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DAS ENDE EINER UTOPIE


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 29.08.2019

Sandinista! Ende der Siebziger galt die Revolution in Nicaragua vielen als freiheitliche Alternative zu Kapitalismus und autoritärem Sozialismus. Im vergangenen Jahr ließ der ehemalige Revolutionär und amtierende Präsident Daniel Ortega auf Studenten schießen. Bericht aus einem desillusionierten Land


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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 9/2019

„Molotov Man“: Das ikonische Bild der US Fotografin Susan Meiselas ging 1979 um die Welt


FOTOS VON SUSAN MEISELAS

NICAR AGUA

„Ortega verkauft seine Heimat“ – das alltägliche Leben innerhalb der Barrikaden in Masaya, 2018


Der „Blumenmarsch“ zu Ehren der Opfer der Studentenproteste in Managua


Als der lastwagen vor ...

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... der Nationalversammlung vorfährt, brandet Jubel auf. „Freies Vaterland oder Tod!“, schallt es über den großen Platz. Die schwarz-rote Fahne der siegreichen sandinistischen Guerilla FSLN flattert im Wind. Die Guerilleros auf der hoffFSLN flflattert im Wind. Die Guerilleros auf der hofnungslos überfüllten Ladefläche halten ihre Gewehre triumphierend in den Himmel. Als Antwort schnellen Tausende Fäuste geballt in die Höhe. Endlich! Mehr als 40 lange Jahre hatten sie in dem kleinen mittelamerikanischen Land auf den Sturz des verhassten Somoza-Clans gewartet. Es ist ein denkwürdiger Aufmarsch an diesem 19. Juli 1979 auf dem Platz der Revolution in der Hauptstadt Managua.

Mit frenetischem Beifall bedacht wird damals auch ein schmächtiger Mann mit großer Brille in olivfarbener Uniform: Comandante Daniel Ortega. „Das vereinte Volk kann niemals besiegt werden!“, rufen die Massen im Siegesrausch. Dass „Daniel“, wie er von allen genannt wird, als Präsident einmal auf unbewaffnete Studenten schießen lassen und die freiheitliche Revolution der Sandinisten zu einer Familiendiktatur verkommen würde – das ist an diesem Tag der Freude undenkbar.

„Ich hatte Nachtschicht bei Thyssen in der Fabrik“, erzählt Leo mit breitem Ruhrpott-Akzent, während er über den wie leer gefegten Revolutionsplatz schlendert. „Von der Revolution habe ich erst einen Tag später erfahren.“ Leo ist nicht sein richtiger Name. Wie viele andere ist der Deutsche in Nicaragua von Gefängnis und Ausweisung bedroht. „Damals habe ich verstanden, dass die Sandinisten versuchen, eine andere Gesellschaft aufzubauen“, erinnert sich der 65-Jährige. „Mit mehr Gleichheit und Gerechtigkeit, aber ohne stalinistische Methoden.“

Vor allem junge Menschen im vom Kalten Krieg geprägten Westdeutschland sehen damals im Sandinismus eine freiheitliche Alternative zu Kapitalismus und autoritärem Sozialismus. Leo wird vom Sympathisanten zum Aktivisten und siedelt Mitte der 80er-Jahre ins „gelobte Land“ über, wie er lachend erzählt. Dort muss er mit ansehen, wie die Revolution nach hoffnungsvollen Anfangsjahren irgendwann vor die Hunde geht. „Die USA haben das sandinistische Experiment mit ihrem Contra-Krieg zerstört, Ortega und Konsorten haben es verraten mit ihrer autoritären und machtgierigen Politik“, resümiert Leo. Im vergangenen Frühling dann entlud sich die Wut vieler Nicaraguaner in friedlichen Demonstrationen. Doch die Staatsmacht schlug brutal zurück.

Die Leichen sind abtransportiert, die Blutlachen von den Straßen gewischt, und die Einschusslöcher der Kalaschnikows verputzt. Auf dem Weg zu Mónica Baltodano, einer früheren Guerilla-Kämpferin und heutigen Oppositionellen, erinnert äußerlich nichts mehr an die Tage im vergangen Jahr, als Präsident Ortega auf sein Volk schießen ließ und die Welt mit zügelloser Gewalt schockierte.

