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Das beste Rig* der Welt!: *Eine Schnur und ein Haken.


karpfen - epaper ⋅ Ausgabe 50/2019 vom 23.08.2019

ACHTUNG, DIESER ARTIKEL IST PURISTISCH. KEIN BOOT, KEIN ZELT, KEINE BOJEN – NUR ZWEI BEINE, ZWEI ARME UND EINE RUTE!


Artikelbild für den Artikel "Das beste Rig* der Welt!: *Eine Schnur und ein Haken." aus der Ausgabe 50/2019 von karpfen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

„Stunning zip linear“ nennt Alan diesen hübschen Fisch aus dem Budekanal.


Fotos: O. Davies

Pirschangeln ist beruhigend – naja, zumindest manchmal. Oder doch eher selten. Eigentlich so gut wie nie. Denn auch der Karpfenangler als klassischer Fallensteller trägt das Potenzial zum Jäger in sich, und dieses lebt er beim Pirschen komplett aus. Vor einiger Zeit war ich mit Oli an einem holländischen Parkteich, etliche große Spiegler zeigten sich an der Oberfläche. Aber die Fische waren verdammt ...

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... scheu! Ich war so auf die Karpfen fixiert, dass ich alles um mich nicht mehr mitbekam – zum Beispiel Oli, der nach meinem 150. (erfolglosen) Versuch sichtlich genervt war. Beim klassischen Ansitzen passiert das nie!

STRECKE MACHEN

Oft fragen mich andere Angler, welches das beste Rig denn ist. Sie erwarten dann Begriffe wie das neue Ronnie- Rig, das Blowback-Rig, oder das Slip-D-Rig. Aber sie irren sich. Mein äußerst spezielles Rig besteht aus einem Haken und einer Schnur. Mehr nicht, denn mehr benötige ich (zumindest beim Pirschen) nicht. Daher übrigens auch der Name „ Freelining“ – freie Leine eben.

Ebenso spartanisch wie die Montage ist übrigens auch das Gepäck, das ich mit ans Wasser nehme. Ich will ja Strecke machen! Manche Menschen haben viele Möglichkeiten, ans Wasser zu kommen, und andere weniger. Durch das leichte Gepäck entscheidet man sich aber viel eher, noch einmal ans Wasser zu fahren. Grundsätzlich gilt: Wer ein paar Angeltage am Wasser verbringt, bekommt immer mehr Bisse, wenn er sich während der Beißzeit aufmacht und eine Gelegenheit findet, einen Köder anzubieten, während der ansitzende Kollege darauf wartet, dass die Karpfen an seinen Futterplatz kommen. Oder noch am Aufbauen ist. Der Jäger sieht schon Silhouetten an der Oberfläche zwischen den Seerosen, während der Fallensteller noch seine Banksticks in die Erde schraubt. Der Jäger überwirft schon den dritten Fisch, während der Fallensteller gerade das Schlauchboot ins Wasser setzt. Der Jäger drillt, während der Fallensteller gerade die Bissanzeiger scharf stellt.

KARPFEN FINDEN

Um alle Gelegenheiten am Wasser nutzen zu können, muss man es aber etwas lesen lernen. Wie gesagt, wir müssen zum Fisch, der Fisch kommt aufgrund des fehlendem Futterplatzes nicht zu uns. Wenn man an einem Gewässer ankommt, an dem man nur eine Ecke mit Hindernissen entdeckt, kann man sicher sein, dass die Karpfen nicht fern sind. Wenn man an einem sonnigen Sommertag an einem Gewässer fischt, das an einer Seite flacheres und an der anderen Seite tieferes Wasser besitzt, dann halten die Fische sich meist im flacheren Wasser auf. Auch ausgedehnte Kraut- oder Seerosenfelder sind sichere Anzeichen für Karpfen. Sie hier zu fangen, ist meist nicht sehr schwer, weil sich die Fische einfach an gewisse Regeln halten. Aber jede Ausnahme bestätigt bekanntlich die Regel, denn es gibt Situationen, da muss man die Karpfen schon sehr überzeugen.

FALLSTUDIE 1:

PARTY-TRICK MIT WOODCARVING

Ich glaube, diesen Trick konnte ich Oli nie zeigen, aber Reedy, Tom und Nipples haben ihn schon gesehen. In den kälteren Monaten, wenn der Copse Lake klar wie ein Glas Gin wird und bevor man ihn befischen darf, suchte ich den Karpfen „Woodcarving“ und warf ihn gezielt mit einem Madenbündel an. Dann lockte ich ihn 20 Meter in meine Richtung, indem ich das Bündel langsam vor seinem Maul absinken ließ. Immer dann, wenn er ihn einsaugen wollte, zog ich es von ihm weg, und es passierte mehrfach, dass er direkt vor mir im Wasser stand, mit dem Maul über der Oberfläche. Mit einem Boilie würde man das nie schaffen! Mit dieser Taktik fangen Sie Ihren Zielfisch, wenn Sie ihn sehen können. Es ist die einzige, wirklich selektive Methode.

