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„Das Feuer fraß alles“


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Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 29.12.2021

INTERNATIONAL: ANGRIFFE AUF GEFLÜCHTETE LGBTIQ* IN KENIA

Artikelbild für den Artikel "„Das Feuer fraß alles“" aus der Ausgabe 1/2022 von Siegessäule. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Siegessäule, Ausgabe 1/2022

Treffen der Frauen aus Block 13 im Camp ?Kakuma?

Spendenaufruf: Unterstützt die queeren Geflüchteten im Camp „Kakuma“!

Der Verlag von SIEGESSÄULE und L-MAG sammelt Geld und leitet es bis Ende Februar 2022 direkt an die Geflüchteten im kenianischen Camp „Kakuma“ weiter.

Special Media SDL GmbH Betreff: „Kakuma“ IBAN DE22 1005 0000 0190 0947 29 Die Aktion endet am 15.02.2022!

Leider können aus rechtlichen Gründen keine Spendenquittungen ausgestellt werden.

Im Camp „Kakuma“ im Norden Kenias leben mehr als 200.000 Geflüchtete. Darunter auch einige LGBTIQ*, von denen viele aus dem homophoben Nachbarstaat Uganda oder anderen Ländern in der Region geflohen sind. Im „Kakuma“ sind sie immer wieder heftigen Angriffen ausgesetzt: von verbalen Attacken bis hin zu Brandanschlägen. Manu Abdo hat mit LGBTIQ* gesprochen, die derzeit in dem Camp ausharren

„Ich hatte keinen Plan. Ich wollte einfach nur ...

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... irgendwohin, wo meine Familie mich nicht finden kann.“ Mit diesen Worten erklärt Juli, eine 33-jährige lesbische Uganderin, warum sie ihr Heimatland verlassen hat. Als ihre Familie herausfand, dass Juli lesbisch ist, beauftragte sie einen Mörder, um die Tochter töten zu lassen. Der Mörder aber hatte augenscheinlich Mitgefühl: Er gab Juli den Hinweis, sie solle sich in den folgenden Tagen von ihrem Haus fernhalten. Juli suchte bei einem Freund Zuflucht; in derselben Nacht setzte der Mörder ihr Haus in Brand. Juli lieh sich etwas Geld, nahm ihre beiden drei und neun Jahre alten Söhne mit und zu dritt reisten sie per Bus nach Kenia. Julis erst einjährige Tochter hatte die Familie bereits zuvor bei sich behalten, um sie „davor zu schützen, ebenfalls lesbisch wie die Mutter“ zu werden. In Kenia ließ Juli sich beim Refugee Affairs Secretariat (RAS) registrieren, das der kenianischen Regierung untersteht. Die RAS-Mitarbeiter*innen versprachen, sie und ihre beiden Söhne im Block 13 des „Kakuma“-Camps unterzubringen, der ausschließlich von LGBTIQ*-Geflüchteten bewohnt wird. In Kenia steht Homosexualität zwar ebenfalls unter Strafe, das Land gewährt aber, paradoxerweise, als einziges in der Region Asyl aus Gründen sexueller Verfolgung. Das kenianische Flüchtlingsgesetz schreibt vor, dass alle Asylbewerber*innen entweder im „Kakuma“ oder in den beiden anderen Camps „Kalobeyei“ und „Dadaab“ leben müssen. Diese dürfen sie so lange nur mit einer Genehmigung (Bewegungspass) verlassen, bis ihnen der Flüchtlingsstatus vom RAS zuerkannt wird. Auf diesen warten die Bewohner*innen von Block 13 im „Kakuma“ oft schon seit Jahren. Bis zur Entscheidung des RAS können sie weder Asyl in einem Drittland beantragen, noch haben sie das Recht, außerhalb des Lagers zu leben. Viele der Block-13-Bewohner*innen leiden unter dem Mangel an Lebensmitteln und Wasser und sind außerdem Übergriffen durch andere Geflüchtete außerhalb von Block 13 ausgesetzt. Eine in diesem Zusammenhang oft geäußerte Klage: weder von der Polizei noch vom Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) werde den Betroffenen genug Schutz garantiert.

