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DAS ENDE EINER BAND


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 26.09.2019

Als vor 50 Jahren „Abbey Road“ erschien, waren die Beatles bereits Geschichte. Dass dieses Album überhaupt zustande kam, ist ein kleines Wunder, an dem ein Graben in den schottischen Highlands nicht ganz unschuldig war


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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 10/2019

Linda McCartney fotografierte die Beatles (und eine Passantin) am 8. August 1969 beim Fototermin für das„Abbey Road“- Cover


Die Beatles auf der Abbey Road. Im Hintergrund das EMI-Studio


An einem sommerabend im september 2019 laufen drei junge japanische Frauen über einen Zebrastreifen im Londoner Stadtteil St. John’s Wood. Man kann das über eine Webcam überall auf der Welt verfolgen. Ein ...

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... paar Meter entfernt, auf einer Verkehrsinsel vor einem Denkmal für den britischen Bildhauer Edward Onslow Ford, steht ein älter, kurzbehoster, seiner Schirmmütze nach zu urteilen brasilianischer Herr, den die Japanerinnen vor einer Minute angesprochen haben, und macht ein Foto von ihnen. Ein Taxi und ein roter Doppeldeckerbus müssen warten. Lange warten. Denn die Frauen rennen noch einmal lachend zurück auf Anfang und gehen erneut, dabei mehrmals stoppend und der Schirmmütze Anweisungen gebend, über den Zebrastreifen. Ein zweiter roter Bus, ein Motorrad und ein blauer Toyota stehen nun ebenfalls da und warten, während eine der Damen sich mitten auf der Straße ihrer Converse-Schuhe entledigt. Das Taxi hupt. Die vier eilen nach einer erstarrten Schocksekunde mit entschuldigend erhobenen Händen lachend auf die andere Straßenseite. Das Taxi gibt Gas und schneidet einer mit Selfiestick und Kinderwagen bewaffneten Familie den Weg bewaffneten Familie den Weg ab.

Tausende von Touristen spazieren seit ziemlich genau 50 Jahren jeden Tag über diesen Zebrastreifen im Londoner Nordwesten, um das berühmteste und meistkopierte Cover der Popgeschichte nachzustellen. Es schmückt die Hülle des letzten Albums, das die Beatles vor ihrer Trennung aufnahmen. Dass es diese Platte überhaupt gibt, ist ein kleines Wunder. Denn am ersten offiziellen Aufnahmetag, dem 1. Juli 1969, einem Dienstag, überquerten nicht vier Beatles diesen Zebrastreifen, sondern nur einer: Paul McCartney. So gegen drei Uhr nachmittags spazierte er an einem der ersten warmen Sommertage des Jahres von seinem etwa fünf Minuten entfernt liegenden Haus an der Cavendish Avenue Richtung EMI-Studio. George Martin wartete schon auf ihn. Der Produzent hatte die Beatles eigentlich längst abgeschrieben, denn die letzte gemeinsame Arbeit an einem Doppelalbum, das sie schließlich einfach„The Beatles“ tauften, das aber alle nur das „White Album“ nannten, war undiszipliniert und ziellos verlaufen, und danach hatte sich die Band jemand anderen gesucht. Vom jungen amerikanischen Regisseur Michael Lindsay-Hogg hatten sie sich bei den Aufnahmen eines neuen Albums in den Filmstudios in Twickenham filmen lassen, und der Stones-Produzent Glyn Johns hatte etwa hundert Stunden Ton mitgeschnitten. Irgendwann waren die vier, genervt von den Kameras, in den Keller des Bürogebäudes ihrer Firma Apple an der piekfeinen Savile Row nahe der Regent Street umgezogen, und da das Studio – das ihr Techniker, ein Scharlatan, den sie Magic Alex nannten, dort installiert hatte – nicht funktionierte, hatte Martin ihnen das nötige Equipment ausgeliehen. Zum Dank hatten sie seinen besten Tontechniker, Geoff Emerick, abgeworben.

