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Das Akkordeon Jazzt


akkordeon magazin - epaper ⋅ Ausgabe 72/2020 vom 03.02.2020

Swingende Songs, energischer Bop, Bluestöne, komplexe Rhythmik, einfallsreiche Improvisation, anspruchsvolles Solospiel: Jazz integriert all das, verknüpft sich hier weiter zur Weltmusik, dort zur Rock Fusion, anderswo zum klassisch untermauerten Kammerjazz. Es zeigt sich ein enormes Spektrum, in dessen swingenden Anfängen das Akkordeon durch musikalische Pioniere schon in den 1930ern mitmischte. Seitdem hat es über die Jahrzehnte vieles mitgeformt. Wir folgen den Spuren der frühen Swing- Akkordeonisten bis zu den innovativen, stilintegrierenden Jazzakkordeonisten von heute.


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FOTOS: ACCORDIONS WORLDWIDE, ARCHIV FRANK MAROCCO, JACKY LEPAGE, DEAN BENNICI, BREMME UND HOHENSEE, STEVEN HABERLAND, ANDREAS HINTERSEHER, BOBBY KAY, GUY KLUCEVSEK, CORY PESATURO, MICHAEL REIDINGER, ROLF SCHOELLKOPF, JIMMY TRÄSKELIN

Findig, kreativ und erneuernd, voller Energie und künstlerisch anspruchsvoll – wie kaum eine andere Musik integriert Jazz all diese Charakteristika. Buchstäblich jede moderne Musik von R&B über Rock bis Hip- Hop ist durch Jazz mitbeeinflusst. Die markante Phrasierung, die charakteristischen Harmonien und Blues- Töne, die in der afrikanischen Tradition begründete Rhythmik, die Kultivierung des freien Solo- Spiels, und der Improvisation, von der Solo- bis zur interaktiven Ensemble- Improvisation, all diese Facetten verbinden sich im Jazz. Diese Musik hat eine enorme Kraft zur Erneuerung. In allen Stilen, sei es im frühen Swing, Bebop oder Cool Jazz, und all den modernen Variationen, die sich dort zum Straight Ahead Jazz entwickeln, anderswo zur Rock Fusion verknüpfen, zu Weltmusik und World Jazz entfalten, oder faszinierende Verbindungen mit klassischem und zeitgenössischem Repertoire aufbauen, begegnen uns Künstler am Klavier, Schlagzeug und Kontrabass. Protagonisten am Klavier waren oft wichtige Gestalter und Wegbereiter, wie Duke Ellington, Count Basie, später der seinerzeit sehr originelle Thelonious Monk, dann Chick Corea, Herbie Hancock und so viele andere. Als stilbildend haben sich oft außerdem die Trompeter hervorgetan, in den frühesten Anfängen der Kornettist Buddy Bolden, bald darauf der bis heute verehrte Louis Armstrong, in den 1950ern und darauffolgenden Jahren außergewöhnliche Künstler wie Dizzy Gillespie und Miles Davis, bis hin zu heutigen Jazzikonen wie Wynton Marsalis. Ihnen zur Seite standen die gleichermaßen einflussreichen Saxofonisten, wie Coleman Hawkins, Lester Young, die zeitlosen Ikonen Charlie Parker und John Coltrane, später auch Ornette Coleman, und viele andere.

Das Akkordeon wird zum Swing- Instrument

Akkordeon und Jazz? Dass sich in dieser Kombination im engeren Sinne Stilbildendes getan hat, dauerte bis etwa zu den 1960er, 1970er Jahren. Begegnet sind sich Jazz und Akkordeon aber bereits zur Zeit der Swingmusik. Zwei Strömungen trafen da aufeinander. In den 1920ern und 1930ern war der damals noch junge Swing in den Vereinigten Staaten enorm beliebt, in den Clubs und Tanzsälen von New Orleans bis Chicago und von dort bis New York wurde gespielt, gesungen, getanzt und gefeiert, und nicht nur dort. Gleichzeitig hatten Akkordeons eine veritable Hochphase. Abertausende wurden allein im „Musikwinkel“ im sächsischen Vogtland, im baden- württembergischen Trossingen, in weiteren Städten und in Nachbarländern wie Italien und Frankreich angefertigt. Mit den Auswandererwellen aus Europa reisten sie in großer Zahl in die USA. Da auf dem Akkordeon alles gespielt werden kann, wenn es jemand spielt, wurde bald der Swing für dieses Musikinstrument entdeckt. Musikstücke, die wir heute als Swing- und Jazzstandards kennen, und die immer noch weltweit auf Jam Sessions interpretiert werden, wurden von Akkordeonpionieren erstmals mit Tasten, Knöpfen und Blasebalg angestimmt. Einige Musiker taten das mit so viel künstlerischem Feinsinn und Wohlklang, dass ihre Versionen bis heute berühmt sind. Die Akkordeonisten Art van Damme und Frank Marocco sind hier sicher mit als erste zu nennen.

