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Das Abend land muss endlich seine Bril le abnehmen


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 34/2021 vom 22.08.2021

GASTBEITRAG

Die jüngste Geschichte des Morgenlands zeigt: Das einzig Stabile in der Region ist die Instabilität. Sie scheint der verlässliche Faktor aller Entwicklungen zu sein. Zu beobachten ist eine gigantische Verschiebung von Machtzentren. Das Schwinden alter Ideologien neben dem Erstehen neuer oder Auferstehen alter religiöser Bewegungen scheint die Region unberechenbar zu machen. Der Ruf nach Umbrüchen entsteht allerdings selten über Nacht. Vielmehr sind sie die Konsequenz schleichender Prozesse, die in diesem Fall im 20. Jahrhundert zu finden sind.

Schon vor hundert Jahren, als Frankreich und England als Kolonialmächte große Teile der arabischen Welt unter sich aufteilten, schienen die Supermächte die Mentalität der Region wenig zu verstehen. Die Region sollte mithilfe nationaler Grenzen stabilisiert werden. Die Devise lautete: Was schon im „Abendland“ eher schlecht als recht funktionierte ...

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... und zwei Weltkriege mitverursachte, nämlich die Aufteilung großer Regionen in Nationalstaaten, das sollte nun im „Morgenland“ ausbalanciert werden. Es war die Geburtsstunde der arabischen Nationalstaaten.

Die Schlussfolgerung muss bei einer Analyse der vergangenen hundert Jahre jedoch lauten, dass das Abendland das Morgenland nicht verstanden hat oder nicht verstehen wollte. Unwissen über die Kultur, Mentalität, Werte, den Glauben, gepaart mit abendländischem Wunschdenken, Naivität und latenter Hochnäsigkeit – das alles führt zu Bevormundung des Morgenlands durch das Abendland und zu falschen Einschätzungen von Entwicklungen in dieser Region. Das gilt für alle Bereiche, egal, ob es die politische Kultur, Tradition, Religion oder die einfachen Wünsche des einfachen Menschen vor Ort betrifft – mit katastrophalen Folgen. Sie sind nicht nur im jüngsten Debakel in Afghanistan zu sehen.

Universitätsfakultäten, Wissenschaftler, Berater, Journalisten sind seit Jahrzehnten damit beschäftigt, ihre Fehleinschätzungen zu rechtfertigen. Hätte man halb so viel Energie und Ressourcen investiert, um die Realität des Morgenlands neutral zu betrachten statt mit der Brille ideologisch vorbelasteter Aktivisten, dann hätte man vielleicht vor allem den Menschen, die in der Region leben, einiges erspart.

Der Blick auf die aktuelle Situation ist ernüchternd. Trotz der großen Bemühungen verschiedenster Akteure gilt die Loyalität der Menschen weiterhin nicht den Nationalstaaten, sondern vor allem den Stammesclans, den religiösen sowie ethnischen Gruppen. In Libyen gilt die Treue den Clans und auch in Syrien; der Irak, der Libanon und der Jemen brechen in verschiedene Glaubensgruppen auseinander, die Sunniten, Alawiten oder die Kurden. Die künstlich erzeugten Nationalstaaten kämpfen ums Überleben. Statt realistisch zu werden und neue Wege zu gehen, wollte der Westen im Irak, in Palästina, Afghanistan oder Ägypten eine Demokratie installieren, man könnte sagen, aufzwingen. Ganz nach dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“ wurde zur Demokratisierung eher auf Kampfflugzeuge, Panzer oder direkte Befehle aus dem Weißen Haus in Washington zurückgegriffen, ohne die notwendige Infrastruktur zu schaffen, ohne die Bildungssysteme zu reformieren, ohne die patriarchalischen Strukturen zu brechen, ohne Aufklärung zur Mündigkeit – und vor allem ohne den Islam wirklich verstehen zu wollen und ohne den Mut, die religiösen faschistischen Gruppierungen zu bekämpfen, die immer wieder die Demokratie als Mittel nutzen, um an die Macht zu kommen, um sofort danach dieses Mittel zu zerstören.