Außer einer Single, „Get Back“, war aus diesen Sessions bisher nichts an die Öffentlichkeit gelangt. Die war allerdings nach Erscheinen direkt von null auf eins in die britischen Charts eingestiegen, das hatten selbst die Beatles in Zeiten, in denen die Kunde über eine neue Platte nur langsam die Runde mache, noch nie geschafft. Als McCartney sich bei Martin meldete, um ihn zu fragen, ob er das nächste Beatles-Album produzieren wolle, hatte der 43-jährige Perfektionist nur unter einer Bedingung zugestimmt: dass er wirklich der Produzent sein durfte und nicht nur der Empfänger der Befehle von sich ständig streitenden egozentrischen Mittzwanzigern. McCartney hatte ihm das sofort versprochen. Er war derjenige, der versuchte, den Laden zusammenzuhalten. Die Idee mit dem Film war seine gewesen. Er wollte die Beatles vom Studioprojekt dreier Solokünstler und eines Schlagzeugers wieder in eine eingeschworene Live-Band verwandeln. „Get Back“ sollten Film und Platte daher heißen. Aber das war nach hinten losgegangen. Statt sich anzunähern, hatten sie sich weiter voneinander entfernt.

George Harrison war gar kurzzeitig ausgestiegen, nachdem John Lennon lieber wieder und wieder ein Riff von Chuck Berry gespielt hatte, als sich seinem neuen Song „All Things Must Pass“ zu widmen. Er hatte die Wochen vor den Sessions in West Saugerties bei New York verbracht und dort The Band und Bob Dylan besucht. Die musizierten gemeinsam und nicht gegeneinander, und alle waren gleichwertig. Das hatte ihn beeindruckt.

Zudem schienen sie ihn dort als eigenständigen Musiker zu respektieren und hatten ihm gesagt, wie sehr sie seine neuen Songs mochten. Bei den Beatles war er immer noch der Juniorpartner und niemand schien ihn besonders ernst zu nehmen. Lennon war sowieso längst woanders. Er hatte in Yoko Ono eine neue Kreativpartnerin gefunden und schleppte sie zum Missfallen der anderen mit ins Studio. Und Ringo Starr hatte nur die Zeit abgesessen, bis er zu den Dreharbeiten für Joseph McGraths „The Magic Christian“ aufbrechen konnte, um an der Seite von Peter Sellers und Raquel Welch als Schauspieler zu reüssieren. Alles schien auseinanderzufallen.

Lennon hatte zudem öffentlich bekannt, die Beatles-Firma Apple verliere viel Geld, was die Geschäfte nicht einfacher machte. Brian Epsteins Erben schickten sich an, die Managementgesellschaft NEMS Enterprise zu verkaufen, die immer noch 25 Prozent der Beatles-Platteneinnahmen einstrich. Der mächtige britische Filmproduzent Lew Grade kaufte derweil Anteile am Musikverlag Northern Songs auf, dem die Rechte an sämtlichen Lennon- und McCartney-Songs gehörten – nicht nur der bereits veröffentlichten, sondern aller, die sie bis 1973 schreiben würden. McCartney hatte den New Yorker Anwalt Lee Eastman, Vater seiner Freundin Linda, die er im März heiraten würde und die ein Kind von ihm erwartete, um Rat gefragt. Der hatte viele Klienten aus dem Showgeschäft, kannte sich mit Copyright aus und war sehr ehrgeizig. Lennon war außer sich, als er davon erfuhr, denn erstens dachte er, sein alter Freund, der sich schon lange als Boss aufspielte, wolle nun endgültig die Kontrolle an sich reißen, indem er seine Familie ins Spiel brachte, und zweitens gehörten die Eastmans zur New Yorker Upperclass, und Leuten mit einem solchen Background traute der Working- Class-Hero in spe nicht. Er traf sich daher heimlich mit einem grobschlächtigen, ein wenig zwielichtigen Geschäftsmann aus New Jersey, den er bei der Aufzeichnung des „Rock And Roll Circus“- Fernseh-Specials der Rolling Stones kennengelernt hatte und der – Pomade im Haar, schlechte Zähne, mies sitzende Anzüge – eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem fast seine gesamte Kindheit abwesenden Vater, Freddie Lennon, hatte. Zudem war er wie Lennon ein Waisenkind und bei einer Tante aufgewachsen.

