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Das Duell der Titanen


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G Geschichte Porträt - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 15.02.2022

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Bildquelle: G Geschichte Porträt, Ausgabe 1/2022

Peter der Große führt seine Truppen bei Poltawa zum Sieg. Sein befestigtes Lager (li.) wird den Schweden zum Verhängnis

Hinter den Holzwänden und Gräben warten die russischen Soldaten auf den Angriff. Gerade erst ist die Sonne über Poltawa im Südosten der Ukraine aufgegangen, die Feinde sind schon auf dem Vormarsch. Die Russen laden die Kanonen und Gewehre. Sie haben sich in kleinen Festungen verschanzt, die ihr Zar extra hat anlegen lassen, um die angreifenden Schweden in die Falle zu locken. Sehr oft in den vergangenen Jahren haben die Schweden in Gefechten über Dänen, Polen, Sachsen und auch Russen triumphiert, diese immer wieder geschlagen und gedemütigt. Nun, am 8. Juli 1709, soll es endlich anders werden.

Die Schweden sind siegesgewiss und vertrauen auf ihre Stärken: engen Zusammenhalt, Loyalität zu König Karl XII. sowie schlagkräftige Infanterie. Sie haben nicht einmal Leitern und Seile mitgenommen, um die Wälle der Schanzen zu überwinden, auch kein Material, um die Gräben zu füllen. Im Gegensatz zu den ...

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... Russen verfügen die Angreifer bei dieser Schlacht zudem kaum über Geschütze, lediglich vier Kanonen bieten sie auf. Sie wollen an den Befestigungen vorbeistürmen und das Feldlager des Zaren dahinter attackieren. Doch damit rechnet Peter I., darauf hat der russische Herrscher seine Taktik ausgerichtet.

Die Soldaten Karls XII. nehmen das erste der kleinen Forts ein. Darin waren mehr Bauarbeiter als Soldaten stationiert. Aber die anderen Kastelle haben das Tor verschlossen, und hinter den Palisaden stehen die Gewehrschützen bereit. Die Schweden müssen daran vorbeimarschieren und erleiden heftige Verluste durch den Beschuss der Verteidiger.

Da Schwedens König, der sie sonst immer anführt, verwundet ist und nicht mit seinen Kontingenten marschiert, wirken die Skandinavier an diesem Tag schlecht orientiert. Ein schwedischer General versucht, mit den ihm unterstellten Truppen eines der Forts zu stürmen. Er hat den Befehl, so schnell es irgendwie geht daran vorbeizukommen, anscheinend nicht mitgekriegt. Er verliert bei dem Angriff 1000 Mann – und kostbare Zeit.

Russische Defensivtaktik bei Poltawa: Schanzen sollen den Feind blockieren

Lediglich ein weiteres Fort können die Schweden noch einnehmen. Dann ziehen die Eroberer daraus überhastet ab: als sie bemerken, dass der Rest der feindlichen Armee bereits das Schlachtfeld erreicht hat und sich neu formiert. Nun haben die schwedischen Angreifer vor sich die russische Hauptstreitmacht und hinter sich die bemannten Festungen, neben ihnen liegen zwei Wälder, in denen sich keine Truppen geordnet aufstellen können. Genau dort, wo sie jetzt stehen, wollte Peter die Invasoren haben. Wie fast immer kommandiert der Zar seine Truppen persönlich.

Seit 1614 dominiert Schweden die Ostsee, das »Mare Balticum«. Als Karl XII. 1697 den Thron bestieg, übernahm er ein reiches Land, das über eine schlagkräftige Armee verfügte. Sein Militär kam bald zum Einsatz. Denn 1699 verbündeten sich Russland, Sachsen und Dänemark gegen Schweden. Zar Peter hatte Frieden mit dem Osmanischen Reich geschlossen. Nun konnte er seine Streitkräfte von der türkischen Grenze abziehen und mit gut 30 000 Mann nach Westen marschieren. Sein Ziel ist, an die Ostsee vorzustoßen und auf Kosten Schwedens zur Großmacht aufzusteigen. Ihn treibt kühne Realpolitik an, aber er will auch Rache nehmen für eine Demütigung, die Jahre zurückliegt.

1697 wollte er auf seiner Europareise die Festung in Riga besichtigen. Aber das durfte der royale Gast nicht, der inkognito unterwegs war ( siehe auch Beitrag Seite 15). Peter beschwerte sich daraufhin in Stockholm bei Karl XI., dem Vater von Karl XII., doch der damalige schwedische König lehnte eine Bestrafung des Gouverneurs von Riga barsch ab. Immerhin verkaufte er dem Zaren im selben Jahr 600 Geschütze und schenkte Peter noch 300 weitere Kanonen. Bald schon würden diese Rohre auf schwedische Soldaten feuern.

