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Das Dorf der Frauen


Grl Pwr - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 12.03.2020

Im brasilianischen Dorf Noiva do Cordeiro haben die Frauen das Sagen. Sie leben das Matriarchat und tragen dabei Glitzernagellack und Minirock. Es hat uns natürlich sehr interessiert, wie es dazu kam. Und wie das genau aussieht …


Artikelbild für den Artikel "Das Dorf der Frauen" aus der Ausgabe 1/2020 von Grl Pwr. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Grl Pwr, Ausgabe 1/2020

In dem abg elegenen Dorf im Osten Brasiliens feiern die Frauen ihre Weiblichkeit. „Wir sind ziemlich eitel“, sagen sie über sich selbst. Vorbild für viele ist das Lady- Gaga-Double „Keila Gaga“ (Mitte), das von dezent eher wenig hält


FOTOS MARLENA WALDTHAUSEN

Als der brasilianische Staatspräsident Jair Bolsonaro Vater einer Tochter wurde, entschuldigte er sich öffentlich für ...

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... diesen „Schwächeanfall“. Ein andermal schockte er mit der Aussage, die Abgeordnete Maria do Rosário sei zu hässlich, um sie zu vergewaltigen. Mit ihm ist ein frauenfeindlicher, rechtsextremer Autokrat an der Macht - in einem Land mit einer ausgeprägten Machismo-Kultur, in dem patriarchalische Verhältnisse tief verwurzelt sind.

Fast überall. Aber nicht in Noiva do Cordeiro, einem 300-Seelen-Dorf im Osten des Landes - dort sind es die Frauen, die das Sagen haben. Dort herrscht das Matriarchat. Wobei: Herrschen tut hier eigentlich niemand. Sie leben in einer Gemeinschaft zusammen, die auf einer simplen Formel basiert: „Alles, was Herz und Gewissen erlauben, ist möglich“, so die Matriarchin Delina Fernandes, eine einfache Frau von 75 Jahren, die von den Bewohnerinnen „Mãe“ genannt wird, „Mutter“. Statt durch Dominanz führt sie das Dorf mit Toleranz, Herz und Lebenserfahrung. Es gibt keine Verbote, keine Hierarchien und Privilegien. „Die Frauen hier sind frei, sie gehören niemandem“, sagt Dora de Almeida, die hier groß geworden ist. Und die männlichen Dorfbewohner? „Männer und Frauen sind bei uns gleichgestellt“, so Flávia Emediato, die mit zehn Geschwistern in einem Armenviertel lebte, bevor sie hierherkam. Und ja, man sieht tatsächlich Frauen wie Männer mit Besen und Putzeimern, aber alle wichtigen Ämter bekleiden hier eben doch die Frauen. Sie kümmern sich um die Finanzen, die Politik, die Landwirtschaft.

Wie vollkommen undenkbar so ein progressives Modell für viele ist, zeigt die Lieblingsanekdote der Dorfbewohnerinnen, die sie immer wieder erzählen und über die sie jedes Mal laut lachen müssen: Ausgerechnet an diesem Ort, an den sich zuvor kaum ein Tourist verirrte, tauchten auf einmal Männer aus Israel, England oder Japan auf, die ihre Rollkoffer über den staubigen Feldweg zogen, der nach Noiva do Cordeiro führt. Sie alle hatten dasselbe Ziel vor Augen: den Garten Eden für Singlemänner zu erreichen, der zwischen den Hügeln von Minas Gerais zu finden sein sollte. So hatte es in einem Artikel einer britischen Boulevardzeitung gestanden. Den sich ein Reporter allerdings größtenteils ausgedacht hatte - vielleicht aus dem Wunsch heraus, dass etwas wirklich wahr werden kann, wenn man es nur fest genug behauptet. Von einem Dorf, in dem nur Frauen leben, hatte er geschrieben: alle bildschön, alle einsam, alle auf der Suche nach dem Mann fürs Leben. Die Geschichte war so gut, dass sie sich auf der ganzen Welt verbreitete - und lauter Heiratswillige anzog. Nur stimmte sie eben nicht.

Wie jeder, der nach Noiva do Cordeiro kommt, wurden diese Männer herzlich empfangen. Sie stießen zwar auf jede Menge tolle Frauen - die aber in Wahrheit nur deshalb unter sich waren, weil die Männer des Dorfes fast alle unter der Woche im …Kilometer entfernten Belo Horizonte arbeiten. Und sie schienen kein bisschen einsam zu sein, sie umarmten sich oft und lange, sie lachten viel. „Man kann an diesem Ort sicher vieles finden, aber keine Frauen, die auf der Suche sind. Nicht nach Männern und auch sonst nach nichts, das ihr Leben verändern sollte“, sagt Fotografin Marlena Waldthausen, die knapp zwei Monate dort verbracht hat. Die Frauen haben sich ihre Freiheit selbst erobert und würden sie um keinen Preis der Welt wieder aufgeben.