Außerdem schien er sich aufrichtig für Yoko Onos Meinung zu interessieren und hatte für das erste Treffen ein Dinner mit makrobiotischem Reis arrangiert. Er hieß Allen Klein. Lennon konnte sowohl Harrison als auch Starr überzeugen, dass er der richtige Mann war, um die Geschäfte der Band zu übernehmen.


Am ersten Aufnahmetag, dem 1. Juli 1969, einem Dienstag, überquerten nicht vier Beatles den Zebrastreifen an der Abbey Road, sondern nur einer …


Es war ein Wunder, dass die Beatles trotz all der Konflikte überhaupt noch zusammen Musik machten. Im April – Starr und Harrison waren außer Landes – hatten Lennon und McCartney innerhalb eines Tages zu zweit die nächste Single aufgenommen: „The Ballad Of John And Yoko“. Ein Song, der wie die Antwort auf eine McCartney- Komposition aus den „Get Back“-Sessions klang: „Two Of Us“ war einerseits eine Ode an Linda, andererseits beschwor der Song in Zeilen wie „You and I have memories longer than the road that stretches on ahead“ die Freundschaft zu Lennon. Der gab mit „The Ballad Of John And Yoko“ seine UnabhängigkeitserYoko“ seine Unabhängigkeitserklärung ab, in der er sich zu seiner neuen Partnerin bekannte, die er zehn Tage nach McCartneys Hochzeit auf Gibraltar geehelicht hatte, wovon der Song Zeugnis ablegt. Auch den Honeymoon, bei dem sie die internationale Presse in Hotelbetten empfangen hatten, um, wie sie den irritierten Journalisten erklärten, für den Weltfrieden zu demonstrieren, dokumentierte Lennon hier und stilisierte sich zum modernen Märtyrer: „The way things are going/ They’re going to crucify me.“ Und die Zeilen „The man in the mac said/ You’ve got to go back“ waren sicher auch irgendwie auf McCartney und sein „Get Back“-Projekt gemünzt. Der ließ sich nichts anmerken und half durch einen markanten Bass, ein treibendes Schlagzeug, ein pointiertes Klavier und wundervolle Harmonien, aus einem pikierten Tagebucheintrag einen ziemlich grandiosen Popsong zu machen. Es war sein Versuch, mit dem entfremdeten Freund zu bonden.

Und das funktionierte prächtig. Sie alberten herum wie in alten Zeiten, als sie als Duo unter dem Namen The Nerk Twins im Fox and Hounds Pub in Caversham/Berkshire gespielt hatten, und alles schien ihnen mit leichter Hand zu gelingen. „Spiel mal ein bisschen schneller, Ringo!“, bat Lennon. Teilzeitschlagzeuger McCartney lachte. „Okay, George!“ – „Es war eine großartige Session“, erinnerte sich Geoff Emerick, „eine dieser magischen Gelegenheiten, bei denen alles passte und nichts schiefging.“

Die letzten gemeinsamen Bilder der Beatles machte der Fotograf Ethan Russell am 11. August 1969 auf Lennons Anwesen Tittenhurst Park


Ringo Starr und George Harrison (v. l.) am Moog- Synthesizer


Zwei Tage später trafen Starr und Harrison an der Abbey Road ein, und die Band nahm teilweise unter der Aufsicht von George Martin im kleinen Studio 3, später in den Olympic-Studios im Londoner Südwesten und den Trident-Studios in Soho weitere Songs auf, von denen sie nicht wussten, was daraus werden würde: McCartneys „Oh! Darling“ und „You Never Give Me Your Money“, Lennons Blues „I Want You (She’s So Heavy)“, Starrs „Octopus’s Garden“, das er auf der Yacht von Peter Sellers im Mittelmeer geschrieben hatte, nachdem er Aufnahmesessions zum „Weißen Album“ im Streit verlassen hatte, und gleich zwei Stücke von George Harrison: den Boogie „Old Brown Shoe“ und ein Stück, das sie in den vergangenen drei Monaten schon mehrmals lustlos durchgespielt hatten, das Harrison aber viel bedeutete. Es trug den Titel „Something“.