Art van Damme kam im April 1920 in der winzigen Stadt Norway im US- Bundesstaat Michigan zur Welt. Als Neunjähriger begann er, klassisches Akkordeon zu lernen. Er spielte bald erste öffentliche Auftritte in seinem Heimatort und der Umgebung. Als er 14 war, zog seine Familie nach Chicago.

Es waren Einspielungen des Klarinettisten und Bandleaders Benny Goodman mit seiner sehr erfolgreichen Bigband, die ihn auf den Swing brachten. Er war gerade volljährig, und formierte bald ein erstes Trio mit Akkordeon, Bass und Gitarre. Gegen Ende der 1930er Jahre war diese Combo überall in Chicago zu hören, für mehrere Jahre. Als 21- jähriger schloss er sich seinerseits einer Bigband an, der des Violinisten Ben Bernie. Das gab ihm noch einmal ordentlich künstlerischen Schub. Nach einer etwas zweimonatigen Tournee wieder zu Hause in Chicago begann van Damme, erstmals als Akkordeonsolist Konzerte zu spielen. Der Rest ist Jazzgeschichte. Der swingende Akkordeonist gründete weitere Ensembles, darunter sein bekanntes Quintett. Er arbeitete über viele Jahre für Radio und Fernsehen, insbesondere für das Sendernetzwerk NBC. Sein Konzertleben brachte ihn mit unzähligen Ikonen des Jazz zusammen, etwa Dizzy Gillespie, Ella Fitzgerald und Buddy DeFranco.

Vor allem in den USA, aber zugleich weit darüber hinaus, wird van Damme bis heute als Pionier des Jazzakkordeons gefeiert. In manchem Bericht über seine Musik heißt es, er hat nicht zuletzt Goodmans Stil des Klarinettenspiels für sich als Modell für sein eigenes Swing- Akkordeonspiel verwendet. Wer seine zahllosen Aufzeichnungen hört, kann das nachvollziehen. Leicht, luftig und oftmals heiter, im rhythmischen Feeling im wahrsten Sinne des Wortes „bes(ch) wingt“ sind die Songs anzuhören. Seine Improvisationen über die gespielten Jazzstandards hat er nicht selten rasantvirtuos vorgetragen. Van Damme spielte bei verschiedenen Musikfirmen Alben ein, darunter Capital Records, Columbia Records, ab den 1960er Jahren auch beim deutschen Label MPS Records. „Die“ amerikanische Jazzzeitschrift Downbeat wählte ihn über zehn Jahre jedes Jahr zum besten Jazzmusiker am Akkordeon. Er spielte Zeit seines Lebens Klavierakkordeon, sein Modell war ein amerikanisches Fabrikat von Excelsior. Bis kurz vor seinem Tod im Februar 2010 gab er Konzerte. Als Komponist eigener Musik tat sich van Damme nie hervor. Einer seiner großen Erfolge ist, dass er als virtuoser Akkordeonist seine hörenswerten Versionen zahlreicher Jazzstandards sowohl live als auch auf seinen Alben um die ganze Welt schickte. Diesen Erfolg teilt er insbesondere mit dem etwas jüngeren Frank Marocco.

Frank Marocco mit Ensemble


Archiv Frank Marocco

Zeitlos „swingende“ Musik: Frank Marocco


Archiv Frank Marocco

Accordions Worldwide

Ein Pionier des Swing- Akkordeons: Art van Damme


Accordions Worldwide

Castelfidardo, 1988: Art van Damme (3. v. l.), mit Yuri Kasakov, Beniamino Bugiolacchi, Alain Musichini, Wolmer Beltrami, einem Unbekannten und Peter Soave (v. l.)


Accordions Worldwide/Castelfidardo Accordion Museum

Der französische Akkordeon- Maestro: Richard Galliano


Jacky LePage

Jazz – komponiert für Akkordeon

Im Januar 1931 in Joliet, Illinois, in der Nähe von Chicago geboren, wuchs Marocco in einer städtischen Umgebung auf. Als er sieben Jahre alt war, begann er, Akkordeon zu lernen. Zwar übte er sich viele Jahre vor allem in klassischem Repertoire. Sein Musiklehrer war aber ermutigend und aufgeschlossen, so dass der junge Frank sich zugleich an anderer Musik versuchte. Er übte außerdem Klavier, Klarinette und Dirigieren, setzte sich mit Musiktheorie auseinander und spielte in der Band seiner High School. Der damals sehr anerkannte Akkordeonist Andy Rizzo wurde sein nächster Lehrer. Als 17- jähriger gewann Marocco einen Musikwettbewerb. Sein ausgezeichnetes Solo durfte er mit dem Chicago Pops Orchestra in einem großen Konzert vortragen. Bald gründete er ein erstes eigenes Trio, mit dem er im Mittleren Westen der USA auf Tour ging. Ähnlich van Damme hat Marocco oft Jazzstandards interpretiert und dazu gekonnt improvisiert. Doch er verfasste zusätzlich eine Menge eigene Musikstücke für Akkordeon, wie „Autumn in Paris“, „Night in Morocco“ oder „F Minor Blues“. Damit tat er einen weiteren, wichtigen Schritt für das Jazzakkordeon: Jetzt waren Jazzakkordeonisten zugleich Komponisten.