Bis Peter zu seiner Revanche kommen sollte, dauerte es noch einige Jahre. Sein Krieg gegen Schweden begann mit Rückschlägen. Noch bevor der Zar die ersten Soldaten ins Feld geführt hatte, schied sein Bündnispartner Dänemark aus dem Konflikt aus. Schwedische Truppen hatten Kopenhagen eingeschlossen, und der dänische König musste um Frieden bitten.

Volles Risiko in Narva: Karl XII. greift in Unterzahl die Russen an

Dennoch erklärte Russland am 20. August 1700 Schweden formell den Krieg. Peter befahl, Narva an der heutigen estnisch-russischen Grenze zu belagern. 30 000 seiner Soldaten schlossen die Stadt, die zu Schweden gehörte, Ende Oktober 1700 ein. Karl XII. eilte mit seinem Heer nach Estland. Am 30. November befahl er einen Frontalangriff gegen den dreifach überlegenen Feind. Damit hatten die Truppen Peters nicht gerechnet. Die Schweden attackierten die Russen aus einem Schneesturm heraus, ein Himmelfahrtskommando, das glückte. Die russische Kavallerie war wegen des Wetters nicht auf dem Schlachtfeld, die Kanoniere konnten wegen fehlender Sicht kaum schießen. So siegten die Schweden und massakrierten Tausende Feinde. Peter verlor 20 000 Mann und 180 Kanonen. Ein Desaster.

Aber zu seinem Glück wandte sich Schweden zunächst Sachsen zu. Karl XII. war zu schwach, um gleichzeitig mehrere Schlachten zu schlagen. Er wollte erst August den Starken bezwingen und dann den Zaren als Konkurrenten um den Ostseeraum ausschalten. Während Schweden in Polen einmarschierte, wo August in Personalunion König war, machten russische Truppen im Baltikum Geländegewinne. 1703 eroberte Peter die Provinz Ingermanland und gründete dort Sankt Petersburg. Zwei Jahre später nahm er Dorpat im heutigen Estland ein, dann endlich Narva und die benachbarte Festung Ivangorod. Immer an seiner Seite war Alexander Menschikow, ein Freund und militärischer Berater (mehr zu ihm auf Seite 52). Mutig führte er im Großen Nordischen Krieg russische Truppen und wurde zum Dank vom Zaren zum Herzog von Ingermanland ernannt.

»Als würde ein Mann seine Eier abschneiden, um seine Frau zu ärgern«

Eine polnische Gräfin über die russische Taktik der verbrannten Erde

Peters Armeereform: Berufssoldaten, effiziente Artillerie und Dragoner

Peter hatte seine Armee kräftig modernisiert. Der Monarch, der auf seiner Europareise viel gelernt hatte, integrierte die Artillerie in die Heeresverbände. Kein anderes Land besitzt ähnlich effektive Kanoniere. Und auch die russischen Infanteristen sind besser als ihr Ruf. Der Zar greift auf Berufssoldaten zurück, die das ganze Jahr über Sold erhalten und nicht zur Ernte auf die Felder müssen. Viele Offiziere stammen aus dem Ausland und brachten Militärkenntnisse aus dem Westen mit. Nach ersten Niederlagen gegen Schweden kopierte Russlands Monarch erfolgreich den Gegner. So erhöhte Peter die Zahl der Dragoner drastisch. Im Gegensatz zu normalen Kavalleristen sind diese nicht mit leichten Pistolen, sondern mit schweren Gewehren bewaffnet. Zum Feuern steigen sie ab und sind damit eher berittene Infanteristen als Kavalleristen. 1690 gab es lediglich drei Dragoner-Regimenter im russischen Heer, knapp 20 Jahre später nehmen an der Schlacht von Poltawa bereits 34 teil.

Auch beim Rekrutieren neuer Soldaten orientiert der Zar sich am schwedischen Modell. Ab 1705 müssen 20 Haushalte gemeinsam einen Soldaten abstellen und im Todesfall ersetzen. Die Reformen zeigten Wirkung. Die Zahl der russischen Soldaten stieg auf 140 000.