Paul McCartneys Entwurf des „Abbey Road“-Covers


Am 13. Mai gingen sie schließlich mit dem Fotografen Angus McBean ins EMI-Gebäude am Manchester Square, um für das „Get Back“-Album das Cover ihres Debüts,„Please Please Me“ , nachzustellen – unvorstellbar, dass zwischen den enthusiastischen, milchgesichtigen Pilzköpfen und den gequält lächelnden Langhaarigen gerade mal sechs Jahre lagen. Glyn Johns stellte derweil aus den „Get Back“-Aufnahmen ein Album zusammen, das Lennon nicht gefiel. Allen Klein war das ganz recht, denn er wollte die Aufnahmen nicht veröffentlichen, bis er United Artists als Verleih für den zugehörigen Film gewonnen hatte. Aber er brauchte für seine Verhandlungen mit Capitol Records über einen besseren Vertrag bis zum Herbst ein neues Beatles-Album. Also bat er seine neuen Klienten Lennon, Harrison und Starr, einfach schnell noch eines aufzunehmen. Die konnten ihm die Bitte schlecht abschlagen. Und McCartney, der sich mittlerweile von seinem Schwager John Eastman vertreten ließ, sah eine neue Chance, die Band zu reanimieren. Am liebsten mit der Hilfe von George Martin – Get back to where you once belonged, Part Two.

McCartney war immer ein Meister der Verdrängung gewesen. Schon mit 14, als seine Mutter starb, suchte er eher nach Wegen, wie es ohne sie weitergehen könnte, als zu trauern. Er flüchtete sich in die Musik und merkte vermutlich gar nicht, dass sein Lied „I Lost My Little Girl“ eigentlich von seiner Mutter handelte. Auch das nahende Ende der Beatles schien er zu ignorieren, obwohl es bereits während der „Get Back“-Sessions in Liedern wie „Let It Be“, „The Long And Winding Road“ und „Two Of Us“ präsent war und auch der Song, an dem er an jenem 1. Juli 1969 mit George Martin arbeitete, davon erzählte: „One sweet dream/ Pick up the bags and get in the limousine/ Soon we’ll be away from here/ Step on the gas and wipe that tear away.“ Er hatte seine ganze Musikalität in „You Never Give Me Your Money“ gelegt, denn es sollte der Auftakt einer Songsuite werden, an der er mit Martin arbeitete. Es war schon lange ein Traum des Produzenten gewesen, dass die Beatles etwas, wie er es nannte, „Sinfonisches“ aufnahmen.

Sein Lieblingsschüler wollte ihm den Wunsch erfüllen. John Lennon kurvte derweil mit seinem Austin Maxi durch die schottischen Highlands. Er besuchte mit seinem Sohn Julian, Yoko Ono und deren Tochter Kyoko Verwandte in Edinburgh. Es regnete, die Sicht war schlecht, und ein entgegenkommender Wagen eines deutschen Touristen versetzte den stark kurzsichtigen und zudem noch ziemlich miesen Autofahrer in Panik, und er steuerte den Aston in einen Graben. Sein Sohn kam mit einem Schock davon. Yoko Ono, ihre Tochter und Lennon selbst wurden im Lawson Memorial Hospital in Golspie, eine Autostunde nördlich von Inverness, behandelt und blieben dort fünf Tage.