„Da drüben an der Polytechnischen Universität hat alles angefangen“, erklärt Leo, während er mit seinem kleinen Auto waghalsig auf die Hauptstraße abbiegt. Erst der tagelange Brand im Naturschutzreservat Indio Maíz, dann das Gesetz über die Kürzungen der Renten. Vor allem Studenten zeigten im Frühling 2018 ihren Unmut. „Auf dem Campus sind sie dann bei friedlichen Protesten von Polizisten mit Kriegswaffen beschossen worden“, erzählt der Deutsche. In den kommenden Monaten weitete sich der Protest zu einem landesweiten Aufstand gegen Daniel Ortega und seine Familie aus. Bis zum Ende des Jahres beklagten Menschenrechtler bis zu 500 Tote.


„Ortegas Politik hat schon lange nichts mehr mit Sandinismus zu tun. Wir nennen es Orteguismus“


Leo hatte sich 1983 entschlossen, die Revolution aktiv zu unterstützen. In der „taz“ war ein Aufruf für eine dreimonatige Arbeitsbrigade in Nicaragua veröffentlicht worden. Leo zögerte nicht. Zunächst wurde jedoch der Maschine, die ihn und rund 150 gleichgesinnte Idealisten aus Deutschland nach Managua bringen sollte, in Frankfurt die Starterlaubnis verweigert: wegen Terrorismusverdachts. Die Gruppe musste nach Luxemburg ausweichen. Auf dem Rollfeld des Flughafens von Managua begrüßte schließlich Kulturminister Ernesto Cardenal persönlich die Brigadisten. Ein Charismatiker mit Vollbart und Baskenmütze, der von sich sagte: „Ich bin Poet, Priester und Revolutionär.“

Der 23-jährige Leo besuchte Gesundheits- und Bildungsprojekte der Revolutionsregierung unter Daniel Ortega, er verfolgte die Alphabetisierungskampagne und die Landreform. „Die Sandinisten haben der Landbevölkerung ihre Würde zurückgegeben“, sagt er noch heute anerkennend, „die Bauern galten vorher als minderwertig und dumm.“ Der tropische Sozialismus hatte Platz für oppositionelle Parteien und Privatwirtschaft, er schützte Menschenrechte und Religionsfreiheit.

36 Jahre später kämpft Leo sich durch den dichten Verkehr der Hauptstadt. „Hier stand die Reiterstatue von Diktator Anastasio Somoza“, sagt er und zeigt auf das verfallene Nationalstadion. Noch am Tag des Sturzes der Somoza-Diktatur stürzten Demonstranten auch den steinernen Diktator vom Sockel. „Die Statue war übrigens ein Geschenk des Faschisten Mussolini“, sagt Leo.

Mónica Baltodano sichtet in ihrem kleinen Büro eine Flut unbeantworteter E-Mails. Die prominente Ortega-Kritikerin ist dieser Tage gefragt. Von einem Plakat grüßt der Befreiungsheld Augusto Sandino. Den Triumph der Sandinisten erlebt Mónica Baltodano als Kämpferin auf dem Revolutionsplatz. „Ich war in Granada und wir haben uns mit den Guerilla-Einheiten darauf vorbereitet, Richtung Managua zu ziehen“, erinnert sich die 67-Jähri-ge. „Als ich dort nachmittags ankam, habe ich tief eingeatmet und an diejenigen gedacht, die gefallen sind, auch an meine Schwester.“

Maskierter Student an den Barrikaden in der Nähe der Nacional-Autónoma-Universität in Managua


Protestierende vor einem Anwesen des mächtigen Konglomerats der Coen Group in Managua