Sie sind beim Freelining ein Jäger, kein Fallensteller. Sie müssen zum Fisch, nicht umgekehrt. Und je leichter das Gepäck, desto weitere Strecken werden Sie zurücklegen.


DER TIPP-EX-HAKEN PASST SICH DEM WEISSBROT AN.

Gleich zwei erfahrene Fische fielen dem Madenbündel an freier Leine zum Opfer. Wer fein fischt, fängt mehr!


Sie erinnern sich an meine Geschichte mit Oli an dem holländischen Parkteich zu Beginn des Artikels, nicht wahr? Das ist kein Einzelfall.

Unterm Strich passen alle Kleinteile in die Bauchtasche. Ans Wasser schleppt man außer letzterer nur noch das Rutenfutteral mit Rute und Kescher.


DAS SCHAUMSTOFF-STÜCKCHEN HÄLT DAS MADENBÜNDEL IN DER SCHWEBE.

FALLSTUDIE 2:

DAS RÄTSEL AM BUDE-KANAL

Bei dieser Geschichte habe ich ganz schön was gelernt. Stellen Sie sich einen Uferweg vor, auf dem ordentlich was los ist. Ich wanderte beim Angeln diesen Weg entlang und ließ meine Köder ins Wasser. Obwohl ich auf meinen Schattenwurf achtete, waren die Karpfen fast immer sofort weg. Ich fand eine andere Gruppe, ließ wieder vorsichtig mein Brot oder meine Maden ins Wasser, und wieder trieben die Karpfen ab. Das ging für eine Weile so weiter, bis ich bemerkte, dass Anschleichen nicht funktionierte. Also mischte ich ein paar Flocken und Hanf und fütterte ein paar Spots an. Jetzt hatte ich sie, überall konnte ich gefärbtes Wasser und schlagende Schwanzflossen sehen! Wieder ließ ich meinen langsam sinkenden Köder ins Wasser, und innerhalb weniger Minuten hörten die Karpfen auf zu fressen. Die Fische duldeten mich einfach nicht! Sie waren zwar daran gewöhnt, dass ständig Leute vorbeigingen – aber sie wurden misstrauisch, wenn jemand am Ufer stand oder sich sogar hinhockte. Wenn ich die Karpfen also an einem Spot fressen sah, ging ich etwa zehn bis 15 Meter weiter, warf den Köder über die Stelle und holte ihn ein, bis er genau darüber stand – zack! Sie haben ihn immer genommen!

Selbst erfahrene Fische fressen das schwerelose Madenbündel arglos.


EINE ETAGE TIEFER

In Frankreich habe ich mir auch schon ganz schön die Zähne ausgebissen. Die Fische nehmen einfach sehr oft keinen Köder an der Oberfläche! Ich kann mir absolut keinen Reim darauf machen, woran das liegt, aber es ist nun einmal so. Am Köder liegt es nicht. Ob Neuseeland, Holland, China oder Tschechien – in keinem dieser Länder wurde auf meinen Touren ein Stück Brot von einem Karpfen verschmäht. Ich denke deshalb eher, dass die Fische, die kein Brot von der Oberfläche nehmen, schon schlechte Erfahrungen damit gemacht haben. Sie wurden also wahrscheinlich schon mit Schwimmbrot gefangen.

Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht fressen. Wenn Karpfen beispielsweise zwischen Seerosenblättern liegen, holen sie sich auch die Schnecken von den Stängeln. Die sind aber unter der Wasseroberfläche – und da muss dann auch das Brot hin! Selbst kritische Fische nehmen es dann. Wenn Sie das Brot etwas zusammendrücken, durchbricht es den Oberflächenfilm und trudelt langsam hinab, die Karpfen lieben das. Schneller sinkende Köder, wie ein Bündel Maden, balanciere ich mit Schaumstoff aus.