Gefahr für Leib und Leben

Fahad, ein 22-jähriger Homosexueller, ist aus Uganda vor Verfolgung und sozialer Isolation geflohen und hält sich seit anderthalb Jahren im „Kakuma“ auf. Zunächst lebte er nicht in Block 13. Im Camp erfuhr er so viel Gewalt, dass er eines Tages aus dem Lager flüchtete, obwohl ihm bei einer Verhaftung durch die Polizei eine Gefängnisstrafe drohte. An einem nahegelegenen Kontrollpunkt entdeckte ihn die Polizei, brachte ihn aber nach Rücksprache mit dem UNHCR zurück nach „Kakuma“. Diesmal kam Fahad in den Block 13, die Gewalterfahrungen fanden damit jedoch leider kein Ende. „Menschen wie ich können hier ihr Leben verlieren“, sagt Fahad. „Die anderen homophoben Bewohner von Kakuma, das kenianische System und der UNHCR müssen zur Verantwortung gezogen werden.”

Der letzte Brandanschlag ereignete sich im vergangenen August: Die Bewohner*innen von Block 13 wurden spät in der Nacht von einem Schuss geweckt und stellten fest, dass ihre Unterkünfte stark nach Benzin rochen. Ein Anruf bei der Polizei brachte keine Sicherheit, da diese nicht vor dem Morgen kommen wollte. Wenige Stunden später loderten die Flammen, in dieser Nacht fraß das Feuer alles auf, was die Bewohner*innen besaßen. Auch einer der zwei Klassenräume der „Behelfsschule“ für die Kinder in Block 13 wurde zerstört. Diese Schule war von den Bewohner*innen mit Hilfe von Aktivist*innen aus dem Ausland eingerichtet worden. Nach dem Feuer wurde sie langwierig renoviert, erst jetzt kann der Unterricht langsam wieder aufgenommen werden. Kevin, eine 25-jährige lesbische Frau aus Uganda, unterrichtet dort 20 jüngere Kinder vier Stunden am Tag, während die älteren Kinder Online-Unterricht bekommen. „Diese Kinder haben viel durchgemacht“, erzählt Kevin. „Sie haben fast jeden Angriff in Block 13 miterlebt. Sie haben gesehen, wie Menschen starben, wie Blut floss, sie haben Feuer gesehen! Das ist alles in ihrem Kopf, sie haben sogar Albträume. Die Schule hilft ihnen, weil sie dadurch beschäftigt sind.“ Nach dem letzten Feuer nahmen die Bewohner*innen von Block 13 ihre Sicherheit notgedrungen selbst in die Hand und organisierten Nachtwachen.

UNHCR Kenia weist Verantwortung von sich

Wieso werden die geflüchteten LGBTIQ* im Camp nicht besser geschützt? In einer Erklärung des UNHCR Kenia vom Juli 2020 heißt es, das Kommissariat habe widersprüchliche Berichte über die Lage im „Kakuma“ erhalten: Gruppen beschuldigten sich gegenseitig, Gewalt zu provozieren. Eujin Byun, Pressesprecherin von UNHCR Kenia, beteuert auf Anfrage von SIEGESSÄULE: Jeder Vorfall von Gewalt, der dem UNHCR bekannt wird, werde „von unseren Mitarbeitern unverzüglich weiterverfolgt“. Im Mai 2020 hätten der UNHCR und das RAS außerdem eine Initiative ins Leben gerufen, um Vertreter der „verschiedenen Gemeinschaften“ zusammenzubringen und zu „erörtern, wie Spannungen abgebaut“ werden könnten. Diese Bemühungen seien jedoch nur zum Teil erfolgreich gewesen, „da diese kleine Gruppe von Flüchtlingen mit einem LGBTI-Profil sich weiterhin weigert, an diesem Gemeinschaftsdialog teilzunehmen”. Die Verantwortung für die LGBTIQ*-feindliche Gewalt wird hier also, augenscheinlich, den Opfern in die Schuhe geschoben. Zwar hat die Situation im „Kakuma“-Camp mittlerweile internationale Aufmerksamkeit erregt. Das Europäische Parlament verabschiedete in einer Sitzung im September eine Resolution zu dem Thema. Unklar blieb dabei jedoch, welche Maßnahmen genau ergriffen werden sollen, um den LGBTIQ* vor Ort zu helfen. Die Bewohner*innen von Block 13 wenden sich an Aktivist*innen weltweit: Es brauche Druck auf den UNHCR Kenia, damit dieser sein Mandat besser ausübt. Auch Spenden, etwa für Lebensmittel, sind wichtig. „Manchmal wollen wir die Hoffnung aufgeben und haben das Gefühl, dass unsere Träume zerplatzt sind“, sagt Kevin. „Aber wenn wir sehen, dass etwas für uns getan wird, sind wir sehr dankbar.“

Manu Abdo