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Das erste Babyjahr


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Baby & Co. - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 12.05.2022

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Wird der kleine Säugling wirklich satt? Soll ich ihm auch drinnen ein wärmendes Mützchen anziehen? Wie schaffe ich es, dass er seinen Schlaf-Wach-Rhythmus findet? Im ersten Jahr mit Baby stellen sich viele Fragen, und auch wenn man es nicht vorhat, verbringt man viel Zeit damit, in Ratgebern zu schmökern und mit anderen Müttern über die Frage zu diskutieren: „Lieber Möhre oder Kürbis in den ersten Brei?“ Und jeden Abend berichtet man dem Papa ganz stolz von den neuesten Fähigkeiten des Babys: Heute hat es sich erstmals alleine auf den Bauch gedreht! Das erste Jahr ist eben etwas ganz Besonderes – für Eltern und Kind.

EFFEKTIVER ALS JEDER COMPUTER

Nie wieder in seinem Leben lernt und wächst ein Mensch schneller. Im ersten Lebensjahr verändert sich das Gehirn ständig. Vogelzwitschern, Sonnenlicht, Abrubbeln mit einem Frotteehandtuch: Was für uns alltäglich sein mag, ist für Säuglinge eine Flut von Reizen, die sie mit ihren Sinnen in Rekordgeschwindigkeit verarbeiten. „Sie übertreffen dabei jeden Computer. Sie sind effektiver und schneller, als ein Erwachsener jemals wieder sein kann“, sagen die amerikanischen Forscher Alison Gopnik, Patricia Kuhl und Andrew Meltzoff („Forschergeist in Windeln“, Piper, vergriffen. Restbestände sind z. B. bei amazon.de erhältlich).

Innnerhalb von nur zwölf Monaten verdoppelt sich das Gewicht des kindlichen Gehirns. Durch die Flut von Sinnesreizen und Erfahrungen entsteht ein riesiges Netzwerk aus bis zu 100 Billionen Schaltstellen, rund 100 Millionen Gehirnzellen werden dabei miteinander verknüpft. Die Entwicklung ist so rasant, dass Großeltern beim Wiedersehen nach einer Woche manchmal das Gefühl beschleicht, es mit einem ganz anderen Menschlein zu tun zu haben. „Kind, hast du dich verändert“ – nie ist dieser Satz wahrer als jetzt.

Säuglinge lernen vom ersten Moment ihres Lebens an, sogar schon im Mutterleib. Sie saugen zum Beispiel aus ihrer akustischen Umwelt alles heraus, was sie an Sprachinformationen bekommen können. Lange bevor ein Baby das erste Mal „Mama“ sagt, erkennt es schon die Strukturen unserer Sprache.

Auch der Sehsinn entwickelt sich rasant: Bei ihrer Geburt können Babys nur im Nahbereich von 20 Zentimetern und sehr unscharf sehen – ideal für einen Säugling, der erst mal in Ruhe auf der Welt ankommen möchte. Schon mit drei Monaten sind beide Augen in der Lage, Objekte und Gesichter zu fixieren und zu verfolgen – denn nun möchte das Kind seine Hände und Mamas Gesicht genau betrachten und zuschauen, wie sich Dinge beim Spielen bewegen. Mit vier Monaten erkennen Babys das Mobile über ihrem Bettchen scharf und in allen Farben – so entsteht ein größerer Raum voller bunter Dinge zum Be-Greifen. Mit nur sechs Monaten gelingt den Augen dann bereits das dreidimensionale Sehen – ein Meilenstein, denn durch den räumlichen Weitblick sind von nun an die Weichen für die Erkrabbelung und Begehung der Welt gestellt.

JEDES BABY HAT SEIN EIGENES TEMPO

Auf Babytreffen vergleicht man automatisch sein Kind mit den anderen. Und wenn Ben, Finn und Marie sich schon munter hin und her rollen, während der eigene Schatz noch wie ein Käfer nur auf dem Rücken strampelt, ist das im ersten Moment ein wenig frustrierend. Doch in der Regel gibt es keinen Grund, besorgt zu sein: Natürlich muss ein Kind im ersten

Wann kann mein Baby was?

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Jahr bestimmte Entwicklungsaufgaben „erledigen“ (siehe Tabelle links), aber wann ein Baby sich das erste Mal umdreht, lächelt oder nach einem Ball greift – das ist von Kind zu Kind unterschiedlich.