Die band musste also zunächst ohne lennon auskommen. Trotz einiger technischer Probleme mit einem neuen Mischpult, das den Klang softer und weniger druckvoll zu machen schien als auf früheren Beatles-Aufnahmen, kamen sie ganz gut zurecht und schienen sich besser zu verstehen als zuletzt. McCartney rutschte manchmal gar übermütig das lange Geländer vom Kontrollraum ins Studio hinunter. Harrison hatte an Selbstvertrauen gewonnen und genoss es, bei den Aufnahmen zu „Here Comes The Sun“, das er im Garten seines Freundes Eric Clapton ge- schrieben hatte, die kreative Kontrolle zu übernehmen und McCartney Anweisungen zu geben, was er zu spielen hatte und was nicht, und brachte mit einem Moog-Synthesizer, wie einst auf„Rubber Soul“ mit der Sitar, eine neue Klangfarbe in den Beatles-Kosmos.

Auch das Herzstück der geplanten Beatles-Sinfonie, McCartneys „Golden Slumbers/Carry That Weight“, hatten die drei schon so gut wie fertig, als Lennon am 9. Juli wieder in den Abbey-Road-Studios eintraf. „Mir geht’s gut“, versicherte der. „Aber ich fürchte, Mutter fühlt sich noch nicht besonders.“ Und während er das sagte, schleppten vier in die braunen Kittel des Luxuskaufhauses Harrods gekleidete Männer ein riesiges Bett ins Studio 2, in dem „Mutter“, so nannte Lennon seine zweite Ehefrau, sich ausruhen konnte. Er ließ über dem Bett ein Mikrofon befestigen, damit Yoko Ono mit ihnen kommunizieren konnte. Von dort gab sie Anweisungen: „Beatles sollten jetzt dies tun. Beatles müssen jetzt jenes tun.“ – „Es heißt ‚The‘ Beatles, meine Liebe“, korrigierte ein gereizter McCartney, und Harrison geriet außer sich, als er Ono vom Kontrollraum aus beobachtete, wie sie einen seiner McVitie’s-Verdauungskekse stahl.

Die Stimmung kippte, Lennon weigerte sich, an McCartneys „Maxwell’s Silver Hammer“, das sie schon seit mehreren Monaten immer wieder spielen mussten, und Starrs „Octopus’s Garden“ mitzuarbeiten. Der Schwung vom Beginn war weg. Vermutlich hätten sie die Arbeiten am Album längst abgebrochen, wenn Lennon von Anfang an dabei gewesen wäre. Nach seiner Ankunft gingen die Beatles sich häufig aus dem Weg. McCartney kam immer vor den anderen ins Studio, um sich wieder und wieder am perfekten Take seiner R&B-Hommage „Oh! Darling“ zu versuchen, die Lennon ihm neidete. Und wenn Linda ihn im Studio besuchte, um ein paar Fotos zu machen, und die beiden vom Kontrollraum aus sahen, dass Lennon und Ono sich über die linke Treppe näherten, nahmen sie flugs die rechte zurück in den Aufnahmeraum.

Auch mit George Martin legte Lennon sich an. Er hatte keine Lust auf die große Beatles-Sinfonie. „Wir haben doch mit,Sgt. Pepper’s‘ schon ein Konzeptalbum gemacht! Reicht das nicht?“, maulte er. Man einigte sich auf einen Kompromiss: ein großes Medley auf Seite 2, und auf Seite 1 durfte jeder Beatle für sich bleiben – Lennons Songs am Anfang und am Ende, in der Mitte McCartney, dazwischen einmal Harrison und einmal Starr. Anderthalb Monate später – es sollte das letzte Mal sein, dass alle Beatles im Studio zusammenfanden – gab er einen genialischen passiv-aggressiven Kommentar zu dieser Vereinbarung ab: Er wies Tontechniker Emerick an, die letzten 20 Sekunden vom Band mit dem fertigen Mix von „I Want You (She’s So Heavy)“ einfach abzuschneiden. So endete Seite 1 des Albums abrupt – die perfekte Antithese zu den kunstvollen Übergängen der sinfonischen zweiten Seite.

