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DAS BIN ICH!


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Madame - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 16.03.2022

MODE-PORTRÄT

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Haare & Make-up: Sascha Wobido für Blossom Management. Produktions Assistenz: Anastasia Vraka. Wir bedanken uns bei Ligne Roset für die freundliche Unterstützung.

Das oversized T-Shirt wird in die High-Waist-Hose gesteckt. Ein minimalistischer Trenchcoat komplettiert den eleganten Gentlewoman-Look. Hose von Brunello Cucinelli, um 1150 Euro. Top von The Frankie Shop, um 115 Euro. Mantel von Joseph, um 1245 Euro. Pumps: Louis Vuitton. Ohrringe: Messika

„Es geht mir darum, zu wissen: Ich habe mich all die Jahre nicht in mir getäuscht.“

„SEITHER LEBT ES SICH SO FREI “

Désirée Nosbusch über die Kraft von Neuanf ängen, spätes Selbstbewusstsein und dunkle Momente

Sie hat es sich an einem Sonntagvormittag im Sweatshirt vor dem Bildschirm gemütlich gemacht, in ihrem Zuhause in Luxemburg. Désirée Nosbusch trägt eine große schwarze Brille, die Haare straff zurückgebunden. Sie habe es heute morgen nicht mehr geschafft zu duschen und sich herzurichten, sagt sie. Sie sieht dennoch blendend aus, frisch, wach, bereit für das Gespräch. Nosbusch, bekannt ...

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... seit sie zwölf Jahre alt ist, inzwischen 57, ist in eine neue Lebensphase getreten – mal wieder. Sie dreht gerade nicht nur ihren ersten Spielfilm als Regisseurin, sondern hat soeben ihre Biografie veröffentlicht, „Endlich noch nicht angekommen“, so der Titel. „Sie sind die Erste, die das Buch gelesen hat“, verrät sie. Es ist ein offenes, unterhaltsames, emotionales Buch über ihr Leben und viele inspirierende und manchmal auch schreckliche Begegnungen. Ein Buch, das nur ein Zwischenbericht sein kann – denn da kommt noch Einiges.

MADAME: In Ihrer Biografie gibt es den wunderbaren Satz: „Egal, wie alt man ist, jeder hat immer die Chance, noch mal neue Wege zu suchen und zu gehen“. Ihr Lebensmotto?

Désirée Nosbusch: Total! Wer sagt einem denn, wann Schluss ist? Die Welt ist so bunt und voller Möglichkeiten. Wenn man sich erst mal von der Angst vor dem Untergehen befreit hat. Ich hänge nicht an Dingen. Ich frage mich dann: Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Ich verliere mein Haus – ja, blöd. Mein Geld – auch blöd. Aber solange ich meine Kinder, meine Gesundheit habe und Geschichten erzählen kann, wird es schon weitergehen. Dann ist es nie zu spät, sich neu zu erfinden.

Zum Beispiel als Regisseurin. Sie drehen gerade „Poison“, nach einem Stück von Lot Vekemans, mit Tim Roth und Trine Dyrholm …

Regieführen ist heftig, eine Überforderung im besten Sinne. Ein Regisseur sagte mir mal: „Man muss den ganzen Tag Entscheidungen treffen, und wenn am Ende 51 Prozent davon richtig waren, hat man einen guten Job gemacht.“ Das versuche ich gerade.

Ein Neuanfang – gleichzeitig schließt sich auch ein Kreis. Sie selbst haben „Poison“ 2011 am Theater in Luxemburg gespielt.

Ein einschneidendes Erlebnis. Damals war es mir zum ersten Mal gelungen, einen Charakter so darzustellen, dass ich für mich und für das Publikum komplett hinter der Figur verschwand. Es ist ein so intensives Kammerspiel, da gibt es kein Ausweichen: Ein Mann und eine Frau treffen sich nach zehn Jahren wieder, am Grab ihres gemeinsamen Kindes.

Das war Ihr persönlicher Durchbruch. Für die Öffentlichkeit kam er fünf Jahr später mit „Bad Banks“, wo Sie ganz hinter der Rolle der harten, um ihre Macht kämpfenden Bankerin Christelle Leblanc verschwanden. Wie war das für Sie?

Allein die Tatsache, dass Regisseur Christian Schwochow mich zum Casting eingeladen hat, hat mich geadelt. Ich wusste, Désirée, den Moment darfst du nicht verspielen, der kommt nicht wieder. Mit diesen Kollegen an diesem Stoff zu arbeiten, hatte ein ganz anderes Gewicht. Und so bin ich ins Charakterfach geschlittert. Das Tollste, was mir passieren konnte. Seitdem lebt es sich so wahnsinnig frei.

Können Sie dieses Gefühl genauer beschreiben?

