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Das Auto als Persönlichkeit, die man lieben kann: »AUTOS SIND NERDS AUF RÄDERN GEWORDEN.«


ramp - epaper ⋅ Ausgabe 46/2019 vom 11.07.2019

EIN GESPRÄCH MIT DATENANALYSE-PIONIER DR. NICOLAS BISSANTZ, DER FÜR EIN BESSERES INFORMATIONSDESIGN KÄMPFT – IM MANAGEMENT UND IN FAHRZEUGEN.


Artikelbild für den Artikel "Das Auto als Persönlichkeit, die man lieben kann: »AUTOS SIND NERDS AUF RÄDERN GEWORDEN.«" aus der Ausgabe 46/2019 von ramp. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ramp, Ausgabe 46/2019

Haben Sie sich jemals in ein Auto verliebt?
Nicolas Bissantz: Oh ja. Ich hatte zwei große Lieben. Ich behaupte immer, meine erste Liebe sei ein GTV Bertone Zweiliter gewesen, mit einem großen Loch im Kofferraum, durch das man die Straße sah, mit abgesägtem Schalthebel für kürzere Schaltwege und in Rot. Das Auto ist längst tot, aber meine Liebe hält an.

Das klingt so, als hätte es eine andere erste Liebe gegeben, die Ihnen peinlich ist.
Ein wenig. Es handelte sich ...

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Das klingt so, als hätte es eine andere erste Liebe gegeben, die Ihnen peinlich ist.
Ein wenig. Es handelte sich um einen uralten, hellblauen R12 auf schmalen Reifen, schwach motorisiert. Damit nahm mich meine Großmutter zum Picknick mit, lange bevor ich meinen Führerschein hatte.

Und seitdem gab es nichts mehr?
Doch, schon, aber mit steil abfallender Leidenschaftskurve. Meine Autos sind heute Lebensabschnittsgefährten. Man verabschiedet sich tränenlos und ohne sich umzudrehen. Ich finde aber nicht, dass das meine Schuld ist.

Sondern?
Autos sind Nerds auf Rädern geworden. Im Herzen sind sie dick bebrillte, pickelige Techies, die keiner auf seine Geburtstagsparty einlädt und die permanent um Aufmerksamkeit heischen.

Damit hat das moderne Auto aber keine Chance bei der Klassenschönheit.
Das erste Date endet mit einem Knall. Viele moderne Autos sind immer noch hinreißend schön, aber sobald sie den Mund aufmachen, kommt der Nerd aus dem Keller.

Was bedeutet das konkret?
Wenn ich in die Nordseestraße will, bekomme ich eine Liste der Nordsee-Filialen angezeigt. Wenn ich das iPhone einstecke und Siri das Ruder übernimmt, ist die andere Frau, die in den Tiefen des Armaturenbretts haust, beleidigt und sagt, »kein Telefon angeschlossen«. Einstellungen, falls ich sie überhaupt finde und ändern kann, werden nicht gespeichert, es gibt favorisierte Radiosender, aber die Musik startet immer in dem Sender, den ich nicht mag, wo man Drehregler erwartet, sind Knöpfe und umgekehrt, man soll mit dem ausgestreckten Arm kleinste Schaltf lächen treffen, Tempo und Tempolimit-Anzeige sind eine Armlänge auseinander platziert. Soll ich weitermachen?


IM HERZEN SIND SIE DICK BEBRILLTE, PICKELIGE TECHIES, DIE KEINER AUF SEINE GEBURTSTAGSPARTY EINLÄDT UND DIE PERMANENT UM AUFMERKSAMKEIT HEISCHEN.


Wie viele Punkte wären es denn?
So um die 500.

Das moderne Auto nervt mit 500 Schwachpunkten in der Bedienung?
Na klar. Die meisten Menschen sagen: »Ich nutze halt nicht, was ich nicht sofort verstehe.« Sie finden Gas, Bremse, Gang, Blinker, Scheibenwischer, Radio und ignorieren den Rest. Damit etwas wirklich funktioniert, muss man sich in 50 bis 100 Iterationen in jedes Detail reinknien. Ich wette, dass in der ganzen Welt Autovorstände in ihren eigenen Autos sitzen, sie nicht bedienen können, mit den Augen rollen und sich darauf verlassen können, dass es im Moment noch keinen juckt.