Dabei kam ihm die Songsuite eigentlich ganz gelegen, denn abgesehen von „I Want You (She’s So Heavy)“ hatte er nicht besonders viel fertiges Material. Ein paar Überbleibsel vom sehr produktiven Indien- Aufenthalt Anfang 1968, ein albernes Nichts mit dem Titel „Sun King“ und zwei Stücke, die er mehr oder weniger abgeschrieben hatte wie ein Schüler, der vergessen hat, seine Hausaufgaben zu machen: Eines hieß „Come Together“ und war eine ziemlich orginalgetreue Kopie von Chuck Berrys „You Can’t Catch Me“, das andere eine sehr hübsche Umkehrung von Ludwig van Beethovens Mondscheinsonate mit dem Titel „Because“.

Seine Stimmung wurde besser, als die Beatles sich diesen beiden Stücken widmeten. Er ließ sich von McCartney und Martin durch die vertrackten Harmonien von „Because“ führen und ging auf McCartneys Vorschläge ein, wie sich „Come Together“ durch Entschleunigung und einen prominenten Bass verbessern und zugleich von Berrys Original abrücken ließ. Er beteiligte sich schließlich sogar am Schlussakkord des sinfonischen Medleys. Der trug den Arbeitstitel „Ending“ und begann mit einem Schlagzeugsolo von Starr, zu dem man ihn lange hatte überreden müssen. Danach hatte McCartney ein paar Takte freigelassen, für die er sich – wie zwei Jahre zuvor bei „A Day In The Life“ – noch etwas einfallen lassen wollte. „Am naheliegendsten wäre ein Gitarrensolo“, schlug Harrison vor, als sie beratend im Kontrollraum standen. „Aber dieses Mal solltet ihr es mich spielen lassen“, erklärte Lennon, nur halb im Scherz, aber alle anderen lachten. „Warum spielen wir das Solo nicht alle zusammen?“, schlug er dann vor, und ein vom neuen Teamgeist begeisterter McCartney, der sich wohl erst in diesem Moment von der Idee eines großen Orchesters verabschiedete, setzte noch einen drauf: „Warum spielen wir es nicht gleich zu dritt live?“

„Warte hier, meine Liebe, bin gleich wieder da“, sprach Lennon daraufhin zu Ono und lief ausgelassen wie ein kleiner Junge die Treppen zum Aufnahmeraum hinunter. Seine beiden alten Freunde folgten ihm. Ein letztes Mal spielten sie zusammen. Und sie wussten, dass es das letzte Mal war. „Danach grinsten alle breit“, erinnerte sich Emerick später.

Sie hatten das Album ursprünglich „Everest“ nennen wollen – keine Anspielung auf die Größe ihrer Egos, sondern auf die Zigarettenmarke, die Emerick rauchte. McCartney hatte die Koffer für eine Foto- Session in Tibet wohl schon gepackt, aber Starr dachte an seine letzte unglückliche Asienreise zum Maharishi Mahesh Yogi, die seinem Verdauungstrakt nicht gut bekommen war, und stimmte dagegen. Ausgerechnet Harrison unterstützte ihn. „Wenn wir es nicht ,Everest‘ nennen und fürs Cover in Tibet posieren, was denn dann?“, bockte McCartney, und Starr witzelte: „Scheiß drauf, lass uns einfach vor die Tür gehen und es ,Abbey Road‘ nennen!“ Genau so machten sie es.

McCartney kritzelte einen Cover-Entwurf, und am Tag nach den Aufnahmen zu „The End“ hielt ein Polizist gegen zehn Uhr morgens den Verkehr an der Kreuzung von Abbey Road und Grove End Road an, und der Fotograf Iain Macmillan postierte sich auf einer Trittleiter mitten auf der Straße. Er hatte zehn Minuten Zeit. Die Beatles überquerten in beide Richtungen mehrmals den Zebrastreifen. Auf dem Bild, das sie schließlich auswählten, sieht man sie, wie sie sich vom Studio entfernen — Lennon vorneweg im weißen, gefolgt von Starr im schwarzen und einem barfüßigen McCartney im grauen Anzug. Dahinter Harrison, ganz in Jeans.