Die schwarz gelockte Ex-Sandinistin verkörpert alles, was der Revolution damals auch in Deutschland eine besondere Strahlkraft gab: Sandino, Marx und Jesus (von The Clash und ihrem„Sandinista!“ mal abgesehen). In der Schule war Mónicnista!“ mal abgesehen). In der Schule war Mónica Baltodano in Berührung mit der Theologie der Befreiung gekommen, die Gott an der Seite der Armen sieht. Nonnen kritisierten die bedrückende Armut in Nicaragua. Als 19-Jährige schloss sie sich 1974 der Guerilla an. „Für uns war klar, dass das Paradies nicht erst im Himmel beginnt“, sagt sie, während ihr Handy unaufhörlich klingelt. „Wir waren überzeugt, dass das Königreich, die andere Gesellschaft, hier auf Erden aufgebaut werden muss.“

Die imperiale Politik der USA, der diktatorische Somoza-Clan und Augusto Sandino: drei wesentliche Bezugspunkte des Sandinismus. Der Sozialrevolutionär mit dem schwarzen Hut kämpfte mit Getreuen gegen die US-Truppen, die Nicaragua seit 1912 besetzt hielten. Vor ihrem Abzug 1933 setzte Washington Anastasio Somoza García als Statthalter ein, der daraufhin Sandino ermorden ließ. Erst die sandinistische Revolution beendete die Herrschaft des Somoza-Clans.

Nach der Revolution arbeitete Mónica Baltodano unter Daniel Ortega im Präsidialamt und in der Leitung der sandinistischen FSLN, die mittlerweile eine Partei geworden war. Wegen der zunehmend undemokratischen und autoritären Politik Ortegas verließ sie Ende der 90er-Jahre ihre politische Heimat. „Die FSLN als Partei hat sich Stück für Stück von Ortega und einer Gruppe von Fanatikern gefangen nehmen lassen“, erzählt sie rückblickend. „Er hat sein eigenes System aufgebaut, indem er die Partei missbraucht hat. Seine Politik hatte schon lange nichts mehr mit Sandinismus zu tun. Wir nennen es Orteguismus.“

Es war ein langer Weg vom einst freiheitlichen Sandinismus zur Diktatur der Familie Ortega. Doch nach dem Sieg der Revolution hatte sich die junge Partei schwergetan, die erprobte militärische Befehlsstruktur abzulegen. Auch der schnell einsetzende Krieg der von den USA bezahlten paramilitärischen Einheiten, die sich Contras nannten, verhinderte den Aufbau einer demokratischen Diskussionskultur. 1985 wurde Daniel Ortega erstmals zum Präsidenten gewählt. Nach der unerwarteten Wahlniederlage 1990 griffen sandinistische Funktionäre in die Staatskasse. Und auf dem Weg zurück zur – diesmal alleinigen – Macht paktierte Ortega mit korrupten Politikern, der konservativen katholischen Kirche und einflussreichen Unternehmen.

Nach seiner Wiederwahl im Jahr 2006 läutete Daniel Ortega die „zweite Etappe der Revolution“ ein, doch hinter verschlossenen Türen stimmte er mit dem Unternehmerverband seine neoliberale Wirtschaftspolitik ab. „Nie haben Banken in Nicaragua größere Gewinne gemacht als unter seiner Präsidentschaft“, sagt Mónica Baltodano. „Nie war es einfacher für internationale Firmen, Geld in Nicaragua zu verdienen, nie wurde die Natur so schamlos zerstört. Ortegas freibeuterische Politik straft seinen öffentlichen Diskurs von ‚christlich, sozialistisch und solidarisch‘ Lügen.“

Während sein Volk im vergangenen Jahr gegen ihn demonstrierte, verkündete Ortega, dass die vom „nordamerikanischen Imperium“ finanzierten „Satanisten exorziert werden müssen“. Nach der blutigen Niederschlagung des Aufstands im vergangenen Jahr begann Präsident Ortega mit seiner Vizepräsidentin und Ehefrau, Rosario Murillo, die Operación Limpieza, die Säuberungsaktion. Oppositionelle werden seitdem willkürlich verhaftet oder verschwinden, Fernsehsender werden gestürmt und NGOs verboten, Ärzte werden entlassen, weil sie verletzte Demonstranten behandelt haben. Der Rechtsstaat wird abgeschafft, die Justiz urteilt politisch.

