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Das Erbe der Dogen


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segeln - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 23.03.2022

REISE Istrien

Artikelbild für den Artikel "Das Erbe der Dogen" aus der Ausgabe 4/2022 von segeln. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
In Rovinj lebt auch eine kleine Minderheit Italiener

Der Airbus der Croatia Airlines hat seine Flughöhe erreicht. Frankfurt liegt 200 Kilometer hinter, der Airport von Pula knapp 500 Kilometer vor uns. Ich lehne mich zurück, hole mir ein Bordmagazin aus der Zeitschriftenablage und blättere mich durch die Lektüre. Auf das Portrait des Tennisstars Mate Pavić folgt ein Beitrag über die kroatische Adria. Hübsche Fotos und schicke Texte empfehlen den Herbst als ideale Segelzeit. „Was“, erkundigt sich Markus, „schreibt der Autor?“ „Angenehme Temperaturen“, lese ich, „nicht zu kalt, nicht zu warm, stabiler Wind und reichlich Platz in den Marinas.“ „Klingt gut“, nickt mein Sitznachbar, „mal sehen, ob‘s stimmt.“

Zwei Stunden später sitzen wir im Taxi nach Pomer. Am Innenspiegel des Minivans baumelt ein Christophorus, aus den Lautsprechern plätschern kroatische Ohrwurmschlager, die Stimmung steigt, bis wir die Charterbasis erreichen und aussteigen ...

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... wollen. Oder besser gesagt: versuchen auszusteigen. Wie aus dem Nichts ist der Wind die Beaufort-Skala hochgeschnellt, es pfeift und heult, wir schaffen es mit Mühe zum Büro des Basisleiters und hören: „Tut mir leid! Vor morgen Nachmittag ist an ein Auslaufen nicht zu denken!“ „Das“, mault Markus auf dem windgepeitschten Steg zu unserer Dufour 460 GL, „zum Thema Segeln im Herbst.“ Am nächsten Morgen ist die Welt wieder okay. Das Konzert der Wanten und Stagen ist verstummt. Der Himmel präsentiert sich strahlend blau, die Luft ist klar und kalt und die Fernsicht top. Wir genehmigen uns ein schnelles Frühstück und legen Kurs Kap Kamenjak ab. So malerisch die Strände und Fischerörtchen in der Bucht von Medulin auch sind, bei dem bunten Potpourri aus Klippen und Untiefen heißt es: Augen auf und gemäß dem kleinen Einmaleins der guten Seemannschaft korrekt navigiert.

Segel setzen

Nach vier Seemeilen ist das Kap erreicht. Die Landabdeckung verabschiedet sich im Achterwasser, steuerbord fegt die regionale Windsurfelite über die Wellen, backbord querab nimmt eine Bavaria 42 Kurs auf die 20 Seemeilen entfernte Insel Cres. Groß und Genua unserer Dufour sind in Arbeitsposition. Das Speed-Display schrammt die Acht-Knoten-Marke. Wir sitzen in der Pflicht und lassen mit frisch gebrühtem Kaffee die wild zerklüftete Küste vorbeidefilieren. Nicht lange, da rückt der Leuchtturm Porer ins Bild. Das pittoreske, 35 Meter hohe Schifffahrtszeichen ist 190 Jahre alt, thront auf einem handtuchschmalen Mini-Eiland und hat zwei Ferienwohnungen als Robinsonade im Ange- bot, die sich ganz bequem im Internet buchen lassen. Nur wie kommt man auf den Felsen?

Wir haben Glück. In der ACI Marina von Pula ist noch ein Liegeplatz mit direktem Blick auf das römische Amphitheater frei. Unter welchem römischen Kaiser das Amphitheater entstand, ist nicht genau überliefert. Ein Vorgängerbau aus Holz soll bereits Augustus errichtet haben. Der Bau aus Stein stammt aber eher aus der Zeit des Claudius oder des Vespasian, unter dessen Herrschaft auch das Kollosseum in Rom entstand. Rund 23.000 Zuschauer – halb so viele wie das Kolloseum in Rom – fasste das eineinhalb Fußballfelder große Brotund-Spiele-Bauspektakel. Blut fließt in der 2.000 Jahre alten Arena längst nicht mehr. Statt Gladiatoren und brüllenden Löwen begeistern – beziehungsweise begeisterten – Musikgrößen wie Sting, Elton John und Luciano Pavarotti das Publikum. Mit einbrechender Nacht tauchen Scheinwerfer das antike Monument in sanftes Licht. Einen Muschelwurf entfernt, lässt der Lighting-Designer Dean Skira die Hafenkräne der Uljanik-Werft in psychodelischen Farbspektakeln erstrahlen. Mit der rabenschwarzen Nacht und den Sternen am Himmel sehen die stählernen Giganten aus, als wären sie einem Alien-Endzeit-Opus von der Filmrolle gesprungen. Aber auch sonst hat die 56.000-Einwohner-Stadt viel Sehenswertes. Das Spektrum reicht von römischen Tempeln über venezianische Festungsanlagen bis hin zur Bauwut der k.&k.-Monarchie. 1856 hatte Kaiser Franz Josef I. hier zusammen mit seiner Sissi den Grundstein für Österreichs wichtigsten Kriegsmarinehafen gelegt. Damit waren die Weichen für den kometenhaften Aufstieg Pulas vom 900-Einwohner Aschenbrödel zur strahlenden Adriaperle gestellt.

