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Das Erbe von 89


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 34/2019 vom 16.08.2019

Debatte Die Wurzeln des AfD-Erfolgs in Ostdeutschland reichen zurück bis in die Zeit der friedlichen Revolution.


Wer derzeit durch den Osten Deutschlands reist, stößt an vielen Orten auf Plakate, die an ruhmreiche Zeiten erinnern sollen – jene Herbstmonate des Jahres 1989, als die Menschen zwischen Ostsee und Erzgebirge auf die Straße gingen und ihr ungeliebtes Land, die DDR, wegdemonstrierten. 30 Jahre später soll sich das Volk wieder erheben. Die plakatierten Parolen künden von einer »Wende 2.0«, von der Vollendung der friedlichen Revolution. Sie fordern die Menschen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ...

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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 34/2019

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Montagsdemonstranten im Januar 1990 in Leipzig


ELLERBROCK & SCHAFFT

Aus dem Herbst 89 gibt es allerdings auch verdrängte Bilder, die wenig zur demokratischen Erbauung taugen: Bereits kurz nach dem Mauerfall versuchten Rechts - radikale, die friedliche Revolution zu kapern. Einzelne Trupps westdeutscher Neonazis reisten über die geöffnete Grenze. Die Republikaner, die damals in der Bundes - republik bedeutends te Partei am rechten Rand, verteilten bei Montagsdemonstrationen Flugblätter, in denen die »Altparteien Westdeutschlands« als Versager und Kollaborateure mit den »kommunistischen Diktaturen« beschimpft wurden. Jetzt spreche »in der DDR das Volk und gibt den Republikanern recht«.

Bei Teilen der DDR-Demonstranten traf die rechte Propaganda auf einigen Widerhall. In der Münchner Parteizentrale gingen im Winter 1989/90 Mitgliedsanträge aus dem Osten ein, bis Februar 1990 konnten die Republikaner mehrere Ortsvereine in der noch existierenden DDR gründen. Dann verbot die Volkskammer den Reps jegliche politische Tätigkeit auf dem Gebiet der DDR.

Manche, die während der friedlichen Revolution noch auf Abstand zu den Rechtsextremen blieben und Helmut Kohl zujubelten, fingen 25 Jahre später wieder an, als »Volk« zu demonstrieren, montags in der schmucken Kulisse der alten Fürstenstadt Dresden. Diesmal ging es gegen Kohls Erbin Angela Merkel und darum, ihr eigenes trübes Deutschlandbild zu retten. Schon die Initiatoren der fremdenfeindlichen Pegida-Märsche beriefen sich auf die friedliche Revolution.

Daran knüpft die AfD nahtlos an und trifft offenkundig im gesamten Osten einen Nerv. Jede Opposition lebt von Kritik, hier wird sie zur Systemkritik. Die Berliner Republik wird mit den diktatorischen Zuständen in der DDR gleichgesetzt. Der emeritierte Politikprofessor Eckhard Jesse nannte das jetzt in der »Bild«-Zeitung »unhistorisch«. Jesse meinte, diese Art der Kampagne müsste eigentlich »der AfD sehr schaden«, weil sie »die friedliche Revolution verhöhnt«.

Diese Empörung ist nachvollziehbar, greift aber wohl zu kurz. Drei Jahrzehnte nach der welthistorischen Wende wäre es vielleicht zielführender, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass eine der Wurzeln des AfDErfolgs im Osten zurück bis 1989 reicht. Die DDR wurde auch von Menschen zu Fall gebracht, die heute Politiker wählen, deren Demokratieverständnis dem von Auto - kraten ähnelt. Von Menschen, die ohne Scham gemeinsam mit Neonazis demonstrieren und in gepflegten Lesestuben Neurechte hofieren, die man früher einfach Faschisten genannt hat.