AM BESTEN IM GEMÜSE

Meine zwei Methoden beim Freeling sind also die Angelei mit Oberflächenködern und auch langsam sinkenden Ködern, wenn die Fische wenig Lust haben. Beim Oberflächenangeln sollten die Fische am besten zwischen Gras oder Seerosen stehen. Das ist das absolute Traum-szenario. Ich brauche genug Seerosen oder Kraut an der Oberfläche, dass die Karpfen zwar Unterschlupf haben, aber ich ihre Köpfe und Schwanzflossen genau sehen kann. Treiben die Fische einfach nur im freien Wasser, erschrecken sie sich oft und fliehen, wenn man sie mit einem Hakenköder anwirft. Im Kraut kann man den Köder dagegen hin- und herziehen, ohne dass die Karpfen davon gestört werden. Nur auf den letzten 15 Zentimetern müssen Sie vorsichtig sein: Der letzte Zupfer entscheidet darüber, ob Sie den Fisch fangen oder nicht. Wenn es Ihnen gelingt, den Köder über den Kopf des Karpfens zu bewegen, ohne ihn zu erschrecken, nimmt er ihn. Es sei denn, es ist kein Sauerstoff im Wasser, der Fisch nimmt ein Sonnenbad, oder es ist einer der französischen Karpfen, die kein Brot von der Oberfläche fressen.

Alan fischt leichtes Gerät – aber nur, wenn sich wenige Hindernisse im Wasser befinden.


FALLSTUDIE 3:

JEDE GELEGENHEIT NUTZEN

„Opportunismus“, das ist das große Schlagwort beim Freelining. Ich war in Österreich, auf einer Arbeitsreise – Angeln stand bei mir also definitiv nicht auf dem Plan. Ich stieß auf ein paar Fische in einer flachen, verkrauteten Kiesgrube. Ich musste es einfach versuchen, also lieh ich mir Rute und Rolle, und einen Haken konnte ich auch noch auftreiben. Unsere Gastgeberin Claudia hatte ein wunderbares Frühstück gemacht, da ihr Mann Geburtstag hatte. Es gab Champagner und Canapés – diese kleinen Häppchen waren genau das, was ich als Köder brauchte, und ich zog ein Stück geräucherten Lachs wie einen Wurm auf meinen Haken. Ich suchte mir den Karpfen aus, den ich haben wollte (natürlich den größten), und er nahm den Köder sofort. Natürlich funktioniert es nicht immer so – aber versuchen Sie es, und vielleicht haben Sie Glück!

DIE WINKELFRAGE

Angle ich mit einem langsam sinkenden Köder, sieht die Sache etwas anders aus. Im Idealfall sollte der Karpfen parallel zum Ufer schwimmen, an dem ich stehe. Schwimmt der Fisch geradlinig auf mich zu oder von mir weg, wird es schwer, ihn zu haken. Entweder ziehe ich den Köder geradlinig aus dem Maul des Karpfens oder ich kann nicht er kennen, wann er sein Maul schließt. Der Karpfen soll also von links nach rechts oder umgekehrt schwimmen. Sie müssen jetzt vieles abschätzen: Die Geschwindigkeit des Fisches, die Tiefe des Wassers, und vor allem die Absinkgeschwindigkeit des Köders. Ergeben sich am Angeltag die meisten Gelegenheiten in der Nähe der Oberfläche, befestigte ich etwas mehr Schaum am Madenbündel, damit es sehr langsam sinkt oder beinahe auftreibt. Stehen die Fische tiefer, benutze ich weniger Schaum, damit der Köder schneller sinkt. Es ist alles eine Frage des Timings: Der Karpfen soll genau dort auf den Hakenköder treffen, wo ich es beabsichtige.

DIE HARDWARE

Ich setze beim Angeln mit Brot auf recht große Haken zwischen Größe eins und vier. Die Fische stört das meiner Meinung nach nicht, die sehen nur das Brot. Wenn ich Probleme mit besonders vorsichtigen Fischen habe, bemale ich den Haken mit Tipp-Ex. Fische ich hingegen mit Maden, schrumpft mein verwendeter Haken auf Größe acht bis zehn. So ist er super getarnt! Ich mag es, mit einer Brotbombe zu fischen, weil sich die Lebensdauer Ihres Hakenköders verlängert. Das Brot verbleibt mindestens 20 bis 30 Minuten in diesem Latexband. Rute und Schnur stimme ich auf die örtlichen Gegebenheiten ab. In hindernisfreiem Wasser benutze ich Schnüre von zehn Pfund Tragkraft und Ruten mit einer Testkurve von 2,75lbs. Je mehr Hindernisse in direkter Umgebung liegen, desto kräftiger wird logischerweise mein Gerät.

Der Lohn aller Mühen: Ein dicker Spiegler aus einem viel beangelten Gewässer.