Ab nach Brijoni

Wir motoren aus der Bucht von Pula, nehmen Kurs auf das muschelwurfentfernte Archipel, drehen eine Ehrenrunde um die 14 Liliputeilande und laufen nach zehn Seemeilen im Hafen der Hauptinsel Veli Brijun ein. Doch was heißt hier Hafen? Außer einer modernen Personenfähre als Brückenschlag zum Festland und einem einsamen Segler an der Hafenmole gibt es hier nichts, was Wasser verdrängen und dadurch Auftrieb erhalten könnte. „Tote Hose“, unkt Markus. Und hat damit ebenso recht wie unrecht. 1893 erwirbt der österreichische Industrielle Paul Kuppelwieser die malariaverseuchten Inseln. Nachdem der spätere Medizinnobelpreisträger Robert Koch die Blutsauger ausgerottet hatte, zaubert der Österreicher eine Luxushotel- lerie der Extraklasse aus dem Boden. Wirklich glücklich wird Kuppelwieser mit den First-Class-Logis freilich nicht. Weltwirtschaftsrezession und die beiden Weltkriege fahren die Renditeerwartungen an die Wand. Deutlich mehr Fortüne hat später Jozip Broz Tito. Getreu Kuppelwiesers Vision vom Paradies für die Elite kürt er die fünf Kilometer lange und drei Kilometer breite Hauptinsel Veli Brijun zu seinem Sommersitz. Der jugoslawische Staatschef ist kein Kind von Traurigkeit, kein introvertierter Einzelgänger, der sich in einer entrückten Karteuse den Freuden des Lebens verschließt. Im Gegenteil, Tito schätzt den Luxus und pflegt ein facettenreiches Privatleben. In nur wenigen Jahren arriviert

INFO:

Anreise

Mit dem PKW via München über Salzburg, Villach und Ljubljana nach Pomer (A8/A1, ab München circa 600 Kilometer). Alternativ zum Beispiel mit Croatia Airlines direkt beziehungsweise mit Umsteigen nach Pula (www.airport-pula.hr) und weiter mit dem Taxi zur zehn Kilometer entfernten ACI Marina in Pomer.

Charterfirma

Dreamyachtcharter (DYC) hat gemäß eigenen Angaben aktuell 1.000 Boote in 52 Reisezielen in der Vercharterung. In Kroatien ist das Unternehmen in Pomer, Šibenik, Trogir und Dubrovnik mit insgesamt 92 Segelyachten, 43 Kats und einem Powerkat vertreten. In Pomer liegen neun Segelyachten (35 bis 52 ft) sowie drei Katamarane (40 – 44 ft). Abhängig von Größe, Baujahr (2016 bis 2020) und Saison kostet die Charterwoche in der kostengünstigsten NS (Jahresanfang bis circa Mitte April 2022) zwischen 860 Euro (Elan E4, Baujahr 2017, Endreinigung: 150 Euro) und 2.195 Euro (Bali 45 KAT, Baujahr 2018, Endreinigung: 255 Euro) beziehunsgweise in der teuersten HS (circa Mitte Juli bis zweites Augustdrittel) zwischen 2.965 und 12.130 Euro. Anfang Oktober reduzieren sich die Kosten auf etwa ein Drittel der höchsten Augustpreise. Zur Standardausstattung der Boote gehören ein Beiboot mit Außenbordmotor, Bettwäsche und Handtücher (www.dreamyachtcharter.de).

Die von uns gefahrene Drei-Kabinen-Dufour 460 GL (Baujahr 2019, Endreinigung: 215 Euro) kostet je nach Saison zwischen 1.360 und 4.760 Euro, in der Woche vom 1.10. bis 7.10. 2022 werden 1.510 Euro aufgerufen.