Im Dezember spitzte sich die Lage für Mónica Baltodano und ihren Mann zu. Paramilitärs überfielen nachts das Büro ihrer Stiftung Popol Na. „Wir haben uns wochenlang versteckt, weil wir dachten, jetzt verhaften sie uns“, sagt sie. „Doch wir haben beschlossen, der Diktatur die Stirn zu bieten.“

Mónica Baltodano kann der dramatischen Lage etwas Positives abgewinnen. „In Nicaragua wird derzeit diskutiert, dass der Weg aus der Diktatur heraus ein ziviler und gewaltfreier sein muss“, sagt sie. „Das drückt sich am besten in der neuen Losung der Demokratiebewegung aus: Freies Vaterland und Leben. Früher hieß es: Freies Vaterland oder Tod.“

Die ehemalige Guerillakämpferin plädiert für einen friedlichen Tyrannensturz – sie, die einen Platz im sandinistischen Pantheon sicher hat, weil sie als Comandante für den in Nicaragua legendären „strategischen Rückzug“ mitverantwortlich war, der als entscheidend für die Revolution gilt, und die jahrelang die Sandinisten unterstützt und verteidigt hat. „Und jetzt muss ich feststellen“, sagt sie leise, „dass viele, die für mich Helden waren, zu Mördern geworden sind. Das schmerzt sehr!“

Die Hauptstraße ist von Plakaten gesäumt, auf denen Ortega als „Präsident des Volkes“ gefeiert wird. Leo biegt in einen Kreisverkehr am Einkaufszentrum Metrocentro ein. Wie aus dem Nichts tauchen 50 Polizisten in martialischer, schwarzer Uniform auf. „Die Aufstandsbekämpfer sind berüchtigt für ihre Skrupellosigkeit“, sagt Leo. „Men in Black“ steht auf einem Werbebanner über dem Eingang, „demnächst hier im Kino.“

Leo ging 1987 für das Informationsbüro Nicaragua, das damals mehr als hundert deutsche Solidaritätsgruppen koordinierte, endgültig in das mittelamerikanische Land. Dort betreute er die vielen Brigadisten, die ehrenamtlich bei der Kaffee-Ernte und dem Bau von Schulen halfen. Doch der antiautoritär geprägte Deutsche wurde früh mit dem Machtmissbrauch einiger sandinistischer Funktionäre konfrontiert. „Bei der Landarbeitergewerkschaft bekam die Führungsschicht zwei Gehälter: ein offizielles in der Landeswährung und ein üppigeres in Dollar für Luxusartikel.“

Als Leo bemerkte, dass bei einem deutschen Solidaritätsprojekt eine stattliche Summe fehlte, wusste er, woher das Geld für die geheimen zweiten Gehälter stammte. „Für mein Schweigen haben mir die Funktionäre eine Finca auf dem Land angeboten“, erzählt er. „Als ich ablehnte, haben sie mir mit dem Tod gedroht.“

Weiter geht die Fahrt durch Managua. „Hier steht das neue Stadion“, sagt Leo und dreht die Klimaanlage höher. „Bei der Muttertags-Demo im vergangenen Jahr waren dort Polizisten und Paramilitärs postiert.“ Hunderttausende Frauen, Männer und Kinder gedachten an diesem Nachmittag der Toten des Widerstands. „Als sie am Stadion vorbeizogen, eröffneten Scharfschützen das Feuer. „Die haben skrupellos in eine friedliche Demonstration geschossen!“, sagt Leo, noch immer fassungslos.