1707 bot Peter seinem Gegner aus Stockholm an, ihm die eroberten Gebiete zurückzugeben, wenn er nur Sankt Petersburg und den Zugang zur Ostsee behalten könnte. Doch abermals brüskierte ein schwedischer König den russischen Zaren. Karl XII. weigerte sich, dessen Unterhändler überhaupt zu empfangen. Der Krieg ging weiter.

Karl marschierte durch Polen auf Russland zu, erreichte die Ukraine. Peter entzog sich einer Entscheidungsschlacht. Er setzte auf die Strategie der verbrannten Erde, ließ den Feind in Gebiete marschieren, in denen es keine Vorräte gab. »Falls jemand dem Feind Essen bringt, sogar für Geld, soll diese Person gehängt werden; auch jeder, der davon weiß und nichts sagt«, lautete der Befehlt des Zaren. »Auch sollen die Dörfer, aus denen Essen gegeben wird, niedergebrannt werden.« Viele Bauern landeten am Galgen und über so manchem Gebiet stieg Rauch auf. Die schwedischen Soldaten hungerten schon bald.

Zweimal gelang es dem Zaren, den Schweden größere Proviantvorräte abzunehmen. Außerdem schlug er ein schwedisches Korps mit 12 000 Mann, das aus dem Baltikum vorrückte. Für die geschwächten Schweden, die ohne Pausen ständig weiterziehen mussten, um Lebensmittel zu finden, kam dann ein früher Kälteeinbruch zur Unzeit. Der »Jahrtausendwinter 1708/09« war der kälteste seit 500 Jahren und brachte eisige Temperaturen, die durchschnittlich um acht Grad unter denen der Vorjahre lagen. Jeder fünfte Soldat der schwedischen Armee erfror. In der kältesten Nacht sollen allein 2000 Mann gestorben sein.

Russlands tödliche Alliierte: Hunger und der gnadenlose russische Winter

Karl XII. lehnte einen Rückzug, der ihm von seinen Beratern empfohlen wurde, dennoch ab. Der schwedische König, verwöhnt von vielen Siegen, wähnte sich Peter immer noch überlegen. Er ließ die russische Festung Poltawa belagern, die etwa 350 Kilometer von Kiew entfernt lag. 4000 gegnerische Soldaten waren dort stationiert, ein lohnendes Ziel. Aber die Eingeschlossenen hielten durch.

Peter hatte aus seiner Niederlage bei Narva vor neun Jahren gelernt. Er zog 1709 mehr als 50 000 Infanteristen und Kavalleristen zusammen. Dann rückte er auf die Schweden zu. Karl XII. konnte gut 16 000 Soldaten einsetzen. Bei einem Aufklärungsritt bekam der schwedische König einen Schuss ab, eine Kugel traf seinen Fuß. Er konnte nun seine Soldaten nicht mehr persönlich anführen.

Die Schweden greifen dennoch am 8. Juli 1709 an. Nachdem ein schwedischer Großverband durch den Beschuss aus den Forts und Dragonerattacken aufgerieben war, geht Peter zur offenen Feldschlacht über. Er wirft 21 000 Mann gegen die Schweden. Nur wenige Feinde können entkommen, unter ihnen ist Karl XII., dessen Leibwache zahlreiche Kugeln abfängt und dem verwundeten Monarchen die Flucht auf einem Pferd ermöglicht. Mehr als 9200 Schweden sterben in der Schlacht von Poltawa, die Russen zählen 1300 Tote.

Auf dem Schlachtfeld lädt Peter mehrere schwedische Generäle und den ebenfalls gefangenen schwedischen Kanzler zu einem Festbankett ein. Er bedankt sich bei ihnen, dass sie ihm so gute Lehrmeister waren. Karl XII. flieht mit dem Rest seiner Armee nach Süden. Nur 3000 Mann gelangen über die Grenze ins Osmanische Reich. Peter stellt nach seinem Sieg fest: »Jetzt ist vollends mit Gottes Hilfe der Grundstein für Sankt Petersburg gelegt.«

Am 21. Dezember 1709 feiert Moskau den siegreichen Zaren. Garderegimenter ziehen mit ihrer Beute und Gefangenen durch die Straßen. Zu Ende ist der Nordische Krieg damit nicht. Zwölf Jahre dauern die Kämpfe zwischen Russland und Schweden noch an. Erst der Frieden von Nystad im Jahr 1721 beendet den Konflikt. Peter formt Russland zur Großmacht. Der russische Senat verleiht ihm den altrömischen Ehrentitel »Vater des Vaterlandes« und kürt ihn zudem zum »Imperator«. In die Geschichte aber geht er als »der Große« ein.

LESETIPP

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