Maroccos Umzug als junger Mann nach Los Angeles hatte auf seine weitere Laufbahn einen ganz wesentlichen Einfluss. Denn dort, umgeben von all den Filmemachern und Studios, dauerte es nicht lange, bis sein Akkordeonspiel auf Soundtracks landete. Über die Jahrzehnte wurde er zu einem der wohl meist aufgezeichneten Akkordeonisten. Namhafte Filmkomponisten wie John Williams, Hans Zimmer und Quincy Jones bezogen ihn und sein Victoria- Klavierakkordeon aus Italien in ihre Arbeiten ein. Zugleich ging er auf Tour, spielte Konzerte mit renommierten Jazzern, etwa Ray Brown, Zoot Sims und Herb Ellis. Er blieb ein produktiver Musiker der Szene, bis er im März 2012 im Alter von 81 Jahren verstarb. Die American Accordionists Association hatte ihn 2006 mit einem Lifetime Achievement Award geehrt. Seit 2000 ist er in der Accordion Hall of Fame im italienischen Vicenza vertreten.

Multistilistische Wege bis heute: Frankreich – von Musette bis Jazz

Van Damme, Marocco und einige ihrer amerikanischen Zeitgenossen am Akkordeon haben da also einige Wege geebnet. Das waren gute Anfänge für die Akkordeonisten, die nach ihnen den Jazz wesentlich mit umkrempelten und modernisierten – und das weiterhin tun. Blicken wir nach Frankreich, hat bis heute kaum jemand so viel fürs Jazzakkordeon erreicht wie Richard Galliano (*1950). Seine bis heute währende Karriere begann er in seinen 20ern, um 1970. Er hatte zunächst klassisches Akkordeon gelernt, sich daraufhin immer mehr dem Jazz zugewandt. Aus seiner multistilistischen, vielseitigen Inspiration heraus hat er seitdem das Repertoire für Akkordeon um viele anspruchsvolle, klangschöne Stücke erweitert. Einige davon sind heute veritable Standards des Jazz-Akkordeons geworden. „French Touch“, „Tango pour Claude“ oder „Valse à Margaux“ sind weithin bekannt. Bei der Schaffung schöpfte der Franzose zugleich aus der Musette- Kultur seiner Heimat und aus der reichhaltigen Jazzwelt Amerikas. Weitere wichtige Inspirationsquellen waren ihm klassisches Repertoire, Tango und brasilianische Musik. So kam es, dass Galliano bis heute ein geschätzter Akkordeonsolist ist, mit kleinen, jazzigen Ensembles auf Tour geht und zugleich sehr feinsinnige Konzerte mit klassischen Orchesterbesetzungen spielt. So wie er in den 1990er-Jahren bei den Victoires de la Musique Jazz ausgezeichnet wurde, erhielt er 2014 die Victoires de la Musique Classique und einen Preis als bester Komponist des Jahres. Sein Land verlieh ihm außerdem mehrmals staatliche Kunstpreise und Ehrungen, zuletzt 2016. Das von ihm meistens gespielte Victoria- Akkordeon hat er besonders schmal und leicht, mit einer speziellen Anordnung der Knöpfe, anfertigen lassen, um möglichst elegant und schnell spielen zu können.