Bis einer kommt, der es richtig macht?
So ist es. Demnächst kommt ein Nischenhersteller mit einem Elektroauto ums Eck gefahren, in dessen schlicht ergreifend schöne Physis – innen und außen – wir uns Hals über Kopf verlieben.

Ein Tesla?
Ich glaube nicht. Die machen vieles richtig, sind aber auch zu selbstverliebt.

Gibt es auch Dinge, die Sie im modernen Auto erfreuen?
Ja, jede Menge. Was ich anspreche, ist ja ein fast kollektiver Fehler: Die Autoindustrie hat sich von der Softwareindustrie das unselige Beta-Denken und das ordinäre Posing mit Funktionen abgeschaut: Wir probieren mal was – und wenn der Kunde es nicht mag oder es nicht funktioniert, gibt es ein Update. Ingenieure haben früher schon aus technischer Not entscheiden müssen, was richtig ist. Der Nerd baut ein Drop-down-Menü und lässt den Nutzer wählen, was er haben will.

Wie wird das Auto wieder unser Freund?
Es respektiert die Grenzen der Wahrnehmung und passt sich fahrer- und situationsabhängig an unsere Aufmerksamkeit und Kapazität an.

Ich kann ohne Brille kaum noch etwas auf dem Armaturenbrett lesen.
Das geht mir auch so, ich müsste mit Lesebrille Auto fahren. Ein Drehregler für die Dioptrin-Zahl könnte da helfen …

Man steigt ein und alle Anzeigen passen sich in der Größe an die Sehfähigkeit an?
Die Entfernung der Anzeigen im Auto entspricht der bei Computerarbeit, ist aber für die Entfernung beim Lesen eines Buches gebaut. Dass das der TÜV nicht rügt, ist schon kurios.

Sie haben für Business-Software die sogenannten »Bissantz Numbers« entwickelt – Zahlen, die proportional zu ihrem Wert größer dargestellt werden. Gehören die nicht auch ins Auto?
Ich wünsche sie mir als Erstes im Tacho. Je schneller ich fahre, desto größer wird die Zahl, wenn ich übers Limit bin, wird sie rot und immer röter. Ansonsten ist sie blau.

Das ist auf vieles übertragbar, scheint mir.
Alles, was beim Fahren interessiert, lässt sich in Werten ausdrücken. Die Wichtigkeit steigt oder fällt mit dem Wert. Der Füllstand des Tanks sollte sich erst dann wichtig und wichtiger machen, wenn man ans Tanken denken sollte.

Ist das nicht auch ein Einsatzgebiet von Künstlicher Intelligenz?
Richtig verstanden schon. Man muss dabei wie ein menschlicher Assistent denken. Wenn ich weiß, dass ich das eingestellte Ziel mit diesem Tank nicht erreiche, kann ich Empfehlungen aussprechen, die sogar preis- oder markenabhängig sein können. Die Unterstützung fängt aber schon viel früher und trivialer an. Besonders nachts lenkt vieles den Blick im Auto ab und ermüdet.

Was ist mit akustischer Unterstützung?
Das ist ein weites und lohnendes Feld. Man kann die Augen schließen, aber nicht die Ohren.

Sehen Sie Augmented Reality im Auto?
Sagen wir so: Das Head-up-Display geht in diese Richtung. Es muss aber dringend überarbeitet werden …


DEMNÄCHST KOMMT EIN NISCHENHERSTELLER MIT EINEM ELEKTROAUTO UMS ECK GEFAHREN, IN DESSEN SCHLICHT ERGREIFEND SCHÖ-NE PHYSIS – INNEN UND AUSSEN – WIR UNS HALS ÜBER KOPF VERLIEBEN.


DR. NICOLAS BISSANTZ promovierte in Nürnberg im Bereich Wirtschaftsinformatik, 1996 gründete er das Softwareunternehmen Bissantz & Company GmbH, das sich mit dem Analysieren von Daten im betriebswirtschaftlichen Umfeld beschäftigt – oder anders gesagt: Sein Gebiet ist »Human centered AI«. Das Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern befindet sich mittlerweile an vier Standorten. Zudem ist Bissantz Inhaber von 14 Patenten in Datenanalyse, Visualisierung und Interaktionsdesign.


Foto Frank Kretschmann