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Entwicklungstabellen dienen also lediglich der Orientierung, und sie bilden immer nur den Durchschnitt ab. Wie sehr sich das Entwicklungstempo unterscheiden kann, beobachten Eltern oft beim zweiten Kind. Eine junge Mutter erzählt: „Mein Sohn Tilman hatte fast fünf Monate früher den ersten Zahn als seine Schwester. Es ist wirklich spannend: Obwohl sie Geschwister sind, entwickeln sie sich komplett unterschiedlich.“ Und die Tochter einer anderen Mutter konnte als Einzige aus ihrer Krippengruppe mit 16 Monaten noch nicht laufen. Die Erzieherin beruhigte sie: „Die einen so, die anderen so. Das ist alles noch im normalen Rahmen.“

HÖREN SIE AUF IHRE INTUITION

Um sicherzugehen, dass die Entwicklung des Babys gut verläuft, gibt es zudem im ersten Jahr sechs U-Untersuchungen, bei denen der Kinderarzt sicherstellt, dass alles in Ordnung ist (siehe auch im Internet unter: www.ich-geh-zur-u.de). Trotzdem: Wenn Sie das Gefühl haben, dass etwas mit Ihrem Baby nicht in Ordnung ist, dann sollten Sie das Gefühl ernst nehmen und es mit Ihrem Kinderarzt besprechen. Hilfreich ist auch, sich zu Hause einen kleinen „Spickzettel“ mit Beobachtungen zu machen, damit Sie beim Arzt genau beschreiben können, was Ihnen aufgefallen ist.

Aber lassen Sie sich nicht verunsichern. Gerade beim ersten Kind sind Verwandte und Freunde mit gut gemeinten Ratschlägen à la „Schreien macht die Lunge stark“ oder „Du darfst dein Baby nicht zu sehr verwöhnen“ schnell bei der Hand. Experten sind sich jedoch einig: Im ersten Jahr kann man ein Baby nicht zu sehr verwöhnen. Es hat noch keine Zeitvorstellung wie wir und weiß nicht, dass die Welt nicht untergeht, wenn es ein paar Minuten auf Mama oder Papa warten muss. Doch das ändert sich. Jedenfalls, wenn seine Bedürfnisse besonders in den ersten sechs Monaten umgehend und verlässlich befriedigt werden.

Dann weiß das Kleine bald: „Wenn ich es brauche, wird mir geholfen.“ Vertrauen und Bindung wachsen, und das Baby lernt, sich zu gedulden. Aber erst mit etwa zehn Monaten ist ein Baby in der Lage zu begreifen, dass Dinge (und Mamas) auch dann existieren, wenn es sie gerade nicht sehen kann. Die Wissenschaft nennt das „Objekt-Permanenz“. „Eine sichere Bindungsbeziehung ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass Kinder ihre Neugier, ihre Entdeckerfreude und ihre Gestaltungskraft entfalten können“, sagt der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther. Vertrauen Sie also ganz auf Ihr Gefühl, ob Ihr Baby gerade eine Portion Kuscheln braucht oder nicht. Seien Sie versichert: Ein Neugeborenes will keine Grenzen austesten und will Sie auch niemals ärgern, wenn es schreit. „Die meisten Eltern wissen instinktiv, wie sie richtig auf ihr Baby eingehen können“, bestätigt die Entwicklungspsychologin Heidi Keller. Über 20 Jahre lang erforschte sie weltweit, wie Eltern mit ihren Säuglingen umgehen. Sie hat dabei einen „universellen Erziehungsgeist“ ausgemacht, auf den zu hören sich lohnt – denn vieles passiert aus dem Bauch heraus richtig. Beispiele für unsere angeborene Elternkompetenz: Überall auf der Welt tragen, wiegen oder schaukeln Mütter und Väter ihr Kind, um es zu beruhigen und ihm ein Gefühl von Sicherheit zu schenken. Ganz natürlich entsteht zwischen Eltern und Baby auch ein ständiger „Dialog“, bei dem wir Erwachsenen automatisch in einen hellen Singsang verfallen, begleitet von übertriebener Mimik. So tragen Eltern, ohne sich dessen bewusst zu sein, ganz entscheidend zu einer gesunden Entwicklung ihres Kindes bei.

interview

„FÜR ELTERN IST ES WICHTIG, AUF KLEINE SIGNALE ZU ACHTEN“

Babys brauchen Spiele und Anregungen – aber genauso auch ab und zu eine Pause. Die Diplom- Psychologin Bärbel Derksen vom Familienzentrum der FH Potsdam erklärt, warum das so ist

BABY&CO: Wie wichtig sind Pausen für Babys?

BÄRBEL DERKSEN: Ruhepausen sind wichtige und notwendige Phasen der Regeneration und des Verarbeitens. Manche Babys scheinen von sich aus diese Erholungsmöglichkeiten nicht ausreichend nutzen zu können und brauchen Hilfe dabei, sich zu entspannen. Für Eltern ist es deshalb wichtig, auf kleine Signale zu achten.

Wie können solche Signale aussehen?

Wenn ein Kind ermüdet, ist es nicht mehr lange bereit, mit Gegenständen oder Personen zu spielen oder zu reden. Es schließt die Augen, lautiert nicht mehr oder nimmt die Händchen vor das Gesicht. Bewegungen werden unruhiger und weniger zielgerichtet. Manchmal seufzt das Kind, macht vermehrt Atempausen oder atmet sehr schnell und unregelmäßig. Seine Haut wirkt blasser, marmoriert oder ist fleckig.

Wie zeigt das Baby, dass es die Aufmerksamkeit von Mama oder Papa will?