Ich hatte Minderwertigkeitskomplexe. Wenn ich früher mit Schauspielern zusammensaß, die ich bewundere, fühlte ich mich nicht wohl. Heute weiß ich, ich gehöre dazu, ich bin im Club. Es geht nicht darum, wie andere mich sehen, sondern wie ich mich sehe. Zu wissen: Ich habe mich all die Jahre nicht in mir getäuscht. Wie oft habe ich gehört, „Désirée, du bist so gut als Moderatorin, du musst nicht alles können.“ Und ich habe oft Filme mit mir geguckt und war unzufrieden und habe mir gedacht, ja, vielleicht haben sie recht. Aber ich habe an dieser Vorstellung von mir als Schauspielerin festgehalten. Und jetzt zu sehen, dass ich nicht falsch lag, ist sehr befreiend.

MEILENSTEINE

Mit zwölf Jahren haben Sie im Radio angefangen, waren jahrzehntelang eine erfolgreiche TV-Moderatorin. Den Wunsch, hinter einer Rolle zu verschwinden, nicht als Sie selbst in der Öffentlichkeit zu stehen, hatten Sie aber schon zu Beginn Ihrer Karriere. Warum?

Ich habe mich schnell fremdbestimmt gefühlt. Alle anderen schienen besser zu wissen, wer ich eigentlich bin. Es hieß, ich sei altklug, frech, vorlaut. Ich musste einige der Worte erst mal in meinem Wörterbuch nachschlagen, Deutsch war ja nicht meine Muttersprache. Und das alles sollte ich sein? Ich war früh nicht mehr synchron mit mir selbst.

Sie sind mit 17 Jahren nach New York gegangen, um am Herbert Berghof Studio Schauspiel zu lernen.

Das war eine Flucht. Dort kannte mich niemand, und ich wurde nur für das beurteilt, was ich jeden Tag ablieferte. Es war meine Rettung.

Vor New York gab es ein paar Skandale um Ihre Person, die auch ein Zeugnis sind dafür, wie in den Siebzigern mit jungen Frauen in der Öffentlichkeit umgegangen wurde. Mit 16 drehten Sie den Film „Der Fan“, in der finalen Fassung sind Sie in langen, expliziten Nacktszenen zu sehen – viel länger und expliziter, als man Sie während der Dreharbeiten glauben ließ …

Das war wirklich ein Skandal, über den ich aus rechtlichen Gründen nicht ausführlicher sprechen kann. Aber ja, ich war geschockt, als ich die Aufnahmen sah. Damals lief das unter künstlerischer Freiheit.

In der Sendung „Auf los geht’s los“ mit Joachim Fuchsberger kritisierten Sie Franz-Josef Strauß, der on air einer Frau sagte, sie könne wegen ihres Gewichts nicht verbeamtet werden.

Da bin ich über Nacht zu einer Art Staatsfeind geworden. Ich habe Morddrohungen bekommen, stand unter Personenschutz, mir wurde vom Sender gekündigt. Ich war völlig am Boden zerstört.

Fuchsberger hat Sie noch einmal eingeladen, damit Sie sich entschuldigen. Er hat Sie zur Strafe vor laufenden Kameras übers Knie gelegt und zum Schlag ausgeholt. Joachim hat es gut gemeint, er wollte mir helfen. Aber natürlich war es absurd. Wenn ich einen Auftritt bereue, dann den.

Über ein noch viel dunkleres Kapitel in Ihrer Biografie sprechen Sie in Ihrem Buch erstmals ausführlicher. Zwischen Ihrem 14. und 25. Lebensjahr gab es einen 30 Jahre älteren Mann in Ihrem Leben, dessen Namen Sie nicht mehr aussprechen. In der Öffentlichkeit gerierte er sich als Ihr Manager und Liebhaber.

Er hat mich unterdrückt, manipuliert, missbraucht. Mir eingeredet, dass ich ohne ihn nichts wäre, ihm alles zu verdanken hätte. Dieser Mann hat sich in mein Leben gedrängt, und ich hatte lange nicht die Kraft, das zu verhindern. Und dann hatte ich lange nicht die Kraft, um auszusprechen, was mir damals passiert ist. Ich komme aus einer Zeit, in der Frauen die Schuld zuerst bei sich suchen: Hab ich es doch irgendwie gewollt? Warum habe ich das so lange zugelassen? Wie oft haben wir damals den Satz gehört: „Naja, dann wirst du es schon gewollt haben.“ Ich habe jahrelang Therapie gemacht. Ich fing an, es aufzuarbeiten, als ich Kinder bekam. Weil ich dachte, irgendwann stellen sie Fragen. Und dann muss ich antworten, das bin ich ihnen schuldig.

Kurz- Bio

Désirée Nosbusch wurde 1965 in Luxemburg geboren, als Tochter eines Lkw-Fahrers und einer italienischen Schneiderin. Mit zwölf begann ihre Karriere beim Radio. Sohn Lennon wurde 1996, Tochter Luka 1998 in L. A. geboren. Jetzt erscheint ihre Autobiograf ie „Endlich noch nicht angekommen“ (Ullstein, 22,99 Euro)

Sie sprechen in Ihrem Buch von Vergewaltigung.