Der Priester, der Trauernde, der Tote und der Totengräber, wie Verschwörungs-theoretiker bald deuteten. Doch die vier waren nicht auf dem Weg zu einer Beerdigung, sondern zu einer Scheidung. Anfang September diskutierten sie noch über ein neues Album, auf dem – so Lennons Vorschlag – Harrison, McCartney und er jeweils mit vier Songs vertreten sein sollten und Ringo mit zweien „wenn er sie will“. Die Lennon-McCartney-Signatur wollte er auflösen, es sollte nur der Autor genannt werden, der das jeweilige Lied tatsächlich geschrieben hatte. Als sie sich Mitte des Monats wiedertrafen, erte. erfuhren sie, dass Lew Grade mittlerweile 54 Prozent der Anteile an ihrem Songverlag besaß. Aber Allen Klein hatte einen neuen Vertrag zu besseren Konditionen mit Capitol Records ausgehandelt. Lennon war gerade aus Toronto zurückgekehrt, wo er beim Rock & Roll Revival Festival mit einer unterprobten Band aus Yoko Ono, Eric Clapton, dem Schlagzeuger Alan White und seinem alten Freund aus Hamburg, Klaus Voormann, am Bass ein desaströses Konzert gegeben hatte. Dass die meisten von ihnen auf Heroin waren, hatte nicht geholfen. Als McCartney beim Apple-Meeting anregte, ein paar Gigs zu spielen, weil die Beatles doch so eine „great little band“ wären, platzte es aus ihm heraus: „Du bist bekloppt! Ich wollte es dir nicht sagen, bis wir den Capitol-Vertrag unterschrieben haben, aber ich verlasse die Band.“ Auf einem kurz darauf entstandenen Foto hält Klein triumphierend den Vertrag in die Kamera, zu seiner Rechten grienen Lennon und Ono, McCartney zu seiner Linken scheint gerade nach einem schweren Unfall einem Autowrack entstiegen, Starr überlegt noch, was passiert ist, und Harrison hatte die schlechten Schwingungen wohl schon gespürt und war an diesem Tag lieber zu seiner Mutter nach Cheshire gefahren. Auf Kleins Drängen hielt Lennon seinen Entschluss geheim.

Die Beatles am 11. August 1969 auf Lennons 29 Hektar großem Anwesen Tittenhurst Park in der Grafschaft Berkshire


Die beatles waren bereits geschichte, und die Lennon-McCartney-Songs gehörten einem anderen, als„Abbey Road“ am 26. September 1969 erschien. Die Kritik nahm das Album mit eher gemischten Gefühlen auf. „Die Meinung hat sich gegen die Beatles gewendet“, schrieb „Village Voice“-Kritiker Robert Christgau nach einem Treffen mit Greil Marcus im kalifornischen Berkeley, „alle machen,Abbey Road‘ nieder.“ Erstmals seit„Rubber Soul“ klang ein neues Beatles-Werk nicht wie eine Pop-Revolution. Den Fans war das aber egal.„Abbey Road“ verkaufte bis Ende des Jahres vier Millionen Exemplare und wurde seinerzeit zur erfolgreichsten Platte der Band. Ein Klassiker (fast noch) zu Lebzeiten.

