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Das Böse bleibt in der Familie


Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 7/2021 vom 16.06.2021

VORSCHLAG HAMMER

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Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 7/2021

Wenn man für die Metal-Community die Metapher der Familie bemüht, dann gibt es immer auch das Äquivalent des suspekten Onkels, der zur See gefahren ist, gefährliche Tattoos auf knorrigen Muskelsträngen zur Schau stellt und bei dem man froh ist, dass er zur Familie gehört und kein Gegner ist. Wobei, ganz sicher ist man sich da auch nicht... Impaled Nazarene waren für mich genau dieser etwas suspekte, aber auch immer amüsante Onkel, seit ich Mika vor genau 30 Jahren über Tapetrading-Kreise nach dem TAOG EHT FO HTAO EHT-Demo fragte und er mir selbiges mit einem knurrigen Gruß und etwas verstörenden „Promo-Foto“ (das Genitalien involvierte...) zuschickte. Seitdem sind Impaled Nazarene eine Konstante des extremen Metal, aber nie eine seiner Keimzellen, sondern bis heute immer der Stachel in der Seite – auch weil sie recht stur zwar irgendwie Black Metal waren und sind, aber mit War ...

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... Metal, Punk und Industrial immer Zwietracht wider die familiäre Eintracht sähten. So auch auf dem neuen Album EIGHT HEADED SERPENT, dem ersten nach sieben Jahren, das Rotz, Riffs und eine überraschend knackige Produktion mit den üblichen Impaled Nazarene-Ingredienzen (einem Song mit „Goat“ im Titel und dem längsten, langsamsten am Schluss et cetera) verquirlt.

Arbeit und Vergnügen

Dass einer Band auf die alten Tage das jugendliche Ungestüm abgeht, ist normal, doch diese Pause ist für Impaled Nazarene schon außergewöhnlich. „Dabei lief es wie immer. Nach VIGOROUS AND LIBERATING DEATH spielten wir unsere Shows, dann spielten wir noch ein paar Shows, dann machten wir die MORBID FATE-EP... Es dauerte bis zum Sommer 2019, als wir uns ansahen und feststellten, dass es verdammt noch mal Zeit ist, ernsthaft an einem neuen Album zu arbeiten. Da hatten wir vielleicht drei halbwegs fertige Songs am Start.“ Zwei Dinge stehen, so Mika, der Kreativität im Weg: zum einen arbeiten alle Band-Mitglieder, sodass ihre Tourneen durch Finnland immer aneinandergereihte Wochenendaktivitäten sind. Zum anderen bedeutet live für sie Party, und das nicht nur auf der Bühne: „Wenn wir uns treffen, um für Auftritte zu proben, dann machen wir nur das. Sobald wir unser Set durchgespielt haben, sind wir sowieso viel zu fertig, um noch klare Gedanken an neue Songs zu fassen. Deswegen begannen wir erst vor knapp zwei Jahren, unsere Treffen im Proberaum mit der Arbeit an neuem Material zu verbringen.“ Dazu kommt ein klares Geständnis: „Wir sind ziemlich faul, manchmal dauert es sechs oder sieben Wochen, um alle zusammenzutrommeln. Was auch daran liegt, dass der eine die Morgen-, der andere die Nachtschicht und ein dritter am Wochenende arbeitet... Die Maloche ist der Hauptgrund, warum heute alles länger dauert.“ Wobei das Thema nicht ganz neu ist: Eine Band wie Impaled Nazarene überlebt keine 30 Jahre von Gagen und Albumverkäufen. „Unser Erfolgsgeheimnis ist, dass wir uns so selten wir möglich sehen“, lacht Mika. „Denn dann ist jedes Treffen eine gute Party!“ Der Beschluss, die Band nur noch nebenbei zu betreiben, kam früh in ihrer Karriere: „Mir war nach LATEX CULT, also 1996, klar, dass es nie für eine professionelle Musikerlaufbahn reichen würde. Zwei Jahre später, zu RAPTURE, hatten alle in der Band Jobs. Eine gute Wahl, wenn ich mir heute anschaue, wie die Existenzen all dieser ,Profis‘ hier in Finnland wegen der fehlenden Tourneen den Bach runtergehen.“

„Die Band ist für uns vor allem ein Treffpunkt. Wir machen das, um rauszukommen aus dem Alltag. Das kann ich nicht, wenn ich allein in meinen Computer brülle – wir müssen uns schon gegenseitig anschreien können.“

MIKA LUTTINEN

Die üblichen Rituale

In den Dekaden, die Impaled Nazarene als Amateure rumkrakeelen, haben sich eine Menge Rituale herausgebildet, so wie die erwähnten Spezial-Songs für jedes Album oder der klare Fokus auf das Gemeinsame: Impaled Nazarene erarbeiten bis heute alle Songs zusammen auf Proben. Jeder bringt seine Ideen für ein komplettes Stück mit – aber nur, wenn alle nicken, wird es behalten. „Die Band ist für uns vor allem ein Treffpunkt. Wir machen das, um rauszukommen aus dem Alltag. Das kann ich nicht, wenn ich allein in meinen Computer brülle – wir müssen uns schon gegenseitig anschreien können.“