Wenn ein Baby konzentriert aufmerksam ist, bewegt es sich nicht viel, ist eher ruhig. Es verfolgt seine Umgebung hingebungsvoll. Im Zustand der aktiven Aufmerksamkeit ist das Baby lebendiger. Es ruft, probiert seine Stimme aus, bewegt Arme und Beine rhythmisch in Richtung des Gegenübers. Sein Mienenspiel ist abwechslungsreich, die Augen leuchten, es lächelt häufig.

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SPIELERISCH ANREGEN

In den ersten Wochen reichen Mamas und Papas Hände, Haare und Haut als „Spielzeug“ völlig aus. Rasseln, Bälle und Greiflinge brauchen Babys jetzt noch nicht. Die Eltern anschauen, berühren und hören ist jetzt das Allerschönste und genau die richtige Stimulation für ein Baby. In den ersten drei Monaten nimmt ein Baby seine Umwelt hauptsächlich mit den Augen wahr, man spricht auch vom „Schaukind“. Schön ist jetzt ein Mobile über dem Bett oder ein Bild mit großformatigen Mustern an der Wand.

Aber mit jedem Monat wird Ihr Kind mobiler und aktiver. Dann gibt es einiges, was Sie mit ihm unternehmen können. Doch zu viel muss es gar nicht sein. Die Kinderärztin Dr. Angelika Enders, langjährige Leiterin des Fachbereichs Entwicklungsneurologie am Dr. von Haunerschen Kinderspital an der Uniklinik München, sagt: „Ein Kind lernt aus sich heraus. Neugier und der Wunsch, Erfahrungen zu machen, sind dem Menschen angeboren. Babys brauchen also kein spezielles Lernprogramm. Was Babys brauchen, sind Eltern, die ihnen eine Umgebung schaffen, in der sie sich erfahren und ausprobieren können.“ Zuwendung und ein liebevoller Umgang sind also das Entscheidende.

Wichtig sind für das Baby vor allem die unzähligen Reize aus seiner alltäglichen Umgebung. Das Kind lauscht, tastet, riecht, schmeckt und schaut. In jeder Sekunde sortiert und speichert sein Gehirn dabei Tausende von Eindrücken, Millionen von Nervenzellen werden miteinander verknüpft. Gezielt sucht sich ein gesundes Kind pausenlos kleine Trainingsaufgaben, die genau auf seine geistigen und körperlichen Fähigkeiten abgestimmt sind.

Experten unterscheiden dabei zwei Hauptformen des Lernens: soziales Lernen (durch Nachahmung und Erfahrungen mit anderen Menschen) und exploratives Lernen (das Erforschen und Begreifen von Gegenständen und Räumen). Das Kind lernt in beiden Fällen hauptsächlich über Wiederholung und Bestätigung sowie Versuch und Irrtum. Wie man lächelt und spricht, schauen und hören sich Babys beim Flirten mit Erwachsenen oder Geschwistern ab. Wie Schwerkraft funktioniert, erfahren sie, indem sie beispielsweise ihre Rassel immer wieder auf den Boden fallen lassen.

Alles passiert also wie von selbst – trotzdem kann es nicht schaden, ab und zu mal in einem Ratgeber nachzuschlagen, was als Nächstes auf einen zukommt. Denn Babywissen macht souverän: „Wenn man weiß, wie sich das Baby entwickelt und welche Stufen dabei wichtig sind, kann man mit den dazugehörigen Problemen besser umgehen. Dieses Wissen macht das Elternsein schöner, denn es ermöglicht, gelassener über den Dingen zu stehen, mögliche Gefahren besser zu erkennen und Unfälle zu vermeiden“, sagt die britische Ärztin und dreifache Mutter Dr. Carol Cooper.

Um diese Gelassenheit und das nötige Selbstbewusstsein zu entwickeln, hilft vielen frischgebackenen Müttern und Vätern ein Elternkurs, der Wissen über den richtigen Umgang mit dem Nachwuchs vermittelt. Unter anderem erfährt man hier vieles über typische Babysignale und wie man richtig darauf reagiert (mehr dazu im Interview auf Seite 7).

KURSE FÜR MAMA, PAPA – UND BABY

Wer Lust hat, kann natürlich auch einen Kurs besuchen, der Mutter, Vater und dem Baby Spaß macht. Dieser ist auf jeden Fall eine gute Möglichkeit, andere Eltern kennenzulernen und sich auszutauschen. Und die Auswahl ist riesig: vom Babyschwimmen über PEKiP bis zur Babymassage. Gerade in den ersten Monaten nach der Geburt verändert sich für die Eltern durch das „neue“ Kind sehr viel. Der Schlaf ist ständig knapp, einige liebgewonnene Gewohnheiten müssen vorerst aufgegeben werden. Am Anfang haben manche Eltern das Gefühl, es bliebe gar keine Zeit mehr für sie selbst. Doch auch wenn die Nächte manchmal sehr kurz sind: Die ersten zwölf Monate mit einem Baby sind etwas Einzigartiges. Und sie vergehen wie im Flug!

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