Und das hat seinen Grund: Die Geschichte des Frauendorfs begann Ende des 19.Jahrhunderts mit der Farmerstochter Maria Senhorinha de Lima, der Großmutter der Matriarchin Delina. Sie verließ den reichen Bauern, mit dem sie zwangsverheiratet worden war, für den Mann, den sie liebte. Ein Skandal in der damaligen Zeit! Ihre Eltern verstießen sie, die katholische Kirche exkommunizierte das Paar und seine Nachkommen bis in die vierte Generation. Sie ließen sich abseits der Zivilisation nieder, bekamen neun Kinder, aus der Familie wuchs ein Dorf. In den ….ern heiratete dann der evangelische Prediger Anísio Pereira eine der Enkelinnen, die .¡-jährige Delina. Doch er war autoritär und dogmatisch, verbot Radio, Fernsehen und Musik. Die Frauen sollten plötzlich lange Röcke tragen, durften nicht verhüten - bis sie 1995 rebellierten, gemeinsam die Kirche abrissen und den Prediger verjagten. Sie fühlten sich befreit, aber auch etwas verloren, orientierungslos. Und erhoben schließlich Delina, seine Ex-Frau, zur Chefin.


„Man kann in Noiva do Cordeiro vieles finden, aber keine Frauen, die auf der Suche sind


Ohne sich je mit politischen Theorien beschäftigt zu haben, ist es den Bewohnerinnen gelungen, so etwas wie eine sozialistische, basisdemokratische Idealgemeinschaft zu erschaffen - bewusst ohne Religion, die „immer Männer bevorzugt“, wie Delina findet. Sie bauen gemeinsam Paprika und Auberginen für den Eigenbedarf an, Biquinho-Chilis für den Verkauf. Die Frauen organisieren sich in Gruppen, ein paar kochen für alle, die anderen arbeiten auf dem Feld oder in der Näherei, andere kümmern sich in der Dorf-Kita um die Kinder. Alle verdienen das Gleiche, rund 220 Euro im Monat, wovon ein Großteil wieder in die Gemeinschaft fließt: für einen neuen Traktor oder den Anbau eines Hauses, wenn eine Familie ein Kind erwartet.

Aber sie halten auch in persönlichen Krisen zusammen. Als Erick Vieira klar wurde, dass er auf Männer steht, fürchtete er, im Dorf nicht mehr willkommen zu sein. Homosexualität hatte es bis dahin dort nicht gegeben, die Matriarchin selbst hatte noch nie davon gehört - im Fernsehen guckt sie grundsätzlich nur Fußball, Internet gab es damals noch nicht lange im Ort. Trotzdem reagierte sie genauso, wie die Menschen um sie herum sie in jeder Situation erleben: zutiefst menschlich. Sorge machte ihr einzig, wie sie nun einen Partner für ihn finden könnte. Um der Gemeinschaft das Thema näherzubringen, ließ sie ein Theaterstück aufführen. „An diesem Tag wurde ich neu geboren“, sagt Erick. Er weint jedes Mal, wenn er seine Geschichte erzählt.

Delina Fernandes (Mitte) ist die Matriar chin des Dorfes - und das Herz der Gemeinschaft. Wenn die Bewohnerinnen die Chilis für den V erkauf vorbereiten, besprechen sie mit ihr alles, was sie bewegt


Beim Putzdienst in der Gemeinschaftsküche herrscht absolute Gleichberechtigung. Doch alle wichtigen Ämter sind fest in Frauenhand


„Ich glaube, wir sind alle so eng verbunden, weil wir stark sein mussten“, erklärt Flávia den Zusammenhalt: „Erst waren wir isoliert, weil wir evangelisch waren in einem katholisch geprägten Land. Aber keine Religion zu haben war noch schlimmer. Wir wurden in der Schule gemieden, als hätten wir eine ansteckende Krankheit.“ Die Bewohnerinnen von Noiva do Cordeiro hatten nur sich selbst - und rückten dadurch noch näher zusammen. „Es ist wie in einer großen gesunden Familie, in der man nur das Beste füreinander will“, beschreibt Marlena Waldthausen das Miteinander: „Ich habe nie Neid oder Konkurrenz erlebt.“