Neuer Stilmix aus der jungen Generation: Vincent Peirani


Dean Bennici

Inzwischen hat sich der dreißig Jahre jüngere Vincent Peirani (*1980) als weiterer, innovativer Gestalter des französischen Akkordeonjazz etabliert. Seine Musik ist eingefärbt von den Pop- und Rockeinflüssen seiner Zeit, andererseits von Weltmusik. Galliano zählte zu seinen Vorbildern, neben weiteren Landsleuten wie Marcel Azzola und Marc Berthomieu. Gleichzeitig hörte er Songwriter wie Joni Mitchell oder Simon und Garfunkel, und Rockbands wie Led Zeppelin. Aufgewachsen in Nizza begann er als Elfjähriger, Akkordeon zu lernen. Bald nahm er Unterricht am regionalen Konservatorium. In jungen Jahren heimste er erste Auszeichnungen ein, etwa bei den renommierten Wettbewerben in Castelfidardo und Klingenthal. Als 20- jähriger zog er nach Paris, wo er bis heute lebt. Er studierte dort zeitweise am nationalen Konservatorien Jazz. In der französischen Jazzszene arbeitete er bald mit Musikern wie Louis Sclavis, Renaud Garcia- Fons und Youn Sun Nah. Seit über acht Jahren hat er sein eigenes Quintett „Living Being“ mit Émile Parisien, Tony Paeleman, Julien Herné und Yoann Serra. Parallel tritt er öfter in Duos auf, etwa mit Émile Parisien am Saxofon oder Michael Wollny am Klavier. Peirani war auf zahlreichen internationalen Konzertreisen und spielte mehrere Alben ein. Insbesondere für seine eigenen Bands schreibt er die Musik großenteils selbst, zeigt sich zugleich als findiger Klangkünstler und Improvisator. Er erhielt in den letzten Jahren verschiedene Musikpreise, darunter den Prix Django Reinhardt der Académie du Jazz, die Victoires de la Musique Jazz und den Echo Jazz. Peirani spielt ein Victoria- Akkordeon, von dem er die Diskantabdeckung, und damit den Schriftzug, entfernt hat.

Italien – Canzone und Improvisation

In Italien wurde Gianni Coscia (*1931) zu einem der Wegbereiter des Akkordeonjazz. Er ist im norditalienischen Alessandria aufgewachsen. Umgeben von einer facettenreichen Szene der Akkordeonmusik und des Akkordeonbaus begann er die Lieder seiner Heimat mit dem Jazz zu verknüpfen. Mit seinen heute 88 Jahren gestaltet er die europäische Jazzszene weiterhin mit. In einem seit Jahrzehnten etablierten Duo spielt er mit dem Klarinettisten Gianluigi Trovesi. Die beiden gingen international auf Tour und haben mehrere Alben beim Label ECM veröffentlicht. Traditionelle, italienische Lieder und Jazz verschmelzen in ihrer Musik mit Elementen weiterer Stile wie Tango und Klezmer. Sie sahen sich aber auch Werke aus dem Operetten- und Theatergenre genauer an, etwa von Kurt Weill und Jacques Offenbach, und entwickelten daraus ihre ganz eigenen Versionen. Das ausgefeilte Umarbeiten, Arrangieren und Interpretieren von Musik war aber nur ein Teil der künstlerischen Arbeit. Coscia hat, ebenso wie Trovesi, immer wieder neue, eigene Stücke komponiert.

Schönklang an Akkordeon und Klavier: Luciano Biondini mit Rita Marcotulli


Steven Haberland

Zwei Könner an Akkordeon und Bassklarinette: Gianni Coscia mit Gianluigi Trovesi


Bremme und Hohensee

Luciano Biondini (*1971) aus Spoleto hat inzwischen ebenfalls neue Wege für den italienischen Akkordeonjazz erschlossen. Er lernte zuerst klassisches Akkordeon und trat schon früh als Solist auf. Er nahm unter anderem an Wettbewerben teil und erspielte sich einige erste Plätze, etwa den renommierten Premio Internazionale della Fisarmonica in Castelfidardo und die Trophée Mondiale de l’Accordéon. In seinen frühen 20ern wandte er sich immer mehr dem Jazz zu und blieb dabei. Seine stilistisch vielseitige, klangschön ausgefeilte und akkordeonistisch anspruchsvolle Musik präsentiert er bis heute oft als Solist. Er hat 2015 ein Solo- Album mit dem Namen „Senza Fine“ veröffentlicht. Zugleich gibt es interessantes Ensemble- Repertoire. Zu nennen ist hier unter anderem sein Trio mit Schlagzeuger Lucas Niggli und Tubist Michel Godard. In kontrastreichen Jazzduos setzt er sich das eine Mal Rita Marcotulli am Klavier gegenüber, ein anderes Mal den Saxofonisten Javier Girotto oder den Vokalisten Andreas Schaerer. Biondini komponiert inmitten unterschiedlichster Arrangements und eleganter Interpretationen auch eigene Musik. Er spielte mehrere Alben ein, unter anderem beim Label Intakt.