Ein Skipper schlägt bei freier Kost und Logis je nach Boot und Destination zwischen 120 und 250 Euro/Tag zu Buche. Nachtfahrten sind seitens des Vercharterers in der Regel nicht erlaubt!

KH+P Yachtwoche Kroatien/Istrien

KH+P Yachtcharter/Stuttgart steht neben klassischem Bareboat-Charter vor allem für Segelreisen, Mitsegeln und Fun-Regatten. Geplant ist im September unter anderem die beliebte ExtraTour Yachtwoche „Kroatien/Istrien“ (3. bis 10. September 2022). Start und Ziel ist Pula. Mitsegeln auf geskipperten Yachten kostet inklusive unter anderem kulinarischer Begrüßungs-und Abschlussveranstaltung ab 890 Euro/Woche. Selbstfahrerpreise auf Anfrage. Telefon: 0711 638282, Internet: www.khp-yachtcharter.com.

Revier

Für viele Segler ist die Westküste Istriens so etwas wie Mare ingocnita. Die meisten Crews nehmen von Pula beziehunsgweise Pomer aus Kurs auf die Inseln Cres, Krk, Rab und Lošinj. Zwar punkten die Adriasprossen im Kvarner Golf mit ruhigen Ankerplätzen und unverbauter Natur, doch sind Istriens bilderbuchschöne Küstenstädtchen alles andere als zweite Garnitur. Das Revier ist familienfreundlich, die Tagesetappen navigatorisch moderat. Tidenhub (circa 30 bis 40 cm) und -strömung sind vernachlässigbar. Das Fahrwasser ist hinreichend betonnt, bei der Ausfahrt aus der Bucht von Medulin sowie vor und hinter Poreč ist jedoch ein Auge auf die flachen Felsriffe zu werfen. Diese sind, wenn übehaupt, nur durch unbeleuchtete Lateralzeichen markiert. Bei schwierigen Sichtverhältnissen können auch die sehr kleinen und niedrigen Inseln des Brijuni-Archipels problematisch werden. Das Archipel selbst ist Naturschutzgebiet und obliegt diversen Beschränkungen (www.np-brijuni.hr/de/nautik). Auch wenn die Marinagebühren der Hauptinsel Veli Brijun sehr hoch sind, sollte man sich den Reiz des geschichtsreichen Archipels nicht entgehen lassen (Dufour 460 GL: HS 260 Euro).

Seekarten

Imray M24 (2020) Golfo di Trieste to Losinj & Rab, 25,90 Euro; NV Atlas Croatia HR 1: Trieste to Vodice, Edition 22 (vsl. Ende April 2022 lieferbar), 59,90 Euro

Nautische Literatur

Törnführer „Kroatien und Slowenien. Koper bis Split“, Delius Klasing Verlag, 2. Auflage 2019, 304 Seiten 34,90 Euro

Wind und Wetter

Istrien hat mediterranes Klima mit warmen aber nicht zu heißen Sommern und milden Wintern (Juli/August um etwa 28 bis 30° C, nachts um 20° C, Wasser um 25° C, Oktober: tagsüber: 18° C, nachts 12° C, Wasser 19° C). Von den drei charakteristischen Revierwinden Bora (NO), Jugo (Schirokko, SO) und Maestral (Mistral, NW) ist letzterer ein typischer Sommerwind (3 bis maximal 5 Beaufort), der vormittags einsetzt und gegen Abend in der Regel wieder einschläft. Der Jugo und vor allem die ablandig kalte Bora sind wesentlich turbulenter und damit alles andere als ungefährlich.

Wetterberichte

Neben windfinder.com informieren unter anderem die kroatisch-/ englischsprachige Website www.meteo.hr sowie Radio Rijeka auf UKW-Kanal 24.

Navigation

Terrestrisch. Der Kartenplotter dient der Kontrolle.

Beste Reisezeit

Anfang/Mitte September bis Mitte Oktober. Das Wetter ist ruhig, das Meer wohltemperiert, die Atmosphäre entspannt, und die großen Touristenströme sind passé. In der HS dagegen sind die Preise hoch, die Restaurants voll und die Marinas nicht selten ausgebucht. Grundsätzlich sind die Liegeplatzkosten in den kroatischen Marinas keine Aldi-Schnäppchen. Unsere 46-Fuß-Yacht kostet auf-/abgerundet im August zwischen 80 und 185 Euro/Nacht, im Oktober zwischen circa 57 und 145 Euro/Nacht. Trotz des hohen Preises ist die ACI-Marina in Rovinj eine absolute Empfehlung.