Die Verzerrungen der europäischen Brille, gepaart mit Wunschdenken, lassen uns die „neuen“ Taliban hoffnungsvoll betrachten. Genau so haben wir zuvor einst die türkische AKP und Erdogan bewertet. Gab es damals, als Erdogan an die Macht kam, nicht Politiker, die von einer muslimischen CDU gesprochen hatten?

Aber nicht nur in der Außenpolitik kommt es immer wieder zu Fehleinschätzungen, sondern auch mitten in Europa – egal ob bei der Integration, der Migration oder beim Umgang mit dem politischen Islam. Unsere Politiker sehen all diese Phänomene aus ihrer westlichen Brille. Die undemokratischen Akteure wissen mittlerweile, welche Codes, welche Worte sie nutzen müssen, um die Herzen der überforderten und naiven europäischen Politiker schneller schlagen zu lassen: „Demokratie, Menschenrechte, Freiheit“. Wenn das nicht zum Ziel führt, klagt man über Rassismus und macht sich theoretische Konzepte wie den Postkolonialismus zu eigen, um kritische Stimmen zu unterdrücken.

Es sind patriarchalische und religiöse Autoritäten, die in vielen muslimischen Ländern und in den Köpfen der Menschen Unheil und Zerstörung bringen. Sie zielen auf Erziehung zur Unmündigkeit, die Tabuisierung von Sexualität und kollektivistische Lebenskonzepte ab, sie lehnen individualistische Bestrebungen ab. Wohlstand und Demokratie werden dadurch niemals erreichbar sein – eine Botschaft, die besonders bei der Jugend dieser Länder ankommen muss. Ohne die Werte der Aufklärung werden die meisten Menschen einem Leben in Armut, Hoffnungslosigkeit und mangelnder Freiheit entgegenblicken. Viele wollen Wohlstand, Freiheit gern genießen, jedoch nur unter Beibehaltung ihrer religiösen und patriarchalischen Vorstellungen – und das bedeutet, die Religion ist die wichtigste Instanz. Meinungsfreiheit birgt das Risiko der Blasphemie und muss deshalb begrenzt werden, ebenso wie die Freiheit der Frauen. Eine Demokratie, wie der Westen sie versteht, will nur eine Minderheit. Die „demokratischen“ Wahlen der letzten Jahre in vielen Ländern zeigen es immer wieder deutlich, ob in Gaza, Ägypten, dem Iran, Tunesien oder der Türkei.

Zweifelsfrei sollen Menschenrechte und Freiheit nicht als europäisch betrachtet werden, und ja, sie sollen Exportgedanken Richtung Osten bleiben, erfüllen diese doch tiefe menschliche Bedürfnisse, unabhängig von Herkunft, Religion oder Hautfarbe. Doch der Westen täte gut daran, wenn er bei der Unterstützung von demokratischen Bestrebungen die Umgebung neutral und nüchtern zu betrachten lernt.

Die Bevormundung durch den Westen kann nicht mehr das Mittel der Stunde sein. Die Region braucht tiefgreifende Reformen in allen Lebensbereichen: Religion, Bildung, Erziehung und Demokratisierung. Diese Reformen müssen aber aus den Bevölkerungen dort selber kommen. Nur mündige Menschen können eine qualitative Änderung schaffen. Der Verzicht auf Teile ihrer „alten“ Kultur und Religion zum Wohl einer neuen, stabileren und besseren Lebensform muss Antrieb der Menschen dort sein, er kann nicht von außen erzwungen werden, wohl aber gefordert und gefördert werden. Nur wer zu dieser Erkenntnis kommt, kann diese Region verstehen.

Wenn der Westen wirklich Interesse an einem nachhaltigen Wandel hat, dann darf er nicht in Wunschdenken verfallen und die schwierigen Themen ausblenden. Diese Länder bei solchen Prozessen der Demokratisierung zu begleiten und zu unterstützten bedeutet, die richtigen Partner vor Ort und eine klare Sprache zu finden. Sie bedeutet, Geld und Ressourcen lieber in neue Bildungssysteme, Aufklärung, unabhängige Medien und demokratische Grundstrukturen zu investieren statt in korrupte Politiker, die nur sich selber bereichern wollen.

■ Der Autor ist Psychologe und Islamismus-Experte