Seinen ganz eigenen, sehr frei gespielten Jazzstil am Akkordeon hat inzwischen Simone Zanchini entwickelt. Nur zwei Jahre jünger als Biondini (*1973) und aufgewachsen in dem kleinen Ort Novafeltria, studierte er klassisches Akkordeon in Pesaro. Ein unermüdlicher Klangforscher, erschloss er sich zusätzlich Jazz, zeitgenössische Musik und elektronische Klangwelten. Er arbeitete seinerzeit unter anderem mit Jazzgrößen früherer Generationen, wie Art van Damme, Frank Marocco und Bill Evans. Seit zwei Jahrzehnten tritt er regelmäßig mit den Solisten der renommierten Mailänder Scala auf. In seinen jazzigeren Ensembles fächert er ein breites klangliches und musikalisches Spektrum an seinem Ottavianelli- Akkordeon auf, und zelebriert originelle, bisweilen im Wortsinn „verspielte“, muntere Improvisationen. Er ging unter anderem in einem findigen Trio mit der deutschen Saxofonistin Angelika Niescier und seinem Landsmann Stefano Senni am Bass auf Tour. Mit John Patitucci und Adam Nussbaum formierte er ein italienisch- amerikanisches Jazztrio.

Sein neuestes, soeben veröffentlichtes Repertoire bringt ihn als Solist mit der HR Bigband (Frankfurt Radio Bigband) auf die Bühne. In unterschiedlichsten Besetzungen hat er inzwischen für mehr als 30 Alben Musik eingespielt. Zanchini tritt zusätzlich oft als Solist nur mit Akkordeon auf. Auf seinen Tourneen spielte der Italiener überall in Europa, bereiste die USA, Russland, Asien und den Nahen Osten.

Deutschland – jazzige Weltmusik

In Deutschland reflektiert die Akkordeonszene viele Einflüsse traditioneller Musik, es werden Walzer und Lieder gespielt, außerdem Tangos. Ein ausgezeichneter Musiker, der sich einer jazzigen Richtung verschrieben hat, ist Andreas Hinterseher (*1975). Aufgewachsen in einem bayerischen Dorf, ließ er sich in München am damaligen Richard- Strauss- Konservatorium (heute: Hochschule für Musik und Theater) klassisch ausbilden. Früh entdeckte er Vorbilder wie Art van Damme und Richard Galliano für sich. Kurt Maas, der wesentlich für die spätere Einrichtung eines Jazzinstituts an der Musikhochschule mitverantwortlich war, unterrichtete seinen jazzbegeisterten Studenten seinerzeit persönlich in dieser Musik. Die Bands, Clubs und Konzertsäle der Stadt boten zusätzliche Lernmöglichkeiten. In einem ersten eigenen Trio spielte Hinterseher mit Trompeter Reinhard Greiner und Bassist Christian Gemmer. Als wegweisend erwies sich für ihn, dass das Jazz- und Weltmusik- Quartett Quadro Nuevo 2001 einen neuen Akkordeonisten suchte. Sowieso Fan der Band, nahm Hinterseher das Angebot sofort an. Sein kontrastreiches, feinsinniges Spiel ist seitdem vor allem in diesem Ensemble zu hören. Jazz, Musette, Canzone, Tango, Bossa Nova und musikalische Anklänge aus aller Welt verschmelzen, gespielt an Akkordeon und Bandoneon, im Zusammenspiel mit Saxofon, Harfe und Kontrabass. Mit seinen Mitspielern Mulo Francel, Evelyn Huber und D.D. Lowka reiste Hinterseher mit diesem facettenreichen Repertoire über den gesamten Globus. Zeitweise schloss sich dem Quartett am Klavier Chris Gall an. Die Combo ist bis heute ausgesprochen erfolgreich, und heimste unter anderem einen German Jazz Award, den Europäischen Impala Award und zwei ECHO Jazz ein. Ihre Musik wurde bei Labels wie GLM und Okeh/Sony veröffentlicht. In einem sehr frei improvisierenden Duo arbeitet der bayerische Akkordeonist Hinterseher aber auch mit der Violinistin und Filmkomponistin Martina Eisenreich. Nicht zuletzt tritt er als Akkordeonsolist auf. Er hat abgesehen von originellen Arrangements immer wieder eigene Werke für Akkordeon komponiert. Seine aufwendigste Arbeit ist die zwölf Teile umfassende „Musik aus der Stille der Nacht“. Der Bayer spielt Akkordeons und Bandoneons des Herstellers Victoria.