Seit Beginn der 90er-Jahre muss Leo in Nicaragua mit ansehen, wie der frühere Guerilla-Kommandant Daniel Ortega die Ideale der ehemals ge-meinsamen Sache verrät. Auf seinem Weg zur alleinigen Macht übernahm er in einem kalten Putsch die Kontrolle über wichtige Institutionen. Ortega bricht die Verfassung, setzt Familienmitglieder in Schlüsselpositionen und bereichert sich. „Militärs können nicht die Träger eines Veränderungsprozesses sein“, glaubt Leo. „Wir sehen ja, wo das hinführt: Es endet in korrupten Regimen und Militärdiktaturen.“

Ein Mann zeigt seine Verletzungen nach einem Angriff der Milizen in Matagalpa nördlich von Managua


Maskierter Protestierender an den Barrikaden um die Nacional-Autónoma-Universität in Managua


Auf einem großen Ortsschild ist Jesus vor einem kitschig-jenseitigen Panorama mit Schafen auf grüner Weide zu sehen. Nachsichtig lächelnd erinnert er daran, dass nur er der Hirte im Diesseits ist. „An der katholischen Kirche kommt im tief religiösen Nicaragua niemand vorbei“, erzählt Leo. „Diktatoren nicht, und Aktivisten nicht.“

Der Ventilator in dem vollgestellten Büro in der Jesuiten-Universität führt einen aussichtslosen Kampf gegen die tropische Hitze. „Heute ist es besonders schlimm!“, stöhnt María López Vigil. „Ich war an jenem Tag in der Dominikanischen Republik“, erinnert sich die renommierte Autorin und Journalistin, „und hatte vorher das Versprechen abgelegt, dass ich meine langen Haare abschneiden lasse, wenn die Revolution siegt. Als mich die freudige Nachricht erreichte, habe ich dem Gärtner die Heckenschere gereicht.“

Zwei Jahre später wird María López Vigil von den Jesuiten nach Managua eingeladen, um das den Sandinisten kritisch verbundene Magazin „Envío“ zu leiten. Willkürliche Verhaftungen, Folter, geheime Hinrichtungen – was ist dran an den internationalen Vorwürfen gegen das Ortega-Regime? Die 75-Jährige schweigt beharrlich zu aktuellen politischen Fragen. Sie weiß warum.

In Deutschland wird die sandinistische Revolution meist mit Ernesto Cardenal und anderen Befreiungstheologen verbunden. „Zweifellos hat die Theologie der Befreiung ihren Platz in der Geschichte Nicaraguas“, sagt María López Vigil und blickt streng. „Ihr Einfluss wird in Europa jedoch überschätzt. Und die Sandinisten haben die Attraküberschätzt. Attraktivität dieser pragmatisch orientierten Theologie für ihr politisches Projekt genutzt.“

Ihre Ursprünge hat die Befreiungstheologie im Lateinamerika der 60er-Jahre. Priester riefen damals in Gottesdiensten zur Befreiung von Ausbeutung und Unterdrückung auf. Die Mitglieder christlicher Basisgemeinden verpflichteten sich zum gelebten Glauben im Diesseits. Eines der bekanntesten Werke von López Vigil ist das Buch „Ein anderer Gott ist möglich — 100 Interviews mit Jesus“. Was hätte Jesus 1979 wohl zur Revolution der Sandinisten gesagt? „Er hätte applaudiert, dass die Diktatur gestürzt wurde. Und er hätte den Sandinisten geraten, Gott besser Gott sein zu lassen. Doch sie haben sich selbst zu Göttern erhoben. Und die Konsequenzen dessen sehen wir heute in der Ortega-Diktatur.“

Graues haar, blaues sommerkleid, rot lackierte Fußnägel. Mit einem verständnisvollen Blick reicht María López Vigil Papiertücher gegen den strömenden Schweiß. „Man darf auch nicht vergessen, dass die Sandinisten nur sehr wenig Zeit für die Verwirklichung ihrer Ideale hatten, bevor der Krieg begann.“