Ja. Das war es. Ich wollte das eigentlich nicht schreiben. Aber dann dachte ich, ich kann nicht für mich in Anspruch nehmen, mein Leben ehrlich zu leben, und dann die Dinge nicht beim Namen nennen. Gleichzeitig fürchte ich, dass diese Geschichte alles andere überschattet, was mein Buch ausmacht. Dieses Risiko nehme ich in Kauf.

Sie haben das alles so lange für sich behalten, während die Geschichte einer einvernehmlichen Beziehung in der Öffentlichkeit weiterverbreitet wurde …

Das war es auch, was mich dazu gebracht hat, doch darüber zu sprechen. Wenn es zum achtunddreißigsten Mal in einer Talkshow heißt „Ja, und ihr damaliger Manager, in den waren Sie ja verliebt“, da schreit einfach alles in mir: Nein! Ich musste das klar stellen. Und Gott sei Dank gibt es nun eine neue Generation, die genauer hinhört und hinsieht. Die alten weißen Männer meiner Zeit sterben langsam aus. Die Senderchefs, die Redaktionsleiter, sie alle, die das damals zugelassen haben, beobachtet haben, daran mitverdient haben. Ich kann mir vorstellen, dass ein paar Männer vor meinem Buch zittern. Sollen sie ruhig. Aber es ist keine Abrechnung. Daran habe ich kein Interesse.

Mit 25 schafften Sie den Absprung – in einer Nachtund-Nebel-Aktion. Was ist in dieser Nacht passiert?

Das war der Moment, in dem ich wusste, wenn ich jetzt nicht abhaue, bin ich innerlich tot. Der Punkt, an dem ich bereit war, jeden Preis zu zahlen, um nur wegzukommen. Es ging nur noch darum, meine Seele zu retten. Also ließ ich alles zurück, stieg in ein Taxi zum Flughafen und flog zu meinen Eltern, die gerade in ihrer Wohnung in Italien waren.

Sie haben Ihr gesamtes Vermögen zurückgelassen.

Ich weiß bis heute nicht, wie viel es war. Ich hatte keinen Einblick in meine Gagen, keinen Zugriff auf mein Konto. Keine Ahnung, was damit passiert ist.

Ein großer Neuanfang. Und Sie waren das erste Mal verliebt, in den Komponisten Harald Kloser, den sie ein halbes Jahr später heirateten. Wenig später gingen Sie gemeinsam nach L. A.

Wenn es nach mir gegangen wäre, wären wir in seinem Heimatort in Österreich geblieben. Aber Harald wollte Filmmusik in L. A. machen.

Sie sind dann insgesamt 27 Jahre geblieben, obwohl Sie sich schon bald von Ihrem Mann trennten. Warum?

Ich wollte meine beiden Kinder nicht von ihrer gewohnten Umgebung und nicht vom Vater trennen.

Ihre Jobs hatten Sie nach wie vor in Europa, Sie mussten pendeln. Wie haben Sie Ihre Flugangst in den Griff bekommen?

Gar nicht. Es war furchtbar. Als Lennon geboren wurde, war ich bei RTL unter Vertrag, und wir sind dann zusammen alle drei Wochen für 14 Tage nach Europa geflogen. Dieser kleine Kerl war nur gejetlagged. Ich habe es gemacht, weil ich musste. Ich hatte einen Apparat, der weiter funktionieren musste. Ich war damals Hauptverdienerin für alle.

In L. A. haben Sie an der UCLA Film studiert, Regie und Produzieren.

Das war meine Art, die Zeit der Schwangerschaft sinnvoll zu nutzen. Ich bin während eines Kurses in die Wehen gegangen, mit meiner Tochter. 2011 gründeten Sie eine eigene Produktionsfirma, Deal Productions. Zu der Zeit war nix los in meiner Karriere, jahrelang, das muss ich ganz ehrlich sagen. Also dachte ich, ich muss mir selbst was suchen.

Und dann kam „Bad Banks“.

Ja, dann kam „Bad Banks“. Und dann „Der Irland- Krimi“ in der ARD, wo man mir zutraute, als Hauptrolle eine ganze Filmreihe zu tragen. Außerdem kommen dieses Jahr noch der Zweiteiler „Süßer Rausch“, der Film „Der Bär“ und wahrscheinlich eine zweite Staffel „Sisi“. Und natürlich „Poison“.

Wovor haben Sie mehr Angst: vor der Überarbeitung oder dem Leerlauf?

Am meisten habe ich Angst davor, den Moment zu verpassen, an dem ich aufhören sollte.

MADAME-Kulturchef in Lisa Goldmann ist schwer beeindruckt, wen Désirée Nosbusch schon als Teenager interviewte:Kim Wilde, Nina Hagen, Klaus Kinski und Bob Marley – dessen Marihuana-Qualm Nosbusch eine erste, unfreiwillige Drogenerfahrung bescherte.