Origineller, junger Jazz aus Italien: Simone Zanchini


Bobby Kay

Jazz und Weltmusik aus Deutschland: Andreas Hinterseher


Andreas Hinterseher

Österreich – zwischen Jazz, Klassik und Weltmusik

Im Nachbarland Österreich haben ebenfalls einige Akkordeonisten den Jazz vorangebracht. Zu nennen sind hier besonders Klaus Paier und Otto Lechner. Klaus Paier (*1966) entdeckte frühzeitig zuerst das Akkordeon, dann den Jazz. Als Siebenjähriger erhielt er privaten Akkordeonunterricht, und bereits mit zwölf Jahren trat er für eine Rundfunkaufnahme erstmals öffentlich auf. Wie so viele Akkordeonisten lernte er anfangs klassisches Repertoire. In seiner Jugend war er immer mehr fasziniert von Jazz, etwa von Duke Ellington, Count Basie, Thelonious Monk, Charlie Parker und Charles Mingus. Mit Art van Damme und Frank Marocco entdeckte er die Pioniere des Jazzakkordeons als Idole. In späteren Jahren lernte er beide selbst kennen und spielte mit ihnen gemeinsam Konzerte. Da es in seiner Umgebung kein Jazzstudium gab, studierte er klassisches Akkordeon in Klagenfurt. Im Jahr 1996 gründete er sein erstes Jazztrio mit Stefan Gferrer und Roman Werni an Bass und Schlagzeug. Ihr 1998 veröffentlichtes Debüt nannten sie „Accordion“. Kurze Zeit später startete Paier ein stilistisch vielfältig inspiriertes Duo mit Gerald Preinfalk an Saxofon und Klarinette. Der Akkordeonist schrieb früh eigene Musik und entwickelte dabei einen sehr nuancierten, feinsinnigen und kontrastreichen Improvisationsstil. Neben Jazz kamen klassische, Tango- und Weltmusikeinflüsse hinzu. Als wegweisend erwies sich besonders die Kombination seines Jazztrios mit einem Streichquartett, aus dem später das radio.string.quartet.vienna wurde. Sie veröffentlichten als Septett im Jahr 2000 das Repertoire „Movimiento“. Es wurde eine erfolgreiche und klangschöne Pionierarbeit in der Begegnung von Akkordeonjazz und Klassik. Daran knüpfte Paier in den folgenden Jahren zwei Alben als Solist mit dem Quartett an. Mit Cellistin Asja Valcic formierte er 2009 ein neues Duo. Die Kombination wurde zu einem Erfolg, die beiden gingen auf viele Tourneen und spielten vier Alben ein. Paier gründet aus bestehenden Ensembles immer wieder neue, zuletzt etwa ein Quartett. Im Jahr 2019 begann er mit Asja Valcic und Gerald Preinfalk ein neues Trio, mit dem Bassisten Florian Dohrmann ein Duo. Als ewig Klangsuchender erfüllte sich Paier im selben Jahr einen lang gehegten Wunsch und ließ sich am Heimatort St. Stefan nach seinen Vorgaben ein eigenes Akkordeon anfertigen. Er nannte das Modell „Passion“. Der Österreicher hat eine dreiteilige Akkordeonschule und hefteweise Solo- und Ensemble- Kompositionen verfasst. Er bekam mehrere Musikpreise, darunter 2011 den Silver Disc Award in Moskau, als erster österreichischer Akkordeonist. Seit dem Jahr 2000 spielt er auch Bandoneon, nennt als Vorbilder Dino Saluzzi und Astor Piazolla. Paiers Arbeit in Sachen Jazzakkordeon ist europaweit bedeutend.

Eine ähnlich vielseitig inspirierte, ganz eigene Musik hat der zwei Jahre ältere Otto Lechner (*1964) entwickelt. Aufgewachsen in dem kleinen Ort Melk machte er schließlich die österreichische Hauptstadt Wien zu seiner Wahlheimat. Der blinde Künstler spielte über die Jahre in zahlreichen, sehr unterschiedlichen Ensembles. In einigen davon kombinierte er sein ausgefeiltes, akkordeonistisches Können mit dem weiterer Akkordeonisten. Mit dem Franzosen Arnauld Méthivier formierte er das einfallsreiche, bis heute bestehende Duo „Arnotto“. Fünf Akkordeons begegneten sich gar im „Accordion Tribe“, den Lechner mit Guy Klucevsek, Lars Hollmer, Maria Kalaniemi und Bratko Bibic bildete. Neben Akkordeon spielt der Musiker zeitweise Orgel, Keyboard, und Harmonium, und singt. Ein weiteres langlebiges Duo formierte er mit seinem Landsmann Anton Burger an Violine und Viola. Lechner trat bereits in den 1990er Jahren oft als Solist auf. Er integriert nicht zuletzt gern andere Kunstformen in seine Auftritte, etwa Theater oder Literaturvortrag. Stilistisch begegnen sich traditionelle und folkloristische Einflüsse aus Österreich und anderen Musikkulturen. Jazzharmonien und Rhythmen sowie freie Improvisation entfalten sich vor allem in Lechners originellem Solo- Repertoire.