Nach anderthalb Jahren intensiven Zusammenspiels bei den Aufnahmen von„The Beatles“ und den „Get Back“-Sessions war die Band ziemlich gut eingespielt, und alle begegneten den Songs des jeweils anderen mit wesentlich mehr Empathie und Zärtlichkeit als dem Menschen dahinter. Harrison hatte als Songwriter und Gitarrist einen großen Sprung gemacht, als er sich von seinem Ausflug in die indische Musik wieder verstärkt der Rockmusik zuwandte. Ringo Starr klang nie besser, denn er hatte zum ersten Mal seine Trommeln mit neuem Fell beziehen lassen. McCartney spielte einige der besten Basslinien seiner Karriere und setzte sein ganzes Talent ein, um das womöglich letzte Beatles-Lebenszeichen zum Triumph zu machen. George Martin hatte erstmals acht Spuren zur Verfügung, und sein Augenmerk lag einzig und allein auf dem Stereo-Mix, während bei allen Alben zuvor die Mono-Fassung entscheidend gewesen war. Daher klingt„Abbey Road“ selbst für die„Dark Side Of The Moon“ -getuneten Ohren von Classic-Rock-Hörern ziemlich gut. (Vielleicht kein Zufall, dass der spätere Pink-Floyd-Produzent Alan Parsons bei„Abbey Road“ als Assistent von Geoffff Emerick und dem zweiten Tontechniker, Phil McDonald, arbeitete.)

Ja, vermutlich ist„Abbey Road“ das erste Werk des Classic Rock; ganz sicher aber ist es das Album, auf das sich alle Menschen einigen können, die eigentlich keine Beatles-Alben mögen. Giles Martin, der Sohn des Beatles-Produzenten George, erklärte, sein Vater habe„Abbey Road“ noch weitaus mehr seinen Stempel aufgedrückt als dem Studio-Meisterwerk„Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ . Nun hat er diesen Stempel ein bisschen ausgelöscht, denn wie zuvor schon bei besagtem„Sgt. Pepper’s“ und„The Beatles“ hat er zum 50. Geburtstag des Albums einen Remix angefertigt und ein paar Beigaben ausgewählt, die die Arbeit im Studio dokumentieren sollen. Besonders viele interessante Outtakes gebe es nicht, erklärte er. „Sie haben nicht wirklich gejammt. Es war nicht wie beim ‚Weißen Album‘.

Auf diesem hatten sie, wohl auch um sich gegen lange Streitereien zu schützen, eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wo sie hinwollten.“ Dafür gibt es hübsche Demoversionen von McCartney-Songs für Mary Hopkin und Badfinger und einen ersten Mix des Medleys, in dem zwischen „Polythene Pam“ und „Mean Mr. Mustard“ noch die Miniatur „Her Majesty“ zu hören ist. Doch McCartney hatte schließlich John Kurlander, der das Tonbandgerät bediente, gebeten, das Stück rauszuschneiden und zu löschen. Da es aber laut EMI-Richtlinien verboten war, eine Beatles- Aufnahme zu vernichten, klebte Kurlander das Stück ans Ende des Tapes, wo es dann auch blieb und schließlich als erster „Hidden Track“ in die Popgeschichte einging.

Um den Reiz der Beigaben zu erhöhen, so Martin, habe er nach Dialogen und Sprachfetzen gesucht, um einen besseren Einblick zu geben. So etwa bei der frühesten der Aufnahmen zu„Abbey Road“ , die hier präsentiert wird, aus dem Februar 1969. Mit dem Keyboarder Billy Preston, der sie am Ende der „Get Back“-Sessions begleitet hatte, versuchten sie sich in den Trident-Studios an Lennons „I Want You (She’s So Heavy)“. Doch im noblen Soho war Rock’n’Roll zu später Stunde nicht mehr erwünscht und ein Nachbar beschwerte sich über die Lautstärke – was die Band dazu anregte, eine letzte, besonders räudige, laute und orgiastische Version des Liedes zu spielen. Reine Katharsis. Sie waren in der Tat eine „great little band“.

Es ist spät geworden. Zwei Laternen erleuchten den Zebrastreifen an der Abbey Road. Kein Mensch ist zu sehen. Ab und zu fährt ein Taxi vorbei.


FOTOS VON LINDA MCCARTNEY

FOTO: YANN ORHAFOTO:© PAUL MCCARNTNEY / PHOTOGRAPHER: LINDA MCCARTNEY

KEYSTONE/GET T Y IMAGEFOTOS: APPLE CORPS LTDS.

FOTO: MPL ARCHIVE LLP/ © PAUL MCCARTNEY

FOTO: DAVID CORIO/REDFERNS