Törn-Route

Start unseres rund 130 sm langen Sechs-Tage-Törns ist die Dreamyachtcharter-Basis in der ACI Marina Pomer. Von dort via „Ehrenrunde“ um das Brijuni-Archipel nach Pula (ca. 29 sm), dann zur Brijoni-Hauptinsel Otok Velki (ca. 5 sm) und weiter via Limski Kanal nach Rovinj (ca. 32 sm). Von dort über Vrsar & Poreč (ca. 12 sm) nach Novigrad (ca. 7 sm) und wieder zurück zur Ausgangsbasis (ca. 45 sm).

Informationen

Touristische Informationen: www.croatia.hr/de-DE ACI-Marinas: www.aci-marinas.com/de; ACI-Sailing und ClubSwan36-Events: www.aci-sail.com Covid-19-Informationen: u.a. www.auswaertiges-amt.de und https://croatia.hr/de-DE/coronavirus-2019-ncov-fragen-undantworten Skipper-, Crew-, Kautions-und Reiserücktrittsversicherungen: www.eis-insurance.com

Veli Brijun zur schicken Chill-out-Location für Stars und Staatsmänner aus Ost und West. Sophia Loren – um nur ein paar Namen zu nennen –, Richard Burton, Fidel Castro und Willy Brandt wissen die Annehmlichkeiten des realsozialistischen Privatparadieses zu schätzen. Für Normalsterbliche ist das Archipel Terra incognita. Wer Glück hat, erhascht einen flüchtigen Blick, alle anderen kennen die streng abgeschirmte Parallelwelt nur aus der Gerüchteküche.

Kurs Nord: Vor uns liegt der Limski-Kanal. Unter uns die viel zitierte Titanic der Adria, die 2.069 BRT große Baron Gautsch. Am 13. August 1914 lief der noble k.&k.-Dampfer auf eine österreichische Seemine und riss 147 Passagiere mit in den nassen Tod. Hinter uns schließlich schaukelt eine unheimliche Begebung der dritten Art. Gut drei Seemeilen vor der Küste entdeckten wir ein Liliputschlauchboot,. Offenbar ist das geschätzt 2,5 Meter lange „Wasserfahrzeug“ leer. Wir sind besorgt, greifen zum Marineglas, fahren eine Halse und sehen eine Minitauchboje, die sich irgendwie, irgendwo mit der Griffleine des Schlauchboots verheddert hat und so gut wie nicht zu entdecken war. Gegen Mittag erreichen wir die Mündung des Limski-Kanals. Auf den ersten Blick erinnert der sechs Seemeilen lange, von dicht bewaldeten Hügeln und schroffen Felsen flankierte „Lim“ an einen norwegischen Fjord. Doch der Kanal ist kein Erosionswerk eiszeitlicher Talgletscher. An seiner Wiege stand die Pazinčica, ein Fluss, der Jahrmillionen durch die karstige Landschaft mäanderte, im Unterlauf trockenfiel und den Limski als schmalen, bis zu 100 Meter tiefen Meeresarm hinterließ. Der Name stammt übrigens vom lateinischen „limes“ (Grenze) ab. Nach einer Motorstunde ist das Ende des Kanals erreicht. Wir legen backbord an einem kleinen Betonsteg an und erweisen dem wenige Fußschritte entfernten Restaurant Viking unsere Reverenz. Die Kalorienstation zählt zu den regionalen Vorzeigehauben in Sachen Neptunkost. Wir bestellen Meeresfrüchteplatten. Und dazu einen 2018er Grimalda White vom nahe gelegenen Nobelweingut Matošević. Neugierig frage ich den Kellner, wie das Restaurant zu seinem Namen käme. Schmunzelnd berichtet er von zwei Hollywoodproduktionen. 1956 – erzählt er – stand Kirk Douglas als Wikingerhaudegen am Limski vor der Kamera. Sechs Jahre später wurde für Richard Widmark ein ganzes Wikingerdorf aus dem Boden gestampft. „Damit“, so der Kellner, „war der Name quasi Programm.“