Finnland – multistilistische Improvisation

In Skandinavien hat sich inzwischen insbesondere der Finne Kimmo Pohjonen (*1964) mit einem innovativen Akkordeonstil etabliert. Aufgewachsen in dem kleinen Ort Viiala lernte er zuerst Folk, studierte dann an der Sibelius Akademie in Helsinki klassisches Akkordeon. Er setzte sich mit unterschiedlichsten Einflüssen auseinander und bildete einen eigenen Stil heraus. Klassische, zeitgenössische, elektronische und Rockelemente werden integriert. In dem Sinne jazzige Elemente sind kaum gegenwärtig, allerdings eine vielschichtige, rasante und einfallsreiche Improvisation. Dabei setzt Pohjonen mit seinem um MIDI- Technologie erweiterten Pigini- Akkordeon und zusätzlichen Effekten das Spektrum elektronischer Gestaltungsmöglichkeiten so vielseitig ein wie kaum ein Akkordeonist sonst. Der Finne spielt spektakuläre Solo Performances, verknüpft das Akkordeon zusätzlich mit sehr unterschiedlichen Ensembles. Die innovative Formation „Uniko“ bildete er mit Samuli Kosminen und dem Kronos Quartett. In den Bühnenstücken „Bright Shadow“ mit Minna Tervamäki und „Breath“ mit Tero Saarinen integriert er die Tanzperformance seiner Duo- Partner mit seinem ebenfalls tänzerisch vorgetragenen Akkordeonspiel. Pohjonen veröffentlichte zahlreiche Alben und bereiste auf seinen Tourneen den gesamten Globus. Schon das 1999 veröffentliche Akkordeondebüt „Kielo“ heimste für seine Originalität viele positive Kritiken ein. In seiner Heimat bekam der Finne 2015 den Emma Award, den Jussi Award für Filmmusik und 2016 den Staatspreis für Multidisziplinäre Kunst. Seine Musik gelangte mehrmals auf die vordersten Plätze der World Music Charts.

Kammerjazz“ und Improvisation aus Österreich: Klaus Paier mit Asja Valcic


Michael Reidinger

Inzwischen erweitert die finnische Akkordeonistin Johanna Juhola (*1978) die nordische Musikszene um einfallsreiches Repertoire. Traditionelles, Tango, jazzige Elemente, Elektronik, Pop und Improvisation bilden dabei eine neuartige Mélange. Wie der zwölf Jahre ältere Pohjonen studierte Juhola an der Sibelius- Akademie in Helsinki. Sie setzte sich intensiv mit klassischem Repertoire und mit der Musik von Astor Piazolla auseinander, musizierte gleichermaßen in Popund Hip Hop- Formationen. Als 22- jährige gewann sie mit dem Novjaro Quintett den Astor Piazolla Wettbewerb. Im Duo mit Milla Viljamaa wurde sie bald darauf erneut ausgezeichnet. Im Jahr 2006 veröffentlichte sie das ungewöhnliche Solo- Debüt „Miette“. Heute spielt die Finnin stilistisch vielseitig inspirierte Solo Performances und entwickelt eigene Repertoires mit unterschiedlichen Ensembles. Zu nennen sind derzeit vor allem ihr Trio und die Band „Reaktori“. Die Musik zeichnet sich oft aus durch gleichzeitig gekonntes Akkordeonspiel, findige Improvisation und eine fast spielerische Leichtigkeit.

Norwegen – Folk mit Jazzelementen In Norwegen hat Frode Haltli (*1975) einiges an multistilistischer, jazzbeeinflusster Akkordeonmusik entwickelt. Er begann als Junge, Akkordeon zu lernen. Mit elf Jahren wechselte er zu einem Modell mit Einzeltönen im Bass, mit zwölf Jahren vom Tastenmodell zum Knopfakkordeon. Zu seinen ersten Vorbildern zählten der Däne Mogens Ellegaard, Tango- Erneuerer Astor Piazolla und Bandoneonist Dino Saluzzi. Den Jazz entdeckte er durch Musiker wie Miles Davis und Glenn Gould. In Oslo studierte er an der Staatlichen Musikakademie Norwegens klassisches Akkordeon, besuchte zudem einen Jazzkurs. Am dänischen Musikkonservatorium in Kopenhagen schloss er eine weitere Studienphase an. Im Bereich der zeitgenössischen Musik ließ der Norweger neue Stücke komponieren, insbesondere für Besetzungen mit seinem Trio „Poing“ mit dem Saxofonisten Rolf- Erik Nystrom und dem Bassisten Hakon Thelin. Etwa einhundert Stücke sind in den letzten zwei Jahrzehnten entstanden. In einem langfristigen Duo spielt er mit dem Jazzsaxofonisten Trygve Seim. In den zeitgenössischen und mehr jazzorientierten Besetzungen verwendet Haltli gleichermaßen ein breites Spektrum an Improvisationen. Für klangliche Effekte nutzt er unter anderem das Eigengeräusch der Knöpfe, Percussion am Akkordeon oder Bellow Shakes. Seit 2017 integriert er im Tentett „Avant Folk“ norwegischen Folk mit Elementen aus Jazz und zeitgenössischer Musik. Diesen Bereich entwickelt er seit 2019 zusätzlich im neuen Quartett „Border Woods“ weiter. Die atmosphärischen Kompositionen sind oft komplex aufgebaut, verlaufen mit verschiedenen harmonischen und rhythmischen Veränderungen. Traditionelle Folkmusik ist in vielen der Ensembles repräsentiert, etwa mit Emilia Amper an der Nyckelharpa, oder mit Erlend Apneseth an der Hardanger Fiddle. Haltli spielt ein Pigini- Akkordeon.