Zwei Jahre nach der Revolution überzogen die Contras Nicaragua mit Terror. Sie griffen Erdöl-Depots an, sprengten Pipelines und vernichteten so einen Großteil der Ölvorräte. Sie verminten und bombardierten Häfen, um Exporte zu verhindern. Die Söldner zerstörten Straßen, Brücken, Farmen. „Der Krieg der USA gegen Nicaragua ist ein wesentlicher Grund für die vielen Probleme, die damals entstanden. Doch was wir heute in Nicaragua und anderswo erleben, ist auch ein Erbe der Kolonialzeit, als Spanier und Portugiesen Lateinamerika als ihre Finca betrachteten. Diktatoren“, formuliert die Intellektuelle bewusst vage, „haben dieses Selbstverständnis übernommen und sehen ihr Land als Privatbesitz und sich als absolutistische Herrscher.“

Im vergangenen Frühling hätten die Nicaraguaner aufgehört, Knechte ihres Finca-Besitzers zu sein, und begonnen, ihre Rechte einzufordern. Doch ein solcher Wandel gehe nicht gegen die katholische Kirche, die wichtigste moralische Instanz Nicaraguas. Und die stand lange Zeit an der Seite Ortegas – bis zum Ausbruch der staatlichen Gewalt.

„Die große Mehrheit der Priester, Mönche, aber auch der Bischöfe, hat die Menschen und ihren Aufstand unterstützt“, sagt María López Vigil. „Sie haben Menschen versteckt, Verletzte behandelt und auf diese Weise das Wesentliche des Evangeliums umgesetzt.“

Zurück auf dem Revolutionsplatz im Herzen der Altstadt. Die prachtvollen Bauten erzählen von der jüngeren Geschichte Nicaraguas – auch von der Hybris der jeweils herrschenden Diktatorenfamilie. Die eingestürzte Kathedrale erinnert an die Verbrechen des Somoza-Clans. Als 1972 Tausende einem Erdbeben zum Opfer fielen, bereicherte sich die Familie an den internationalen Hilfsgütern. „Die haben sogar die gespendeten Blutkonserven zu Geld gemacht!“, sagt Leo kopfschüttelnd.

Der Nationalpalast ist frisch gestrichen, am Eingang hängt ein langes Banner: „Sandino, wir erfüllen deinen Auftrag.“ Darunter eine überlebensgroße Unterschrift: „Daniel, 2007.“ „Ortega pflegt einen irren Personenkult“, kommentiert Leo dessen Strategie, die Revolution nachträglich zu seiner Privatsache zu erklären.

Das Sonnenlicht bahnt sich seinen Weg durch das marode Dach der baufälligen Kathedrale. Auf einem Transparent über dem Eingang steht ein Ausspruch des Nationaldichters Rubén Darío: „Wenn das Vaterland auch klein ist – umso größer sind die Träume.“

Heute, 40 Jahre nach dem Einmarsch der Guerilleros auf den Revolutionsplatz, ist der sandinistische Aktivist aus Deutschland desillusioniert. Nicht aber entmutigt: Leo sieht das Entstehen einer Zivilgesellschaft im Agrarland Nicaragua als späte Frucht der Revolution. In der autonomen Frauenbewegung, in unabhängigen Bauernkooperativen und NGOs hätten sich selbstbewusste Menschen organisiert, die sich gegen die Obrigkeit auflehnen.

„Einerseits ist die Revolution gescheitert, und doch hat sie gleichzeitig das Gegengift zu der Diktatur entwickelt, das jetzt gerade braucht wird“, glaubt Leo. „Die Revolution hat die Kräfte zur Überwindung der Ortega-Diktatur erst ermöglicht. Deswegen war sie auch nicht umsonst.“

SUSAN MEISELAS

Die Bilder zu dieser Geschichte stammen von der 1948 in Baltimore geborenen Fotografin Susan Meiselas. Sie reiste 1979 nach Nicaragua, um die Aufstände gegen die Somoza-Diktatur zu dokumentieren. Hier entstand ihr berühmtestes Motiv, der „Molotov Man“. Für die gewaltsamen Proteste gegen die Ortega-Regierung kehrte sie 2018 nach Nicaragua zurück.


FOTOS: © SUSAN MEISELAS / MAGNUM PHOTOS / AGENTUR FOCUS

FOTOS: © SUSAN MEISELAS / MAGNUM PHOTOS / AGENTUR FOCUS