Mittlerweile wird das Dorf immer mehr akzeptiert, das Land schaut neugierig auf diese ungewöhnliche, gut gelaunte Kommune. Aber Vorurteile gibt es noch immer - vielleicht, weil etwas, das in seiner Andersartigkeit so gut funktioniert, schnell als Angriff auf den eigenen Lebensentwurf verstanden wird. Das erleben vor allem die Männer, die in die Stadt pendeln zum Arbeiten, seit das Dorf in immer mehr brasilianischen Medien zum Thema wurde. „Manche halten uns für dumm, weil wir von Frauen geführt werden“, sagt Klempner Vasseni Fernandes, der mit der Lehrerin im Dorf verheiratet ist. „Dagegen hätten wir uns anfangs oft gerne mit Fäusten gewehrt“, erzählt Vasseni weiter. „Aber unsere Frauen regeln solche Dinge diplomatischer. Sie stellen das Gemeinwohl in den Mittelpunkt, nicht den Kampf, die Ellbogen. Heute finde ich, dass wir einfach progressiver sind als die Männer anderswo.“ Sie können das Matriarchat auch deshalb so gut annehmen, weil viele von ihnen die männliche Tyrannei noch selbst erlebt haben.

Nun ist es der große Traum von Delina, mehr Arbeitsplätze zu schaffen, um die Männer des Dorfes nach Hause zu holen. „Wir wünschen uns Gleichberechtigung“, sagt sie: „Der Machismus ist in unserem Land allerdings so dominant, dass es gleich als Sensation gilt, wenn Frauen auch mal die Entscheidungen treffen.“


„Wir leben bewusst ohne jede Religion. Sie hat uns nur Unterdrückung und männliche Tyrannei gebracht“


Viele der Frauen im Dorf sind wie Schwestern aufgewachsen und eng miteinander verbunden. Sie übernachten gern bei befreundeten Familien, tauschen auch einfach mal ihre Häuser


Erick Vieira war der erste schwule Mann in Noiva do Cordeiro. Heute werden gleichgeschlechtliche Be- ziehungen dort offen gelebt und von allen akzeptiert. Erick gehört zu den wenigen Männern in wichtiger Position: Er ist so was wie der PR-Manager des Dorfes


„Keila Gaga“ ist der Stolz der Gemeinschaft. Wenn sie nicht gerade bei der Auberginenernte hilft, tritt sie im Fernsehen auf. Oder, wie hier , bei einem Festival im Nachb ardorf. Gibt es mal Konflikte, werden sie in Form von Theaterstücken verhandelt


So ausg elassen erlebt man die Communit ybesonders bei zwei Dingen: Entweder sie feuern bei der Präsi - dentenwahl Fernando Had - dad an, oder „Keila Gaga“ (unten) hat einen TV-Auftritt. Chilis verlesen? Kann warten …


die Männer des Dorfes nach Hause zu holen. „Wir wünschen uns Gleichberechtigung“, sagt sie: „Der Machismus ist in unserem Land allerdings so dominant, dass es gleich als Sensation gilt, wenn Frauen auch mal die Entscheidungen treffen.“

Für viele ist dieser kleine Fleck im Nirgendwo, in dem Schweine zwischen den Häusern umherlaufen und die Türen nie verschlossen sind, tatsächlich genau das: eine kleine Sensation. Die nicht nur verirrte Heiratsanwärter anzieht. Sondern zuletzt vor allem barfüßige Frauen in Haremshosen, die einmal dorthin wollen, wo das gelebt wird, worüber sie zu Hause theoretisieren. Die Bewohnerinnen heißen sie willkommen, sie kochen ihnen Essen - und wundern sich insgeheim. „Einmal fragten mich die Frauen ganz aufgeregt, warum die Feministinnen aus Europa sich nicht rasieren“, erzählt Fotografin Marlena Waldthausen. „Nicht höhnisch, sie wollten es einfach verstehen.“

Feminismus ist bunt unter den jungen Frauen von Noiva do Cordeiro. Er trägt glitzernden Nagellack, enge Kleider und Leo- Print. Das schillernde Lady-Gaga-Double „Keila Gaga“ ist der Stolz der Gemeinschaft. Doch obwohl die jüngste Tochter der Matriarchin längst im nationalen Fernsehen auftritt, geht sie zur Auberginenernte mit aufs Feld, genau wie alle anderen. Niemand zieht je weg aus Noiva do Cordeiro. Denn ein besseres Leben als im Dorf der Frauen kann es nicht geben. Das sagen auch die Männer.


„Die Männer in unserem Land sind so dominant, dass es gleich als Sensation gilt, wenn Frauen mal die Entschei dungen treffen“