Tango- Folk- Jazz- Improvisatorin aus Finnland: Johanna Juhola


Jimmy Träskelin

Integriert nordischen Folk zeitgenössisch und jazzig: Frode Haltli


© Rolf Schoellkopf

USA – neue Improvisationswege

In den USA gab es in Sachen Akkordeonjazz zwischenzeitlich ebenfalls wieder neue Entwicklungen. Guy Klucevsek (*1947) aus New York gestaltet diese seit einigen Jahrzehnten mit. Er gilt als in vielen Stilen gewandter Akkordeonist und origineller Improvisator. Akkordeon lernte er ab dem Alter von acht Jahren etwa ein Jahrzehnt intensiv bei Walter Grabowski. An den Universitäten von Pennsylvania und Pittsburgh studierte er Musiktheorie und Komposition. Bald darauf arbeitete er in den Bereichen von zeitgenössischer Improvisation und Jazz mit so unterschiedlichen Künstlern wie Laurie Anderson, Dave Douglas, John Zorn, Alan Bern, dem Kronos Quartett, und vielen anderen. Flexibel und vielseitig ging er einerseits weltweit auf Konzertreisen und spielte eine große Zahl an CDs ein, andererseits schrieb er Musik für Theater. Insbesondere seine Initiative war es, die 1996 den „Accordion Tribe“ mit Otto Lechner, Lars Hollmer, Maria Kalaniemi und Bratko Bibic an den Start brachten. Das originelle Akkordeonisten- Quintett bestand bis 2009. Nicht zuletzt ist Klucevseks Akkordeonspiel auf einigen Soundtracks von John Williams für Kinofilme des Regisseurs Steven Spielberg zu hören. Er wurde mit mehreren Kunstpreisen ausgezeichnet, darunter dem New York Dance and Performance Award und einem United States Artists Collins Fellowship.

Der Musiker spielt meist ein Titano- Akkordeon mit Einzeltonerweiterung im Bass. Seit einigen Jahren spielt er nur noch relativ selten Konzerte.

Red Wierenga (*1980) ist einer der jüngeren, amerikanischen Musiker, die heute die akkordeonistischen Möglichkeiten für Jazz und moderne Improvisation weiter ausloten. Als Vorbild am Akkordeon nennt er unter anderem Klucevsek. Aufgewachsen in Rochester im Bundesstaat New York lernte Wierenga zunächst Klavier, dabei sowohl klassisches Repertoire als auch Jazz und Gospel. Frühe Jazzvorbilder waren Bud Powell, Bill Evans und Red Garland. Bald entdeckte der innovations- und klangsuchende Musiker außerdem Keyboard, Akkordeon und elektronische Gestaltungsmittel für sich. Er studierte Jazz an der Eastman School of Music in New York, dann elektronische und Computermusik am Konservatorium in Den Haag. Diese Elemente bringt er in verschiedenen eigenen Bands ein, darunter im „Respect Sextet“. In einigen Ensembles entwickelt er eine breite Palette von Live Electronics und anderen elektronischen Ansätzen weiter. Zugleich spielt er seit bald zehn Jahren akustisches Akkordeon in John Hollenbecks „Claudia Quintet“, einer Jazzcombo, in der alle sehr frei und interaktiv improvisieren.

Cory Pesaturo (*1986) aus Providence wiederum ist einer der jungen US- Akkordeonisten, die sich aus heutiger Perspektive mit oftmals traditionellem Jazz auseinandersetzen. Er knüpft dabei an die Wege von Künstlern wie Art van Damme und Frank Marocco an und zeigt, wie die von ihnen gespielte Musik in der Gegenwart neu interpretiert werden kann. Dabei bezieht er unter anderem die Möglichkeiten digitaler Akkordeons ein, etwa von Roland- Modellen. Er bekam in den letzten Jahren einige Musikpreise, etwa den Coupe Mondiale für Digitalakkordeon und den finnischen Primus Ikaalinen. Pesaturo hat am New England Conservatory in Boston studiert. Abgesehen von CD- Einspielungen und Tourneen trat er in einigen Fernsehsendungen und bei Veranstaltungen im Weißen Haus auf.

Vielseitiger Stilist und Improvisator aus den USA: Guy Klucevsek


Guy Klucevsek

Powersoli bei den jungen Akkordeonisten: Cory Pesaturo


Cory Pesaturo