Auch der kommerzielle Rahmen hat sich nicht verändert: Er ist bescheiden geblieben – und läuft bis heute mit dem Label-Partner von einst. „Es war bizarr, aber nach VIGOROUS AND LIBERATING DEATH bekamen wir ein paar Anfragen, ob wir uns vorstellen könnten, das Label zu wechseln. Aber warum sollten wir das tun? Mit Osmose hatten wir immer eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Es gibt noch nicht einmal einen Vertrag! Ende 2019 rief ich Hervé von Osmose und sagte, dass wir bald fertig sein würden. Er sagte, ihr kriegt das übliche Budget. Ich sagte, okay – ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie hoch dieses ,Budget‘ ist.“

Es hat offensichtlich gereicht, auch wenn die Band den Weg dorthin etwas improvisiert hat: „Ein glücklicher Zufall brachte uns in ein Studio namens Revolver, wo wir unter all diesen Coronaeinschränkungen als Band aufnehmen konnten. Ursprünglich sollte der Mix woanders stattfinden, aber nach einem Tag war klar: Wir machen es dort. Der Typ da hatte zwar gelegentlich mit Punk-Bands gearbeitet, produzierte aber überwiegend finnische Schlager. Das Coole daran war, dass er zum einen genau verstand, wie wir klingen wollten, und zum anderen richtig Bock darauf hatte. Er ist fast 70 und total oldschool, es war wieder so wie damals im Tico Tico in Turku, wo wir die ersten beiden Alben aufnahmen – ohne Clicktrack, als Band gemeinsam eingespielt.“ Auch beim Songwriting gab es keinen großen Plan mit neuen musikalischen Zielen, sondern einen klassischen „Eins nach dem anderen“-Ablauf – bei dem allerdings die entscheidenden Eckpfeiler als erstes eingerammt wurden: „Der ,Goat-Song‘, ‘Goat Of Mendes’, ist von mir und war der erste, den wir als Band eingeübt haben, nachdem ich klargestellt hatte, dass selbst wenn der Rest des Albums Fusion Jazz werden sollte, dies der Opener sei, er ‘Goat Of Mendes’ heiße und mir die Meinung der anderen dazu scheißegal sei. ‘Foucault Pendulum’ stammt von unserem Drummer Reima und war der zweite Song – auch hier war sofort klar, dass es der Rausschmeißer wird und keiner mehr irgendwas Längeres komponieren soll. Den Rest haben wir dann in etwa einem halben Jahr zusammengeprügelt...“

Ärger gehört dazu

Der letzte kreative Akt zu EIGHT HEADED SERPENT waren die Texte, die Mika größtenteils in den ersten Monaten der Pandemie schrieb, beim Warten auf den möglichen Studiotermin. Inhaltlich hat ihn das jedoch nicht besonders bewegt, statt Viren waren ihm Menschen und deren Versuch, sich als Teil einer Gesellschaft nicht andauernd an die Kehle zu fahren, wichtiger. Das war schon immer so bei Impaled Nazarene, trotz der grell-grotesken Ausstaffierung ihres Images mit satanischen Ziegen, Sado-Maso-Sex und nuklearen Vernichtungswolken – und schon Gegenstand der ein oder anderen Kontroverse. Mika hat nie ein Hehl aus seiner klaren antirussischen Einstellung gemacht, ein Fokus seiner aktuellen Texte ist jetzt die sogenannte Cancel Culture – typischerweise steigt er auch hier nicht auf irgendeiner intellektuellen Diskurshöhe ein, sondern bei seinem Unverständnis und dem hautnahen Erleben: „Ein Musiker der Band Sielunvihollinen verlor seinen Job in einem Plattenladen hier in Helsinki, nachdem die finnische Antifa eine Twitter-Kampagne gegen diese Band gestartet hatte und das Thema dann von der Tagespresse aufgegriffen wurde. Sielunvihollinen sind nicht nur antichristlich, sie sind vor allem auch antiislamisch, sagte man mir. Darüber kann man diskutieren, aber ist Twitter dafür ein geeignetes Medium? Ist es in Ordnung, dass jemand seine Existenz verliert, weil er in einer Band spielt, die Dinge zum Ausdruck bringt, die anderen nicht gefallen? Und ist das ein Thema für die landesweiten News? Haben wir nicht alle etwas Besseres zu tun?“

Mika selbst stand in Finnland schon im Mittelpunkt diverser Kontroversen, eben weil er Meinungs-Mainstream nicht mag und trotzdem die Klappe aufmacht. „Ich bin mir darüber bewusst, dass meine Texte hier in Finnland kritisch auseinandergenommen werden, aber das ist das gute Recht eines jeden. Nur sollte nicht jede Schlussfolgerung daraus auch geglaubt werden! Letzteres ist aus meiner Sicht das große Problem unserer Zeit: Menschen glauben jeden Mist. Impfen ist schädlich, die Erde ist eine Scheibe, Engel oder wahlweise Einhörner haben heilende Kräfte. Ist das ein verdammter Witz?“

ROBERT MÜLLER