Angela Ohde.

Rechte Seite: Spontan entstandenes Portrait der argentinischen Künstlerin Bela Altarrui (im Studio von Casparis Fotografie-Meister Aldo Bressi in Buenos Aires aufgenommen).


„Ich will mit anderen talentierten Erwachsenen spielen“


Asja, um Fotografin zu werden, hast du einiges aufs Spiel gesetzt. Deshalb die Frage: Was treibt dich an?

Asja Caspari: Da gibt es verschiedene Motivationen: Es geht mir um Neugier, Freiheit, Abenteuerlust, persönliches Wachstum und um die Interaktion mit anderen. Die Verbindung zum Model ist ein wesentlicher Aspekt, aber auch das Teamwork insgesamt. Plakativ gesagt: Ich will mit anderen talentierten Erwachsenen gemeinsam „spielen“. Kaum eine Sache macht mich so glücklich wie dieser Flow, der auf diese Weise entstehen kann. Aber natürlich geht es mir auch schlicht um die Erzeugung von Ästhetik und Schönheit.

Wie funktioniert das: Schönheit erzeugen?

AC: Ich muss mich da gar nicht groß anstrengen. Tatsächlich ist es so, dass ich alle Menschen, die ich vor der Kamera habe, schön finde, es ist alles schon da. Wenn dann die Chemie stimmt, wenn alles im Fluss ist mit dem Model, ergibt sich Schönheit fast von selbst. Meine Aufgabe ist es, diese zum Leuchten zu bringen. Sicherlich hilft dabei die Tatsache, dass ich Psychologie und interkulturelle Kommunikation studiert habe.

Zur Technik: Mit welchem Equipment arbeitest du?

AC: Meine Hauptkamera ist eine Nikon D750, als Back-up nutze ich eine D610. Bei Portraits setze ich vorwiegend das Nikon 85mm f/1.8 mm ein. Außerdem habe ich noch ein 70-200 mm und das Sigma Art 35 mm 1,4 - ein geniales Objektiv. Für meine freien, analogen Arbeiten nutze ich eine Minolta-Dynax-505si-Spiegelreflex mit einem 50 mm mit 1,4, derzeit experimentiere ich aber auch mit einer Colorsplash-Kamera von Lomography. Die besitzt einen vierfarbigen Blitz, der erst beim Loslassen des Auslöser aktiviert wird und besonders nachts tolle Effekte ermöglicht.

Warum setzt du Dauerlicht ein?

AC: Das kam ursprünglich durch meinen Mentor William Kano in Argentinien. Ich habe mich sofort wohl mit dieser Art des Lichts gefühlt und inzwischen sicher auch ein gutes Auge dafür entwickelt.

Du hast dich vor vier Jahren selbstständig gemacht, wo siehst du dich heute?

AC: Ich stehe immer noch am Anfang meiner Karriere, jetzt geht es auch um die Frage, wie ich mich positioniere. Es heißt ja „Don’t dress for the job you have, dress for the Job you want“, also: vertrau deinem Herzen und mach genau die Sachen, für die du später auch gebucht werden willst. Die Frage lautet auch: Bin ich eher Dienstleister oder Künstler? Ich persönlich würde lieber in Richtung kreative Fotografie gehen, und es gibt auch immer wieder erfolgreiche Fotografinnen und Fotografen, wie etwa Esther Haase, die mir sagen: bleib bei deinem Ding!

Apropos Positionierung: Wie wichtig ist Instagram für dich?

AC: Sehr wichtig, weniger als Marketingkanal - ich habe noch keine Jobs auf diesem Weg bekommen -, sondern vielmehr als Orientierung: um mitzubekommen, was gerade kreativ alles so passiert.

ASJA CASPARI

© Santiago Salazar

wurde 1980 in Hamburg geboren, wo sie inzwischen auch wieder lebt und arbeitet. Caspari studierte Interkulturelle Kommunikation, Erwachsenenbildung und Psychologie und arbeitete als Projektleiterin für die Bundesregierung im Bereich der internationalen Zusammenarbeit, ehe sie sich 2016 als Fotografin selbstständig machte. Seit September 2016 ist sie BFF-Junior- und seit Mai 2020 BFF-Professional-Mitglied. Dank zahlreicher Auslandsaufenthalte spricht sie neben Deutsch auch Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Französisch sowie Schwedisch. asjacaspari.com | instagram.com/asjacaspari