Rovinj: Die wohl spektakulärste Aussicht auf Istriens schönste Hafenstadt hat die Bronzestatue der Heiligen Euphemia vom Campanile ihrer Basilika aus. Hoch über dem Hügel einer ins Meer hinausgeschobenen Halbinsel thronend, schaut die Heilige auf die venezianisch anmutenden Altstadtgassen, lässt den Blick über das bunte Treiben in den Cafés und Konobas am Tito-Platz schweifen, zählt die Fischerbötchen im Hafen und schmunzelt über unser nicht ganz lehrbuchmäßiges Anlegemanöver in der gegenüberliegenden ACI-Marina. Die heilige Dame hätte es wohl eleganter gemacht. Schließlich durchschiffte sie – so die Legende – in einem Steinsarkophag das Mittelmeer und landete am 13. Juni 800 in Rovinj an. Mit dieser Vorgeschichte dürfte sie auch Interesse an der morgigen ACI-ClubSwan36 Regatta haben. Skipper einer der Boote ist Daniel Kipp. Zusammen mit drei weiteren Deutschen will der Segel-Bundesliga-Segler aus Salzgitter der Konkurrenz aus Kroatien, Polen und der Türkei beweisen, dass Niedersachsen mehr als nur Autos bauen kann.

Inseln so zahlreich wie Sand am Meer. Vor Rovinj schlummern 22 kleine und kleinste Adriasprossen. Das fünf Seemeilen nördlicher gelegene Bischofsstädtchen Vrsar mit seinen putzigen Legoland- gässchen in denen sich Giacomo Casanova einst in herzzerreißende Liebesaffären stürzte, zählt 18 vorgelagerte Eilande, und das nochmals sechs Seemeilen nördlichere Poreč bringt es auf immerhin sieben. Die größte davon ist St. Nikolaus. Wir lassen das zwölf Hektar große Eiland mit seinem neoklassizistischen Schlosshotel im Achterwasser, laufen über die nordwestliche Zufahrt in den Hafen ein und suchen uns einen ruhiges Plätzchen in der Marina am Ende der Bucht. „Toll! Endlich mal keine steilen Treppengassen“, freut sich Markus beim Spaziergang durch die flunderflach gelegene Altstadt. Star im architektonischen Reigen dieses touristisch umtriebigen Pflichtenhefts ist neben Venedigs Bauerbe die Euphrasius-Basilika aus dem sechsten Jahrhundert, benannt nach dem Bischof, der sie einst erbaute. Keine geringere als die UNESCO hat das frühbyzantinische Gotteshaus zum Weltkulturerbe geadelt.

Zurück aufs Wasser

Zwar sind Novigrad, Umac und der Leuchtturm von Savudrija, Kroatiens ältestes und gleichzeitig nördlichstes Schifffahrtszeichen, von Poreč aus (bei raumen Wind!) im Stundentakt erreichbar, auch hatten wir den Leuchtturm als „Wendemarke-back-to-Pomer“ angedacht, doch der Luftdruck sinkt, die Luftfeuchtigkeit steigt, es wird diesig – mit anderen Worten: Der Jugo klopft ans Schott. „Nicht gerade typisch für diese Jahreszeit“, orakelt Markus, „was tun – weiter Richtung Norden oder besser zurück?“ Die Entscheidung fällt bei einem Latte Macchiato im Fischerhafen von Novigrad. Da keiner weiß, wie lange und mit welcher Stärke uns die meteorologische Unerquicklichkeit auf die Nase kacheln wird, lassen wir den Leuchtturm Leuchtturm sein und machen uns auf den Rückweg an die Südspitze Istriens.

Nach gut 40 Seemeilen Kurs Süd ist die Bucht von Medulin erreicht. Wir steuern die Marina der Namensgeberin an, tanken – der Rückweg gegen Wind und Welle hat ein paar Liter zusätzlich gekostet – und werfen einen Blick auf das Badeörtchen selbst. Anderntags auf dem Rückflug nach Frankfurt lese ich noch einmal den Segelartikel. „Und“, fragt Markus, „hat der Autor recht? Ist der Herbst empfehlenswert?“ „Finde ich schon“, antworte ich, „können wir gern wiederholen. Kommenden Oktober ab Split? Oder Dubrovnik?“ „Wieder mit ‘ner Dufour?“, fragt Markus. „Wie wär‘s mit ‘ner ClubSwan“, grinse ich. Markus schaut mich an, als käme ich vom Mond: „Hey, das Teil ist nur was für Profis.“ Apropos Profis: Daniel Kipp und sein Team haben doch tatsächlich die Regatta gewonnen! Und die ClubSwan36 Europameisterschaft finden Anfang Oktober 2022 in Split statt. Vielleicht ist Daniel ja wieder mit dabei … ob wir schon mal den Schampus kalt stellen?

Text: Gerald Penzl